Europa Urlaub Tourismus: Die Ferien­in­dustrie boomt wieder – doch der Preis steigt: Wohnraum für Einhei­mische in Ballungs­ge­bieten wird knapp, Städte sind überlastet, die Umwelt auch. Massen­tou­rismus hat erheb­liche Schat­ten­seiten. Aber ihm zu entkommen ist schwierig… – Meine Analyse.

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

Von Wolf Achim Wiegand

Europa Urlaub Tourismus

Hamburg/Brüssel/Barcelona (waw) – Der Sommer steht vor der Tür – für viele Europäer die wichtigste Zeit des Jahres. Millionen reisen an Küsten, in Städte, auf Inseln. Urlaub gilt als Selbst­ver­ständ­lichkeit. Als Ausdruck von Freiheit, Wohlstand, Lebensqualität. 

Doch dieses Modell gerät zunehmend unter Druck.Was lange als Erfolgs­ge­schichte galt, zeigt immer deutlicher seine Schat­ten­seiten.

Der Tourismus in Europa hat nach Angaben der World Tourism Organization (UNWTO) bereits wieder nahezu das Vorkri­sen­niveau erreicht, mit hunderten Millionen inter­na­tio­nalen Ankünften pro Jahr. 2025 war ein weiteres Rekordjahr für den EU-Tourismus. Die Statistik verzeichnet fast 3,1 Milli­arden Übernach­tungen in Beher­ber­gungs­be­trieben – ein Anstieg um 2,2 % oder 66,4 Millionen Buchungen mehr als im Jahr 2024.

Wohnraum unter Druck

Gerade diese Dynamik verstärkt aber die Probleme: Besonders sichtbar wird das beim Boom von Kurzzeit­ver­mie­tungen. Laut Reuters sind die Buchungen über Platt­formen wie Airbnb zuletzt zweistellig gewachsen. Gut für Tourismus – schlecht für Einhei­mische: Normaler Wohnraum wird knapp, die Mietpreise in Metro­polen wie Lissabon, Amsterdam oder Berlin schießen für die Bevöl­kerung in die Höhe.

Crowded beach with colorful umbrellas, people sunbathing and swimming, cruise ships in the bay

Massen­tou­rismus verändert Städte und Regionen. Er treibt Preise und verdrängt Altein­ge­sessene. Studien der OECD zeigen, dass in stark frequen­tierten Städten kurzfristige Vermie­tungen und touris­tische Nachfrage erheblich zur Verknappung von Wohnraum beitragen.

Die Regie­rungen auf allen Ebenen müssen bei der Gestaltung der Touris­mus­ent­wicklung ihren Beitrag leisten, um diesen Heraus­for­de­rungen zu begegnen, die Chancen zu nutzen und bessere Ergeb­nisse zu erzielen.OECD

Barcelona als Brennpunkt

Orte, einst für ihre Authen­ti­zität geschätzt, werden zunehmend zur Kulisse einer globalen Freizeit­in­dustrie. Die Stadt Barcelona gilt als promi­nentes Beispiel:

Laut Stadt­ver­waltung der katala­ni­schen Haupt­stadt ist ein erheb­licher Teil der Mietpreis­stei­ge­rungen der vergan­genen Jahre auch auf touris­tische Nutzung zurück­zu­führen. Bürger­meister Jaume Collboni hat wie seine Vorgän­gerin schon vor Jahren öffentlich erklärt, man müsse „den Tourismus begrenzen“, um die Stadt lebenswert zu halten. 

Solche Maßnahmen sind in Barcelona: Verbot von Ferien­woh­nungen, Ausbau des sozialen Wohnungsbaus, Mietpreis­de­ckelung sowie Vorkaufs­recht bei Immobilien. Kritiker, darunter Inves­toren, argumen­tieren hingegen, diese Maßnahmen verknappten nur das Angebot und gefährde Arbeits­plätze. Fakt ist: Barce­lonas Bautä­tigkeit ist auf ein Zehnjah­restief gesunken, was die Wohnungsnot teilweise verschärft.

Europas Süden unter Dauerstress

Südliche Städte und Regionen tragen am meisten unter der Belastung von Massen­tou­rismus. Gegenden mit hoher touris­ti­scher Inten­sität – etwa die kroatische Adria­küste oder die Balearen – verzeichnen extrem hohe Besucher­zahlen im Verhältnis zur Bevöl­kerung. In manchen Regionen liegt die touris­tische „Dichte“ bei über 50.000 Übernach­tungen pro 1.000 Einwohner.

Gleich­zeitig zeigt sich die wirtschaft­liche Abhän­gigkeit touris­ti­scher Hotspots. Kroatien ist mit einem Anteil von etwa einem Viertel (ca. 25 %) des Brutto­in­lands­pro­dukts (BIP) das europäische Land, das am stärksten vom Tourismus abhängig ist. Auch Griechenland, Zypern und Portugal zählen zu den EU-Staaten, in denen der Touris­mus­sektor eine besonders hohe wirtschaft­liche Bedeutung hat. In Spanien trägt der Tourismus mit immerhin fünf Prozent zum Brutto­so­zi­al­produkt bei. 

Die Massen ziehen nach Norden

Auch als abgelegen vermutete Regionen sind unter Druck.

Ein Besuch in der Vor- oder Nachsaison (Frühling/Herbst) wird dringend empfohlen. – Reiseexperten.

Klimabelastung als Zielkonflikt

Hinzu kommt in ganz Europa die ökolo­gische Dimension: Der Verkehrs­sektor zählt zu den größten Treib­hausgas-Verur­sa­chern Europas – und ausge­rechnet der Flugverkehr wächst laut European Environment Agency besonders schnell. Zusätzlich stehen Kreuz­fahrten in der Kritik: Eine Analyse der Umwelt­or­ga­ni­sation Transport & Environment zeigt, dass große Kreuz­fahrt­schiffe zu große Mengen an Schwe­fel­oxiden und CO₂ ausstoßen.

Während die EU also ambitio­nierte Vorgaben zur Emissi­ons­re­duktion formu­liert, bleibt der Tourismus ein Bereich, in dem der Ressour­cen­ver­brauch weiter steigt. Europas Reisestil steht damit im direkten Wider­spruch zu den eigenen Klima­zielen des European Green Deal.

Warum ein Kurswechsel schwerfällt

Aber ein Ausstieg aus dem Massen­tou­rismus ist schwierig. Er ist ein komplexes Zusam­men­spiel aus wirtschaft­licher Abhän­gigkeit, indivi­du­ellem Wunsch nach Reisen und struk­tu­rellen Rahmen­be­din­gungen. Ganze Volks­wirt­schaften hängen am Tourismus. Gerade in Südeuropa ist er nicht nur ein Wirtschafts­zweig, sondern ein Stabi­li­täts­anker – mit Millionen Arbeits­plätzen und enormer Bedeutung für Wachstum und Staatseinnahmen. 

In Ländern wie Griechenland, Spanien oder Kroatien trägt der Touris­mus­sektor laut Eurostat teils über 20 Prozent zum Brutto­in­lands­produkt bei. Und ein Großteil der Reisenden wünscht sich weiterhin bequeme, günstige “All-inclusive”-Angebote, die typisch für den Massen­tou­rismus sind. Ein grund­le­gender Kurswechsel ist damit politisch wie ökono­misch schwer durchzusetzen.

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Zwischen Freiheit und Verantwortung

Der Wunsch nach Erholung kolli­diert insofern mit Belas­tungs­grenzen unseres Planeten – und mit dem Wunsch von Millionen, ihre Heimat möge nicht verschandelt werden, auch wenn ihre Region abhängig vom Tourismus ist.

Die zentrale Frage bleibt ungelöst: Wie lassen sich indivi­duelle Freiheit und kollektive Verant­wortung verein­baren? Die Antworten fallen wider­sprüchlich aus:

  • Venedig: Einführung einer Eintritts­gebühr für Tages­tou­risten (bis zu 10 € an stark frequen­tierten Tagen wie Wochenenden).
  • Paris: Starke Erhöhung der Eintritts­preise für Top-Sehens­wür­dig­keiten wie den Eiffelturm (+50%) zur Finan­zierung von Sanierungen.
  • Amsterdam: Verbot des Baus neuer Hotels, um das Wachstum der Betten­ka­pa­zi­täten zu stoppen.
  • Wien: Begrenzung der Kurzzeit­ver­mietung von Wohnungen auf maximal 90 Tage pro Jahr.
  • Hallstatt (Öster­reich): Zeitweises Aufstellen von Sicht­schutz­wänden an beliebten Fotopunkten, um Selfie-Tourismus zu unterbinden.

Andere Regionen setzen weiterhin unver­drossen auf Wachstum und erhoffen neue Zielgruppen. Denn Regulierung bleibt letztlich unpopulär – sowohl bei Anbietern als auch bei Reisenden.

Ein Sommer wie jeder andere…?

Urlaub ist angesichts der Folgen von Massen­tou­rismus längst ein aktuelles Politikum. Es spiegelt Europa im Spannungsfeld zwischen Wohlstand und Wandel, zwischen Offenheit und Überfor­derung. Und doch:

Der Sommer wird kommen, die Strände werden voll sein und die Flüge ausge­bucht. Das Wandern ist eben “des Müllers Lust”. Gönnen wir’s ihm – wohl wissend, dass Europa einen Preis bezahlt.

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