Madonna, Elton John, U2 – Die Popwelt kämpft für die Ukraine

Musik ist völkerverbindend. Sagt man. Wahr ist: Man kann Musik bei Krisen entweder für den Hass oder für den Frieden einsetzen. Kompositionen lassen sich – im doppelten Wortsinn – zum Schlechten oder zum Guten instrumentalisieren. So auch jetzt – im russischen Krieg gegen die Ukraine.

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg (waw) – Es war einer jener Augenblicke, bei denen der Atem stockt und Gänsehaut entsteht. Kamera: Gesicht groß auf den 20jährigen Geiger Illia Bondarenko. Der setzt den Bogen an und beginnt, das ukrainische Volkslied „Verbovaya Doschechka“ (Вербова дощечка, Brett aus Weidenholz) zu streichen. Die Kamera zieht auf und man sieht: Der junge Violist steht in einem gammeligen Luftschutzbunker in Kiew, Hauptstadt der Ukraine.

Die Kamera zoomt weiter auf. Auf dem Bildschirm erscheinen von anderswo zugeschaltet ukrainische Geiger, denen die Flucht gelungen ist. Dann schließlich öffnet sich ein Blick auf 94 Musiker aus 29 Ländern.

Botschaft des Videos: Die Welt ist mit der Ukraine vereint – „Slava Ukraini!“ – „Ruhm der Ukraine!“

Violinists Across the World Play for Ukraine

Er ist nur eine Minute und 13 Sekunden lang – der Auftritt des hochbegabten und vielfach preisgekrönten Bondarenko. Er war schon Konzertmeister des Jugendsinfonieorchesters der Ukraine (YsOU), ist international aufgetreten und durfte Stipendiat des Präsidenten der Ukraine sein. Nun ist ein Gesicht und eine Stimme des brutal vom großen Nachbarn überfallenen Landes.

Stimme aus dem Untergrund

Ähnlich rasant – über 17 Millionen Klicks! – verbreitete sich der rührende Auftritt des kleinen Mädchens Amelia. Spontan hatte es im Luftschutzkeller das Lied „Let it go“ aus dem Disney-Film „Frozen“ vorgetragen. Das hellte die in Kellerdüsternis eng dasitzenden Menschen zutiefst. Alle wurden plötzlich ganz still – ein Kind erreichte die Herzen! Und weil alles im Keller von einem Handy aufgezeichnet und ins Netz gestellt wurde drang das kleine Kellerwunder in die weite Welt. Man sah und erlebte es dort, wo es warm und sicher ist. Die Botschaft: Wir in der Ukraine leben noch, wir wollen weiter leben – vergesst uns nicht!

Amelia lebt inzwischen sicher in Polen. Dort ist sie endgültig berühmt geworden: Amelia hat bei einem Benefizkonzert vor tausenden Menschen mit glockenreiner Stimme wiederholen – rasender Beifall! Musik verbindet eben…

Kriege und Krisen sind Blütezeit sind komischerweise oft Zeiten der Besinnung. Das Wesentliche im Leben tritt hervor. Kleines kann große Freude machen.

Umbrüche sind auch nicht selten die Zeit für Hilfsbereitschaft. Bei ganz großen Zeitenwenden regen sich Menschen in aller Welt. Musiker machen Benefizkonzerte. Angefangen hat diese Sitte im Jahre 1971. Damals machten Ex-Beatle George Harrison und der indische Sitar-Guru Ravi Shankar globale Furore mit ihrem legendären „Concert For Bangladesh„. Bob Dylan trat damals erstmals seit 1969 wieder auf. Das Konzert sollte mit Hilfe der Crème de la crème des Pop so viele Hilfsmittel wie möglich für die Vertriebenen auftreiben. Von denen gab es infolge des bengalischen Befreiungskrieges zwischen Pakistan und Indien zehn Millionen Menschen – ein furchtbares Elend. Der Madison Square Garden in New York war zwei Mal hintereinander ausverkauft. Allein die Eintrittskarten erbrachten 243.418,50 US-Dollar. Alles ging an die UNICEF.

Popstars singen und sammeln

Die Popwelt greift seitdem immer wieder zu ihrer Macht, mit Wohltätigkeitsevents auf Probleme aufmerksam zu machen (und natürlich auch auf sich selbst). Drei solche Megakonzerte seien genannt:

  • „Live Aid“ (Untertitel: Feed the World) war ein Baby der britischen Musiker Bob Geldof (The Boomtown Rats) und Midge Ure (Ultravox). Ziel: Hilfe für Hungeropfer in Äthiopien. Am Start waren zwei 16stündige Konzerte am 13. Juli 1985 zur gleichen Zeit in London und Philadelphia. Mit dabei: Popgötter wie David Bowie, Queen, Mick Jagger usw. Phil Collins trat als einziger Künstler auf beiden Kontinenten auf: Nach dem Gig im Wembley-Stadion raste er mit Überschall per Concorde in die USA, um mit Led Zeppelin und Eric Clapton zu spielen. Das Megaevent brachte $127 Mio. ein. Westliche Regierungen willigten ein, Getreide aus Überproduktion an verarmte Länder zu spenden.
  • Live Earth war ein Bündel aus acht Konzerten auf sieben Kontinenten mit zwei Milliarden Zuschauern, das Bewusstsein für den Klimawandel schaffen sollte. Sogar in der Antarktis wurde gespielt, wenn auch mit nur 17 Zuhörern. Am 7. Juli 2007 erschienen unter 150 Künstlern solche Größen wie Madonna, Genesis, die Red Hot Chili Peppers und Shakira. Initiator und Startschussgeber war Al Gore, der ehemalige US-Vizepräsident aka Umweltaktivist. Kritiker warfen den Veranstaltern ungebührlichen Ressourcenverbrauch vor – allein der CO2-Ausstoß von Madonnas sechs Villen und ihrem Privatjet habe das 102-fache des britischen Durchschnitts betragen, kalkulierte die BBC. 
  • „One World: Together at Home“ am 19. April 2020 dauerte acht Stunden. Es fand wegen der gerade ausgebrochenen Corona-Pandemie rein virtuell statt. Dabei sammelte die Organisation Global Citizen knapp 130 Millionen US-Dollar für den Solidaritätsfonds der UN-Weltgesundheitsorganisation (WHO). Auch hier klingende Namen: Stevie Wonder, Jennifer Lopez, Billie Eilish – um nur einige zu nennen.

Ukraine: Alle sind an ihrer Seite

Der grausame russische Krieg gegen die Ukraine hat die Welt des Glanz und Glitters erneut mobilisiert. Allerdings nicht in Megakonzerten, sondern in Einzelaktionen.

Der Sohn von Ex-Beatle John Lennon, Julian Lennon, hat am Wochenende zum ersten Mal das ikonische Lied „Imagine“ seines verstorbenen Vaters zu Gunsten der Ukraine aufgeführt.

Madonna liefert bei Twitter einen Tweet mit dem etwas missverständlichen Schlachtruf „Künstler sind hier, um den Frieden zu stören!“ ab. Darin bittet sie um Spenden für die Flüchtlingshilfe und fleht: „Versprechen Sie, Teil des Augenblicks zu sein und für die Ukraine aufzustehen.“ Ein Twitter-Miniauftritt verrät leider, dass die mittlerweile 63jährige „Queen of Pop“ bessere Tage gesehen hat. Aber:

Stark ist Madonnas 30sekündiger Instagram-Zusammenschnitt eines verheerenden Raketenangriffs auf ein Wohnviertel von Kiew mit Putin in Hitler-Fratzen – ein klares Statement:

Auch „Rocketman“ Elton John, der nach einer zweijährigen Abschiedstournee das Altenteil genießt, mischt sich in die weltweite Ukraine-Solidarität mit ein. „Es ist erschütternd zu sehen, wie die Ukrainer leiden,“ lässt der 75jährige wissen. Er ist seit vielen Jahren in der ehemaligen Sowjetrepublik wohltätig aktiv. Für eine Gruppe setzt sich der mit einem Mann verheiratete Superstar besonders ein: „Über eine Viertelmillion Menschen, die in der Ukraine mit HIV leben.“

Der Brite mit den großen Brillen und dem großen Herzen bittet wie Madonna um Spenden für die Hilfsorganisation Global Citizen.

Wir bringen Weltbürger, Künstlerinnen und Aktivistinnen zusammen, um Politikerinnen, Unternehmen und Philanthropinnen zum Handeln aufzufordern.

Global Citizen

Selbst aus Russland kommt inzwischen Unterstützung für die Ukraine (wenn auch umständehalber dosiert in homöopathischen Dosen. So konnte die radikalfeministische Punkband Pussy Riot an einem einzigen Tag mit einer Kunstaktion im Netz drei Millionen US-Dollar für eine ukrainische Hilfsorganisation mobilisieren. Sängerin Nadeschda „Nadja“ Tolokonnikova (32) & Band lobten den Durchhaltewillen der Ukrainer und wünschten Putin das baldige Ende.

Bono: „Wie lange sind auch wir noch frei?“

Hervorheben unter den Großen des Musikbusiness möchte ich die intellektuellen Tugendhelden des Pop: U2 mit Chef-Gesinnungsethiker Paul David Hewson genannt Bono. Ich meine das NICHT abschätzig.

Vor wenigen Tagen ist Bono mit dem J.-William-Fulbright-Preis für internationale Verständigung ausgezeichnet worden (hier klicken für Preisbegründung). „Wenn Rock ’n‘ Roll etwas ist, dann ist es der Klang der Befreiung„, sagte Bono in seiner Dankesrede. „Befreiung ist der Kern dessen, was ich bin, nicht nur als Sänger, sondern als Europäer.“ Und weiter:

Die Ukrainer „leben und sterben tatsächlich für das Ideal der Freiheit“, sagte er. „Sie kämpfen auch für unsere Freiheit… Die Frage, ‚was werden wir für die Freiheit in der Ukraine tun?‘ weicht, je mehr wir über eine anderen, unbequemere Frage nachdenken: Wie lange kann unsere eigene Freiheit andauern?‚“

Nachdenkliche Worte eines Superrockstars, dessen Band den Ukrainern via Twitter zuruft:

„Der Tyrann aus der Nachbarschaft wird sich nicht durchsetzen.
Seid gesegnet, ihr poetischen Seelen.
Wir behalten euch in unseren Gebeten.“

U2

Das ist der Solidaritätssong von Bono & Co: „Walk On Ukraine“ (Mach weiter, Ukraine):

Im Vordergrund mittlerweile Dutzender Musikaktionen steht die Kampagne „Stand Up For Ukraine“. Sie unterstützt ukrainische Flüchtlinge. Weltweit laufen noch unzählige weitere Benefizevents:

  • Pink Floyd publizierte erstmals seit 30 Jahren (!) neue Musik, um Hilfsmaßnahmen zu unterstützen.
  • Paul McCartney, David Bowie (gest. 2016) und Coldplay legten bekannte Songs neu auf zu Gunsten der Ukraine-Kinderhilfe.
  • Portishead, IDLES und Billy Nomates werden im Mai in Bristol, England, Spenden für Kriegskinder sammeln. Die britische Regierung hat versprochen, den gleichen Betrag für Kinder im gleichfalls kriegsverwüsteten Jemen aufzustocken.

Der englische Singer-Songwriter Ed Sheeran und seine kubanisch-amerikanische Kollegin Camila Cabello sind schon aufgetreten:

Zum Schluss zurück in die Ukraine.

Erinnern Sie sich an Jamala? Das ist die ukrainische Sängerin, die 2016 den Eurovision Song Contest gewann – mit dem Lied „1944“, einer Aufarbeitung der Zwangsumsiedlung von Jamalas Urgroßmutter Nazylkhan. Die Krimtatarin wurde mit fünf ihrer Kinder (eines starb auf der Zwangsreise) nach Zentralasien verschleppt.

Solche Deportationen durch das russische Stalinregime nagen bis heute in ukrainischen Seelen. Mit heutigen Augen gesehen ist „1944“ ein Werk, das wie die Faust aufs Auge exakt in die heutige Zeit passt. Es könnte auch „2022“ heißen!

„Wenn Fremde kommen

Kommen sie zu eurem Haus

Sie töten euch alle

Und sagen

Wir tragen keine Schuld

Keine Schuld – wo ist euer Verstand?“

Jamala, „1944“ (im Original auf Krimtatarisch gesungen)
„1944“ mit Jamala – Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2016. Zum besseren Verständnis hier für die englische Textversion klicken.

Der Auftritt der Ukrainerin hatte im Vorfeld für Aufregung gesorgt. Russlandfreundliche Kräfte versuchten die Zulassung zu verhindern – erfolglos. Heute wissen wir: Schon vor sechs Jahren kochte der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Selbst bei einem Kunst- und Unterhaltungsereignis. Aber hingehört haben wir alle nicht.

Heute ist Jamala ein Flüchtling. Mit ihren drei Kindern befindet sich die ESC-Preisträgerin an einem sicheren Platz in der Türkei. Von dort aus will sie den kriegerischen „Unsinn“ in ihrer Heimat zusammen mit anderen Musikern bekämpfen. Auch mit Musik. Denn Musik kann verbinden. Oder anheizen. Es kommt auf die Perspektive an.

Jamala: Pressekonferenz in Istanbul

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