Der Papst muss jetzt Buße tun – Wie der Vatikan auf die Missbrauchsaffären reagieren sollte…

⇒ Inhalt dieses Blogs: Weltweite Missbrauchsfälle stürzen den Vatikan in den Abgrund – Papst Franziskus kämpft auch ums eigene Überleben

Papst Franziskus ist schwer unter Druck – wie soll er seine ramponierte Kirche wieder zum Strahlen bringen?

Von Wolf Achim Wiegand

Papst-Franziskus1-amPultredend-gucktinsPlenum-AUSCHNITT-mitRahmen20141125

Vatikanstadt/Hamburg (waw) – „Habt keine Angst vor der Zärtlichkeit!“ Das war das Motto des argentinischen Hauptstadtbischofs Jorge Mario Bergoglio, als er vor über fünf Jahren als erster gebürtiger Nichteuropäer das höchste Amt der katholischen Kirche antrat.

Heute muss Papst Franziskus alles andere sein, nur nicht zärtlich:

Nach den Affären um Kindesmissbrauch ist der Pontifex als harter Hund gefragt – als Krisenmanager. Der 81jährige hat den derzeit wohl undankbarsten Job auf dem Globus. Denn moralischer Anspruch und Realität klaffen in seiner Kirche weit auseinander.

Die Missbrauchsskandale sind das 9/11 der Kirche,“ beklagt Kurienerzbischof Georg Gänswein. Er ist der Privatsekretär des emeritierten Papstes Benedikt XVI. und Präfekt des Päpstlichen Hauses von Papst Franziskus. Bischöfe fordern grundsätzliche Veränderungen der Kirche. In Kanada wird schon die Beteiligung von Frauen an der Priesterausbildung verlangt.

Aus Sicht der Krisenkommunikation ist im Vatikan sehr Vieles versiebt worden. Nachrichten über sexuelle Verfehlungen vom einfachen Priester bis zum Kardinal erreichten die Kirchenspitze schon vor Jahren. Doch einflussreiche Kreise haben die Schandtaten unter der Decke gehalten. Kritiker verdächtigen selbst Franziskus als Vertuscher und haben dazu kompromittierende Dokumente vorgelegt. Im Dezember reichte ein Mitglied der päpstlichen Kinderschutz-Kommission entnervt den Rücktritt ein, weil es von oben gemobbt wurde.

Franziskus hat etliche Fehler begangen

Papst1

Tiefer kann das Image der Amtskirche kaum sinken. Teuflischer wäre nur noch die Fahrt zur Hölle – ein beunruhigendes Szenario für Theologen, gehört der Satan doch zum Kernbestand christlichen Glaubens. Papst Franziskus hat einmal einem Kind gegenüber den Teufel mit einem Drachen verglichen: „Auch wenn der getötet wird: Er hat einen langen Schwanz, und auch wenn er tot ist, schlägt der Schwanz noch hin und her.“ Für den Katholizismus dürften die Missbrauchs-Enthüllungen noch jahrelange Folgen haben.

Der Chefwürdenträger selbst hat in der bisherigen Krisenreaktion etliche Fehler begangen. So fehlt bis heute eine überzeugende Symbolhandlung zur Übernahme politischer Verantwortung. Ein verurteilendes Wort hier, eine Absetzung kriminell gewordener Geistlicher dort und Untersuchungsaufträge ergeben noch keine nachhaltige Strategie gegen teuflische Taten. Es geht immerhin um kriminelle Verfehlungen angeblich gottesgläubiger Menschen, denen Schutzbefohlene wie Ministranten anvertraut worden sind.

Große Energie legt der Papst jetzt auf eine eilend einberufene große Konferenz in Rom. Dazu müssen erstmals alle Leiter der Bischofskonferenzen von rund um den Erdball in die Vatikanstadt anreisen. Datum: erst im Februar 2019. Kritiker finden, es wäre besser gewesen, die Energie jetzt sehr deutlich auf die Opfer zu lenken – und nicht auf den Kreis, aus dem womöglich Täter kommen, denn viele in diesen Positionen dürften Teil des Problems sein, nicht die Lösung. Und wenn schon Konferenz, dann darfdürfe  es dort nicht nur zu Gardinenpredigten kommen, sondern zu Taten. Wir wäre es etwa mit einer ergebnisorientierte Diskussion über Risiken und Nebenwirkungen des Zölibats?

Papst-Franziskus-Briefmarke Sao Tome1-4-mitRandEntsetzen auch in Deutschland

Die Krise trifft die katholische Kirche zur Unzeit. Sie ist sowieso schon unter Druck. Weltweit herrscht Relevanzverlust für Religion im modernen Alltag. Das hat zu Gläubigenschwund und Priestermangel geführt. Wird die Kirche – auch in Deutschland – nach der Welle von Sexskandalen nun noch stärker in den Strudel des Verfalls ihrer gepredigten Worte und Werte hineingezogen?

löschen

Der Passauer Bischof Stefan Oster, Jugendbischof der Deutschen Bischofskonferenz, fordert in einem zwölfminütigen YouTube-Video Konsequenzen:

Wir brauchen eine radikale Form der Selbstkritik im Blick auf die Institution.“ Empathisch sagt der Geistliche, die Vorgänge seien „verheerend für die Kirche, für unsere Glaubwürdigkeit, aber mehr noch natürlich für die Menschen, die durch Verantwortliche der Kirche großes Leid erlitten haben.“ Die Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ / 660.000 Mitglieder), Lisi Maier, macht männliche „Karrierenetzwerke“ in der Kirche für fehlende Aufklärung verantwortlich. Die Priesterverfehlungen sind dieser Tage zentrales Thema vieler Predigten – „diese Menschen sind zum Fluch geworden!

Wie tiefgreifend der Einflussverlust der Kirche selbst in einstigen Hochburgen ist, das lässt sich im tiefkatholisch geprägten Irland besichtigen. Franziskus war dort im August zu Gast, aber nicht unbedingt willkommen. Der Papst, der empfiehlt, Kinder mit homosexuellen Neigungen zum Psychiater zu schicken, traf in Dublin auf Leo Varadkar. Der ist irische Regierungschef – ein 39jähriger konservativer Politiker, der bekennend schwul ist und mit einem Chirurgen zusammenlebt.

Varadkar sagte anläßlich des Papstbesuches konfrontativ, er sei froh, dass die katholische Kirche nicht mehr so viel Einfluss in Irland habe. Denn so ist es in der Tat. Im Mai hat das irische Volk entgegen Kirchenflehen mit sensationeller Zweidrittelmehrheit das strenge Abtreibungsverbot beschlossen. Zuvor stimmten die Iren für die gleichgeschlechtliche Ehe. Die Republik am Atlantik war das erste Land, in dem massiver und systematischer Kindesmissbrauch durch Mönche, Priester und Nonnen aufflog – und Vertuschungsversuche.

Sekten und Freikirchen übernehmen

Papst-Franziskus-AUGUST2018-in-Irland

Wie ein Menetekel an der Tempelmauer versagte beim Papst-Besuch in Irland die sonst gut geölte PR-Maschinerie des Vatikans. Als Franziskus bei einer abendlichen Familienmesse ausufernd und wenig volksnah predigte, fingen die zur Liveübertragung hinter ihm drapierten müden Kinder entweder an zu feixen oder zu gähnen. So schafft man kaum überzeugende Bilder für den Vatikan.

Selbst auf seinem früher unerschütterlich katholisch ausgerichteten Heimatkontinent kämpft die Kirche des Franziskus seit Längerem einen Kampf gegen Heerscharen aus einem anderen Himmel. Ganz Südamerika ist inzwischen ein Tummelplatz für Sekten und Freikirchen. Mit „Halleluja„-Emotionen, ausdrucksstarken Predigern und impulsiven Gottesdiensten scharen Evangelikale immer mehr Folgsame um sich. Die gibt es in Scharen, weil sie das Seelenheil nicht mehr in der verfilzten Amtskirche finden. Auch in Afrika werden Freikirchen stärker und stärker.

Papst-mit-Kleinauto-Fiat-in-USA-5-20150925-mitRand

Zu Beginn seines Pontifikats war Franziskus noch ein gefeierter Meister der Öffentlichkeitsarbeit gewesen. Rituelle Fußwaschungen an inhaftierten Kriminellen, Behinderten und Frauen, ja, sogar Muslimen kamen als demütige Handlungen der Liebe über. Das piccolokleine Dienstauto, mit dem der Papst anstatt in der Staatskarosse, in den USA vorfuhr, vermittelte Bescheidenheit. Jetzt scheint Franziskus das Glück der medialen „Seligsprechung“ verlassen zu haben.

Wohl jahrzehntelang wirksamer Schaden entstanden

Dem Vatikan fehlt eine sichtbar nachhaltige Strategie zur Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit. Man wünschte sich beispielsweise eine sofortige weltweite Aufarbeitung durch unabhängige Untersucher. Und: wo bleibt eine schnelle und spürbar großzügige Opferentschädigung? Weiterhin geschlossen sind zudem kirchliche Geheimarchive trotz bekanntgewordener Vertuschungen, auch in Deutschland.

Vermutlich wird das Thema Missbrauch die Kirchenagenda über den Tod des 81jährigen argentinischen Papstes hinaus beherrschen. Es geht ja nicht um Einzelfälle, sondern um ein Massenphänomen. Allein im US-Bundesstaat Pennsylvania sind über 1.000 Pädophilieopfer identifiziert worden. In Deutschland hätten sich mindestens 1.670 Kleriker von 1946 bis 2014 an Schutzbefohlenen vergangen, heißt es in einem geleakten Bericht, „und der Missbrauch dauert offenbar noch an„.

So, wie jetzt, hat sich der argentinische Hauptstadtbischof Jorge Mario Bergoglio den Verlauf seiner Amtszeit als 266. Bischof von Rom, Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und Souverän des Vatikanstaats wohl nicht vorgestellt. Nun muss er öffentlich erwartete strenge Bestrafungen gegen die hohen christlichen Güter Vergebung und Barmherzigkeit abwägen. „Zärtlichkeit„, die der amtierende Papst ins Amt bringen wollte, ist beim Thema Kindesmissbrauch kein Mittel der Wahl mehr für den Mann in Petri Nachfolge.

Müsste der Papst zurücktreten?

Papst1_20130313_202500_Kodak

Im weltlichen Leben könnte man anraten, einen reinigenden Rücktritt zu erwägen. Ein vatikanischer Ex-Diplomat hat das bereits geraten. Ein Pontifex kann das durchaus, wie man seit 2013 weiß.

Aber Franziskus wird sich wohl auf seine alten Tage weiter mit irdischem Problemmanagement mühen müssen und – wie es in Matthäus 13,49 heißt – „die Bösen aus der Mitte der Gerechten aussondern„. Franziskus drückte es in einer Predigt einmal so aus: Das Reich Gottes wächst wie der Weizen, umgeben nicht von schönen Dingen, sondern umgeben von Unkraut.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s