Südamerika, der vergessene Kontinent im Umbruch

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg/Buenos Aires (waw) – Das Jahr 2022 hat an der unteren Spitze von Südamerika im wahrsten Sinne des Wortes glühend begonnen. In Argentinien – wo jetzt Hochsommer ist – legte eine extreme Hitzewelle nicht nur die Menschen, sondern auch die Infrastruktur lahm. Wochenlang stiegen die Gluttemperaturen. Es soll sogar Orte mit 50° C gegeben haben. Das waren die heißesten Orte der Erde. Das ist in dieser eigentlich wärmegewohnten Region über alle Maßen ungewöhnlich!

Doch nicht nur die meteorologischen Temperaturen erreichten im Land der Pampa dramatische Ausmaße. Auch in der Politik begann die Feriensaison mit Hitze. Nur wenige Wochen zuvor hatte der linksperonistische Präsident Alberto Ángel Fernández einen Schock hinnehmen müssen. Das Gaucho-Lande nahm dem farblosen Juristen bei Zwischenwahlen die Mehrheit im Senat und in der wichtigsten Provinz Buenos Aires.

Die größte Verliererin ist Vizepräsidentin Cristina Fernández de Kirchner,“ bilanzierte die Neue Zürcher Zeitung mit Blick auf die mächtige Ex-Staatschefin. Sie treibt ihren früheren Kabinettschef Fernández jetzt aus der präsidialen Stellvertreterposition zu immer mehr populistischer Politik an. „Was das für die Regierungspolitik in den nächsten zwei Jahren bedeutet, ist völlig offen.

Genau das politische Gegenteil trug sich indessen in der Nachbarrepublik Chile zu. In dem Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen in Südamerika gewann bei der Präsidentenwahl der 35jährige ehemalige Studentenführer und Linkssozialist Gabriel Boric. Seinen ultrarechten Mitbewerber, den deutschstämmigen José Antonio Kast, ließ der Kandidat der Partei „Soziale Konvergenz“ in der Stichwahl deutlich hinten. Damit wird Boric im März sein Amt als jüngster je gewählter Staatschef von Südamerika antreten.

Gabriel gibt Gas

Auch im größten Land des Kontinents, Brasilien, stehen die Zeichen auf Links – wenn sich gegenwärtige Trends bestätigen. Danach werden die Wahlberechtigten des 212-Millionen-Einwohner-Staates im Herbst die Herrschaft des rechtsnationalistischen Präsidenten Jair Bolsonaro wohl beenden. Als voraussichtlicher Sieger schält sich der Sozialdemokrat und Ex-Präsident Ex-Präsident Luiz Inácio „Lula“ da Silva heraus. Das Pikante: Lula hatte laut Gerichtsurteil zwei Jahre zu Unrecht im Gefängnis geschmort. Er kam frei und hat nun in dem Land von der 24fachen Landmasse Deutschlands so viele Anhänger, wie nie zuvor.

Wahlsieger Boric mit Partnerin Irina Karamanos (32), einer griechischstämmigen Anthropologin und Politologin

Facettenreiche Kandidaten und revolutionär anmutende Wahlergebnisse sind in Südamerika nicht ungewöhnlich. Schon immer waren Urnengänge für dicke Überraschungen gut. In den 50er bis 70er Jahren kam es dann häufig zu Militärputschs, vor allem gegen linke Staatenlenker. Prominentester Fall: Der chilenische Sozialist Salvador Allende. Er starb 1973 unter weltweiter Beachtung beim Sturm der Streitkräfte auf den Präsidentenpalast in Santiago. Darauf folgte bis 1981 eine blutrünstige Diktatur unter General Augusto Pinochet.

Heute lockt die „Sehnsucht nach den linken Ikonen„, wie die Süddeutsche Zeitung es nennt, in fast ganz Südamerika keinen Uniformierten aus der Kaserne hervor. So hatte in Chile der 55-jährige Kast seine Niederlage gegen den 20 Jahre jüngeren Boric schon früh am Wahlabend anerkannt. Dann verabschiedete er sich zivilisiert mit einem Glückwunsch zum „großen Triumph“.

Die zwar immer noch konservativen Generäle und Soldaten in Chile haben längst Demokratie gelernt. Und so führte die erste Ernennung Borics nur zu abschätzig-scharfen Kommentaren von Politgegnern. Die 32jährige Kommunistin Camila Vallejo ist seine Sprecherin.

Machos verlieren Macht

Der Stil des jungen chilenischen Präsidenten ist jedenfalls ganz anders, als der seiner Vorgänger. So sind – ein Novum auf dem Machokontinent Südamerika – von 24 Ministern genau 14 Frauen. Damit reagierte der Sohn einer kroatischen Einwandererfamilie darauf, dass ihm vor allem junge Frauen per Stimme zur Präsidentschaft verholfen haben.

Übrigens: Auch die Verteidigungsministerin ist eine Frau. Die 50jährige Maya Fernandez Allende, Sozialistin, hat einen ungewöhnlichen Hintergrund. Sie ist im Zivilberuf Biologin und Tierärztin, vertritt erst seit 2018 im Parlament einen Hauptstadtbezirk.

Die große Besonderheit der neuen Militärvorgesetzten Fernandez ist aber: Sie ist die Enkelin des weltweit als Volksheld verehrten Umsturzopfers Allende. Das hat in Chile enorme Symbolkraft. Ausgerechnet eine Frau, die im kubanischen Exil ihrer Eltern aufgewachsen ist, wird ausgerechnet jene Armee führen, die ihren Großvater tötete! Damals war Fernandez erst zwei Jahre alt. Ein Foto, auf dem der glücklose Präsident seine Enkelin im Arm hält, ging in Südamerika schnell viral (siehe links).

Auch das Ministerium für Inneres und öffentliche Sicherheit soll von einer Frau besetzt werden. Izkia Jasvin Siches Pastén, erst 35 Jahre alt, war bis vor Kurzem die Präsidentin der nationalen Ärztekammer. Im Umweltministerium wird eine bekannte Fachfrau regieren. Die Klimaforscherin und Oxford-Absolventin Maisa Rojas Corradi (49) hat den jüngsten Bericht des UN-Expertengremiums zum Klimawandel verfasst.

Können Hipster präsidial?

Und noch eine symbolhafte Ernennung hagelte es in Santiago de Chile. Die ehemalige Fußballspielerin Alexandra Benado Vergara, 45 und aus Stockholm gebürtig, leitet das Sportministerium. Sie ist Tochter einer Guerillakämpferin (oder Terroristin, je nach Sichtweise). Die Mutter kam 1983 bei einer Polizeiaktion im Alter von 31 Jahren in Chile um. Sie war auch bei der baskischen Separatistengruppe ETA dabei.

In Chile ist nun eine Generation am Ruder, für die alte Rollenbilder und Denkschulen nicht mehr taugen. Sie muss beweisen, dass Boric, „den man mit seinem Vollbart, Tattoos und Brille durchaus als Hipster bezeichnen kann“ (Die ZEIT), ein Mann mit Professionalität ist. Das ist kein Pappenstil für jemanden, der wegen des Zeitaufwandes für politischen Aktivismus bis heute keinen Studienabschluss vorweisen kann.

Obwohl die südlichste Republik des Kontinents im Vergleich nicht schlecht dasteht, warten massive Herausforderungen auf die buntgemixte Regierung. So ist Chile als Lieferant der Rohstoffe Kupfer und Lithium stark vom Wohl und Wehe der Weltmärkte abhängig. Es gibt soziale Ungerechtigkeiten im Bildungs- und Gesundheitssystem sowie drängende Migrationsfragen. Dazu kommen mafiöse Drogenkriminalität und die Rechts/Links-Spaltung des Landes.

Schließlich leidet das zwischen Andengebirge und Pazifikozean langgezogene Land am Klimawandel. Wassermangel und die sich ausbreitende Atacama-Wüste machen Chile zum Klimaopfer. Und die Corona-Pandemie ist auch noch nicht ausgestanden.

Alter weißer Mann will ran

Unter den „ABC-Ländern“ – Argentinien, Brasilien, Chile – könnte das größte vor einem ähnlich massiven Umbruch stehen. Nur, dass in Brasilien ein alter weißer Mann nach oben kommen würde. Lula, der 2003 nach dreimaliger Kandidatur vom Gewerkschaftsführer zum Präsidenten avanciert und das bis 2011 blieb, ist schon stattliche 76 Jahre alt. Er hat also doppelt so viele Lenze auf dem Buckel und hundertfach mehr Politkenntnisse, als sein chilenischer Gesinnungsgenosse.

Der einstige US-Präsident Barack Obama nannte Lula einmal den „beliebtesten Politiker der Welt“. Seine Strahlkraft scheint ungebrochen. Immer noch ist der meist leger gekleidete Lula ein Meister des Wortes.

Für Lula hat das Land des Amazonas, des Karnevals und der riesigen Rinderherden im Oktober 2022 die Wahl zwischen „Demokratie und Faschismus“. Das zielt gegen den ultrarechten Amtsinhaber Jair Bolsonaro. Der hat sich wegen seiner unbeherrschten harschen Art wenig Freunde und viele Gegner gemacht.

Volkstribun gegen Rechtspopulist

Bolsonaro ist für Lula der personifizierte Bösewicht. Wer dem Präsidenten nicht folgt muss mit Bedrohung rechnen. Selbst Gouverneure haben das zu spüren bekommen. Desaströs sind Bolsonaros andauerndes Coronaleugnen und sein Impfskeptizismus – ein Hohn angesichts von zurzeit offiziell 627.000 brasilianischen Virustoten. International ist Bolsonaro wegen seiner umweltschädigenden Amazonaspolitik, die Großfarmern und Holzindustriellen praktisch freie Hand lässt, sowie unten durch.

Bei Redaktionsschluss schien Lulas Umfragevorsprung gigantisch zu sein. Die neuste Befragung zeigt für den graubärtigen Politiker einen Vorsprung von 17 Prozentpunkten gegenüber Bolsonaro. Würden die Wahlen heute stattfinden, würde Lula 41 % der Stimmen gegen 24 % gewinnen. So käme er bequem in die Stichwahl. Weitere Kandidaten tummeln sich in einstelligen Prozentpunkten.

Ob Lula der große Problemlöser für Brasilien sein kann, das bezweifeln Kritiker allerdings. Der Rächer der Armen und Arbeitenden bleibt trotz der gerichtlich aufgehobenen zweijährigen Haftstrafe im Verdacht der Korruption. Er ist bei aller Beliebtheit für Viele eine umstrittene Figur. Das bietet laut Beobachtern wenig Optimismus für die Stabilität und das Investitionsklima des bunten Riesenlandes.

Lautsprecher bald stumm?

Wirtschaftskraft Brasiliens, Grafik

Die Wirtschaftskrise Brasiliens ist heftig: Laut dem nationalen Statistikinstitut (Grafik) ist eine technische Rezession eingetreten. Ursachen: Dürre, Unterbrechungen der Lieferketten und steigende Zinssätze. Die jährliche Verbraucherinflation liegt auf einem Fünfjahreshoch, die Arbeitslosigkeit bei über 12 Prozent. Das ist schlimmer, als vor der Pandemie, und lässt sich somit nicht auf Corona abwälzen. Bolsonaros Erzählung, er sei der wirtschaftskompetente Mann, wird immer schwerer zu verkaufen. Sein Programm „Brasilienhilfe“ (Auxilio Brasil) soll zwar 16,9 Millionen armen Familien monatlich etwa 70 US-Dollar zuteilen – aber es auch eine verzweifelte Abkehr von seinen bisherigen Credos.

Wird 2022 in Südamerika ein Jahr der Umbrüche? Es scheint so.

Während Südamerika seinen Kurs sucht, zeigt sich Europa gegenüber dem europäischsten ausgerichteten Kontinent (nach Nordamerika) Indifferenz. Das 2019 unterzeichnete Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Gemeinsamen Südamerikanischen Markt (Mercado Común del Sur, MERCOSUR) ist immer noch nicht unterzeichnet. Unter anderem wegen Konkurrenzangst europäischer Landwirte. „So wird der umstrittene Vertrag wohl bis nach den Wahlen in Deutschland und Frankreich in der politischen Gefriertruhe verharren,“ befürchtet das sozialdemokratische Magazin Vorwärts.

Aber auch im MERCOSUR kommt man nicht zu Potte. Der Handelszone drohen Auflösungserscheinungen. Bei der Feier des 30-jährigen Bestehens nannte der Präsident Uruguays die Mitgliedschaft seines Landes einen „Ballast“.

Die Konstante ist das runde Leder

Und was machen nun die Menschen in Südamerika aus all diesem Hin und Her? Wenn die derzeitige Sommerhitze abklingt und in den Metropolen wieder Alltag einkehrt, werden Millionen Menschen dem Fußball entgegenfiebern. Das ist so sicher, wie sonst nichts in Südamerika.

Die Argentinier werden weiterhin stolz darauf sein, dass ihr Lionel Messi die brasilianische Fußballlegende Pelé als südamerikanischen Rekordtorschützen überholt hat. Die Brasilianer werden ihr Idol – der unter Lula Sportminister war – weiter verehren. DIESE Passion und Begeisterung kann Politik in Südamerika nicht erzeugen. Weder in Argentinien, noch in Chile oder Brasilien.

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