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Vor Europas Toren: Heißes Ringen um die eisige Arktis

Während die Welt gebannt auf den heißen Krieg in der Ukraine blickt, läuft im eisigen Norden der Erde ein weiterer Spannungsherd heiß: Die Arktis. Denn dort geraten die Großmächte immer stärker aneinander. Es geht um Begehrlichkeiten auf die nördliche Polkappe, das überwiegend eisbedeckte Nordpolarmeer und die Nordausläufer Nordamerikas, Asiens und Europas… 

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg/Spitzbergen (waw) – Russland und Norwegen haben sich nichts mehr zu sagen.“ Mit diesen Worten beendete Jørgen Holten Jørgensen ein Vorzeigemodell für die internationale Zusammenarbeit in der Zeit nach dem Kalten Krieg. Das Heimatland des bisherigen norwegischen Generalkonsuls hat seine diplomatische Vertretung in der nordrussischen Hafen- und Marinestadt Murmansk nach 30 Jahren geschlossen.

Es ist vorbei,“ sagte Jørgensen laut The Barents Observer. Sein Haus – nach New York das zweitgrößte Konsulat Norwegens – galt als ein Musterbeispiel grenzüberschreitender Beziehungen zwischen Russland und Europa. Denn dort hatten sich Hunderte Delegationen mit Parlamentariern und Ministern getroffen. Bei Jørgensen gingen königliche Würdenträger, Militärs, Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen ein und aus.

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat das Friedenswerk vernichtet. „Misstrauen ist an die Stelle von Hoffnung getreten, Handel und Unternehmen werden in den Graben gedrängt, da Russlands Sicherheitsdienste nun die Gesellschaft beherrschen,“ schreibt der Observer. Die letzte verbliebene Hoffnung auf eine fortgesetzte regionale Zusammenarbeit im Norden sei geschwunden.

Wir müssen davon ausgehen, dass es in Russland starke Kräfte gibt, die die Präsenz eines NATO-Landes in Murmansk nicht wollen,“ zitiert die Zeitung Jørgensen. In der Region nördlich des Polarkreises herrscht wieder Kalter Krieg.

Illustration
Norwegens Generalkonsul Jørgen Holten Jørgensen vor bisheriger Arbeitsstätte in Murmansk

Der Abschied in Murmansk lenkt den Blick auf die Arktis. Die fast überall von Eis bedeckte Erdregion um den Nordpol gehört acht Staaten: Norwegen, Russland, Dänemark, Kanada, USA, Island und Schweden sowie Finnland. Das Gebiet ist rund 20 Millionen Quadratkilometer groß. Das ist sechsmal so groß wie das Mittelmeer.

Der Krieg ist wieder kalt

In der eisigen Region wird auch die Freiheit Europas verteidigt. Ein Spruch wie eine Binse? Vielleicht. Aber er ist richtig. Das hat sich kürzlich beim wochenlangen Großmanöver „Cold Response“ bestätigt. Das NATO-Mitglied Norwegen richtet diese Übung alle zwei Jahre aus. Rund 30.000 Soldatinnen und Soldaten aus 27 Nationen übten dieses Mal bei beißenden Minusgraden entlang der norwegischen Küste und in deren Gebirgen.

Es ging um Operationsarten wie Angriff, Verteidigung und Verzögerung. Ziel: Absichern der arktisnahen NATO-Nordflanke und Abwehr einer Invasion Norwegens durch amphibische Landungen und Truppenverlegungen. Schließlich grenzt Norwegen im Norden direkt an Russland.

Unterstützend hatte die Allianz etwa 200 Flugzeuge und 50 Kriegsschiffe in das Übungsgebiet beordert. Mit dabei: Deutsche Gebirgsjäger. Daneben beteiligten sich Streitkräfte aus Norwegens noch NATO-freien Nachbarländern Schweden und Finnland. Die sind seit Jahren eng mit der westlichen Verteidigungsallianz verwoben.

Dass „Cold Response“ mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine zusammenfiel, das war reiner Zufall. Das Signal war dennoch an Präsident Wladimir Putin gerichtet – komm uns nicht zu nahe, wir schlagen zurück!

Arena des Großmachtwettbewerbs

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, für einige Gefreite habe der Widerstand der Ukraine gegen die zunächst übermächtig scheinenden Russen als wahre Inspiration gedient. „Wenn Russland kommt, sollten wir Mut haben. Wir werden für uns kämpfen„, zitiert Reuters einen 20-jährigen norwegischen Gefreiten.

Weniger emotional äußerte sich US-General David Berger unter dem Eindruck der russischen Invasion. Der Kommandant des 3.000 Mann starken manöverbeteiligten US-Marinekorps sagte zu Reportern auf dem verschneiten Luftwaffenstützpunkt Bardufoss: „Man muss bereit sein, zu reagieren.

Kurz vor Beginn von „Cold Response“ hatten die USA ihre Fähigkeit im eisigen Norden militärisch aufzutreten, im eigenen Territorium bekräftigt. Rund 8.000 Soldaten trainierten im Bundesstaat Alaska zwei Wochen lang die Umsetzung der neuen amerikanischen Arktisstrategie. Sie beschreibt, wie die US Army bei kaltem Wetter trainieren, organisieren und ausrüsten soll – immer mit einem wachsamen Auge auf Russland, das am Beringmeer direkt an die Vereinigten Staaten grenzt. Erstmals kam das neu konzipierte Gefechtsübungszentrum „Home Station“ in Fort Wainwright zum Einsatz.

Die Zeiten, in denen sich die US-Armee auf den globalen Kampf gegen Terrorismus im Irak oder in Afghanistan fokussiert hatte, sind vorbei. Das zeigen die Übungen in Alaska und in Norwegen deutlich. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärte am Rande von „Cold Response“: „Russlands militärische Aufrüstung ist die ernsthafteste Herausforderung für die Stabilität und die Sicherheit der Alliierten im hohen Norden.“ Der Stern schrieb von einer „Arena des Großmachtwettbewerbs“.

In den vergangenen Jahren haben wir in der Arktis einen deutlichen Anstieg der russischen Militäraktivitäten erlebt.

Jens Stoltenberg

Die Interessen sind schon deshalb enorm, weil vier der acht Arktis-Anrainerstaaten NATO-Länder sind: die USA, Kanada, Grönland (verwaltet von Dänemark) und Norwegen.

„Das ist unser Land“

Lange galt die Arktis als Friedenszone. Was hat die Region, dass sie solche Begehrlichkeiten weckt? Es sind ungehobene natürliche Ressourcen: Gas, Öl, Mineralien und Fisch.

Und seitdem die Erderwärmung an den Rändern des bislang ewigen Eises nagt kommt eine weitere Perspektive dazu: eisfreie Schifffahrtsrouten. Die bieten schnellere Verbindungen zwischen Asien und Europa, denn der wochenlange Weg durch den Suezkanal entfällt. Die Bodenschätze der Arktis könnten so bequem abtransportiert und der Containerfrachtverkehr beschleunigt werden. Immerhin: Die Klimaerwärmung verläuft in der Arktis mehr als doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt.

Seltener Einblick in Russlands größte Arktisstation auf der abgelegenen Inselgruppe Franz Josef Land

Für jeden ist klar, dass dies unser Territorium ist, das ist unser Land,ließ Russlands Außenminister Sergej Lawrow kürzlich wissen. Die arktische Küste gehöre Russland und niemandem sonst.

Wir müssen eine Militarisierung der Region verhindern“, rekurrierte US-Außenminister Antony Blinken. Er warnte Russland vor dem Ausnutzen der durch Klimawandel entstandenen und noch bevorstehenden Veränderungen in der Arktisregion.

Die USA und die NATO haben mit Bestürzung beobachtet, wie Russland ein neues „Arktis-Kommando“ und vier neue Arktis-Brigaden aufgestellt hat, Flugplätze und Tiefseehäfen renoviert hat und immer wieder militärische Scheinangriffe auf nordische Länder startet, während es bei NATO-Übungen GPS und Radar stört. Nach Angaben des US-Außenministeriums wurden in der Arktis auch „neuartige Waffensysteme“ erprobt.

Yahoo News US, 10. Juni 2022

Die lange Zeit, in der die Arktis eine Zone des Friedens war, ist vorbei. Das außenpolitische US-Magazin Foreign Policy warnt vor militärischem Hochrüsten am Nordpol. Denn: „Die zunehmende militärische Aktivität in der Region erhöht weiterhin das Risiko eines Missverständnisses oder eines Übergreifens eines Konflikts von außen auf die Arktis, insbesondere in Ermangelung einer offiziellen Sicherheitsbehörde für nationale Akteure, durch die regionale Verteidigungsfragen angegangen werden könnten.“

China drängt sich vor

Russland hat im Verlauf der Jahre eine eigens für die Arktis konzipierte Flotte von sechs nuklear angetriebenen Eisbrechern aufgebaut. Außerdem betreibt es das atomgetriebene Frachtschiff „Sevmorput“ mit Heimathafen Murmansk. Präsident Wladimir Putin sagte voriges Jahr, der Nördliche Seeweg werde bereits „in den nächsten Jahren“ ganzjährig befahrbar sein. Moskau kalkuliert mit einem zunehmenden Verkehrsaufkommen bis 2035 auf 130 Millionen Tonnen pro Jahr. Die Produktion von Flüssigerdgas (LNG) solle auf bis zu 91 Millionen Tonnen im Jahr 2035 verzehnfacht werden, rechnet Nikolaj Petrow vom internationalen Thinktank Chatham House in London vor.

Moskau tummelt sich nicht allein in der eisigen Region. Die Aussichten auf neue Wirtschaftsschätze erwärmen längst das unersättliche China. Laut NATO-Erkenntnissen will die nach Weltdominanz strebende Volksrepublik am Polarkreis eine Präsenz aufbauen. Die Kommunisten betreiben schon mehrere Forschungsstationen auf Spitzbergen und wollen noch dieses Jahr einen Satelliten ins All katapultieren, um Schiffsrouten und Meereseisveränderungen zu erkennen und zu überwachen.

Das Ansinnen der Chinesen, in Kemijärvi, der nördlichsten Stadt Finnlands, ein staatliches Polarforschungsinstitut zu eröffnen und den lokalen Flughafen auszubauen, lehnte Bürgermeister Atte Rantanen nach Konsultation mit den Streitkräften dankend ab.

Chinas Arktis-Eisbrecher „Xuelong 2“ / Foto: © Polar Research Institute of China

Vorsichtshalber hat sich Peking schon mal als „arktisnaher Staat“ (Near-Arctic-State) definiert. Dabei grenzen seine Küsten nicht an das Nordpolarmeer. Die strategischen Ziele Chinas beschreibt ein Weißbuch unverhohlen so: „… die Arktis zu verstehen, zu schützen, weiterzuentwickeln und sich an der Verwaltung der Arktis zu beteiligen, um die gemeinsamen Interessen aller Länder und der internationalen Gemeinschaft in der Arktis zu wahren und die nachhaltige Entwicklung der Arktis zu fördern.“

Ziel Chinas ist letztlich der Aufbau einer polaren „Neue Seidenstraße“ mit genau ausgetüftelten Handelswegen und ehrgeizigen Infrastrukturprojekten wie Häfen und Flüssiggasprojekten. Näheres beschreibt eine Studie der unabhängigen US-Denkfabrik Brookings.

Nächste Station Antarktis?

Stählerner Beweis für diese Ambitionen ist Chinas erster Eisbrecher „Xuelong 2“ (Schneedrache, Foto oben). Der war im vergangenen Jahr drei Monate auf einer „Expedition“ in arktischen Gewässern unterwegs. Das Schiff hat eine Navigationsfähigkeit von 20.000 Seemeilen (37.000 Kilometer). Es kann eineinhalb Meter dickes Eis sowohl in Vorwärts- wie in Rückwärtsfahrt zerbrechen. An Bord sind 90 Crewmitglieder und Forscher.

Doch noch ist Russland der Hauptsorgenmacher für den Westen, der gegenzuhalten versucht. So führt die US-Marine einem Bericht zufolge arktische Manöver mit Schiffen und U-Booten durch und die U.S. Air Force schickt den Großteil ihrer F-35-Flugzeuge nach Alaska. Dazu hat der Kongress die Finanzierung von sechs neuen Eisbrechern genehmigt. Neue Satelliten sollen die polare Kommunikation verbessern und neue „Augen“ auf Russland werfen, ebenso wie neue Radarsysteme, die von Alaska bis Dänemark reichen.

Übrigens: Auch der Gegenpol zur Arktis, der südliche Kontinent Antarktis, steht längst im Blickpunkt von Interessen. So hat Australien kürzlich ein Paket im Wert von 575 Millionen US-Dollar geschnürt, um seine Präsenz und seine Überwachungsoperationen in der unwirtlichen Region verstärken. Die Regierung in Canberra treibt die Sorge um, dass sich China dort ebenso festsetzen könnte, wie in der Arktis.

Es ist also nicht ausgeschlossen, dass nach dem Nordpol die Antarktis das zweite eisige Ziel von Begehrlichkeiten wird. Sie ist zwar ein staatsfreies Gebiet und untersteht einem völkerrechtlichen Vertragssystem. Dennoch erheben mehrere Länder Anspruch auf das Land, das zu 99 Prozent mit Eis bedeckt ist, stellenweise bis nahezu 5.000 Meter dick. In der Schlange stehen Argentinien, Australien, Chile, Frankreich, Großbritannien, Neuseeland und Norwegen. Die USA und Russland erkennen diese Ansprüche nicht an.

Allerdings – ein Konsulat betreibt auf dem 7. Kontinent bislang niemand.


Reportage über „Cold Response“, Norwegen, NATO und Abwehr Russland

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