Europa Kanada Trump Gegenzölle: Kanada zeigt Donald Trump die Zähne: Mark Carney kündigt Gegenzölle von bis zu 50 Prozent an. Die EU hätte wirtschaftlich weit mehr Gewicht als Kanada – doch 27 unterschiedliche Interessen machen eine harte gemeinsame Antwort gegen Washington schwierig. – Analyse.

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen
🇪🇺 EU hat trotz wirtschaftlicher Macht keine massive Antwort auf die USA
Von Wolf Achim Wiegand (Bilder: KI)
Europa Kanada Trump Gegenzölle
Brüssel/Ottawa (waw) – Nachdem Kanada in der Nacht massive Gegenzöllen von bis zu 50 Prozent auf überzogene Forderungen von US-Präsident Donald Trump angekündigt hat, stellt sich in Europa eine unangenehme Frage: Könnte Brüssel es Ottawa nachmachen? Könnte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ebenso hart auftreten wie Premierminister Mark Carney? Die Antwort lautet: wohl kaum.
Kanada zieht die Reißleine
Denn Kanada hat etwas, das der Europäischen Union im entscheidenden Moment fehlt: eine Regierung, die für das ganze Land entscheidet. Carney kann handeln, wenn er sich politisch dazu entschließt. Von der Leyen dagegen muss erst 27 Hauptstädte hinter sich versammeln – und die verfolgen höchst unterschiedliche Interessen.
Das zeigt sich gerade im Handelsstreit mit Washington. Während einige EU-Staaten für eine härtere Gangart plädieren, fürchten andere die Folgen für ihre Industrie und ihre Exporte. Deutschland etwa hat ein besonderes Interesse daran, den Zugang zum US-Markt für seine Auto- und Maschinenbauer nicht zu gefährden. Andere Länder wollen sich von Trump weniger gefallen lassen.
Der Konflikt wird dem 40-Millionen-Land schaden, aber das ist es den Kanadiern wert, um sich gegen den aggressiven Nachbarn zu behaupten. – T‑Online-Korrespondent Bastian Brauns.
Europa hätte die größere Waffe
Aus dem wirtschaftlichen Schwergewicht EU wird so politisch schnell ein schwerfälliger Tanker. Obwohl die Verbraucher womöglich mitziehen würden, wie frühere Zeiten zeigten.
Brüssel hätte durchaus Möglichkeiten zur Gegenwehr im Arsenal. Die EU verfügt über milliardenschwere Gegenzoll-Listen und mit dem Anti-Coercion Instrument sogar über ein Instrument gegen wirtschaftliche Erpressung. Europas Problem ist also nicht fehlende „Munition“. Was es nicht hat ist der politische Wille aller Mitgliedsregierungen, die Bazooka abzufeuern.
So setzen etwa Frankreich, Spanien und nordische Länder auf Härte. Doch Deutschland, Italien und Irland bremsen. Sie sehen in einem wütenden Trump eine zu große Gefahr für Industrie, Arbeitsplätze und Wachstum. Der Kommission sind so die Hände gebunden.
27 Interessen, 27 Bremsklötze

Trump kennt diese Schwachstelle. Er kann nationale Interessen gegeneinander ausspielen, mit Sonderdeals locken und einzelne Branchen gezielt unter Druck setzen. Je größer die Unterschiede innerhalb der EU, desto leichter wird daraus ein „Teile und herrsche“ auf cowboyartige amerikanische Art.
Hinzu kommt der entscheidende Unterschied zwischen Handelspartnern und Verbündeten: Europa braucht die USA nicht nur als Absatzmarkt. Washington bleibt für die europäische Sicherheit, die NATO und die Unterstützung der Ukraine von zentraler Bedeutung. Ein Handelskrieg mit Trump wäre für Brüssel niemals nur ein Krieg um Waren, Produkte und Dienstleistungen, sondern auch ein Sicherheitsrisiko.
Das erklärt Europas Vorsicht – und zugleich seine politische Falle. Denn je stärker die EU aus Angst vor wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Folgen zurückweicht, desto eher wird Washington erkennen, dass sich Druck lohnt.
Carney kann handeln – von der Leyen muss vermitteln
Kanada nimmt diesen Preis in Kauf. Er versucht zu retten, was zu retten ist – nach ersten Schätzungen bedrohen die USA etwa 87.000 Arbeitsplätze in dem Land zwischen den Niagara-Fällen und Alaska. Trump hat bereits weitere Strafzölle angekündigt. Er setzt die Daumenschrauben noch fester an. Wie Carney reagieren wird? Wir wissen es noch nicht.
Europa kann es sich rein nach Wirtschaftszahlen vielleicht ebenso leisten. Die EU-Wirtschaftsleistung beträgt rund 18,8 Billionen Euro – fast das Zehnfache Kanadas. Dennoch tut sich die EU schwer. Brüssel kann seine theoretische Macht schlicht nicht in Aktion einsetzen, um Washington Paroli zu bieten. Es fehlt der politische Wille.
Kanada setzt USA Grenzen – EU setzte sich selbst Grenzen
Und genau deshalb dürfte Carneys Antwort auf den Trump’schen Handelskrieg vorerst einzigartig bleiben. Kanada setzt eine rote Linie. Europa diskutiert noch darüber, wo diese Schmerzgrenze überhaupt verlaufen soll. So kann man keinen Trumpf gegen Trump erreichen.
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