Europa Bürokratie: “Im Blick­punkt – Wiegand wills wissen” – Kolumne für FORUM – Das Wochen­ma­gazin. Heute: Europas Sozial­de­mo­kraten stehen am Schei­deweg. Ihre einstige Gestal­tungs­kraft schmilzt dahin. Noch nie war der Einfluss von SPD & Co. so bedroht wie heute.… Dazu habe ich eine Meinung. 

Europa Bürokratie

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

Europaflaggen

Von Wolf Achim Wiegand

Europa Sozial­de­mo­kraten Krise

Europa Sozial­de­mo­kraten Krise

Moin, liebe Mitmen­schen in Europa,

Sie können einem leidtun: die Sozial­de­mo­kraten in Europa. Fast überall verlieren sie an Gewicht – nicht nur an den Wahlurnen. Mit Pedro Sánchez (Spanien), Mette Frede­riksen (Dänemark) und Robert Abela (Malta) führen sie in den 27 Mitglieds­staaten nur noch drei Regie­rungen an. Wie ein letztes Aufbäumen wirkt nun die Überlegung der Sozial­de­mo­kraten im EU-Parlament, den nächsten Sieben­jah­res­haushalt zu blockieren.

Die Haushalts­de­batte wird zum Lackmustest, ob die Sozial­de­mo­kraten wieder als strate­gische Kraft auftreten können – oder endgültig im Abwehr­modus verharren. – Politik­wis­sen­schaftler Nicolai von Ondarza sieht die Lage nüchtern.

Die Kommission plant für 2028–2034 einen Etat-Radikal­umbau: Verein­fa­chungen, Entbü­ro­kra­ti­sierung, Inves­ti­tionen – etwa durch Zusam­men­legung von 14 Fonds in einen neuen. Die sozial­de­mo­kra­tische Antwort darauf wirkt fanta­sielos: neue Eigen­mittel, stärkere Sozial­fonds, Klima­schutz. Die rote Linie ist ohnehin blass, weil S&D schon bei anderen Projekten laut geschimpft hat und dann doch beigedreht ist.

Die Sozial­de­mo­kraten sitzen in der Defensive fest, weil sie keine überzeu­gende Vision mehr haben, die über Umver­teilung hinausgeht. – So urteilt der konser­vative Europa­ab­ge­ordnete Markus Pieper (EVP) über die Sozialdemokraten.

Europa Sozial­de­mo­kraten Krise

Anders als früher gab es in Brüssel dieses Mal kaum echte Budget­kon­sul­ta­tionen mit der S&D‑Fraktion – eine ärger­liche Brüskierung für die 136 Abgeord­neten der immerhin zweit­größten Kraft. Dabei waren die gemäßigten Linken jahrzehn­telang aktive Archi­tekten des europäi­schen Projekts. Sie waren größte oder zweit­größte Gestal­ter­fraktion, häufig in Schlüs­sel­rollen wie Präsi­dent­schaft, Bericht­erstatter oder Vorsitz wichtiger Ausschüsse.

Grafik: So schwindet der Einfluss der EU-Sozialdemokraten

Heute stehen die Sozial­de­mo­kraten vor einem Dilemma: 

Sie wollen gestalten, agieren aber meist defensiv als Getriebene konser­va­tiver Agenden. Rechts von SPD & Co besetzt man Themen wie Sicherheit, Migration, Wettbe­werbs­fä­higkeit geschlossener. 

Das Flirten der Christ­de­mo­kraten unter dem unauf­hörlich einfluss­reicher werdenden Manfred Weber (CSU) klemmt die Sozis trotz Koope­ration mit von der Leyens Partei in eine zöger­liche Fast-Opposi­ti­ons­rolle. Der Raum für Soziales – Umver­teilung, soziale Gerech­tigkeit, mehr Europa – ist geschrumpft. 

Iratxe García Pérez / Foto: Euractiv

Europa Sozial­de­mo­kraten Krise

Wir dürfen nicht länger nur reagieren, sondern müssen endlich selbst die Agenda bestimmen. – Iratxe García Pérez, Frakti­ons­chefin der Sozial­de­mo­kraten im EP befürchtet: „Sonst bleiben wir Zuschauer.“

Ob die Sozial­de­mo­kraten nun den Haushalts­streit zumindest für ein Aufmerk­sam­keits-Comeback nutzen können, hängt davon ab, ob sie Konflikte aushalten und zuspitzen können. Es geht um mehr als einen takti­schen Schlag­ab­tausch. Der Punch, den sie setzen, entscheidet, ob Sozial­de­mo­kraten in der EU weiter mitspielen – oder Zuschauer bleiben.


Europa Sozial­de­mo­kraten Krise

Fazit

Die europäi­schen Sozialdemokrat:innen stehen zurzeit am Scheideweg:

  • Politisch wirken sie defensiv, statt selbst­be­wusst zu gestalten.
  • Ihre parla­men­ta­rische Präsenz befindet sich auf einem histo­ri­schen Tiefpunkt.
  • Strate­gisch fehlt es ihnen an einer Vision, die über Abgrenzung nach rechts hinausreicht.

Damit wachsen die Zweifel, ob sie im EU-Parlament weiter als gestal­tende Kraft auftreten – oder zu reinen Reagie­renden werden.

Eine Meinung von Wolf Achim Wiegand, freier Journalist mit EU-Spezialisierung

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