Vorurteile über die USA – Europa braucht einen neuen Blick

Europa braucht einen neuen Blick auf die USA: Mit Donald Trump hat sich das Image der Supermacht massiv gewandelt. Doch Deutschland hängt vielfach überkommenen Klischees nach. Wir sollten jedoch Vorurteile über die USA vermeiden.

Dieser Text ist in FORUM – Das Wochenmagazin erschienen

Von Wolf Achim Wiegand

Was ist bloß mit den Amerikanern los? Zu all dem, was Donald Trump bewirkt hat, gehört die Zerstörung des weithin verbreiteten positiven Amerikabildes in Europa. Aus dem Sehnsuchtsort mit schier unbegrenzten Möglichkeiten ist ein Land der Konflikte geworden.

Der europäische Blick auf die USA ist noch immer mit zahlreichen Vorurteilen belastet

Das unabhängige US-Forschungsinstitut Pew Research Center hat in weltweit 13 Ländern herausgefunden, dass die Vereinigten Staaten unter Trump seit zwei Jahrzehnten nicht mehr so schlecht dagestanden haben wie heute. Nur noch ein Drittel der Menschen in der westlichen Welt haben ein positives Bild von den USA, zeigt die Umfrage aus dem Sommer. Einzig in Südkorea sieht mit 59 Prozent noch eine Mehrheit den Verbündeten in gutem Licht – in allen anderen untersuchten Ländern überwiegt die Zahl der Skeptiker.

Ein besonders großer Imageschaden ist für die Supermacht in Deutschland entstanden. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Menschen in der Bundesrepublik die größten Bewunderer der USA geworden. Davon ist kaum noch etwas übrig geblieben. Mit nur 26 Prozent Vertrauenswilligen in Deutschland gibt es außer in Belgien nirgendwo in Europa mehr Kritiker.

Latenten Antiamerikanismus und Vorurteile über die USA hat es hierzulande immer gegeben. Schon vor 15 Jahren stellte das Pew-Institut fest, nirgendwo in Europa sei das Image der USA schlechter als in Deutschland. Damals bewerteten „nur“ 41 Prozent der Deutschen die Vereinigten Staaten positiv. Fünf Jahre davor, also im Jahre 2000, hatten noch 78 Prozent der Deutschen „Ja“ zu den USA gesagt.

Verdächtiger „American Way of Life“

Die Nation an der gegenüberliegenden Küste des Atlantiks ist vielen Deutschen bis heute eine Terra incognita geblieben. Ein unbekanntes Land mit unverstandenen Sitten. Bis heute wird darüber diskutiert, ob es sich schickt, wenn der mächtigste Mann der Welt seine Füße ungeniert auf den historischen Schreibtisch im Oval Office legt – wie offizielle Fotos von Barack Obama, George W. Bush und John F. Kennedy belegen und damit Vorurteile über die USA befeuern.

Dieser lockere American Way of Life zeigt Lässigkeit und Liberalität. Das würde natürlich weder zu einem Helmut Kohl noch zu einem Frank-Walter Steinmeier passen. Für uns ist die „Würde des Amtes“ bisweilen wichtiger als Natürlichkeit und Authentizität.

Drüben (in den USA) ist nicht der Platz, Bescheidenheit und Zurückhaltung zu lernen.“

Theodor Fontane (1819 – 1898)

Unser USA-kritisches Bild rührt auch von Klischeebildern her, die mit Medien über den Atlantik nach Europa schwappen. Dazu gehört der Riesenburger verschlingende übergewichtige Amerikaner; der traurige schwarze Bluesgitarrist aus den Südstaaten; der Rinderherden treibende Cowboy. Diese Protagonisten dürfen in keiner Fernsehreportage über die USA fehlen. Zum Mix gehören noch frömmelnde evangelikale Christen, durchgeknallte Militaristen und der Selfmade-Millionär.

Der bedeutende Historiker Frederick Jackson Turner (1861 – 1932) war einer der ersten seiner Zunft, die sich mit dem Bild „des“ Amerikaners befassten. Er schrieb, zur Mentalität des typischen Amerikaners gehörten „Derbheit und Kraft, in Verbindung mit Scharfsinn und Neugierde, geringe künstlerische, aber große praktische Begabung, rastlos tätige Energie und der Drang zur Selbstverwirklichung.“ Ein schweizerisches Reiseportal drückt das dieser Tage so aus: „Die Amerikaner sind unkompliziert, hilfsbereit, weniger hektisch, patriotisch und vor allem ungewohnt höflich.

Surfer-Girls und Waffennarren

Folgt man diesen Beschreibungen, dann erscheinen die US-Amerikaner als ein Volk individueller Macher. Schauspieler Hannes Jaenicke, der einige Jahre seiner Kindheit in den USA verbracht hat, bestätigt diesen Eindruck: „Die Amerikaner können sich schneller neu erfinden als jedes andere Volk. Sie sind flexibler, und wenn sie eine Idee gut finden, setzen sie sie unglaublich schnell um„, so Jaenicke in einem Interview.

„Die“ Amerikaner? Die Ereignisse der vergangenen Monate haben gezeigt, dass es „den“ typischen US-Bürger gar nicht gibt. Die Menschen in dem 1776 gegründeten Land sind so vielfältig, wie es eine Einwanderernation zwangsläufig ist. Der betuliche Bildungsbürger in Boston hat wenig mit dem illegal aus Mexiko stammenden Arbeiter in Arizona zu tun. Und das Surfer-Girl am kalifornischen Sonnenstrand lebt in anderen Welten als der Fischer auf den Aleuten-Inseln in Alaska.

arizona asphalt beautiful blue sky

Oft geht unser USA-Bild ebenso fehl wie das Klischee vom „typischen“ Bundesbürger, das US-Medien zeichnen. „Es besteht aus blonden, rotbackigen Deutschen in Dirndl und Lederhosen mit einer Brezel in der einen und einem Bier in der anderen Hand“, sagt Shara Tibken, die als Senior Reporter für das US-Nachrichtennetz CNET arbeitet und 2019 einige Wochen in Hamburg zu Gast war. „Es war ein Schock für mich, als ich in Deutschland feststellen musste, dass sonntags fast alles geschlossen hat,“ erinnert sich die junge Reporterin.

Könnte Europa so wie die USA sein?

Die Diversität des nordamerikanischen Superstaates ist so groß wie in keinem anderen Land der Welt. Der von Polizisten getötete George Floyd gehört ebenso dazu, wie die nationalistischen Weißen, die bewaffnet ins Parlament des Bundesstaates Michigan stürmten, um das Ende des Corona-Notstandes zu erzwingen. Das Land ist kein „Schmelztiegel“ – auch eines der Vorurteile über die USA – mit einer zum Püree zusammengerührten Bevölkerung. Es ist eher ein Suppentopf, in dem die Zutaten nicht zerkocht, sondern einzeln gegart sind.

Können wir von ihnen etwas lernen? Anton Pelinka, Autor des Buches „Wir sind alle Amerikaner„, behauptet: Europa bildet sich ein, von Amerika so verschieden zu sein. Aber in Wirklichkeit ist es Amerika sehr, sehr ähnlich.So sei die Demokratie westlichen Zuschnitts auch ein Resultat der US-Politik und des US-Vorbilds. „Nicht, dass dieses Vorbild fehlerlos wäre„, sagt Pelinka. Aber der Modellcharakter der US-Demokratie zeige sich in ihren seit gut 230 Jahren gültigen Merkmalen: eine unbestrittene Verfassung, Bindung an die Menschenrechte, Wahlen mit Wettbewerbscharakter und juristisch anfechtbare Politik.

close up photography of american flag

Europa ist momentan auf einem Weg der Selbstfindung. Unabhängig vom US-Wahlergebnis versucht es gerade zu lernen, mehr auf eigenen Füßen zu stehen, um nicht bei jedem Konflikt gleich nach dem Weißen Haus rufen zu müssen. Das europäische Haus steht vor einem Umbau. Sind dabei die Leitprinzipien der USA – Freiheit, Gleichheit und Selbstverwaltung – ein Modell für eine demokratische Fortentwicklung der Europäischen Union?

„Es wird nicht leicht sein, aber ich glaube, es ist möglich. Lassen Sie uns gemeinsam aufbrechen in die Vereinigten Staaten von Europa.“

Guy Verhofstadt, liberaler Ex-Regierungschef von Belgien

Ein kühn klingender Gedanke. Doch entgegen mancher Vorurteile über die USA ist deren Staatsaufbau mit Abänderungen grundsätzlich auch für Europa geeignet. Jeder US-Bundesstaat hat eigene Rechte in einem Ausmaß, das größer ist als das deutscher Bundesländer. Regionale Volksabstimmungen sind gang und gäbe. Ordnungsposten wie Richter, Staatsanwälte und Polizeichefs sind öffentliche Wahlämter. Könnten das Elemente sein, die auch Europa gut ins Gesicht stünden?

Atlantikgraben zuschütten

Der Gedanke hat in der Politik wenige Freunde. SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hält ihn für unrealistisch: „Europa wird auf längere Sicht ein Europa der einzelnen Staaten bleiben, mit ihren unterschiedlichen Traditionen, Sprachen und Kulturen.“ Ganz anders sieht es EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU): Mein Ziel sind die Vereinigten Staaten von Europa.

Die Europäer selbst sind derzeit nicht bereit, in den USA-Strukturen ein politisches Vorbild zu sehen. Die Zustimmung zu den Vereinigten Staaten von Europa ist in Deutschland mit mageren 30 Prozent noch EU-weit am höchsten (Ablehnung: 33 Prozent). Ähnlich verhalten ist das Einverständnis in Frankreich: 28 Prozent dafür, 26 Prozent dagegen. Das ergab eine Yougov-Meinungsumfrage im Jahre 2017. Wie die Meinung nach vier Jahren Trump aussieht, wäre zu erforschen.

foggy ocean

Jetzt, nach der USA-Wahl, stehen wir in Deutschland und in Europa vor der Frage, ob der Atlantik zu einem immer breiteren und tieferen Graben wird – oder nicht. Vorurteile über die USA helfen dabei nicht weiter. Aber in welchem Licht wir das größte nordamerikanische Land künftig sehen hängt vor allem davon ab, wie sich die USA jetzt zusammenrütteln. Urs Bitterli, Historiker an der Universität Zürich, glaubt an die Selbstheilungskräfte der US-amerikanischen Gesellschaft: „Gewiss ist, dass die Amerikaner nicht daran zweifeln, solche Herausforderungen meistern zu können.“

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