“Europa im Blickpunkt – Wiegand wills wissen” – Kolumne für FORUM – Das Wochenmagazin. Heute: Nach der Bundestagswahl muss Deutschland in die Puschen kommen. Zugleich bahnt sich eine pikante Rivalität um die EU-Führung an. Auch Europäischer Rat, Europaparlament und Europäische Union werden umdenken müssen.

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen
Bundestagswahl Europa (Fotos: KI)
Bundestagswahl Europa
Hamburg/Berlin/Brüssel (waw) – Europa erwacht nach der deutschen Wahlnacht mit Hoffnungen im Kopf. Mit Bangen fragt es sich: Hat die wichtigste EU-Nation nach flackernden Ampeljahren genügend Energie für die Leuchtkraft als Positionslaterne? Die Erwartungen an die neue Administration mit Friedrich Merz (CDU) an der Spitze sind gewaltig. Es geht um epochale Richtungsentscheidungen.
Erstmals kann ein Bundeskanzler keine transatlantische Nibelungentreue mehr einrechnen. Die Oligarchenregierungen der USA und Russlands machen gemeinsame Sache. Will Europa nicht in ihre Fänge geraten, muss es rasch – sehr rasch! – gemeinsam marschieren.
Ein neuer Schulterschluss Deutschlands mit Frankreich ist essenziell. Der Präsident im Palais de l’Élysée steckt innenpolitisch im Schlamassel. Aber Emmanuel Macron hat Einfluss auf die Außen- und Sicherheitspolitik. Andocken ist für eine unionsgeführte Bundesregierung möglich.
Bummeln bei Partnersuche verpönt
Zugleich ist ein Sprung über den Ärmelkanal nötig: Großbritannien, die zweite europäische Atommacht, gehört mit ins Boot. Hier bahnt sich ein neuer Schulterschluss des europäischen Kontinents mit Brexit-Britannien ab.
Außerdem: Der Kitt zu unserem Nachbarland Polen muss geschlossen werden. Da hat es unter dem abgewählten Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) gehakt. Polen ist ein Land, das gerade die größte EU-Armee aufbaut – ein neues Kraftzentrum entsteht.

Möge sich in Berlin rasch eine Koalition bilden, seufzen EU-Politiker und ‑Beamte nach der Wahl. Das Ampelgehampel glich einer lahmen Ente, weniger einer Führungsmacht. Europa braucht aber einen Leitvogel. Sonst wird der 27-Staaten-Verbund dem Druck durch die USA, Russland und China nicht standhalten.
Merz könnte also bald der deutsche Kapitän werden. Das wird wohl so kommen. In diesem Fall bahnt sich auf der EU-Kommandobrücke eine pikante Rivalität an. Zur Erinnerung: In Frankreich und Deutschland gibt es machtlose Minderheitsregierungen. Aufgrund dieses Machtvakuums hatte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen das Zepter ergriffen. Nun wird unter Merkel-Gegenpart Merz wieder Berlin an EU-Einfluss gewinnen.
Wer holt die Kastanien aus dem Feuer?
Die Frage, wer das Alpha-Tier Europas gegenüber Trump, Putin und Xi ist, birgt also auch eine ganz persönlichkeitszentrierte Spannung. Merz sieht den selbstbewussten Stil von der Leyens kritisch. Diese Animosität könnte beeinflussen, ob sich Europa zusammenfügt. Erschwerend kommt hinzu: es gibt eine Art EU-Dominanz deutscher Christdemokraten. Das stößt in anderen politischen Familien auf Skepsis.
Eines ist klar: Was sich in den nächsten Wochen bei den Parteisondierungen in Berlin auspendelt, wird Europas Agenda durchdringen. Trump’sche Truppen werden keine Kastanien mehr aus der Glut holen. Schafft es der künftige Kanzler, die Feuerzange ohne größere Verbrennungen zu hantieren? Wenn ja, dann kann Friedrich Merz einer der Großen werden.
Eine Kolumne von Wolf Achim Wiegand, freier Journalist mit EU-Spezialisierung
Demnächst mehr aus Europa.
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