Boykott USA: Die scharfe anti-europäische Haltung der USA unter Donald Trump hat nicht nur die Politik entsetzt. Auch Verbraucher machen mobil gegen den Kurs des bisherigen Verbündeten. So haben sich zahlreiche Initiativen gegründet, die zum Boykott von US-Waren und Dienstleistungen aufrufen. Die Konsumenten sollen “Made in Europe” kaufen. Selbst Großkonzerne haben keine Lust mehr auf die USA…
Von Wolf Achim Wiegand
Boykott USA
Hamburg/Brüssel/Washington (waw) – Der Graben in den politischen Beziehungen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika ist sehr tief geworden – etwa so tief, wie der Atlantik breit ist. Seit seiner Rückkehr ins Weiße Haus zeigt US-Präsident Donald Trump eine unverhohlene Skepsis gegenüber Europa. Bei einer Rede in Ohio Anfang Februar bezeichnete er die Europäische Union als „Wirtschaftsfeind“:
Die EU hat uns jahrelang ausgenutzt. Das hört jetzt auf. - So Trump wörtlich.
Experten sahen in solchen Worten anfangs nur eine bewusste „Provokation“. Trump setze nur deshalb auf Konfrontation, um seine Basis zu mobilisieren, hieß es. Doch dann ließ der Mann im Weißen Haus den Worten Taten folgen. Es gab Liebes- und Waffenentzug für ganz Europa. Besonders betroffen war das bis dahin massiv aus den USA beschützte Kriegsland Ukraine.

Europas politische Führer haben nun fünf nach Zwölf damit begonnen, den Graben zuzuschütten – mit eher mäßigem Erfolg. Der Riss wird täglich größer, denn Europa kann sich nicht mehr auf den transatlantischen Partner verlassen. Es wendet sich ab – unter anderem durch Gegenmaßnahmen.
Doch nicht nur Politiker reagieren. Auch die europäische Zivilgesellschaft macht mobil.
Ich werde keine Produkte mehr kaufen, die aus einem Land kommen, dessen Präsident uns offen feindlich gegenübersteht. – Bekenntnis zu US-Verweigerungskampagnen.
In mehreren Ländern haben sich Initiativen formiert, die zum Boykott amerikanischer Waren aufrufen. Immer mehr Verbraucher motivieren ihre Kaufentscheidungen auch politisch. Das sei ein Zeichen, dass sich die wachsenden Spannungen bis tief in die Gesellschaft auswirkten, analysieren Beobachter. Die neue Devise lautet: “Europa zuerst” (Europe first).
Zu den Pionieren des Anti-Trumpismus gehört der finnische Ukraine-Aktivist Pekka Kallioniemi. Seine Liste mit nordischen Alternativen zu US-Produkten traf einen Nerv. Kallioniemi generierte in weniger als 24 Stunden mehr als 1,5 Millionen X‑Views und 5.500 Retposts.
Alternativprodukte per Liste
Die seit Mitte Februar aktive übernationale Community “BuyFromEU” beim Social-News-Aggregator Reddit vereint mit Datum heute rund 142.000 Mitglieder. In ihr tauschen sich User darüber aus, wie man „Made in USA“-Produkte wie Nike und Levi’s umgehen kann. Humor kommt nicht zu kurz:

Boykott USA
Die Website “Go European” enthält ein praktisches Tool. Das gemeinnützig betriebene Verzeichnis kann auf Klick europäische Alternativen zu amerikanischen Produkten und Dienstleistungen ausspucken. So erfährt man, dass es zum US-Internetbrowser Chrome die norwegische Applikation Vivaldi gibt. Über 30 Freiwillige verbringen ihre Freizeit damit, dieses Projekt zu verwirklichen.
Im kleinen Dänemark hat die ähnlich enthusiastische Facebook-Gruppe “Boykot varer fra USA” binnen Tagen immerhin fast 70.000 Mitglieder erreicht. Die 14 Moderatoren wollen US-Marken wie McDonald’s, Netflix oder Airbnb links liegen lassen. Die Untergrundadministratoren nennen sich einen “Sammelpunkt für Verbraucher”:
Wir wollen durch einen Boykott unsere Missbilligung des Verhaltens der USA gegenüber ihren ehemaligen Verbündeten in der EU, Kanada und Mexiko zum Ausdruck bringen.
Gruppenmitglied Dorthe Vedel fühlt sich im Kampf gegen “eine undemokratische Versammlung von Gulaschbaronen”. Jannie Wagner hat Tierfutter auf die Herkunft hin untersucht. Nach ihren Recherchen gehören die Marken Royal Canin, Pedigree und Sheba zum amerikanischen Mars-Konzern. Deshalb kommen sie nicht mehr in den Jannies Napf für Hund und Katz’. Andere Frauchen denken eher an sich und schütten keinen Heinz-Ketchup mehr über ihre Pommes.
Wie effektiv ein Verbraucherboykott sein kann, das scheint sich an der E‑Automarke Tesla zu zeigen. Die gehört bekanntlich Elon Musk. Er ist eines der milliardenschweren Trump’schen enfant terribles. Diese machen in den USA tabula rasa und päppeln in Europa rechtsextreme Parteien. In Deutschland führen Branchenkenner den massiven Verkaufsrückgang von Tesla-Neuwagen – minus 60 % innerhalb eines Monats! – auch auf das schlechte Image des Firmeneigners zurück.
Der Unmut gegen Washington mobilisiert selbst Konzerne. Die dänische Salling-Handelsgruppe (dazu gehört der Discounter Netto) fördert den Kauf von EU-Produkten durch spezielle Kennzeichnungen an den Regalen. Laut Lebensmittel Zeitung reagiert das Handelshaus damit “auf Wünsche von Kunden”.

Kanada macht’s vor
Sogar die Rüstungsindustrie ist auf Anti-USA-Trip. Michael Schöllhorn als Chef der Airbus-Militärabteilung empfiehlt europäischen Regierungen, Verteidigungsprodukte aus den USA abzustoßen. So seien die F‑35-Kampfjets, die bereits in den Hangars von zwölf europäischen Staaten stehen bzw. gemustert wurden, quasi nutzlos. Ihre Missionsdaten müssen vor dem Flug über US-Server verarbeitet werden. Diese könnten abgeschaltet werden, so wie im Fall der Ukraine. So schnell kann aus vertrauenswürdigen Freunden ein verwirrender Feind werden.
Eine Blaupause für die Kampagnen ist Kanada. Seit Trump hohe Strafzölle gegen das nördliche US-Nachbarland ausgerufen hat, drehen die wirtschaftlich eng verflochtenen Kanadier den Spieß um. Viele Supermärkte nehmen US-Ware aus dem Sortiment. Darunter sind alkoholische Getränke wie die Whiskey-Marke Jack Daniel’s, die nach eigenen Angaben durch den Verkaufsstopp deutlichen Schaden erleidet. Umfragen ergeben: Mittlerweile boykottieren 42 Prozent der Kanadier aktiv US-Produkte.
Wir sind ein diplomatisches Land, wenn wir können, aber wenn wir müssen, kämpfen wir – Ellenbogen nach oben! – Justin Trudeau, scheidender Premierminister von Kanada
Während die Boykottinitiativen also an Fahrt aufnehmen, warnen Wirtschaftsverbände vor möglichen Konsequenzen. Der deutsche Handelsverband BGA warnt vor einem Handelskrieg mit Arbeitsplätzverlusten in Europa. „Ein Boykott trifft nicht nur die amerikanische Wirtschaft“, erklärte ein Sprecher des Verbands. Bundesbank-Präsident Nagel warnt gleichfalls und erwartet keine Gewinner, “man kennt eigentlich nur Verlierer.”
Nützt das denn etwas?

Die Anti-Trump-Reaktionen haben übrigens eine Art Vorläufer auf höchster politischer Ebene. Schon längst vor dem Wahlsieg des US-Rechtspopulisten hatte der alte Mann der Europapolitik, Mario Draghi, seinen EU-Wettbewerbsbericht vorgelegt. Darin äußerte er deutliche Bedenken gegen US-Unternehmen.
Draghi riet unter anderem dazu, EU-Ausschreibungen ausschließlich an europäische Unternehmen zu vergeben. Damit könne es unabhängig zu bleiben. Das hatte in den USA heftigen Ärger ausgelöst – aus Angst, den Zugang zum europäischen Markt zu verlieren. Heute ist die Empfehlung aktueller denn je.
Ob die Boykottbewegung tatsächlich messbare Auswirkungen auf den Transatlantikhandel haben wird, bleibt abzuwarten. Die ganz große Verweigerungswelle ist noch nicht herangerollt.
Klar ist jedoch: Trumps europafeindliche Rhetorik hat eine Gegenbewegung entfacht, die über bloße Worte hinausgeht. Besonders betroffen sind US-amerikanische Marken aus den Bereichen Fast Food, Softdrinks und Mode. „Das ist erst der Anfang“, heißt es bei „Buy European“.
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