Horror vor Westafrika: Piraten quälen die Schifffahrt

Achtung Piraten! Das Jahr 2021 beginnt für die Seefahrt wieder mit einem Problem, das seit Jahren nicht gelöst ist: Freibeuterei. Insbesondere vor Westafrika, im Golf von Guinea, hat sich ein Hotspot für Kriminelle zur See entwickelt. Was ist da los?

von Wolf Achim Wiegand

Hamburg (waw) – Den Titel „Pechvogel-Crew des Jahres“ dürfte die Besatzung des griechischen Produkttankers New Ranger verdient haben. Innerhalb von nur 24 Stunden ist der unter Malta-Flagge laufende Frachter gleich zwei Mal von Piraten überfallen worden. Die erste Attacke kam am 5. Dezember 2020 um 07.20 Uhr Weltzeit (UTC). Der zweite Versuch, das Schiff zu entern, ereignete sich am Nikolaustag gegen 03.00 Uhr UTC.

Die Crew der New Ranger, die sich im westafrikanischen Golf von Guinea auf der Fahrt von Luba in Äquatorial-Guinea nach Douala in Kamerun befand, blieb glücklicherweise unbeschadet. Warum die Piraten nicht an Bord gehen konnten bleibt unklar.

Einige Berichte sprechen von Schußwaffeneinsatz gegen die Männer, die urplötzlich unterm Horizont per Schnellboot herangebraust waren. Andere Quellen spekulieren, der Kapitän der New Ranger und seine Mannschaft hätten sich in der Zitadelle eingeschlossen, einem hermetisch abgeriegelten Überlebensraum. Damit hätten die Kriminellen zur See ihr vermutliches Ziel nicht erreichen können, nämlich die Entführung von Seeleuten zwecks Lösegelderpressung.

Hotspot für Piraten: Der Golf von Guinea, Westafrika

Wie sich der Zwischenfall an Bord der New Ranger auch immer abgespielt haben mag – er war ein neues grelles Schlaglicht auf die gefährliche Situation in dem vielbefahrenen Seegebiet. Schon im Herbst verzeichnete das Internationale Schifffahrtsbüro (IMB, London) in der Region mit rund 80 verschleppten Seeleuten eine Zunahme der Entführungen um 40 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im Weltmaßstab gesehen haben sich somit vor Westafrika 95 Prozent der weltweiten Seekidnappings ereignet.

Landkarte vom Golf von Guinea

Wer nun glaubt, man könne die internationale Seefahrt etwa durch den Einsatz von Kriegs- oder Küstenwachbooten sichern, möge sich die gewaltige Fläche vor Augen halten. Der Golf von Guinea ist 2,3 Millionen Quadratkilometer groß, was der sechsfachen Ausdehnung Deutschlands entspricht. An seine Küsten grenzen fast ein Dutzend Länder, die stark auf ihre nationale Souveränität achten und wenig auf Zusammenarbeit. Eine ideale Voraussetzung für Verbrecher, von deren Beute gutvernetzte Hintermänner an Land profitieren.

Warum sind dort überhaupt so viele Schiffe unterwegs? Ein Grund sind die Bodenschätze und Rohstoffe. So beherbergt der Golf von Guinea reiche Erdölvorkommen. Das schwarze Schmiermittel der Weltwirtschaft wird zum Teil aus extremen Wassertiefen von 1.000 bis 3.000 Metern gefördert. Bis vor Kurzem standen deshalb Öldiebstähle aus laufenden Schiffen und von Bohrplattformen auf der To-do-Liste von Piraten.

Die Piraten sind gut organisiert

Entführungen unter Vorhalt von Granatwerfern, Schusswaffen und Messern scheinen aber in letzter Zeit lukrativer zu sein. Denn die Reedereien der Opfer zahlen in der Regel recht folgsam und diskret. Dabei fließen oft höhere Millionensummen auf Konten von „Mittelsmännern“, um die unglücklichen Mitarbeiter so rasch wie möglich aus Ihrer misslichen Lage irgendwo in einem miserablen Versteck zu befreien.

  • Piraterie ist nach dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UNCLOS) definiert als eine illegale Diebstahlshandlung auf See außerhalb der nationalen 12-Seemeilen-Territorialzone unter Anwendung von Enterleitern, Greifhaken oder Waffengewalt.
  • Piraten gelten juristisch als „Menschheitsfeinde“ und Verletzer des Rechts auf freie Seefahrt. Sie können daher in jedem Staat der Welt vor Gericht gestellt werden.
  • Schlagen Freibeuter innerhalb der Landesgewässer zu, dann gilt die Handlung als Diebstahl nach den Gesetzen der jeweiligen Nation.

Wie gut organisiert die Piraten sind zeigt die Tatsache, dass sie oftmals weit draußen vor der Küste mitten auf hoher See zuschlagen, gesteuert von einem irgendwo liegenden Mutterschiff aus.

  • So ereignete sich eine Attacke 95 Seemeilen (175 Kilometer) vom nächsten Ufer entfernt – und dabei wurden gleich 13 Seeleute gekidnapt. Den betroffenen Tanker überließen die Piraten mit einer zur Navigation unqualifizierten Rumpfbesatzung im Atlantik treibend zurück. Erst als Männer von der Crew eines vorbeifahrenden Handelsschiffes das Steuer übernahmen konnte der Tanker in einen sicheren Hafen fahren. Die 13 Verschleppten kamen erst vier Wochen später frei.
  • Am 4. Dezember 2020 wagten sich Kriminelle mit einem weißen Speedboot sogar 205 Seemeilen (380 Kilometer) weit auf die hohe See und feuerten auf den 274 Meter langen griechischen Tanker Minerva Evropi. Der Kapitän konnte die Verfolger durch ausweichende Zick-Zack-Manöver abschütteln.
Der Produkttanker "St. Marseille" auf der Elbe bei Hamburg
Auch die St. Marseille (hier bei der Ankunft am Hamburger Hafen) hat schon einen Überfall erlebt. 2018 attackierten Piraten den Produkttanker vor Cotonou, Benin. Nach einer Schießerei gab das Überfallkommando auf / Foto: (c) waw 2020

Politisches Chaos macht Piraten zur Wachstumsbranche

Experten gehen davon aus, dass die meisten Entführer vom Niger-Delta aus gesteuert werden. Das Mündungsgebiet umfasst eine bis weit ins Hinterland Nigerias reichende riesige Fläche. Hier fördert das größte afrikanische Erdöl-Lieferland Nigeria seine meiste Menge „schwarzen Goldes“. Und hier liegen die größten Mangrovenwälder des afrikanischen Kontinents – das sind ideale Operations- und Versteckmöglichkeiten für Freibeuter und Milizen.

Besiegen wird man die Piraterie im Golf von Guinea wohl nicht so schnell. Denn sie sei „ein Produkt der gesellschaftlichen Funktionsstörungen rund um die dortige Ölindustrie.“ So stellte es die UN-Behörde für Verbrechensbekämpfung (UNODC) bereits vor einiger Zeit in einer Analyse fest.

Trotz des höchst lukrativen Rohstoffes bleibt Nigeria eines der ärmsten Länder der Welt. Das schafft soziale Ungleichheiten, Begehrlichkeiten und politische Instabilität. Heute ist Nigeria in muslimischen Landesteilen auch ein von Terror gekennzeichneter Staat.

Handel boomt, Armut auch

Zentrum der Geschäfte der Region ist die nigerianische Zwei-Millionen-Stadt Port Harcourt, etwa 66 Kilometer flussaufwärts vom Golf von Guinea entfernt. Dieser wichtigste Industriestandort Nigerias verfügt über den bedeutendsten Hafen des Landes. Von hier werden unter anderem Palmöl, Holz, Palmkerne, Kohle, Columbit, Zinn und Erdnüsse verschifft sowie Aluminiumprodukte Reifen, Wellbleche oder Betonprodukte. Im angeschlossenen Freihafen Bonne residieren mehr als 110 Öl- und Gasunternehmen, darunter Exxon Mobil und Shell.

Korruption und Vetternwirtschaft gehören so sehr zum Alltag, dass niemand sich wundern würde, käme heraus, dass höchste Kreise in Politik, Verwaltung und Militär zu den Nutznießern der Piraterie gehören. Die Regierung jedenfalls weigert sich beständig zu erlauben, dass Handelsschiffe bewaffnete Sicherheitskräfte mitführen oder dass internationale Kriegsschiffe – wie jahrelang erfolgreich vor Ostafrika – für Seeschutz sorgen.

Perspektive 2021: Es bleibt hoffnungslos…

Immer mehr Schiffseigner bauen nun sogenannte Zitadellen ein. Das sind hermetisch abgeriegelte Schutzräume mit Überlebensrationen und Funkkontakt zur Außenwelt. Darin können Seeleute abwarten, bis die Piraten wieder von Bord verschwunden sind. Diese hinterlassen allerdings aus Wut schon mal schwere Verwüstungen oder beschädigen Navigationsgeräte.

Die Belastung für Kapitäne, Offiziere, Matrosen und Techniker im Golf von Guinea bleibt also hoch. IMB-Direktor Michael Howlett spricht von „außergewöhnlichem Druck“ auf alle durchfahrenden Seeleute. Sein Ruf, alle Küstenstaaten und regionalen Player möchten doch bitte „Verantwortung“ für Seesicherheit und ungestörten Handel übernehmen, verhallt weitgehend folgenlos.

Im gesamten Golf von Guinea besteht die Gefahr von Piraterie. Es gibt Bandenunwesen und Überfälle auf Küstenorte, Fischkutter, Öltanker oder Ölplattformen mit Geiselnahmen…“

Warnung des Auswärtigen Amtes


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