Kalter Krieg: Die Arktis im Fokus der Militärs

„A Blue Arctic“ ist die Überschrift eines Strategiepapiers, das die US-Marine dieser Tage vorgelegt hat. Der Titel beschreibt bereits, worum es geht. Die Tage dauerhaften weißen Eises in der Arktis sind gezählt. Immer wärmere Temperaturen führen zur Schmelze und eröffnen neue Schifffahrtswege. Damit rückt die „blau“ werdende Arktis in den Fokus strategischer Begehrlichkeiten. Offensiv versuchen die USA sich nun gegenüber Russland, aber auch China, zu positionieren. Eine Position der Stärke haben sie dabei nicht.

Von Wolf Achim Wiegand

Relativ unbeachtet von der Weltöffentlichkeit hat sich im Norden unseres Erdballs ein neuer Schauplatz potenziellen militärischen Konfliktpotenzials entwickelt. Nachdem Russland in der Arktis seit Jahren aktiv ist und Stützpunkte betreibt, wollen jetzt auch die USA rund um den Nordpol aktiver werden. Das kündigte Marineminister Kenneth Braithwaite kurz vor dem Ende der Amtszeit von Präsident Donald Trump an.

Sie werden sehen, wie die Marine oberhalb des Polarkreises wieder dauerhafter operiert

Kenneth Braithwaite in seinem letzten Interview vor der Amtsabgabe

Zur Begründung einer verstärkten US-Präsenz in der unwirtlichen Region führte der Republikaner die Parallelen zur Lage im Südchinesischen Meer an. Dort beansprucht die Volksrepublik China zahlreiche Gebiete und setzt den Anspruch aggressiv durch. Auch in der Arktis gehe es um die Freiheit der Schifffahrt und die Fähigkeit der USA, in internationalen Gewässern zu operieren – „wir beanspruchen das Recht, dies tun zu können,“ so Braithwaite.

Die Arktis wird blau

Zur Bekräftigung des Vorhabens hat die US-Marine ein neues Strategiepapier für Arktisoperationen vorgelegt. Es soll mehr Durchsetzungsfähigkeit nicht nur gegen China herstellen, sondern vor allem auch gegen Russlands „Abenteurertum“. Aufgepoppt werden sollen sogenannte Freedom of Navigation Operations (FONOPS). Das sind Machtdemonstrationen zur See, bei denen die amerikanische Marine bewusst in umstrittene Gewässer einfährt, um – so die offizielle Begründung – die freie Schifffahrt zu schützen.

Ohne anhaltende amerikanische Marinepräsenz und Partnerschaften in der Arktis werden Frieden und Wohlstand zunehmend von Russland und China in Frage gestellt, deren Interessen und Werte in höchstem Maße unterschiedlich sind von unseren.“

A Blue Arctic, Strategiepapier der US Navy

Arktis fest in russischer Hand?

Nach den Worten Braithwaites sollen US-Kriegsschiffe künftig in der Barents See operieren. Darüber hinaus sollen Patrouillen bis hinauf zur kalten und windigen Kola-Halbinsel im Nordwesten Russlands durchgeführt werden. Besonders im Fokus ist dabei die Nordpassage, die wegen des Klimawandels neue eisfreie Seewege für Handelsschiffe bietet. Obwohl die Arktis der kleinste Ozean sei, habe er das Potenzial, nahezu 75 Prozent der Weltbevölkerung miteinander zu verbinden, merkt das Strategiepapier an.

  • Die Bedeutung der Halbinsel Kola, die mit rund 100.000 km² die dreifache Größe der Krim umfasst, liegt in ihren wirtschaftlichen Schätzen und ihrer strategischen Bedeutung.
  • Das Gebiet ist reich an Bodenschätzen wie Nickel, Eisenerz sowie Schmuck- und Edelsteinen.
  • Laut US Navy befinden sich in der Region schätzungsweise 30 Prozent der weltweit unentdeckten Erdgasvorkommen, 13 Prozent der konventionellen Ölreserven und Seltene Erden im Wert von einer Billion US-Dollar.

Außerdem unterhält Russland in und an der Arktis zahlreiche Einrichtungen der russischen Nordflotte, insbesondere Basen für Atom-U-Boote. Auf Kola steht zudem ein Niedrigfrequenzsender der russischen Marine zur Alarmierung tief tauchender U-Boote. Die befahren von dort aus den Nordatlantik und kommen damit in die Nähe Europas.

Eisbrecher verzweifelt gesucht

Sehr problematisch ist für die USA, dass sie derzeit nur über zwei eher betagte Eisbrechermodelle verfügen, die zur Küstenwache gehören. Die dieselektrisch betriebene, 45 Jahre alte „USCGC Polar Star“ ist das einzige schwere eisbrechende US-Schiff dieser Bauart. Die „USCGC Healy“ aus dem Baujahr 1995 ist zwar der technologisch modernste Eisbrecher der Vereinigten Staaten, aber er kann nur mitteldickes Eis knacken.

Russland kann dagegen bis zu 50 Eisbrecher mobilisieren. Die Trump-Administration hat zwar den Ausbau auf sechs Einheiten mit Nuklearantrieb bis 2029 beschlossen – immer noch ein Klacks gegen Russlands Power. Warnende Stimmen ziehen zudem die US-Werftenkapazität für das ehrgeizige Aufrüstungsprogramm in Zweifel.

Lesen Sie: „Die Rolle der US-Küstenwache in einer sich dauernd ändernden Welt“ https://scl.io/pIdnxaD

Die Eisbrecherkapazität ist der Schwachpunkt der USA. Zumal inzwischen auch China mit Schiffsbau am Fließband begonnen hat. Schon wird im Pentagon erwogen, Eisbrecher für eine Übergangszeit bei technologisch besser aufgestellten Verbündeten wie Kanada oder Finnland zu leasen. Allerdings ist das mittel- bis langfristig für die Supermacht keine befriedigende Option.

Quelle: The National Interest

Die angekündigten Arktis-Aktionen der USA dürften sich vor dem Hintergrund ihrer Fähigkeiten wohl zunächst eher auf Unterwasserpräsenzen konzentrieren. Das tun die Vereinigten Staaten zwar schon seit Jahrzehnten. Nun dürften die Operationen öffentlichkeitswirksamer, ausgedehnter und in neuen Gewässern stattfinden.

China ante portas

Laut Braithwaite sollen „in den kommenden Jahren“ bis zu 80 neue atomgetriebene U-Boote vom Stapel laufen. Das bedeutet fast eine Verdoppelung des gegenwärtigen Bestandes. Es ist davon auszugehen, dass die künftige Regierung unter Joe Biden und dem vorgesehenen Verteidigungsminister und Ex-General Lloyd Austin daran nichts – und wenn doch, dann nur Kosmetisches – ändern wird.

Experten werten die Pläne Washingtons – sie sind Teil eines 30-Jahre-Aufbauprogramms – allerdings als womöglich zu ehrgeizig. So verfügt die US Navy über keinerlei Tiefwasserhäfen im arktisnahen Alaska. Das behindert die Fähigkeit, Marineschiffe zu reparieren oder auszurüsten. Außerdem gilt die Qualität der Satellitenkommunikation in der Arktis als unzureichend.

Interessant wird sein, wie sich die USA in der Arktis nicht nur auf Russland, sondern auch auf China einstellen werden. Die Volksrepublik hat schon vor Jahren erkannt, dass ihr eisfreie Routen im Norden mehr gewinnträchtige Möglichkeiten zum Absatz ihres schier endlos erscheinenden Warenstroms in Richtung Europa und Amerika bieten werden.

„China betrachtet die Arktis als kritisches Bindeglied in seiner One-Belt-One-Road-Initiative. Wie in anderen Regionen kann die Kombination aus chinesischem Kapital, Technologie und Erfahrung zu Einfluss auf die arktischen Schifffahrtsrouten führen und die wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt der Völker und Nationen untergraben.“

A Blue Arctic, Strategiepapier der US Navy

Die expansionsbewusste Regierung von Präsident Xi Jinping investiert gezielt in den Bau arktisfähiger Schiffe aller Art, stellt die US Navy fest. Das reiche von Containerfrachtern über Flüssiggastanker bis hin zu Atomeisbrechern. Zum chinesischen Arktisprogramm gehörten des weiteren Fischereiinvestitionen und wissenschaftliche Projekte sowie Joint Ventures mit dem Anrainer Russland.

Grafik: Aus dem Strategiepapier der US Air Force

Erwähnt sei, dass nicht nur die US Navy verstärkte Präsenz im Norden unseres Globus zeigen soll. Auch die US-Luftwaffe hat im vergangenen Jahr ein neues Arktis-Strategiepapier ausgearbeitet. Es ruht auf vier Säulen: Aufspüren und Bekämpfen von Raketenbedrohungen aus dem arktischen Raum, Aufbau eislandungsfähiger Transport- und Kampfflugzeuge, Zusammenarbeit mit Verbündeten und Partnern sowie Vorbereitung arktischer Operationen, womit die Aufstellung speziell für eisige Temperaturen vorbereiteter Truppen gemeint ist.

Deutschen Blick auf Arktis stärken

Auch die Bundeswehr hat die Arktis im Blick. So werden Fernspäher – das sind allein operierende Spezialkräfte weit hinter feindlichen Linien – für Extremeinsätze trainiert, auch für die Arktis. Auf ihrem Programm stand im vergangenen Jahr in Norwegen die Winterkampfübung „Cold Response.“ In Zukunft könnte deutschen Militärs aber mehr abverlangt werden.

Die Bundesregierung fordert in ihren „Leitlinien deutscher Arktispolitik“ ganz explizit „Verantwortung übernehmen, Vertrauen schaffen, Zukunft gestalten“ – und sie formuliert das Ziel, den „Erhalt der Arktis als konfliktarme Region und deren friedliche Nutzung.“ Das Papier bezieht sich jedoch ausschließlich auf den Klimaschutz. Schon 2018 empfahl ein Papier aus der Bundeswehr-Universität München mehr deutsche Aktivitäten in der Arktis:

  • Verlege- und Versorgungsfähigkeit von Verbänden im arktischen Raum,
  • Aufbau einer arktischen Brigade und maritimer Einsatzgruppen in enger Zusammenarbeit mit Dänemark und Norwegen,
  • Beschaffung eines oder mehrere(r) EU-Eisbrecher zu Eskortier- und Forschungszwecken
  • Ausrüstung von zwei bis drei „EU-Battlegroups“ für die Arktis.

Was man von diesen Vorstellungen auch halten mag: Die Arktis liegt vor der Haustür Europas. Es ist nicht nur Aufgabe der USA in unserem Vorraum für Sicherheit zu sorgen. Insofern würde es nicht schaden, den deutschen Blick fokussierter auf die Arktis zu lenken.

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