Fußball Europa WM Bilanz: Europa hat die Fußball-WM 2026 sportlich klar dominiert. Doch Kommerz, Politik und die Rolle der FIFA werfen Fragen auf. Und Deutschland wird inter­na­tional kaum noch wahrge­nommen. – Analyse.

Europa im Blick­punkt
Wiegand wills wissen

Turnier der Superlative – zwischen Fußballfest, Kommerz und Kontroversen

Von Wolf Achim Wiegand (Bilder: KI)

Fußball Europa WM Bilanz

Hamburg/Brüssel/Jerusalem (waw) – Abpfiff. Nach 30 Tagen. Sie ist beendet, die Fußball-WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko. Der Sieger ist gekürt: Spanien besiegt in fast letzter Minute Argen­tinien (1:0).

Auf dem Final-Spielfeld – wo es erst nach 85 Minuten drama­tisch wurde – liegt nun eine Erkenntnis, die viele vor dem Turnier so nicht erwartet hätten: Europa dominiert den Weltfußball mehr denn je.

Drei der vier Halbfi­na­listen kamen aus Europa: Spanien, Frank­reich und England. Nur Argen­tinien schaffte es, die europäische Wagenburg zu durch­brechen, wurde Vize-Weltmeister. Dass sich aber mit Spanien das europäische Team der letzten Vier durch­ge­setzt hat, das ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis jahre­langer Nachwuchs­arbeit, profes­sio­neller Ligen und einer Leistungs­dichte, von der andere Konti­nente derzeit nur träumen können.

Wer geglaubt hatte, Jetlag, Hitze und riesige Entfer­nungen würden Europas Mannschaften ausbremsen, muss seine Theorien spätestens jetzt in die Eistonne treten.

48 Teams? Na und?

Auch eine zweite Prophe­zeiung hat sich in Luft aufgelöst. Als die FIFA die Weltmeis­ter­schaft von 32 auf 48 Mannschaften aufblähte, war das Geschrei groß (auch bei mir). Zu viele Spiele, zu viele schwache Teams, zu viel Lange­weile – so lautete das Mantra von uns Traditionspuristen.

Passiert ist etwas anderes. Außen­seiter wie Kap Verde, Norwegen oder Bosnien-Herze­gowina sorgten für frische Geschichten. Die K.-o.-Runde blieb hochklassig, spannend und überra­schend. Das neue Format hat dem Turnier eher genutzt als geschadet.

Man muss (und kann) Gianni Infantino nicht mögen – aber ausge­rechnet diese Reform ist besser gelungen als viele ihrer Kritiker wahrhaben wollen.

Heimliche Sieger: Visa, Coca-Cola und FIFA

Damit sind wir aller­dings beim größten Problem dieser Weltmeisterschaft.

Noch nie wirkte eine WM derart durch­kom­mer­zia­li­siert. Zwischen Sponsoren, VIP-Lounges, Hospi­tality-Paketen und Marketing-Shows geriet der Fußball stellen­weise zur Nebensache. 

Was sollte zum Beispiel der Bruch mit den eigenen Regeln, den die FIFA mit der langat­migen 25-minütigen Show zur Halbzeit des Finale eingebaut hatte? Da “hetzten” Madonna, Shakira und Justin Bieber durch Arena und wirkte so richtig deplat­ziert. Wieso wurde die vorge­schriebene 15-Minuten-Pause zur Langun­ter­bre­chung – selbst der kleinste Dorfki­ckerclub darf so einen Regel­verstoß nicht einbauen…

Eine kleine Horror-Show… – so erbar­mungslos kanzelt die Neue Zürcher Zeitung die Pausenshow ein

Auch die “Trink­pausen” gehörten nicht zum Spiel. Sie waren aber wunder­volle TV-Spot-Lücken für Sponsoren wie Visa oder Coca-Cola – und für die FIFA-Kasse.

“Es gibt viel Kritik, viele Vorwürfe, aber nichts davon bleibt wirklich haften,” meint Sportökonom Dominik Schreyer von der WHU – Otto Beisheim School of Management.

Klar – die Veran­stalter sind auf ihre Kosten gekommen. Keine Frage. Der Preis: Die Stadien aber wurden zur Hochglanz­ku­lisse für ein Milli­ar­den­produkt, das sich immer weiter von den Fans entfernt.

Stichwort Entfernung: Wer mehrere Spiele vor Ort besuchen wollte, musste nicht selten Tausende Dollar inves­tieren – für Tickets, Flüge und Hotels. So ist Fußball wahrlich kein Volks­sport mehr. Das ist Fußball als Premi­um­produkt für Kredit­karten mit Platinstatus.

Es war eine WM für ein paar Glück­liche – Ronan Evain, Fanver­ei­nigung Football Supporters Europe

Mehr Spiele, mehr Flüge, mehr Politik – und weniger Nähe zu den Fans – ZDF heute

Infantino und Trump – ein Duo, das viele verstörte

Und dann noch das: Fast noch mehr Diskus­sionen als der Fußball selbst löste die politische Insze­nierung aus. Gianni Infantino präsen­tierte sich während des gesamten Turniers auffallend häufig an der Seite von US-Präsident Donald Trump, beim Finale saß er neben seinem Gönner. Was als höfliche Nähe eines Sport­funk­tionärs verkauft wurde, wirkte vielerorts wie eine politische Allianz.

Europas Medien reagierten auf solche Vorgänge zunehmend irritiert: 

FIFA in der Kritik: Trump-Anbie­derung auf peinlichste ArtDeutsch­landfunk

Die umstrittene FIFA-Begna­digung von US-Stürmer Folarin Balogun offen­sichtlich nach einem Trump-Anruf bei Infantino “überschritt eine rote Linie,erklärte der europäische Fußball­verband UEFA. In Großbri­tannien wurden Stimmen laut, die UEFA müsse ihre Abhän­gigkeit von der FIFA grund­sätzlich überdenken. Selbst Austritts­sze­narien machten die Runde.

Infantinos faustischer Handel mit Trump hat die größte Bühne des Fußballs beschädigtThe Guardian

Natürlich wird heute und auch nicht morgen niemand aus der FIFA austreten. Aber wenn ein Weltverband mehr Schlag­zeilen wegen seines Präsi­denten produ­ziert als wegen seiner Entschei­dungen, läuft etwas gewaltig schief.

Amerika kann Mega-Events – aber keine Fußballromantik

Ja, organi­sa­to­risch funktio­nierte vieles beein­dru­ckend. Moderne Stadien, perfekte Technik, profes­sio­nelle Abläufe. Die USA haben zwar trotz Trump-Befehls zum Sieg nicht gesiegt – aber die Ameri­kaner sind schließlich schon immer Show-Weltmeister.

Doch zwischen Vancouver, New York, Dallas und Mexiko-Stadt liegen nicht nur Tausende Kilometer, sondern auch mehrere Zeitzonen. Fans wurden zu Vielfliegern wider Willen, Mannschaften zu Dauer­rei­senden. Die WM fühlte sich oft weniger als ein gemein­sames Turnier an als wie eine Anein­an­der­reihung einzelner Großveranstaltungen.

Europäische oder südame­ri­ka­nische Turniere leben davon, dass Fans mit dem Zug oder Auto durchs Gastge­berland reisen können. In Nordamerika brauchte man dafür eher einen Langstre­ckenjet. So kommt kein richtiger Turnier-Mood auf.

Und Deutschland?

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Ach, ja! Das Schicksal der deutschen Elf inter­es­siert außerhalb Deutsch­lands kaum jemanden. Diese bittere Erkenntnis betrifft ausge­rechnet den vierma­ligen Weltmeister.

Deutschland schied bereits im Sechzehn­tel­finale gegen Paraguay aus. Früher hätte das weltweit tagelang die Schlag­zeilen beherrscht. Diesmal? Kaum Resonanz.

Das eigent­liche Problem ist nicht das deutsche Ausscheiden an sich. Das passiert selbst großen Fußball­na­tionen. Das Problem ist die neue Gleich­gül­tigkeit der Welt.

Während über Spaniens Traum­fußball, Frank­reichs Talent­schmiede oder Englands Renais­sance disku­tiert wird, taucht Deutschland inter­na­tional immer seltener als ernst­hafter Titel­kan­didat auf.

Das ist vermutlich – aus deutscher Sicht – die härteste Niederlage dieser Weltmeis­ter­schaft. Ob Kloppo das wieder richten kann?

Fans müssen Sieger sein!

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Die Bilanz fällt im Ganzen gesehen wider­sprüchlich aus: 

Sportlich hat Europa diese Weltmeis­ter­schaft klar gewonnen. Organi­sa­to­risch war Nordamerika ein leistungs­fä­higer Gastgeber. Das neue 48er-Format der FIFA funktio­nierte überra­schend gut.

Aber: Verloren hat der Fußball als Kulturgut.

Der Sport wurde noch stärker zum globalen Unter­hal­tungs­produkt, zum Premium-Event, zum Milli­ar­den­business. Die FIFA verkauft heute nicht mehr nur ein WM-Turnier – sie verkauft ein Show-Spektakel. Die Goldtaler regnen.

… sondern wegen des Spiels.

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