Opfer der Corona-Krise: Vergesst die Seeleute nicht!

Während medizinische Fachkräfte im ablaufenden Jahr – zu Recht! – im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestanden haben, ist eine andere lebensnotwendige Berufsgruppe öffentlich kaum wahrgenommen worden: die Seeleute. Dabei sind auch sie Opfer der Corona-Krise geworden. Trotz harter persönlicher Nachteile leisten sie Herausragendes. Deshalb hier ein Blick auf die Menschen, die etwa 90% des Welthandels abwickeln, auf den wir alle angewiesen sind.

Vor Hamburg-Blankenese auf der Elbe: Ein Schiff ist gekommen
Vor Hamburg-Blankenese auf der Elbe: Ein Schiff ist gekommen… / Foto: (c) waw 2020

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg (waw) – Immer, wenn ich auf die in meinem Stadtteil typischen Advents-Leuchtschiffchen schaue (Foto unten) oder die Frachter auf der Elbe vorbeiziehen sehe, denke ich an die Seeleute draußen auf See. Und dieses Jahr ganz besonders. Denn hunderttausende Matrosen, Kapitäne und Ingenieure haben seit vorigem Weihnachten kein Fuß mehr an Land gesetzt. Der Grund: 

Weihnachtsbeleuchtung im früheren Fischerort Hamburg-Blankenese
Weihnachtsbeleuchtung im früheren Fischerort Hamburg-Blankenese

Wegen der Corona-Pandemie sind auf unzähligen Schiffen keine Crew-Wechsel mehr möglich. Fast alle Häfen haben das An-Land-Gehen verboten. Oder die Ablösung kann nicht einreisen – es fliegen ja kaum Flieger.

Das heißt: Die Männer und Frauen müssen an Bord bleiben und kommen nicht heim.

Und umgekehrt: Einsatzbereite Seeleute sitzen untätig zu Hause herum, können ihren Arbeitsplatz nicht erreichen, kriegen keine Heuer. Alles das betrifft rund 400.000 Menschen, schätzt die Internationale Seefahrtsbehörde (IMO), eine Unterorganisation der Vereinten Nationen (UN).

„Seefahrer sind die Kollateralopfer der Coronakrise“

Internationale Seefahrtsbehörde (IMO)

Opfer der Corona-Krise: Vergesst die Seeleute nicht

Normalerweise ist auf Schiffen nach fünf bis spätestens neun Monaten Schichtwechsel. Das ist nötig, denn der Dienst auf einem Schiff ist hart und kann einsam sein. Bei Wind und Wetter auf einem schaukelnden Stahlkoloss monatelang fast 24/7 zu arbeiten, das ist kein Zuckerschlecken. Umso wichtiger ist der Landgang heim zu Frau und Kindern. Oder ganz einfach: Endlich mal wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

In diesem Coronajahr 2020 aber gibt es Seeleute, die seit sage und schreibe 18 Monaten nicht mehr an Land gehene durften. Ebenso tragisch: Seeleute, die in einem fremden Land von Bord gegangen sind und nun wegen des Lockdowns nicht in die Heimat zurück zur Familie dürfen. Das trifft besonders hart Menschen von der südlichen Erdhalbkugel, denn Schiffsbesatzungen bestehen heutzutage weitgehend aus Indonesiern, Philippinos, Matrosen vom Inselstaat Kiribati oder aus Indien.

Ich finde, das ist ein Skandal. Die Menschen auf See haben Besseres verdient. Schließlich sind sie es, die unsere Handys aus China, unsere Avocados aus Afrika oder unser Öl aus dem Golf von Mexiko heranschaffen.

Ohne die Seefahrt bräche die Weltwirtschaft zusammen

  • 90% des Welthandels werden über den Schiffverkehr abgewickelt.
  • Es sind über 50.000 Handelsschiffe unterwegs.
  • Es gibt mehr als eine Million Matrosen aus aller Welt.

Entgegen weitverbreiteten Vorurteilen ist nicht jeder Seebär ein hartgesottener Typ. Etlichen nagt die Zwangssituation an Herz und Seele. „Wenn das so weiter geht sind die psychische Gesundheit und die Sicherheit der Crews bedroht,“ warnt das World Economic Forum (WEF).

Viele sind wirklich völlig fertig mit den Nerven, uns erreichen immer wieder Hilferufe von Seeleuten, die sagen: ‚Hilfe, ich will hier raus!’“, berichtet die Deutsche Seemannsmission Hamburg-Altona e.V.. Am Fischmarkt gegenüber vom Hafen gelegen ist sie eine weltweit geschätzte Anlaufstelle für alle diejenigen, die ihrem schwimmenden Heim aus Stahl entkommen und etwas menschliche Wärme tanken wollen. Dazu gibt es Gelegenheit in einem Seemanns-Club, in einem kleinen Seemanns-Hotel und in der hauseigenen St. Clemens-Kirche. Woher jemand kommt, welche Hautfarbe oder welchen Gott er hat, was er spricht oder wie er tickt, das spielt hier keine Rolle.

Die Lage erscheint aussichtslos

Indessen schippern hunderttausende Seeleute weiterhin bis auf Weiteres ohne jede Betreuung auf den Weltmeeren umher. Dort sind sie allein mit psychischer Not und sozialer Härte – von Seefahrer-Romantik keine Spur. Selbst Suizide und Hungerstreiks hat es schon aus Verzweiflung über die ausweglose Lage gegeben.

Containerschiff auf der Elbe vor Hamburg-Blankenese
Containerschiff auf der Elbe vor Hamburg-Blankenese / Foto: (c) waw 2020

Und obwohl sich etliche Großreedereien an die Politik gewandt haben, obwohl internationale Gewerkschaften seit Monaten Sturm laufen und obwohl sich selbst die Vereinten Nationen eingeschaltet haben – immer noch gibt es keine Lösung für die Eingesperrten auf See.

Wer weiß, wie viele von ihnen schon auf dem Weg zum oder vom Hamburger Hafen an „meinem“ Blankeneser Fähranleger, dem „Bulln“, vorbeigerauscht sind und an der Reling stehend sehnsüchtig auf die gemütlichen Häuser am Ufer, die sorglosen Spaziergänger und die Kinder an der Hand ihrer Eltern geschaut haben… vergesst sie nicht, die Seefahrer!

„Mannschaftswechsel werden bis weit nach 2021 hinein zu den Herausforderungen zählen“

Lois Zabrocky, Geschäftsführerin von International Seaways (Tankerreederei, USA)

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