Geiselnahmen Israel Palästina: Von Ma’alot bis Gaza 2025 – das Gefangennehmen und Quälen unschuldiger Menschen als Geiseln war für Palästina-Terroristen immer ein Kampfmittel gegen Israel . Meistens erfolglos. Und oft blutig. – Mein Hintergundbericht.
Geiselnahmen Israel Palästina
Von Wolf Achim Wiegand
(Titelfoto: Trauer und Schmerz nach dem misslungenen Einsatz Veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-SA 3.0 – Quelle: IDF Spokesperson’s Unit / CC BY-SA 3.0 – Veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-SA 3.0
Hamburg / Madrid (waw) – “Es tut mir leid, Liebling, wir werden jetzt sterben.” Das sagt Danielle Aloni ihrer fünfjährigen Tochter und drückt zitternd das Mädchen feste an sich. “Mama, bitte stirb nicht”, wimmert die Kleine.
Es ist der Morgen des 7. Oktober 2023. Danielle und ihre Familie hocken wegen Stromausfalls im pechschwarzen Schutzraum des israelischen Kibbuz Nir Oz. Dort hatten sie Schutz gesucht, als die Sirenen heulten. Draußen brennt das Haus. Rauch dringt in die Lungen. Danielle hört Schüsse, Gefechtslärm und Gebrüll. Dann verliert sie vorübergehend das Bewusstsein.
Ich habe angefangen, herumzuschreien und zu weinen.
Später muss die Familie wegen des dichten Rauchs ins Freie. Sofort zerren arabische Terroristen mit Kalaschnikows sie in Jeeps und preschen nach Gaza. Dort wird die Familie auseinandergerissen. Die Entführer schlagen Danielle vor einer johlenden Menge, Die Menschen spucken, machen Handyfotos. Später muss die Israelin mit ihrer Tochter kilometerlang durch modrige Tunnelgänge laufen – und landet schließlich für sieben hoffnungslos lange Wochen in einem unterirdischen Verlies.
Nach endlos erscheinender Zeit kommen Mutter und Tochter traumatisiert frei.

Ihre Erlebnisse erzählt Danielle später einer Reporterin. Ein erzwungenes Foto zeigt sie (Mitte) mit anderen entführten Frauen in Geiselhaft.
Geiselnahmen Israel Palästina
Menschen als Pfand – Die dunkle Logik der Geiselnahmen
In den vergangenen Jahrzehnten sind unzählige Israelis zu Spielfiguren in einem tödlichen Konflikt geworden. Schüler, Touristen, Soldaten, ganze Familien – Geiselnahmen gehören seit den 1970er-Jahren zu den grausamsten Ausdrucksformen des Nahostkriegs. Sie sind das Sinnbild einer Eskalation, in der Menschen zu Symbolen werden: für Macht, Angst, Hoffnung oder Rache. Doch woher stammt diese Praxis? Ist sie religiös begründet, strategisch kalkuliert – oder das verzweifelte Mittel einer Bewegung, die sich ohnmächtig fühlt?
Zwischen Theologie und Taktik
Wer islamische Quellen studiert, findet keine religiöse Rechtfertigung für Geiselnahmen. Der Koran spricht über Kriegsgefangene, nicht über Entführungen Unschuldiger. In Sure 47, Vers 4 heißt es, man solle Gefangene „aus Gnade freilassen oder gegen Lösegeld austauschen“ – gemeint sind jedoch Kriege zwischen Heeren, nicht der Überfall auf Zivilisten. Auch Sure 8, Vers 67 schränkt Gefangennahme ein, solange ein Krieg nicht entschieden ist.
Die islamische Jurisprudenz erlaubt also den Austausch von Kriegsgefangenen, nicht aber das Kidnapping unbeteiligter Menschen. Geiselnahmen sind keine religiöse Handlung – sie sind eine politische. Eine Waffe der Schwachen im asymmetrischen Kampf.
Und doch berufen sich radikale Gruppen wie Hamas oder DFLP auf religiöse Symbolik, um ihre Aktionen zu legitimieren. Sie benutzen Glauben als Rhetorik, um ihre Machtstrategien moralisch zu bemänteln. Mehr Propaganda als Theologie.
Die politische Logik: Druck, Sichtbarkeit, Kontrolle
Warum greifen palästinensische Organisationen zu Geiselnahmen?
Weil sie – tragischerweise – funktionieren.
Eine Geisel ist in solchen Konflikten mehr als nur ein Mensch. Sie ist Hebel, Botschaft und Bühne zugleich. Ein einziger spektakulärer Zugriff reicht, um die Weltöffentlichkeit zu fesseln, politische Forderungen hörbar zu machen oder Verhandlungen zu erzwingen.

Geiselnahmen Israel Palästina
Für Gruppen, die sich über Jahrzehnte in einer aussichtslosen Lage sahen – militärisch unterlegen, diplomatisch isoliert, wirtschaftlich entrechtet –, wurde Gewalt zum letzten Mittel der Sichtbarkeit. Jede Entführung sollte beweisen: Wir existieren, und ihr müsst uns wahrnehmen.
Für Israel dagegen ist jede Geisel zugleich ein nationales Trauma. Der Staat definiert sich als Garant der Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger. Wenn Menschen entführt werden, trifft das nicht nur Familien, sondern das Selbstverständnis eines ganzen Landes.
Und gerade diese moralische Verpflichtung – kein Opfer zurückzulassen – macht Geiseln zu einem mächtigen Druckmittel. Ein grausames Spiel zwischen Verantwortung und Erpressung.
Von Ma’alot bis Gaza: Eine Chronik der Erpressung
⟩⟩ Die Geschichte dieser Taktik beginnt 1974 im nordisraelischen Ma’alot. Drei Mitglieder der Demokratischen Front für die Befreiung Palästinas (DFLP) stürmen eine Schule. Sie nehmen über hundert Schüler und Lehrer als Geiseln. Sie fordern die Freilassung palästinensischer Häftlinge. Die israelische Armee greift ein – doch die Befreiung endet in einer Katastrophe. 25 Menschen sterben, darunter 22 Kinder. Die Forderungen bleiben unerfüllt, aber die Täter erreichen ihr eigentliches Ziel: weltweite Aufmerksamkeit.
⟩⟩ Am 13. Dezember 1992 wurde der Grenzpolizist Nissim Toledano etwa um 4:30 Uhr morgens in Lod von einer Hamas-Zelle entführt, als er zur Arbeit ging. Die Entführer forderten die sofortige Freilassung des Hamas-Gründers Ahmed Yassin. Israel weigerte sich darüber zu verhandeln ohne Beweise dafür, dass Toledano noch lebt. Zwei Tage später wurde sein Leichnam nahe der Siedlung Kfar Adumim in der Westbank gefunden – gefesselt, erstochen und mit Strangulationsspuren.



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⟩⟩ Zwei Jahrzehnte später, 1994, entführt die Hamas den 19-jährigen israelischen Soldaten Nachshon Wachsman. Auch diesmal ist das Motiv politisch: die Freilassung Gefangener. Als Israels Armee das Versteck stürmt, ist Wachsman bereits tot – ermordet durch einen Kopfschuss. Kein politischer Gewinn, aber eine symbolische Inszenierung: Opfer hier, Märtyrer dort.
⟩⟩ 2006 dann der bekannteste Fall: Gilad Shalit. Fünf Jahre lang hält die Hamas den israelischen Soldaten gefangen. Als er 2011 freikommt, ist der Preis enorm: Israel tauscht ihn gegen über tausend palästinensische Häftlinge aus. In Israel wird Shalit als Held empfangen – in Gaza feiern Familien die Heimkehr ihrer Söhne. Ein menschliches Drama, das beiden Seiten als Sieg erscheint – und doch den moralischen Abgrund vertieft.
Das Signal, das daraus hervorging, wirkt bis heute nach: Geiselnahmen können wirken.
Oktober 2023 – Das Echo der Vergangenheit
Als Hamas-Kämpfer am 7. Oktober 2023 israelisches Territorium überrennen, wiederholt sich die Geschichte in erschütternder Dimension. Hunderte Zivilisten werden verschleppt – Frauen, Kinder, Alte. Menschen, die zu Pfändern eines Kriegs werden, den sie nie wollten.
Wieder folgen Verhandlungen, Waffenruhen, Tauschgeschäfte. Einige Geiseln kehren heim, andere bleiben verschwunden – ihr Schicksal ungewiss. Jede Nachricht über Freilassung oder Tod geht durch alle israelischen Medien, durchdringt jede Familie. Und in Gaza wächst mit jeder israelischen Militärreaktion das Leid der Zivilbevölkerung.
Beide Seiten zahlten einen Preis, der sich kaum ermessen lässt – in Angst, Trauer, Entfremdung.

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Kein Halt vor Ausländern
In den 70er Jahren nahm der palästinensische Terror eine neue Qualität an: Entführungen wurden zu politischem Instrument und Bühne zugleich. Nicht nur Israelis gerieten ins Visier; auch Ausländer – Diplomaten, Piloten, Geschäftsleute – wurden verschleppt.
Im Libanon beispielsweise hielten militant agierende Gruppen deutsche Manager monatelang als Geiseln. Darunter war der Hoechst-Vertreter in dem Land, Gerhard Cordes (siehe mein damaliger ZDF-Bericht aus Beirut). Der Ingenieur blieb 605 Tage – zwanzig Monate! – in Gefangenschaft.
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Diese Aktionen dienten dazu, Aufmerksamkeit zu erzwingen, politische Entscheidungen zu beeinflussen und internationale Öffentlichkeit durch Schrecken zu mobilisieren. Sie markierten zugleich das Ende jeder moralischen Legitimation. Wo einst ein Anspruch auf Befreiung und Selbstbestimmung stand, trat nun das kalkulierte Spiel mit Angst.
Die Geisel selbst wurde zur Botschaft – die Bewegung begann, den moralischen Boden zu verlieren, den sie einst für sich beanspruchte. In den Kellern Beiruts, auf den Startbahnen entführter Flugzeuge, zerfiel die Idee von politischem Widerstand zu einem Ritual der Einschüchterung.
Von hier aus war es nur noch ein kleiner Schritt zur Radikalisierung. Sie verwischte bald jede Grenze zwischen militärischem Ziel und zivilem Opfer. Der Terror hatte seine eigene Logik gefunden – eine Logik, die nicht mehr nach Gerechtigkeit suchte, sondern nach Wirkung.
Historische Schatten auf die Gegenwart
Diese frühen Formen der Gewalt werfen bis heute lange Schatten. Die Erfahrung, dass Geiselnahmen und Entführungen internationale Aufmerksamkeit erzwingen können, prägt noch immer die Strategien terroristischer Gruppen.
Jede Entführung, jeder Anschlag war und ist zugleich Botschaft und Machtdemonstration – ein moralischer Bruch, der sich bis heute fortsetzt.
Für Europa, Deutschland und andere westliche Staaten bedeutet dies, dass Konflikte im Nahen Osten nie rein lokal bleiben. Die Methoden der Einschüchterung erschweren bis heute diplomatische, wirtschaftliche und humanitäre Interventionen.
Die Lektion ist klar: Wer die Vergangenheit ignoriert, versteht weder die Dynamik noch die Risiken aktueller Eskalationen – und bleibt anfällig für die politischen wie moralischen Herausforderungen, die daraus erwachsen.
Zivile Opfer bleiben ein beliebtes Druckmittel. Wer heute diplomatisch, wirtschaftlich oder humanitär handelt, muss diese Geschichte kennen – nur so lassen sich die Schatten der Vergangenheit in realpolitische Verantwortung und wirksames Handeln übersetzen.
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Psychologische Kriegsführung
Geiselnahmen sind mehr als physische Gewalt. Sie sind psychologische Operationen – ein Angriff auf das Sicherheitsgefühl ganzer Gesellschaften.
- Für Israelis bedeutet jede Entführung die Wiederkehr eines kollektiven Traumas: das Gefühl, niemals wirklich sicher zu sein.
- Für Palästinenser, die in Enge und Ohnmacht leben, wird die Geisel zur Stimme der Machtlosigkeit – ein tragischer Versuch, Kontrolle über das eigene Schicksal zu gewinnen.
So entsteht eine Spirale aus Angst und Vergeltung. Israel reagiert mit Härte, weil es die Schwäche nicht zeigen darf. Hamas setzt auf neue Geiseln, weil Härte wiederum ihre Macht bestätigt. Zwischen beiden steht die Zivilbevölkerung – die eigentliche Geisel dieses endlosen Konflikts.
Jede Entführung sendet die Botschaft: Wir können euch überall treffen, selbst in euren Häusern. Die Unsicherheit, die daraus entsteht, frisst sich tief in das kollektive Bewusstsein einer Gesellschaft. Israel hat darauf stets mit einer Mischung aus Härte und Empathie reagiert – militärisch kompromisslos, menschlich verletzlich.
Für palästinensische Gruppen ist diese doppelte Reaktion kalkuliert: Sie wissen: Israel kann niemals „aufhören“, seine Geiseln zu suchen. Und jeder Austausch stärkt ihr Ansehen im eigenen Lager. In den Straßen von Gaza werden Gefangenenaustausche als „Sieg über den Feind“ gefeiert – unabhängig davon, wie viele Zivilisten auf beiden Seiten sterben mussten.

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Moralische Sackgasse
Jede Entführung bringt kurzfristige Aufmerksamkeit – und langfristige Verluste. Mit jeder Geisel schwindet das Vertrauen, das für jede politische Lösung nötig wäre. Selbst in der arabischen Welt wächst die Distanz zu dieser Form des Kampfes.
Die ursprünglichen Ziele – Selbstbestimmung, Menschenwürde, Gerechtigkeit – verblassen hinter der Logik des Schreckens. Und Israel, gefangen zwischen Empathie und militärischem Kalkül, verliert auf der anderen Seite das Gefühl, jemals Frieden schließen zu können.
So bleibt am Ende das, was Geiselnahmen immer hinterlassen: Schmerz, Angst und Zynismus. Die Spirale aus Aktion und Reaktion dreht sich weiter, ohne dass am Ende etwas gewonnen wäre.
Zwischen Theologie und Taktik
Bleibt also die Frage, ob es sich bei Geiselnahmen aus Sicht der islamistischen Täter um einen religiösen Auftrag handelt oder um eine rein politische Praxis. Als sie begannen, waren sie wohl eher als eine Art Guerillataktik gedacht, inspiriert von Fantasien eines antikolonialistischen Freiheitskampfes im Sinne ihrer sowjetischen Unterstützer.

Foto: Palästinensische Terroristen haben im September 1970 vier Flugzeuge nach Jordanien entführt. Während die Mehrheit der 310 Geiseln freigelassen wurde, trennten die Gewaltäter die Crews und 56 jüdischen Passagiere voneinander. Am 12. September, noch vor Ablauf der angekündigten Frist, sprengte die PFLP die leeren Flugzeuge.
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Flugzeugentführungen waren in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren weit verbreitet. Höhepunkt: 1969 mit 82 Vorfällen. Die erste Entführung am 6. September 1970 galt vier Flugzeugen, darunter einer El Al-Maschine mit Terroristen-Ikone Leila Khaled (24) an Bord. Damals stand die Freilassung inhaftierter Gesinnungsgenossen auf dem Zielzettel.
Zwei damals aufkommende Phänomene machten die Entführung unschuldiger Zivilisten für Terroristen interessant. Einerseits war da der aufkommende Massentourismus mit vielen lohnenden Opfern an Bord von Flugzeugen – ideales Druckmittel gegen Regierungen. Dazu kam das immer schneller werdende Nachrichtenmedium Fernsehen, in dem man ganzen Kontinenten das Elend der Gekidnappten frei auf den Abendbrottisch servieren konnte – bessere Propaganda gab es nicht für den “Aufstand gegen die Besatzer”.
Es war also anfangs eher eine Taktik – keine Theologie. Der Koran erlaubt zwar, Kriegsgefangene auszutauschen, doch er kennt keine Rechtfertigung für die Entführung Unschuldiger:
… wenn ihr gegen die Ungläubigen stoßt, dann schlagt (ihnen) die Hälse ab; wenn ihr sie überwältigt habt, dann bindet sie. Danach (gilt): Befreit sie entweder aus Gunst oder gegen Lösegeld, bis der Krieg seine Lasten abgelegt hat. … – Sure 47, Vers 4 (Muhammad 47:4) über Kriegsgefangene
Auch die heutigen Terroristen, die sich auf den Islam berufen, missbrauchen die Religion als rhetorische Tarnung für ein strategisches Kalkül. So haben es auch mehrere islamische Gelehrte und Institutionen erklärt, unter anderem die in der islamischen Welt viel geachtete Azhar-Universität in Kairo.
Im Kern geht es um Macht, nicht um Glauben. Um Sichtbarkeit, nicht um Religion. Um die mediale Bühne, nicht um die himmlische Rechtfertigung. Auch wenn die milliardenschwer gewordenen korrupten Hamas-Führer im Luxus-Exil am Golf dem eigenen Volk göttliche Gedanken vorgaukeln, damit es jubelt.
Eine Waffe, die beide Seiten zerstört
Geiselnahmen sind kein Mittel der Befreiung – sie sind ein Werkzeug der Selbstzerstörung. Sie entmenschlichen die Opfer und vergiften das moralische Klima auf beiden Seiten.
Solange der Konflikt asymmetrisch bleibt, solange Hoffnungslosigkeit und Wut politische Strategien ersetzen, werden Menschen weiter zu Verhandlungsmasse gemacht. In einem Krieg, in dem Worte nichts mehr gelten, wird das Leben selbst zum letzten Argument.
Die bittere Wahrheit lautet: Geiselnahmen haben den Palästinensern kurzfristige Siege gebracht – und sie langfristig alles gekostet, was sie moralisch hätten gewinnen können.
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