Gaza Ägypten Palästina Israel - Neuer Destabilisierungsversuch der pro-palästinensischen Bewegung: Mit einem “Marsch nach Gaza” wollten antiiraelische Gruppen versuchen, den blockierten Grenzübergang Rafah niederzureißen. Das Problem: Dort herrscht nicht Israel, sondern Ägypten. Und das ist hart gegen die Teilnehmer vorgegangen. Eine kleine politische Explosion in der Wüste.
Gaza Ägypten Palästina Israel
Hamburg / Kairo / Gaza Stadt (waw) – Während wir immer noch über das Mittelmeer-Flottillchen der Anti-Israel-Aktivistin Greta Thunberg lächeln, haben sich am Wochenende wieder Menschen aus aller Welt zum Gazastreifen aufgemacht. Dieses Mal von Land aus. Und massiv wie ein Tsunami. Sie hatten nicht weniger vor, als die abgeschlossene Enklave wie die Segelhelden zu “stürmen”.
Schon vor Tagen hatten sich tausende Menschen in Ägypten gesammelt, um zum Gaza-Grenzort Rafah zu strömen. Sie kamen über nordafrikanische Airports, Fährhäfen und über die Nachbarländer in Autos. Gemeinsam wollten sie in einer riesigen Kolonne in eine der instabilsten und gefährlichsten Regionen der Welt vordringen. Eine Gegend, wo Besucher statt Sehenswürdigkeiten behelfsmäßige Behausungen, überfüllte UN-Schulen und improvisierte Märkte erwarten – und ein täglicher Überlebenskampf. Rafah – statt Postkartenmotiven die reale Konfrontation mit Krieg, Flucht und Armut.
Die Veranstalter hatten davon geträumt, mit einem “Marsch nach Gaza” (March to Gaza) den südlichen Übergang des hermetisch abgeschlossenen Streifens mit Massenkraft zu überlaufen – und so öffnen. Vermutlich glaubten sie, die “befreiten” Gazaner würden dann aus ihrem kampfzerstörten “Freiluftgefängnis” (Sahra Wagenknecht) glückstrahlend in die Freiheit der Wüste laufen.
Am Sonntag 15. Juni sollte die Invasion der linksextremen Westler beginnen. Dann – so die Theorie der Veranstalter – werde der Isolation Gazas ein Ende bereitet. Doch es kam alles anders, als es sich die Abenteuerrevolutionäre in den Bistros ihrer kuschligen heimischen Caffé-Latte-Bistros ausgemalt hatten.
Das Reiseziel stellte sich als schwer bewachtes, geschlossenes und streng kontrolliertes Nadelöhr heraus. Damit hatten viele offenbar nicht gerechnet. Vielleicht hatten sie zu wenig gegoogelt und zu viel Vertrauen in die bombastischen Ankündigungen der beseelten Reiseleitung gelegt.

Am Checkpoint der militärischen Sperrzone warteten Soldaten und Polizisten. Selbst einheimische Bürger beteiligten sich prügelnd an der Abwehr der ungebetenen Invasion. Uniformierte entzogen ihnen die Pässe, steckten die Polittouristen bei Bullenhitze stundenlang in Busse. Dann zwangen sie die Schwitzenden zur direkten Deportation zurück in die Hauptstadt zu reisen.
Sie hätten versucht, „ohne die erforderlichen Genehmigungen“ zum Sammelpunkt im Nordsinai zu reisen, hieß es offiziell. Wegen “unerlaubter Demonstrationen in sensiblen Gebieten” wurden Etliche sogar aus den Hotels geholt, verhört und die Handys durchsucht oder konfisziert – dann abgeschoben. Das war rabiat. Viele Marschierer wussten gar nicht, wie ihnen geschah.
Dazu muss man wissen:
Der Gazastreifen, ein früher ägyptischer Landstrich, wird seit dem Sechstage-Krieg 1967 im Prinzip israelisch kontrolliert. Das Gebiet der 2,1 Millionen Einwohner ist aber hermetisch abgeriegelt – niemand kommt heute herein und niemand kann heraus. Seit dem jüdischen Rückzug 2004 lebt dort auch kein Israeli mehr – die Hamas-Regierung hatte bis zum jüngsten Krieg das alleinige Sagen.
Aber: Die Schlagbäume an der Südgrenze, vor Rafah, kontrollieren nicht die Israelis, sondern ägyptische Grenz- und Sicherheitskräfte. Nur sie entscheiden, wer passieren darf – Personen, Fahrzeuge, Waren. Es ist allein die Sache Ägyptens über die wenigen Öffnungszeiten zu bestimmen. Warum das so ist, das erläutere ich weiter unten.

Bunte Extremisten am Start
Der „Marsch nach Gaza“ wollte die “Blockade” des Gazastreifens in Rafah beenden. Nun stellen sich Fragen: Wussten die Veranstalter nicht, dass sich der Militär- und Polizeistaat Ägypten keinen Eingriff in seine Souveränität bieten lassen würde? Oder haben sie tausende revolutionsromantisch verblendete Naivlinge absichtlich in die Falle gelockt? Beides stellt die Organisatoren in sehr schlechtes Licht.
Hinter dem Plan stecken “unabhängige” Grassroots-Initiativen und Netzwerke. Manche sind einschlägig bekannt. Etwa das International Solidarity Movement (ISM, will Israel auflösen). Oder CodePink (USA, linkspolitische Feministen). Auch das EuroPal Forum ist nicht unbekannt (London, pro-palästinensisch, anti-zionistisch).
Dazu gruppieren sich lose organisierte Aktivisten aus aller Welt. Die Kommunikation läuft meist über Telegram, X, E‑Mail-Listen und dezentrale Websites. Israel stuft viele als sicherheitsgefährdend ein, hat gegen Etliche Einreiseverbote ausgesprochen.

Zu den Organisatoren und Unterstützern gehören zudem einige prominente Einzelpersonen und Akteure. Manche verbreiten Holocaust-Relativierungstheorien, andere Verschwörungsnarrative oder pauschale Dämonisierung Israels. Der Mitbegründer der britischen Supergruppe “Pink Floyd” Roger Waters (seit Jahren als Judenhasser unterwegs) ist dabei. Ebenso die kanadische Kapitalismus- und Globalisierungskritikerin Naomi Klein.
Obwohl die Aktivisten Israel treffen wollten, hatten sie in Wirklichkeit die Regierung in Kairo herausgefordert.
Ägypten behält sich das Recht vor, alle notwendigen Maßnahmen zur Wahrung seiner nationalen Sicherheit zu ergreifen. – Außenministerium Ägypten.
Die Dschihadisten gefährden das ägyptische Régime und sind eine Bedrohung für alle moderaten arabischen Régime in der Region. – Verteidigungsminister Israel Katz, Israel.
Ägypten wünscht keine Islamisten
Der Grund, warum Ägypten den Gazastreifen absperrt, ist die dort regierende Terrorgruppe Hamas. Die ist ein Teil der sogenannten Muslimbrüderschaft – Todfeinde Ägyptens. Ägyptens Militär hatte die in ganz Arabien verbreiteten Islamisten 2013 in Kairo weggeputscht. Dort hatten sie ein Jahr zuvor mit Muhammad Mursī bei den ersten und einzigen freien Präsidentschaftswahlen Ägyptens den Wahlsieg errungen. Nach seiner Entmachtung wurde Mursi zu langjährigen Haftstrafen verurteilt – er starb 2019 wegen ausbleibender medizinischer Versorgung nach einem Zusammenbruch bei einer gerichtlichen Anhörung.
Seitdem dem Mursi-Sturz regiert der damalige Armeechef und heutige Autokrat Abd al-Fattah as-Sisi das Land. Er lebt mit dem Westen gut auskömmlich. Außerdem unterhält Ägypten unter ihm gute Drähte zu Israel. In der Gaza-Frage spricht sich Ägypten mit der israelischen Regierung auch unter Benjamin Netanjahu ab. Kritik daran von Hardlinern schreckt as-Sisi nicht ab.
Eine Furcht hat das ägyptische Régime aber – das Einsickern von Islamisten aus Gaza! Deshalb hat as-Sisi rund um den Streifen eine stacheldraht- und mauerbewehrte Befestigung hochgezogen. Selbst Minenfelder gibt es – die DDR-Grenzsicherung lässt grüßen.

Den nun lindwurmartig geplant gewesene Marsch zur “Befreiung” von Gaza ist für Ägypten musste von für Ägyptens Herrschende als Angriff aus ihre Souveränität gewertet werden.
Der Konvoi zu den Schlagbäumen der in antiken Zeiten wichtigen Karawanenstation auf dem Weg von Nordafrika in die Levante konnte sich daher gar nicht erst bilden. Auf seinem Weg lag die stark gesicherte militarisierte Zone mit schwer bewaffneten Soldaten sowie Check Points. Überall entlang der etwa über zwölf Kilometer langen Grenze stehen Kontrolltürme.
Dämonisierung und Destabilisierung
Die Vorgänge zeigen die Regellosigkeit und Penetranz der pro-palästinensischen Bewegung und die angespannte Sicherheitslage in der Region. Sie sind aber auch ein Schlaglicht auf das diplomatische Dilemma für Ägypten. Es steckt in der Palästinafrage zwischen internationalem Druck, arabischen Solidaritätsforderungen und eigenen nationalen Interessen.
Einerseits präsentiert sich das Land als Vermittler im Nahostkonflikt, öffnet phasenweise den Rafah-Übergang für Hilfslieferungen. Andererseits kann es keine Aktionen zur Unterstützung der Hamas oder ein Infragestellen seiner Sicherheit hinnehmen. Kairo will und wird die Kontrolle behalten – über das Grenzregime, über das Narrativ und über den Spielraum als Regionalmacht. Dass es aus dem “Marsch auf Gaza” heraus dämonisiert wird dürfte as-Sisi wenig jucken:

Das alles haben die Organisatoren natürlich gewusst. Ihr „March to Gaza“ zielt insofern letztlich nicht auf eine Öffnung Gazas. Absicht war – ähnlich wie bei der weltweit belächelten Thunberg-Aktion – mediale Aufmerksamkeit und moralischer Druck. Die Gewaltbereiten unter ihnen sind nicht zum Zuge gekommen – ein pekuniär und politisch teurer Wochenendausflug für viele!
Aber auch das ist klar:
Egal, was noch passiert – die Anführer des “Marsch auf Gaza” werden wieder Täter/Opfer-Umkehr betreiben. Nicht ihr Eindringen auf fremdes Territorium sei das Problem, so werden sie argumentieren, sondern die Einkesselung von Gaza. Jetzt reguliere Kairo sogar den Zugang zur Empathie, heißt es schon jetzt. Ägypten, so scheint es, sollte an diesem Wochenede im Interesse radikaler Islamisten destabilisiert werden.
Doch vor Rafah am Gazastreifen herrscht weiter Friedhofsruhe. Und der Krieg dahinter geht trotz des ausgebrochenen Konfliktes Israel/Iran in aller Härte weiter.
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