Kim Jong-un – was macht der eigentlich?

Es ist still um das isolierteste Land der Welt geworden, seit sich Nordkoreas kommunistischer Diktator Kim Jong-un 2018 und 2019 spektakulär mit dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump traf. Jetzt hört man wieder Neues. Doch die Nachrichten klingen schlecht…

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg / Pjöngjang (waw) – Kim Jong-un ist derzeit ein unzufriedener Mensch. Der Staats- und KP-Parteichef hadert mit der Führung seines Landes. Die bringt Nordkorea nicht so voran, wie es der 37-jährige gerne hätte.

Nordkoreanischen Medienberichten zufolge wirft Kim seinen Wirtschaftspollitikern vor, sie ließen „innovative Einsichten und kluge Strategien vermissen.“ Konkret: In der Agrarproduktion hätten die Minister Zahlen nach oben geschönt und bei der Stromerzeugung zu geringe Bedarfszahlen angesetzt.

Die Vorwürfe gegen seine eigene Mannschaft wiegen schwer. Immer wieder in den vergangenen Jahren sind in Ungnade gefallene Politiker über Nacht von der Bildfläche verschwunden. Ihr Schicksal war im besten Falle die lebenslange Ächtung. Und im schlechtesten Falle die Hinrichtung. Nicht immer waren wirkliche Verfehlungen der Grund für solcherlei Zwangsabgänge, sondern Machtspiele oder eine Laune des Kim’schen Familienclans.

Nordkorea: Land in Not

Dieses Mal stehen die Dinge anders in Nordkorea. Das Land liegt wirtschaftlich derart am Boden, dass sich der marode Zustand nicht länger verbergen lässt. Naturkatastrophen haben die ohnehin fragwürdigen Leistungsvorgaben für die Planwirtschaft zur Makulatur gemacht. Die – offiziell geleugnete – Coronakrise ist zusätzlich dazwischen gehagelt. Die Sanktionen der internationalen Staatengemeinschaft tun ihr Übriges.

Historische Begegnung ohne jede Folgen: Kim trifft Trump in Panmunjom

Feinde von Kim Jong-un: Ausländer

Das Kim-Regime versucht unterdessen Druck aus dem Kessel zu nehmen. Es beschwört äußere Feinde und rüstet auf – ein Verhaltensmuster, das nicht nur kommunistische Machthaber an den Tag legen.

Sichtlich stolz ließ sich Kim bei einer Militärparade in der Hauptstadt Pjöngjang Mitte Januar eine Rakete vorführen, die angeblich von U-Booten aus abgefeuert werden kann. Es sei die „mächtigste Waffe der Welt,“ prahlte die staatliche Nachrichtenagentur KCNA. Vermutlich kann die Rakete Japan treffen. Hinweise legen nahe, dass Nordkorea auch atomar getrieben U-Boote und verheerende Atomwaffen entwickelt, die bei 15.000 Kilometern Reichweite das Festland der USA treffen könnten.

Das alles ist Kim von den Staaten der Welt verboten worden. Es ist ihm offensichtlich egal. Ob das Volk hungert und Armut die Segnung seines Sozialismus ist, das scheint dem in der Schweiz erzogenen Abkömmling der seit 1948 herrschenden Dynastie Kim egal zu sein. Jedenfalls solange die 26 Millionen Untertanen stillhalten. Das tun sie. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass irgendjemand aufbegehrt gegen die Kims, die schon länger regieren, als die UdSSR alt geworden ist.

Machtverteilung an der Spitze

Der Druck von außen hat dazu geführt, dass Kim sich innenpolitisch weiter eingegraben hat. Kürzlich demonstrierte er, wie fest im Sattel er sitzt. Die kommunistische Partei der Arbeit Koreas (PdAK) beförderte ihn vom Vorsitzenden zum Generalsekretär. Das ist in der nordkoreanischen politischen Nomenklatur eine Aufwertung.

Kim Yo-jong

Schwesterchen soll ganz nach oben

Zugleich zog Kim seine jüngere Schwester Kim Yo-jong (33) aus der Liste des Politbüros der PdAK-Zentralkommittees zurück. Auch das ist eine Aufwertung. Kim möchte die junge Frau nach Einschätzung von Experten bewusst aus der Schusslinie ziehen.

Die Schwester stehe für höhere Aufgaben bereit, heißt es. Manche munkeln: als potenzielle Nachfolgerin Kims, der krank sei, was nicht überprüfbar ist. Freilich wollen Nordkorea-Beobachter bemerkt haben, dass Kettenraucher Kim im ersten Jahrzehnt seiner Amtszeit um sechzig bis achtzig Pfund zugenommen hat. Er leidet womöglich zusätzlich an periodischer Gicht.

Momentan reibt sich Reservediktatorin Kim Yo-jong als Direktorin des Ministeriums für Propaganda und Agitation auf. Damit ist sie die oberste nordkoreanische PR-Beraterin und somit eine Art Scharnier zwischen Funktionären und ihrem Bruder. Sie kontrolliert, wer wann Zugang zum allmächtigen Herrscher bekommt.

Unqualifiziert ist die Frau mit dem unbekannten Privatleben (sie soll verheiratet sein und zwei Kinder haben) nicht. Sie studierte mit Kim an einer Schweizer Eliteuniversität und kennt viele Länder in Europa und Asien von Reisen. Sie ist es wohl, die des Bruders Reden schreibt und seine öffentlichen Auftritte plant und kontrolliert.

Ehefrau zu attraktiv für Kim?

Und wo ist Ri Sol-ju, die Ehefrau von Kim? Seit über einem Jahr war die 31jährige First Lady Nordkoreas nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden. Allerdings ist es in dem intransparenten Land nicht unüblich, dass hochgestellte Persönlichkeiten ohne Vorankündigung für längere Zeiten abtauchen.

Nach dem Verschwinden machten allerlei Theorien über den Verbleib der Tochter einer Gynäkologin und eines Professors die Runde. Sie reichen von „vierte Schwangerschaft und Geburt“ bis hin zu einem ehelichen Zerwürfnis. Andere Beobachter glaubten, dass der Diktator es nicht ertragen konnte, neben sich eine Frau stehen zu haben, die mit ihrer für nordkoreanische Verhältnisse hocheleganten Kleidung und ihren besonderen Haarstilen eine Menge Aufmerksamkeit von ihm abzieht.

Dieser Tage nun tauchte die Verschollene am „Tag des scheinenden Sterns“ bei einem Geburtstagskonzert zu Ehren von Kim Jong Il wieder auf. Sie saß vergnügt mit dem Gatten im Publikum, als des Vaters und Vorgängers des heutigen Herrschers gedacht wurde.

Kim Jong-Un und Ri Sol-ju amüsieren sich offenbar prächtig / Foto: Nordkorea offiziell

Dennoch gibt Ri Rätsel auf. 2018 durfte sie den gleichmacherischen Titel „Genossin“ ablegen. Seitdem muss man sie als „Respektierte First Lady“ ansprechen. Es hieß, die vermutlich dreifache Mutter werde „diplomatische Aufgaben“ übernehmen. Doch davon ist nichts zu sehen. Dabei war Ri im Ausland schon als neues und frisches Gesicht Nordkoreas analysiert worden, fähig, einen Imagewechsel für Nordkorea herbeizuführen. Als einstige Sängerin einer berühmten Mädchen-Popgruppe ist sie das Rampenlicht gewöhnt.

Das Glamour-Paar von Nordkorea: Kim Jong-Un und Ri Sol-ju / Foto: Nordkorea offiziell

Kim Jong-un lässt Devisen raffen

Unterdessen versucht Kim die wirtschaftliche Notlage seines Landes durch ungewöhnliche Maßnahmen zumindest graduell zu verbessern. So gibt es Berichte, dass Nordkorea damit begonnen hat, Arbeitskräfte ins Ausland zu entsenden, um Devisen zu erwirtschaften. So sollen in diesen Wochen immerhin 10.000 Waldarbeiter als Baumfäller nach Russland reisen.

Die Rekrutierungen für die Devisenbringer seien seit Längerem in Gange, melden Beobachter. Freiwillig könne sich allerdings niemand melden. Vielmehr seien staatlich verpflichtete Werber unterwegs, die unter der Hand bis zu 600 Euro „Vermittlungsgebühr“ kassierten. Sicher sein, tatsächlich ins Ausland zu kommen, könne sich trotz des Handgeldes niemand.

Während Nordkorea ums Überleben fightet, leistet sich Kim ein milliardenschweres Atomwaffenprogramm – der Hauptgrund für die internationale Ächtung. Wie sind diese Aufwendungen für das bitterarme Land möglich?

Kims Cash-Maschine ist das sogenannte „Büro 39“. Dahinter verbirgt sich nach Angaben von Medien ein geheime Parteiorganisation, die keine andere Aufgabe hat, als möglichst „kreative“ Wege für die Beschaffung ausländiaschen Geldes zu finden. Das geht wegen der Sanktionen nur mit kriminellen Mitteln. Dazu sollen Geldfälschung, Sklavenarbeit im Ausland, illegale Waffengeschäfte, Versicherungsbetrug und viele andere Machenschaften zählen.

Kim Jong-un: Wollte er Corona-Impfstoff klauen?

Nordkoreanische Geheimdienstler sollen laut südkoreanischen Quellen sogar versucht haben, die Rezepte für weltweit mindestens neun Anticorona-Impfstoffe zu klauen, darunter das des deutsch-amerikanischen Pharmakonzerns BioNTech/Pfizer. Organisator der offenbar misslungenen Cyberattacke soll die nordkoreanische Hackergruppe Lazarus sein. Die soll auch versucht haben in Geldautomaten und Banken einzudringen. Vermutlich knackte Lazarus bereits 2014 die Sicherheitssysteme von Sony Pictures in Hollywood und legte das Studio so wochenlang lahm.

Ein Film, den der in Katar stationierte arabische Nachrichtenkanal Al-Jezeera verbreitet, schildert die Arbeit der staatlichen nordkoreanischen Geldbeschaffer im Detail. Auch die Berliner Filmemacher Sebastian Weis und Carl Gierstorfer haben darüber eine beeindruckende zweiteilige Dokumentation hergestellt, von der es eine fünfminütige Zusammenfassung gibt:

Und was macht Kim aus den weltweit ausgeschlachteten zweimaligen Konferenzen mit Trump?

Die Begegnungen waren wohl nur glänzend inszenierte Propagandaschauen und die unterzeichneten Erklärungen nur ein Traum für Trump. Erst dieser Tage beschimpfte die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur Korean Central News Agency (KCNA) die USA als „tyrannisches Land und diktatorisches Königreich„. Außerdem verlautet, Kim habe die Order ausgegeben, die Beziehungen zwischen Nordkorea und den USA künftig nicht mehr zu erwähnen. Das ist kein gutes öffentliches Signal an den neuen US-Präsidenten Joe Biden.

Er gräbt sich also wieder weiter ein, der Kim Jong-un…

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