Von Wolf Achim Wiegand

Buenos Aires (waw) – Ich habe die Amtsein­führung des neuen argen­ti­ni­schen Präsi­denten Javier Milei verfolgt. Wen soll das inter­es­sieren? Nun, das europä­ischste Land des südame­ri­ka­ni­schen Konti­nents hat den vielleicht ungewöhn­lichsten Staatschef der Welt bekommen. Es hat allein schon gelohnt zu schauen, wie sich der bisherige politische Paradies­vogel bei seinem ersten großen offizi­ellen Auftritt schlagen würde.

Für Argen­tinien – nach Brasilien die zweit­wich­tigste Nation Südame­rikas – steht eine Menge auf dem Spiel. Die Welt schaut zu, weil noch nie jemand so unkon­ven­tionell an ökono­mische Krisen­lö­sungen heran­zu­gehen versprochen hat. Mileis steht für mindest­mög­lichen Staat und so viel private Freiheit wie möglich.

Nun, der 53jährige ultra­li­berale Wirtschafts­pro­fessor Javier Milei mit dem Wahlspruch “Es lebe die Freiheit, verdammt!” wirkte bei seinen ersten proto­kol­la­ri­schen Zwangs­ze­re­monien noch etwas unbeholfen, fast tapsig. Mehrmals stockte er beim Gang in den Plenarsaal des Parla­ments kurz und wartete etwas suchend, bis ein freund­licher Bediens­teter ihm mit der Hand den Weg zum Schreiten in Richtung Macht­über­nahme wies.

Zugleich kam mir der in Wahlkampf so wortstarke Milei rührend bescheiden vor. Keine trium­phie­renden Gesten, keine arrogante Attitüde. Manchmal schien er in sich hinein­zu­lä­cheln und etwas ungläubig wahrzu­nehmen, dass er der Mann ist, der künftig voranschreitet. 

Später musste ihm ausge­rechnet die politische Intim­feindin Cristina Fernández de Kirchner (CK) im Kongress den Eid abnehmen. Zuvor kam es zu einer kleinen Panne: Die skandal­um­wit­terte linke Vorvor­gän­gerin und bis dato Vizeprä­si­dentin wollte schon loslegen, als ein Bediens­teter ihr Einhalt gebot und darauf aufmerksam machte, dass noch ein Geset­zestext verlesen werden müsste. Die ganz in Signalrot gekleidete Chefin der Kirchner-Dynastie lachte das etwas verlegen weg. 

Getuschel zweier Gegner

Mileis glück­loser Vorgänger Alberto Fernandez hatte ihm zum Abschluss die blauweiße Würden­trä­ger­schärpe mit der aufge­nähten Goldsonne überzu­ziehen und den antiken Präsi­den­ten­stock mit Silber­knauf zu überreichen. Obwohl sie sich seit Jahren massiv angiftet hatten, machten alle Betei­ligten ein erstaunlich lockeres Event daraus. CK scherzte sogar mehrmals mit dem neuen Mann im höchsten Amt und beugte sich inter­es­siert über den Knauf seines Stockes. Gut, dass Argen­tinien heute so demokra­tisch ist, es gab ja schon düsterere Jahrzehnte! 

„Ich werde die Schärpe jedem verleihen, der durch eine Volks­ab­stimmung recht­mäßig in die Wahlurnen gewählt wurde.“

Präsident Alberto Fernandez bei der Bekanntgabe seines Verzichtes auf eine erneute Kandi­datur für das argen­ti­nische Präsidentenamt
Auch politische Todfeinde belieben mal mitein­ander zu scherzen. Milei zeigt Kirchner, dass auf dem Silber­knauf seines Präsi­den­ten­stockes ein Löwenkopf eingra­viert ist – passend zu seinem Spitz­namen “León” – der Löwe.

Ein weißer Schatten glitt Milei indessen hinterher: Victoria Eugenia Villarruel. Die 48 Jahre alte Juristin und weit rechts ausge­richtete Politi­kerin ist die neue Vizeprä­si­dentin. Die immer elegant gekleidete Tochter aus einer Familie mit etlichen hochran­gigen Putsch­mi­litärs in ihren Reihen ist in der neuen Aminis­tration für Vertei­digung und Sicherheit zuständig. Sie ist studierte Stadt- und Hafen­si­cher­heits­expertin. Zur neuen Aufgabe gehört wie bei Kirchner (oder Kamala Harris in den USA) der Vorsitz über den Senat. Milei wird ihr künftig das Ohr leihen müssen. 

Den größten Einfluss auf Milei dürfte indes eine ungewählte Frau haben. Auch sie wich dem frisch­ge­ba­ckenen Präsi­denten am ersten Tag nicht von der Seite: Karina “El Jefe” Milei (42), die jüngere Schwester des in einem gewalt­tä­tigen Elternhaus aufge­wach­senen Staats­ober­hauptes. Die bisherige Wahlkampf­lei­terin und Chefbe­ra­terin ist jetzt First Lady, da Milei nicht verhei­ratet ist (außer mit seinen vier Doggen, wird gespottet). Laut Verfassung darf nur eine enge Verwandte die Rolle der Primera Dama wahrnehmen. Und so machte Milei seine Karina offiziell zur Leiterin der Staats­kanzlei – ein argen­ti­ni­scher Famili­en­be­trieb eben. 

Die Frauen an seiner Seite

Karina wäre dem Bruder wohl sowieso an der Seite geblieben. Sie sind seit Jahren unzer­trennlich. Karina managte Javier schon, als der noch als Kopf einer Rolling-Stones-Revivalband durchs Land tourte. 

Die etwas herbe Marke­ting­spe­zia­listin mit den langen blonden Haaren, die wie der Bruder ehe- und kinderlos ist, weiß sich in Szene zu setzen. Sie war die erste, die auf dem Weg zur Verei­digung das Autofenster herun­ter­kur­belte und der Menge am Straßenrand zuwinkte. 

“Ohne sie wäre das hier alles nicht möglich gewesen” 

So dankte der erste Mann Argen­ti­niens seiner ersten Dame.

In einer Ansprache an das Volk auf den säulen­be­wehrten Stufen vor dem Kongress­ge­bäude fuhr der erschöpft wirkende Milei zu gewohntem rheto­ri­schem Glanz auf. Er kam an, auch wenn der Doktor der Ökonomie etwas ermüdend in langen Zahlen­ko­lonnen penibel vorrechnete, was für Unsummen an Staats­ver­mögen und Einkommen “das Estab­lishment” wegge­schmolzen habe. Die Inflation könne bald 500 % erreichen, leitete Milei her. 

So wollte der Finanz­buch­autor wohl sein Fachwissen zeigen und dem Volk die Fakten vor Augen halten. Er versprach, niemals zu lügen, auch wenn es unangenehm wird. Und das wird es: Argen­tinien könnte laut der Rating­agentur Fitch seine Dollar-Schulden bald nicht mehr begleichen. Die zweit­größte Volks­wirt­schaft Südame­rikas hat am Tag ihrer Amtsüber­nahme nach Zahlen der Univer­sität UCA Folgendes übernommen:

  • Eine Armutsrate von 44,7 Prozent,
  • eine Kinder- und Jugend­armut von 62 Prozent,
  • Jahres­in­flation: rund 140 Prozent. 
  • Auslands­schuld: Nahezu 300 Milli­arden US-Dollar, davon steht es allein beim Inter­na­tio­nalen Währungs­fonds mit rund 44 Milli­arden US-Dollar in der Kreide. 
  • Nur Kredite aus China und den Verei­nigten Arabi­schen Emiraten halfen der vorigen Links­re­gierung noch über den Wahltermin hinweg. 

Jetzt ist Milei an der Reihe, den Schul­densack zu leeren. Dafür hat er im harten Wahlkampf schonungslose Maximal­for­de­rungen gestellt, etwa die Abschaffung des heimi­schen Peso und die Einführung des US-Dollars als Zahlungs­mittel. Ob es dazu kommt? 

Die Auflösung der Zentralbank hat ihm die natio­nal­li­berale Opposition schon mal ausge­redet. Die Partei des einstigen Präsi­denten Mauricio Macri koope­riert mit Milei, weil der im Parlament keine eigene Mehrheit hat. Seine in der Vorwahl ausge­schiedene Präsi­dent­schafts­mit­be­wer­berin Patricia Bullrich saß in der geladenen Gäste­schar, sie ist nun neue Innen­mi­nis­terin. Milei, der sich selbst “León” – der Löwe – nennt, und am Ende seiner Rede wieder im Wahlkampf gehörte wildtierarte Laute ausstieß, ist so ein bisschen gezähmt.

“Es lebe die Freiheit, verdammt!” – ¡Viva la libertadcarajo!

Milei hielt seine Rede auf den Stufen des argen­ti­ni­schen Kapitols bewusst mit dem Rücken zu den Gesetz­gebern des Landes. Er brach so mit einer Tradition, ließ die Abgeord­neten etwas düpiert auf ihrer bishe­rigen Bühne zurück und stellte sich lieber mit dem Gesicht wie bei einer Kundgebung vor zehntau­sende Anmar­schierte. Die unter­brachen ihren Helden immer wieder und skandierten Freiheits­pa­rolen. Keiner löst im gebeu­telten Argen­tinien derzeit solchen Zuspruch aus.

Was Señor Presi­dente verkündete, das war nichts Angenehmes, sondern eine Blut- und Schweissrede an eine einst wohlha­bende Nation. Der Erfolg werde nicht über Nacht kommen. Die Heraus­for­de­rungen seien angesichts der Heraus­for­de­rungen durch geleerte Staats­kassen “titanisch”.

“Kurzfristig wird es noch schlechter werden, bevor es besser wird”

Milei bat die Lands­leute um 18 bis 24 Monate Geduld, bis die Reformen greifen würden. 

Nur mit hartem Staats­sparen seien Arbeits­lo­sigkeit und Inflation (fürs laufende Jahr prognos­ti­zierte 250 Prozent) beizu­kommen, führte Milei aus. Steuern müssten gesenkt, nicht aufge­stockt werden.

Inter­essant, wie Milei in seiner ersten Präsi­di­alrede vom Libera­lismus her grund­sätzlich gegen Staats­aus­gaben wetterte und statt­dessen für mehr Geld in Privathand argumen­tierte. Das werde nach einer “Schock­phase”, die anfangs auch die ärmsten unter den 46 Millionen Argen­ti­niern treffen werde, letztlich eine Kultur der Inves­ti­tionen und Leistungs­be­reit­schaft schaffen, glaubt Milei. 

Der neue Mann im alten Präsi­den­ten­palast sparte natürlich nicht mit scharfen Angriffen auf die Vorgänger. Er sagte aber zugleich, eine neue Zeit habe begonnen, in der man nach vorne und nicht nach hinten schauen wolle. 

Ein Leuchter in dunklen Zeiten

Einer der berüh­rendsten Momente des Tages kam beim Defilee der Staats­gäste im “Rosa Haus”, dem pinkfar­benen Präsi­den­ten­palast Casa Rosada. Dort umarmte Milei den ukrai­ni­schen Präsi­denten Wolodymyr Selenskyj lang und innig. 

Der Argen­tinier überreichte dem jüdischen Kriegs­prä­sident aus der Ex-Sowjet­re­publik eigen­händig ein symbol­träch­tiges Geschenk, einen neunar­migen Chanukka-Leuchter aus argen­ti­ni­schem Silber. Das Stück passte zu Mileis Judais­mus­nei­gungen, seiner Sympathie für Israel, und einer entspre­chenden Reminiszenz in der Antrittsrede:

“Es ist kein Zufall, dass diese Amtsüber­nahme in die Zeit von Chanukka fällt, dem Fest des Lichts, und dass dieses Fest das wahre Wesen der Freiheit feiert. Der Krieg der Makkabäer ist das Symbol für den Sieg der Schwachen über die Mächtigen, der Wenigen über die Vielen, des Lichts über die Dunkelheit und insgesamt der Wahrheit über die Unwahrheit.”

Aus Mileis Rede zum Volk vor dem Kongress in Buenos Aires
“Heute hallte auf den Plätzen und Straßen von Buenos Aires das Wort ‘Freiheit’ – libertad – weithin. Und das ist es, was uns eint – die Ukraine und Argen­tinien. Wir schätzen die Freiheit wirklich, wir vertei­digen sie aufrichtig, und wir sind in der Tat bereit, die Freiheit gemeinsam zu stärken.”

Neue Achse Kiew-Buenos Aires?

Zwei Männer, die sich gefunden haben. So scheints. Der transzen­dente papst­feind­liche Katholik Milei wird – so ließ er verkünden – dem Staat Israel nach den USA den ersten Antritts­besuch widmen. Und Selenskyj, der erstmals im Leben nach Südamerika gekommen war, könnte ihn womöglich auch bald sehen. 

Auch sie waren bei Mileis Amtsein­führung u.a. da: Der eher gelang­weilt wirkende spanische König Felipe VI., Brasi­liens stur und brummig vor sich hinschau­ender Ex-Präsident Jair Bolsonaro (der linke Amtsin­haber Lula ließ sich nicht blicken), Armeniens nach Westan­schlüssen suchendes Staats­ober­haupt Wahagn Chatscha­turjan (wie Milei ein studierter Ökonom mit prakti­scher Wirtschafts­er­fahrung), Viktor Orbán aus Ungarn (der hoffte wohl auf einen natio­na­lis­ti­schen Partner in spé) und Nachbar­prä­sident Gabriel Boric aus Chile, ein radikaler Junglinker, der ganz anders tickt, als Milei, aber schon weiß, wie man Kreide frisst – auch ihn hielt Milei wie Selenskyj besonders lange im Gespräch. +++ 

Nun darf man gespannt sein. Der Mann mit der zerzausten schwarzen Haartolle wird noch durch einige Fegefeuer gehen müssen, verdammt.


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