Kim Jong-un – was macht der eigentlich?

Es ist still um das isolierteste Land der Welt geworden, seit sich Nordkoreas kommunistischer Diktator Kim Jong-un 2018 und 2019 spektakulär mit dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump traf. Jetzt hört man wieder Neues. Doch die Nachrichten klingen schlecht…

Von Wolf Achim Wiegand (aktualisiert 13.03.2021)

Hamburg / Pjöngjang (waw) – Kim Jong-un ist derzeit ein unzufriedener Mensch. Der Staats- und KP-Parteichef hadert mit der Führung seines Landes. Die bringt Nordkorea nicht so voran, wie es der 37-jährige gerne hätte.

Nordkoreanischen Medienberichten zufolge wirft Kim seinen Wirtschaftspollitikern vor, sie ließen „innovative Einsichten und kluge Strategien vermissen.“ Konkret: In der Agrarproduktion hätten die Minister Zahlen nach oben geschönt und bei der Stromerzeugung zu geringe Bedarfszahlen angesetzt.

Die Vorwürfe gegen seine eigene Mannschaft wiegen schwer. Immer wieder verschwinden in Ungnade gefallene Politiker über Nacht von der Bildfläche. Ihr Schicksal ist im besten Falle die lebenslange Ächtung. Oder das Arbeitslager. Und im schlechtesten Falle die Hinrichtung. Der Grund für solcherlei Zwangsabgänge sind bisweilen schnöde Machtspiele der herrschenden nordkoreanischen Elite oder eine Laune des Kim’schen Familienclans. Kritik ist lebensgefährlich.

Nordkorea: Land in Not

Die Dinge stehen nicht gut in Nordkorea. Das Land liegt wirtschaftlich derart am Boden, dass sich der marode Zustand nicht länger verbergen lässt. Erst haben Naturkatastrophen die ohnehin fragwürdigen Leistungsvorgaben für die Planwirtschaft zur Makulatur gemacht. Dann ist die – offiziell geleugnete – Coronakrise zusätzlich dazwischen gehagelt. Die Sanktionen der internationalen Staatengemeinschaft tun ihr Übriges.

Die Hoffnung Kims, durch zwei Treffen mit dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump aus der Isolation herausbrechen zu können, sind gescheitert. Dazu kommt ein hausgemachtes Problem: Kim hat aus Furcht vor dem Coronavirus das Land derartig von der Außenwelt abgeschirmt, dass keine Hilfeleistungen mehr hineinkommen können. So sind die Nordkoreaner völlig auf sich selbst gestellt. Die Lebensmittelvorräte halten nur noch wenige Monate, berichten Beobachter, die eine große Hungersnot heraufkommen sehen.

Historische Begegnung ohne jede Folgen: Kim trifft Trump in Panmunjom

Feinde von Kim Jong-un: Ausländer

Das Kim-Regime versucht unterdessen Druck aus dem Kessel zu nehmen. Es beschwört äußere Feinde und rüstet auf – ein Verhaltensmuster, das nicht nur kommunistische Machthaber an den Tag legen. Der böseste Bube ist für Kim der heutige US-Präsident Joe Biden. Die Außenpolitik Nordkoreas müsse „darauf ausgerichtet sein, die USA, unseren größten Feind und Haupthindernis für unsere innovative Entwicklung, zu unterwerfen“, wetterte Kim kürzlich auf einem Parteitag. Dass der US-Präsident vorsichtige Fühler zu ihm ausgestreckt hat, das weist Kim brüsk zurück.

Sichtlich stolz ließ sich Kim bei einer Militärparade in der Hauptstadt Pjöngjang Mitte Januar eine Rakete vorführen, die angeblich von U-Booten aus abgefeuert werden kann. Es sei die „mächtigste Waffe der Welt,“ prahlte die staatliche Nachrichtenagentur KCNA. Vermutlich kann die Rakete Japan treffen. Hinweise legen nahe, dass Nordkorea darüber hinaus atomar getriebene U-Boote und verheerende Atomwaffen entwickelt, die bei 15.000 Kilometern Reichweite das Festland der USA treffen könnten.

Derlei Treiben ist Kim von den Staaten der Welt verboten worden. Es ist ihm aber egal. Ob das Volk hungert und Armut die Segnung seines Sozialismus ist, das scheint dem in der Schweiz erzogenen Abkömmling der seit 1948 herrschenden Dynastie Kim egal zu sein. Jedenfalls solange, wie die 26 Millionen Untertanen stillhalten. Das tun sie. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass irgendjemand aufbegehrt gegen die Kims, die schon länger regieren, als die UdSSR alt geworden ist.

Machtverteilung an der Spitze

Der Druck von außen hat dazu geführt, dass Kim sich innenpolitisch weiter eingegraben hat. Kürzlich demonstrierte er, wie fest im Sattel er sitzt. Die kommunistische Partei der Arbeit Koreas (PdAK) beförderte ihn vom „Vorsitzenden“ zum „Generalsekretär“. Das ist in der nordkoreanischen politischen Nomenklatur eine Aufwertung.

Kim Yo-jong

Schwesterchen bald oben?

Zugleich zog Kim seine jüngere Schwester Kim Yo-jong (33) aus der Liste des Politbüros der PdAK-Zentralkommittees zurück. Auch das ist eine Aufwertung. Kim möchte die junge Frau nach Einschätzung von Experten bewusst aus der Schusslinie ziehen.

Die Schwester stehe für höhere Aufgaben bereit, heißt es. Manche munkeln: als potenzielle Nachfolgerin Kims, der womöglich krank sei, was aber nicht überprüfbar ist. Freilich wollen Nordkorea-Beobachter bemerkt haben, dass Kettenraucher Kim im ersten Jahrzehnt seiner Amtszeit um sechzig bis achtzig Pfund zugenommen hat. Er leidet wohl zusätzlich an periodischer Gicht.

Momentan reibt sich Schwester und Reserve-Diktatorin Kim Yo-jong als Direktorin des Ministeriums für Propaganda und Agitation auf. Damit ist sie die oberste nordkoreanische PR-Beraterin und eine Art Scharnier zwischen Funktionären und ihrem Bruder. Sie allein kontrolliert, wer wann Zugang zum allmächtigen Herrscher bekommt. Sie schreibt des Bruders Reden. Sie plant und kontrolliert seine öffentlichen Auftritte.

Unqualifiziert ist die Frau mit dem unbekannten Privatleben (sie soll verheiratet sein und zwei Kinder haben) nicht. Sie studierte mit Kim an einer Schweizer Eliteuniversität. Von Reisen kennt Kim Yo-jong viele Länder in Europa und Asien.

Ehefrau zu attraktiv für Kim?

Und wo ist Ri Sol-ju, die Ehefrau von Kim? Seit über einem Jahr war die 31jährige First Lady Nordkoreas nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden. Allerdings ist es in dem intransparenten Land nicht unüblich, dass hochgestellte Persönlichkeiten ohne Vorankündigung für längere Zeiten abtauchen. Dennoch machten nach dem Verschwinden allerlei Theorien über den Verbleib der Tochter einer Gynäkologin und eines Professors die Runde. Sie reichen von „vierte Schwangerschaft und Geburt“ bis hin zu einem ehelichen Zerwürfnis.

Andere Beobachter glaubten, dass der Diktator es nicht ertragen konnte, neben sich eine Frau stehen zu haben, die mit ihrer für nordkoreanische Verhältnisse hocheleganten Kleidung und ihren besonderen Haarstilen eine Menge Aufmerksamkeit von ihm abzieht. Es bestand die Gefahr, dass Ri Sol-ju neben dem grobschlächtigen Kim zur „Lady Diana Nordkoreas“ werden könnte.

Dieser Tage tauchte die Verschollene wieder auf – am „Tag des scheinenden Sterns“. Bei einem Geburtstagskonzert zu Ehren ihres toten Schwiegervaters Kim Jong Il saß die junge Frau wieder vergnügt mit dem Gatten im Publikum.

Kim Jong-Un und Ri Sol-ju amüsieren sich offenbar prächtig / Foto: Nordkorea offiziell

Dennoch gibt Ri Rätsel auf. 2018 durfte sie den gleichmacherischen Titel „Genossin“ ablegen. Seitdem muss man sie als „Respektierte First Lady“ ansprechen. Es hieß damals, die vermutlich dreifache Mutter werde „diplomatische Aufgaben“ übernehmen. Doch davon ist nichts zu sehen. Dabei war Ri im Ausland schon als neues und frisches Gesicht Nordkoreas analysiert worden, fähig, einen Imagewechsel für Nordkorea herbeizuführen. Als einstige Sängerin einer berühmten Mädchen-Popgruppe ist sie das Rampenlicht gewöhnt und ein Idol der jungen nordkoreanischen Generation.

Das Glamour-Paar von Nordkorea: Kim Jong-Un und Ri Sol-ju / Foto: Nordkorea offiziell

Kim Jong-un lässt Devisen raffen

Unterdessen versucht Kim die wirtschaftliche Notlage seines Landes durch ungewöhnliche Maßnahmen zumindest graduell zu verbessern. So gibt es Berichte, dass Nordkorea damit begonnen hat, Arbeitskräfte ins Ausland zu entsenden, um Devisen zu erwirtschaften. So sollen noch im Frühjahr 10.000 Waldarbeiter als Baumfäller nach Russland beordert werden.

Die Rekrutierungen für solch lebende Devisenbringer seien seit Längerem in Gange, melden Beobachter. Freiwillig könne sich allerdings niemand zur Auslandsarbeit melden. Vielmehr seien staatlich verpflichtete Werber unterwegs – und die sollen unter der Hand bis zu 600 Euro „Vermittlungsgebühr“ kassieren. Sicher sein, tatsächlich ins Ausland zu kommen, könne sich trotz des Handgeldes aber niemand.

Während Nordkorea ums Überleben fightet, leistet sich Kim ein milliardenschweres Atomwaffenprogramm – der Hauptgrund für die internationale Ächtung. Daneben ordnete er die Entwicklung weitreichender Raketen mit Mehrfachsprengkörpern an und verlangte die Schaffung von Unterwasser-Atomwaffen, Spionagesatelliten und atomgetribener U-Boote.

Wie sind diese Aufwendungen für das bitterarme Land möglich?

Kims Cash-Maschine ist das sogenannte „Büro 39“. Dahinter verbirgt sich nach Angaben von Medien ein geheime Parteiorganisation, die keine andere Aufgabe hat, als möglichst „kreative“ Wege für die Beschaffung ausländiaschen Geldes zu finden. Das geht wegen der Sanktionen nur mit kriminellen Mitteln. Dazu sollen Geldfälschung, Sklavenarbeit im Ausland, illegale Waffengeschäfte, Versicherungsbetrug und viele andere Machenschaften zählen.

Kim Jong-un: Wollte er Corona-Impfstoff klauen?

Nordkoreanische Geheimdienstler sollen laut südkoreanischen Quellen sogar versucht haben, die Rezepte für weltweit mindestens neun Anticorona-Impfstoffe zu klauen, darunter das des deutsch-amerikanischen Pharmakonzerns BioNTech/Pfizer. Organisator der offenbar misslungenen Cyberattacke soll die nordkoreanische Hackergruppe Lazarus sein. Die soll auch versucht haben in Geldautomaten und Banken einzudringen. Vermutlich knackte Lazarus bereits 2014 die Sicherheitssysteme von Sony Pictures in Hollywood und legte das Studio so wochenlang lahm.

Ein Film, den der in Katar stationierte arabische Nachrichtenkanal Al-Jezeera verbreitet, schildert die Arbeit der staatlichen nordkoreanischen Geldbeschaffer im Detail. Auch die Berliner Filmemacher Sebastian Weis und Carl Gierstorfer haben darüber eine beeindruckende zweiteilige Dokumentation hergestellt, von der es eine fünfminütige Zusammenfassung gibt:

Und was macht Kim aus den weltweit ausgeschlachteten zweimaligen Konferenzen mit Trump?

Die Begegnungen waren wohl nur glänzend inszenierte Propagandaschauen und die unterzeichneten Erklärungen nur ein Traum für Trump. Erst dieser Tage beschimpfte die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur Korean Central News Agency (KCNA) die USA als „tyrannisches Land und diktatorisches Königreich„. Außerdem verlautet, Kim habe die Order ausgegeben, die Beziehungen zwischen Nordkorea und den USA künftig nicht mehr zu erwähnen. Das ist kein gutes öffentliches Signal an den neuen US-Präsidenten Joe Biden.

Er gräbt sich also wieder weiter ein, der Kim Jong-un…

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