Polen Wahl Präsident Nawrocki: Polen hat gewählt – und Europa hält den Atem an. Mit Karol Nawrocki zieht ein rechts­po­pu­lis­ti­scher Geschichts­ver­klärer ins Präsi­den­tenamt ein. Einer, der Donald Trump nacheifert und mit natio­na­lis­ti­schen Parolen mobili­siert. Das Resultat ist ein politi­sches Beben. Es reicht weit über Warschau hinaus. Es hat Folgen für die EU. Es beein­flusst das Verhältnis zu Deutschland. Und: Es spaltet die zerstrittene polnische Gesell­schaft weiter.

Von Wolf Achim Wiegand

Berlin/Warschau (waw) – Ein bitterer Montag­morgen für Millionen Polen: Statt Hoffnung herrscht Ernüch­terung. Erst als der Tag dämmerte zeigte die Auszählung das, worüber viele beim Zubett­gehen besorgt waren. Karol Nawrocki, ein offiziell Partei­loser aus dem ultra­na­tio­nalen Milieu, hat das Präsi­den­tenamt erobert. Der unter­legene Kandidat Rafał Trzas­kowski, liberal, proeu­ro­päisch, weltoffen – verlor hauchdünn. Ein halbes Land fühlt sich verraten.

Mit 42 Jahren betritt Nawrocki die politische Haupt­bühne – ein Histo­riker, Ex-Sportler und zuletzt Chef der Geschichts­stiftung IPN. Politische Erfahrung? Fehlan­zeige. Dafür ein klares Ziel: Polen zurück in die Vergan­genheit zu führen. Seine Wahlkampfrede: ein Mix aus Abschottung, Kultur­kampf und Patrio­tismus – garniert mit Angriffen auf Migranten, Medien und westliche Werte. „Ein normales Polen“ will er, sagte er im Morgen­grauen. Doch was er meint, ist ein rückwärts­ge­wandtes Land unter harter konser­va­tiver Hand.

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Der künftige Präsident Polens Karol Nawrocki und der unter­legene Rafał Trzas­kowski / Foto: Polskie Radio

Europa schaut fassungslos nach Warschau. Zwar flirtet Nawrockis Lager nicht offen mit Moskau wie Viktor Orbán in Ungarn oder Robert Fico in der Slowakei. Doch auch hier droht eine Annäherung an antieu­ro­päische Narrative. Nawrockis Ablehnung des NATO-Beitritts der Ukraine dürfte in Moskau mit Wohlwollen regis­triert worden sein.

Der Schattenmann

Sein Mentor ist kein Unbekannter: Jarosław Kaczyński, Chef der Partei “Recht und Gerech­tigkeit” (PiS), Strip­pen­zieher, Antieu­ropäer. Nawrocki ist sein jüngstes Projekt, sein verlän­gerter Arm im Präsi­den­ten­palast – instal­liert, um Donald Tusks Regierung auszu­bremsen. Denn die Unter­schrift unter einen radikal rechten Forde­rungs­ka­talog war Voraus­setzung für Nawrockis Unter­stützung durch das natio­na­lis­tische Lager. Euro? Nein. Ukraine-Hilfe? Nein. Steuer­erhö­hungen? Auch nicht. Statt­dessen: Ideologie pur.

Das ganze Lager der Menschen, die ein normales Polen wollen, ein Polen ohne illegale Migranten, ein sicheres Polen. – Nawrocki rief in der Wahlnacht, er habe “das patrio­tische Lager“ Polens vereinigt

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Für Deutschland sind die Folgen brisant. Der ohnehin schwierige Dialog mit dem Nachbarland droht vollends zu entgleisen. In Grenz­re­gionen wie Frankfurt/Oder–Słubice steht die Zusam­men­arbeit unter Druck. Und auf EU-Ebene stellt Nawrocki die Wieder­be­lebung des Weimarer Dreiecks offen in Frage. Ausge­rechnet jetzt, da Europa auf Zusam­menhalt angewiesen ist, driftet ein zentrales Mitglied in Richtung Isolation.

Polen mit seinen 38 Millionen Einwohnern könnte so – parado­xer­weise – zum troja­ni­schen Pferd der USA werden. Es ist militä­risch stark. Politisch ist es unbere­chenbar. Wirtschaftlich zeigt es sich protek­tio­nis­tisch. Schul­ter­schluss mit Deutschland? Bröckelt. Dabei ist Polen mit über 200 Milli­arden Euro Handels­vo­lumen einer von Deutsch­lands wichtigsten Partnern – wirtschaftlich, kulturell, histo­risch. Doch die Risse gehen tiefer als jemals zuvor.

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Zwischen TikTok, Techno und Trachtenhemd

Auch im Inneren steht Polen am Schei­deweg. Die Kluft zwischen Stadt und Land, Alt und Jung, Offenheit und Abschottung wächst. Zwei unver­söhn­liche Lager prallen aufein­ander: hier die katho­lisch-natio­na­lis­tische Tradi­ti­ons­front, dort die liberal-urbanen Europäer. Ein Riss, der längst Familien, Schulen und Medien durch­zieht. Der Streit um Werte ist zum Dauer­zu­stand geworden.

Selbst unter der Jugend verläuft eine tiefe Trenn­linie. Zwischen TikTok, Techno und Trach­tenhemd, zwischen säkularem freiheit­lichen Selbst­be­wusstsein und verän­de­rungs­scheuer konser­va­tiver Identität. Ökono­mische Unsicherheit verstärkt den Rechtsruck – nicht nur bei den Älteren, auch bei den Jüngeren. Der Nachwuchs ist dabei angesichts schwie­riger Bedin­gungen für den Start ins Leben nicht nur für hart Rechts empfänglich. Profi­tieren tut auch die extreme Linke. 

Die Wahl Nawrockis ist ein Warnsignal – für Europa, für Deutschland, für alle, die an ein fried­liches, geeintes Europa glauben. Es zeigt: Demokratie ist keine Einbahn­straße in Richtung Fortschritt. Auch der Rückschritt kann gewählt werden.

Gefahr für Europas Fundament 

Die deutsch-polni­schen Bezie­hungen stehen womöglich an einem histo­ri­schen Prüfpunkt. Die gemeinsame Geschichte ist eine Last – aber sie bot bisher auch eine Chance zur Verstän­digung. Doch diese Aussöhnung kommt nicht von selbst, wie antideutsche Wahlkampftöne gezeigt haben. Völker­freund­schaft muss erarbeitet, gepflegt, verteidigt werden – gegen Populisten, Natio­na­listen und jene, die den Rückspiegel für den besseren Kompass halten.

Europa darf sich nicht wegducken. Es muss klar benennen, wofür es steht. Und woran es sich misst – auch gegenüber jenen, die zwar unter dem EU-Dach leben und doch an seinem Fundament sägen.

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Polen Wahl Präsident Nawrocki A symbolic handshake between Germany and Poland, representing cooperation and partnership, with national flags and industry icons in the background.

Eine Kolumne von Wolf Achim Wiegand, freier Journalist mit EU-Spezialisierung

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