Die Schifffahrt in Zeiten des Coronavirus

von Wolf Achim Wiegand

Hamburg (waw) – Die Lungenkrankheit Covid-19 schlägt eine Schneise der Verunsicherung durch die Welt. In bereits über 50 Ländern ist ihr Erreger, der Coronavirus, aktiv. Die Erdumrundung begann in China und ist nun ein globales Problem.

Auch Deutschland ist im Krisenmodus: Kirchen leeren die Weihwasserbecken und verzichten auf den Friedensgruß, Großveranstaltungen wie die weltweit größte Reisemesse ITB sind abgesagt, im ganzen Land kommt es zu Hamsterkäufen

Die wirtschaftlichen Folgen der Epidemie sind immens. Denn um die Menschheit so gut wie möglich zu schützen ergreifen Regierungen und Behörden zum Teil drastische Maßnahmen – allen voran China, das ganze Millionenstädte abgeriegelt hat.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagt nach außen hin gelassen: „Wir nehmen den Ausbruch des Coronavirus ernst und reagieren darauf.“ Die Bundesärztekammer wird deutlicher und warnt, schnell könne „die Funktionstüchtigkeit des Wirtschaftslebens und der öffentlichen Ordnung“ gefährdet werden und eine „Überlastung der Gesundheitsversorgungsstrukturen“ eintreten.

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Viele Regierungen tun so, als wollten sie die Krankheit stoppen. Besser wäre es, sie bereiteten die Menschen auf einen Angriff des Virus vor.“

The Economist

Besonders deutlich spürt die Schifffahrt die Auswirkungen der Ansteckungswelle. Der Grund: Der Warenstrom aus China – von Smartphones über Turnschuhe bis zu Autoersatzteilen – wird immer dünner, weil die autoritäre Kommunistenregierung in Peking im Kampf gegen Ansteckungsgefahren unzählige Fabriken und Büros hat schließen lassen.

Die Volksrepublik ist die Werkbank der Erde. Und wenn China hustet, dann hustet die Welt – mit fatalen Folgen. „Wegen des Coronavirus kommt es immer häufiger zu Lücken in der Lieferkette zwischen Europa und China,“ berichtet die Verkehrsrundschau. In den deutschen Überseehäfen Bremerhaven und Wilhelmshaven rechnet man mit Folgen: „Sicher ist, dass es Auswirkungen haben wird“, sagt Bremenports-Sprecher Holger Bruns. Gunther Bonz vom Hamburger Unternehmensverband Hafen glaubt, dass in den nächsten Monaten „rund 100.000 Container weniger“ über die Elbe kommen werden.

Man bedenke: über 90 Prozent des Welthandels werden über Schiffe abgewickelt. Gerade für den Fernosthandel sind die günstigen Seewege die Arterien für Import und Export. Inzwischen aber stehen laut Expertenschätzungen weltweit rund 600.000 leere Schiffscontainer herum, anstatt in ihre Bestimmungshäfen zu schaukeln. In Hamburg werden die Container-Stellflächen langsam knapp.

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„Unsere Container kommen nicht vom Fleck.“

Nils Haupt, Sprecher von Hapag-Lloyd, Deutschlands größter Containerreederei

Verwundbare Reedereien

Allein der Hafen von Los Angeles verzeichnete im Februar 25% weniger Warenumschlag, erklärte ein Sprecher. Auf der Asien-Europa-Route wurden 61 Fahrten gestrichen, ein Minus von 151.000 TEU an Ladung. Besonders betroffen ist nach Expertenangaben die weltgrößte Reederei Maersk (786 Schiffe): der Jahresumsatz des dänischen Unternehmens hängt zu 30% vom China-Geschäft ab.

Die deutschlandweit größte Linienreederei Hapag Lloyd (236 Schiffe, Hamburg) ist ebenso verwundbar wie Maersk, verdient sie doch 25% ihrer Einnahmen mit Fahrten aus dem und in das Reich der Mitte. Auch andere Weltfirmen wie MSC Mediterranean Shipping (Schweiz) oder CMA CGM (Frankreich) haben die Anzahl ihrer Schiffe auf den Chinarouten reduziert. Das trifft große Warenabnehmer in Europa, Indien, Kanada, die USA und Westafrika, darunter Textilfabriken und Modehäuser, die keinen Stoff mehr bekommen. Adidas, Gucci und H&M sind unter den Betroffenen.

Schlangen vor Häfen

Auf ihrem Weg nach China stranden indessen viele Schiffe im Angesicht ihres Zieles. Vor Häfen wie Shanghai, Hongkong, Shenzhen oder Guangzhou warten unzählige Schiffe auf die Einfahrt, meldet die Internationale Handelsschifffahrtorganisation ICS. Als Grund für die erzwungene Reede gibt der Zusammenschluss von Schiffseignern amtliche Quarantänemaßnahmen für Hafenbeschäftigte an. Dadurch verzögere sich die Abfertigung.

Hapag-Lloyd hat die Seeleute seiner 230 Schiffe von selbst angewiesen, in China nicht an Land zu gehen. Außerdem müssen Hapag-Lloyd-Matrosen und -Kapitäne in chinesischen Häfen Schutzmasken tragen. Unterdessen warten auf chinesischen Werften etliche halbfertige Schiffe auf den Weiterbau oder auf die Reparatur – die Arbeiter erscheinen einfach nicht zum Dienst.

Festung Australien

Indessen hat sich Australien – wie andere Länder auch – für aus China kommende Schiffe in eine Art Festung verwandelt. Ob Frachter, Tanker oder Kreuzfahrer – solange das örtliche Gesundheitsamt im Hafen nicht alle Crews oder Passagiere für virusfrei erklärt hat darf niemand an Land gehen. Auf einem betroffenen Schiff soll es bereits zu Essensknappheit gekommen sein, weil es vor dem Hafen warten musste und kein Festlandskontakt erlaubt worden war.

Lieber Flieger, als Schiff

Nicht nur der Warenstrom aus China, sondern auch der nach China ist dünner geworden. Das meldet die in Dänemark ansässige Weltschifffahrtsorganisation BIMCO, die fast 2.000 Firmen der Branche vertritt. Danach ordern chinesische Käufer merklich weniger Ware im Ausland, insbesondere Kohle, Rohöl und Eisenerz. Die chinesische Staatsreederei Cosco musste nach Informationen der Europäischen Handelskammer in China allein im Februar rund 70 Containerschiffe im Hafen lassen.

Die Frachtmanagement-Plattform Freightos rät Kunden, bestimmte Waren besser per Flugzeug denn per Schiff zu verladen. So könnten Auswirkungen durch hochschnellende Frachtraten und Lieferverzögerungen ausgeglichen werden.

Karibische Irrfahrt mit Schlägerei

Schwer gebeutelt ist die Kreuzfahrtbranche. Ein Beispiel ist die jüngste Karibikfahrt der „MSC Meraviglia“, einem der weltweit größten Kreuzfahrtschiffe. Erst verweigerte der Karibikstaat Jamaika den rund 6.000 Menschen an Bord die Einfahrt. Dann musste der Kapitän auch vor den Gran-Cayman-Inseln abdrehen. Beide Male gab es dieselbe Begründung: Angst vor möglichen Infizierten.

Aus Frust brach unter Passagieren der „MSC Meraviglia“ eine Schlägerei aus. Nur mit Pfefferspray konnte die Crew die Wütenden in den Griff kriegen. Erst der Hafen Cozumel in Mexiko hatte ein Erbarmen – und dort stellte sich heraus: niemand an Bord war vom Coronavirus befallen, sondern der Verdachtsfall war nur eine Erkältung!

Hygiene ist alles an Bord

Für Reiseveranstalter ist das Coronavirus natürlich ein Schlag ins Kontor. So für das deutsche Familienunternehmen Phoenix, das von Bonn aus fünf Kreuzfahrtschiffe lenkt. Allerdings setzte sein Flaggschiff „MS Artania“ eine Weltumrundung mit 1.200 Gästen von Singapur via Bali nach Darwin (Australien) zunächst fort, Kursänderungen vorbehalten.

Phoenix installierte an Bord Desinfektionsspender, bat die Passagiere um Kooperation mit den Hafenbehörden und anzugeben, wer kürzlich in China war. Andere Reedereien wie AIDA Cruises, Celebrity Cruises oder Royal Caribbean haben ihre Schiffe aus Asien abgezogen und umgeroutet.

Fazit

Reeder zu sein ist momentan kein Spaß. Die Schifffahrt werde wegen des Coronavirus ungefähre Umsatzeinbußen von 350 Millionen Dollar (322 Millionen Euro) pro Woche! abschreiben müssen, sagt die weltweite Dachorganisation International Maritime Organization (IMO). Laut WELT werden die Reeder im Transport von Massengütern und Rohstoffen besonders betroffen sein: „Die Tagesmieten für diese Schiffe sind in den vergangenen zwei Monaten um bis zu 70 Prozent eingebrochen.“ Wie lange die Flaute in der Seefahrt noch andauernd wird kann niemand verlässlich sagen, ebenso wie die Wissenschaft noch keine Antwort auf die Frage hat, wann die Erdumrundung des Coronavirus endet.

Nützliche Links

Weltgesundheitsorganisation WHO, aktuelle internationale Lage

Bundesgesundheitsamt, Lage in Deutschland

Robert-Koch-Institut, Antworten auf häufige Fragen

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