Lasst uns das Plastikzeitalter rascher beenden als Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit!

⇒ Inhalt dieses Blog: Die EU-Kommission regt an, Plastikgeschirr und ähnliche Kunststoffprodukte zu verbieten. Und das ist auch gut so. Doch Manche glauben, die Welt ginge unter…

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg (waw) – Ein wesentliches Element der deutschen Leitkultur sei in Gefahr ausgelöscht zu werden: das Fleischgaren am Heiligen Grill. So jedenfalls sahen es Schwarzmaler, als die Europäische Kommission jetzt für ein Verbot von Plastikgeschirr warb. Ja, das Ende aller Dorf- und Volksfeste sei nahe, hieß es empört in SocialMedia. Denn heutzutage wolle niemand mehr freiwillig Keramikteller nebst Stahlbesteck abwaschen oder Spülmaschinen sortieren…

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Ein Szenario, das mit der Wahrheit nichts zu tun hat. Denn der Handel bietet längst nachhaltige Einwegalternativen an. Staat Messer aus Plastik, mit denen sich Grillfleisch sowieso eher mühselig schneiden lässt, kann man Messer aus Holz einsetzen. In Onlineangeboten finden sich desweiteren der gute alte Pappbecher, schicke Partyteller aus kompostierbaren Palmblättern und Suppenschüsseln made aus Bambus. Die Party gelingt auch mit kompostierbaren Trinkhalmen aus dem Biokunststoff Mater-Bi (Basis: Maisstärke) oder mit retromäßigen Stroh-Halmen „wie früher“, gewonnen aus deutschem Bio-Roggen.

Mit ihrer Verbotsidee, die vor der Umsetzung von den EU-Regierungen und vom Europäischen Parlament gebilligt werden müsste, zieht die Kommission eine Reißleine wenigstens in einem Teilbereich der schlimmsten neuzeitlichen Umweltgeißel. Auch, wenn manche (erwartbar) kritisieren, es sei alles nur „symbolische Verbotspolitik“ aus Brüssel, ist das Kommissionsvorhaben erstmal begrüßenwert.

Der Zwang soll Plastikalternativen fördern

Das jahrhundertelang nicht abbaubare Plastik ist weltweit eine bedrohliche Realität nicht nur an Land geworden, sondern vor allem in Meeren und Ozeanen. Auch wenn es in anderen Weltregionen viel, viel schlimmer ist – selbst in der EU werden nach Kommissionsangaben jährlich bis zu 500.000 Tonnen Kunststoffe in Gewässer eingetragen. Das entspricht der 25fachen Menge einer guten Saisonernte Brandenburger Spargelbauern.

Frans TIMMERMANS
Timmermans

„Plastikmüll ist unbestreitbar ein riesiges Problem,“ sagt der EU-Zuständige für nachhaltige Entwicklung und Vizepräsident Frans Timmermans (Niederlande): „Deshalb wollen wir Kunststoff durch sauberere Alternativen ersetzen.“ Und der EU-Investitionskommissar Jyrki Katainen (Finnland) fügt hinzu: „Einwegplastik ist weder unter ökonomischen noch unter ökologischen Gesichtspunkten eine schlaue Idee.

Mit ihrem Vorschlag zum Bann von zehn Kunststoffprodukten, die vor den Küsten am häufigsten gefunden werden (auch Luftballonhalterungen gehören dazu), erweitert die Europäische Kommission ihre Mitte Januar 2018 vorgelegte Plastikstrategie. Darin ist festgelegt, wie Plastikprodukte in der EU „designt, hergestellt, verwendet und recycelt“ werden müssen. Denn: die Art und Weise, in der Kunststoffe gegenwärtig hergestellt, verwendet und entsorgt würden, „lässt allzu oft die wirtschaftlichen Vorteile einer stärker kreislauforientierten Wirtschaft ungenutzt und schadet der Umwelt,“ heißt es in dem EU-Papier. Ziel sei es, dass bis zum Jahr 2030 weniger Kunststoffe in der Umwelt landen.

Vielerorts ist Plastik bereits gebannt

Kritiker hielten die Initiative der EU bislang zu Recht für zu sanft. So bemängelt die deutsche Bundesregierung, die EU formuliere schöne Ziele, lasse aber griffige Vorschläge zur praktischen Umsetzung vermissen. „Mir ist das zu zahnlos„, erklärte Maria Krautzberger, die Präsidentin des Umweltbundesamtes. „Auch der Meeresschutz kommt zu kurz.“ Nun ist die Kommission begrüßenswert konkret geworden, indem sie verbotswürdige Produkte beim Namen nennt.

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Westminster Palace

Neu ist der Gedanke, Plastik zu bannen, übrigens keineswegs. Das Noch-EU-Mitglied Großbritannien hat diesbezüglich Einiges vor: auf der meerumschlungenen Insel soll jedes vermeidbare Plastikprodukt mit Einmalnutzen wie Cocktail-Rührlöffel im Rahmen eines bis 2042 reichenden „Nationalen Aktionsplans“ verschwinden. Das Parlament in London geht schon mal mit gutem Beispiel voran: im Westminster Palace werden bis Ende 2019 alle Getränkeflaschen, Kaffeebecher und Essbestecke aus Kunststoff ausgemustert.

Es wird bereits gehandelt:

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Hurtigruten
  • In Spanien soll nach dem Willen des nationalen Umweltausschusses ab 2020 jedes nichtrecycelbare Plastikgeschirr verboten sein – Vermarktung, Einfuhr und Ausfuhr stehen dann unter Strafe.
  • In Norwegen verzichtet die beliebte Postschiff- und Kreuzfahrtreederei Hurtigruten bereits ab diesem Sommer auf jegliches Einwegplastik.
  • Das weltberühmte Tennisturnier von Wimbledon bannt jetzt schon jeden Kunstoff beim Catering.

Bei allen Bemühungen muss man sich freilich darüber im Klaren sein, dass Europa im Kampf gegen das Plastik nur einen kleinen Teil des riesigen Weltkunststoffberges abtragen kann. Weltweit sind seit der Erfindung vor 60 Jahren gut 8,3 Milliarden Kubiktonnen synthetischer Produkte inklusive Kunstfasern (Fleece) hergestellt worden. Diese Menge würde ausreichen, um das nicht gerade kleine Land Argentinien (2.780.400 km², im Vgl. Deutschland: ‎357.400‎ km²) komplett abzudecken, berechnet eine Studie der Universität von Kalifornien in Santa Barbara, USA, die 192 Staaten untersucht hat.

Kampf gegen Plastik noch nicht beendet

Nur neun Prozent der Riesenmenge weggeworfenen Plastiks wurde laut Studie recycelt. Zwölf Prozent wurden verbrannt. Die Restmenge von 79 Prozent an jemals produziertem Kunststoff steckt in der Erde, wird vom Wind verweht oder schwimmt auf und unterhalb der Wasseroberfläche in Meeren und Ozeanen herum – in großen Stücken, in kleine Teilchen zerbrochen oder als mikroskopisch winzige Partikel.

„Selbst die Wissenschaftler, die diese Zahlen erforscht haben, sind entsetzt über das schiere Ausmaß an Plastik,“ weiß die angesehene Zeitschrift National Geographic.

Das Vertrackte am Plastik ist seine hohe Haltbarkeit und Leichtigkeit. Ausgerechnet deshalb ist er ja so beliebt, insbesondere als Verpackungsmaterial. Bis sich Kunststoff auflöst dauert es aber über 400 Jahre. Nur Stahl und Zement haben eine ähnlich hohe Lebensdauer, sind aber als festverbaute Teile keine Umweltbedrohung – außerdem fressen Fische als Nahrungskettenteilnehmer eher selten Beton…

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Die Suche nach einer Lösung für die Menschheitsgeißel Plastik darf sich aber nicht auf Verbote beschränken. Die Hauptverursacher (China, Indien, USA) müssen rasch in eine erdumspannende Strategie mit eingebunden werden. In Europa selbst könnten Zuschüsse bei Öl gestrichen werden, das zur Plastikherstellung eingesetzt wird und es müssen Pfand- und Recyclingsysteme verbessert werden. Außerdem muss die Politik lohnende Anreize setzen, damit Wissenschaft und Wirtschaft sich auf die Suche nach alternativen und marktreifen Innovationen machen können.

Die Menschheit hat sich von der Steinzeit über die Bronzezeit bis zur Eisenzeit weiterentwickelt. Nun lasst uns die Plastikzeit so rasch wie möglich hinter uns bringen – sie ist nicht das rühmlichste Kapitel der Menschheitsgeschichte!

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