⇒ Topic dieses Blogs (aktua­li­siert am 16.10.2017): Der alte Kontinent Europa wird von immer mehr sehr jungen Politikern regiert. Einige dieser „jungen Wilden“ führen ein unkon­ven­tio­nelles Leben. Sie stehen für einen Aufbruch in neue Zeiten und für den Abwurf tradi­tio­nellen Ballasts.

Hamburg (waw) – Alle reden von Vergreisung. Europa nicht. Jeden­falls in der Politik. Denn während die Bevöl­ke­rungs­struktur dem Namen „alter“ Kontinent alle Ehre macht, werden die Politiker scheint’s immer jünger. Gerade hat der 31jährige Konser­vative Sebastian Kurz die Wahl in Öster­reich gewonnen – “einer der bemer­kens­wer­testen Politiker der vergan­genen Jahrzehnte.” Doch auch in Serbien, Irland, Luxemburg und Frank­reich sind Youngster am Drücker, die herkömm­lichen Stereo­typen wider­sprechen. Nicht nur wegen ihres Alters.

Serbien-Ana Brnabić-ZeitungAktuelles Beispiel: Ana Brnabić (41), parteilos, Belgrad. Die bisherige Minis­terin für öffent­lichen Dienst und Kommu­nales übernahm im Sommer 2017 das Amt der Premier­mi­nis­terin von Serbien. Der Name ist aus dreierlei Gründen inter­essant: Brnabić ist die erste Frau Serbiens auf diesem Posten, die jüngste Person in diesem Amt und – bekennend lesbisch.

Die Amtsüber­nahme Brnabićs ging in Belgrad nicht geräuschlos vor sich. Gerade ihre geschlecht­liche Orien­tierung Brnabićs hat das Land aufhorchen und Tradi­tio­na­listen aufheulen lassen. Homose­xua­lität ist in der Balkan­re­publik, die gerne EU-Mitglied wäre, für Viele immer noch etwas Unerlaubtes oder Krank­haftes. Regen­bo­gen­pa­raden werden in Serbien schon mal „aus Sicher­heits­gründen“ abgesagt oder müssen massiv geschützt werden. Si nahmen 2016 nahmen an der LGBT-Parade in Belgrad rund 1.000 feiernde Menschen teil (darunter Brnabić) – geschützt von über 5000 Polizisten.

Besonders der Klerus der mächtigen ortho­doxen Kirche wettert gegen Brnabić, zur Freude selbst von Regie­rungs­po­li­tikern. „Die ist nicht mein Premier,“ schimpfte etwa Dragan „Palma“ Markovic, der mitre­gie­rende Rechts­außen Serbiens. Und fügte hinzu: ein Regie­rungschef müsse Kinder haben. Brnabić konterte, solche Worte seien „verant­wor­tungslos, maßlos und diskri­mi­nierend.“ Auch gegenüber Medien musste sich die studierte Marke­ting­ex­pertin mit Diplomen aus den USA und England recht­fer­tigen: „Wenn man kompetent ist, dann soll man wegen seiner Orien­tierung, Zugehö­rigkeit oder Meinung nicht diskri­mi­niert werden.

Doch wie stark ist die einst als Businessfrau des Jahres geehrte Brnabić? Liberale Belgrader Kreise werten ihre Ernennung als fortschritt­lichen Weg in Richtung EU. Doch Beobachter sehen sie eher als eine Mario­nette ihres Mentors, des mächtigen natio­nal­kon­ser­va­tiven Präsi­denten Aleksandar Vučić – gerade wegen ihrer Angreif­barkeit sei sie ihm ausge­liefert. Man wird sehen.

Irland-Leo Varedkar-ZeitungIn einem weiteren tief christlich geprägten Land Europas regiert seit 2017 ebenfalls ein beken­nender Homose­xu­eller. Er ist noch jünger, als seine serbische Kollegin, und gehört wie Brnabić zum politisch konser­va­tiven Lager: Leo Varadkar (38), Dublin.

Der Premier der Republik Irland ist Sohn indischer Einwan­derer. Er prakti­zierte als Arzt, bevor er in der Partei Fine Gael ganz nach oben kam. Zuletzt war er Minister für Verkehr, Tourismus und Sport sowie Gesundheitsminister.

Im Januar 2015, an seinem 36. Geburtstag, outete Varadkar sich als homose­xuell. In einem Referendum über die gleich­ge­schlecht­liche Ehe führte er das Ja-Lager gegen die katho­lische Kirche an und die Iren stimmten sensa­tionell mit 62% dafür. Damit war Irland die erste Nation, die Lebens­bünde gleich­ge­schlecht­licher Paare per Volks­ent­scheid einführte – Varadkar sei Dank.

Varadkar selbst hat bislang nicht geehe­licht, lebt aber offen mit einem Kardio­logen zusammen. Politisch steht der populäre junge Staatsmann vor enormen Heraus­for­de­rungen: er muss den EU-Austritt der Nachbar­insel Großbri­tannien für sein Land möglichst weich abfedern. Die nach Schengen-Regeln offene Grenze zwischen seiner Republik und der briti­schen Provinz Nordirland könnte zur hart bewachten EU-Außen­grenze werden. Damit droht ein Ende des Friedens­pro­zesses in der einst von monar­chie­treuen Milizen und republi­ka­ni­schen Terro­risten gequälten Unruheprovinz.

Luxemburg-Xavier Bettel3-schnittMit 44 Jahren der älteste „junge Wilde“ Europas ist Xavier Bettel, Luxemburg. Als erster europäi­scher Regie­rungschef heiratete er im Amt seinen langjäh­rigen Lebens­ge­fährten, den belgi­schen Archi­tekten Gauthier Destenay. Bettel hatte 2013 mit seiner liberalen Demokra­tesch Partei den Konser­va­tiven und heutigen EU-Kommis­si­ons­prä­sident Jean-Claude Juncker besiegt. Der war 19 Jahre an der Macht und könnte mit nunmehr 62 Jahren fast Bettels Opa sein. Nun regiert im Grouss­her­zogtum Lëtze­buerg eine bunte Koalition aus Liberalen, Grünen und Sozial­de­mo­kraten mit Bettel an der Spitze – der “Inkar­nation einer neuen Genera­tionen von europäi­schen Leadern”, wie das Magazin Paris Match lobte.

Die Ehemänner Bettel-Destenay leben ihre Beziehung konse­quent. Das hat indes selbst im aufge­klärten 21. Jahrhundert und sogar in westlichen Hemisphären durchaus Tücken. Als der “First Gentleman of Luxem­bourg” beim NATO-Gipfel 2017 in Brüssel das Rahmen­pro­gramm für Ehepartner der Regie­rungs­chefs mitmachte, gab es einen Eklat. Den verur­sachte aber nicht die streng musli­mische türkische Kopftuch­trä­gerin und Präsi­den­ten­gattin Emine Erdogan, sondern Donald Trump. Das Team des US-Präsi­denten „vergaß“ den Namen Destenay unter ein Gruppenfoto der First Ladies mit First Man zu setzen.

Frankreich-Macron-Zeitung2

Der wichtigste „junge Wilde“ Europas ist zweifellos der sozial­li­berale Emmanuel Macron, 39, Paris. Er hat es auf den Stuhl des mächtigen Staats­prä­si­denten von Frank­reich gebracht, einer Atom- und UNO-Vetomacht. Dass seine Ehefrau und einstige Franzö­sisch-Lehrerin Brigitte („Bibi“) 25 Jahre älter ist, als das jugenhafte Staats­ober­haupt, bringt Stoff für die Boule­vard­presse (übrigens: dass Melania Trump ebenfalls ein Viertel­jahr­hundert jünger ist, als ihr Mann, wird eher selten vermerkt).

Das Powerpaar Macron geht mit dem öffent­lichen Interesse an ihrer Beziehung elegant und profes­sionell um. Der Präsident lässt die Welt gerne wissen, dass Bibi, die Mutter dreier Kinder aus früherer Ehe und inzwi­schen sieben­fache Großmutter, seine große Liebe ist. “Brigitte ist immer bei mir und immer für mich da, ohne sie wäre ich nicht der, der ich bin,“ sagt Macron über sie. Sie über ihn: „Wir brauchen einander, und wir sind auch schon sehr lange zusammen.“

Die „Première Dame“ der franzö­si­schen Republik ist eine der engsten Berate­rinnen Macrons im Elysee-Palast (kostenfrei). Privat und politisch kreieren die Macrons für La Grande Nation einen neuen Stil in das nicht nur politisch, sondern auch proto­kol­la­risch angegraute Frank­reich, das sich Emmanuel angeschickt hat, umzukrempeln.

Österreich-Sebastian Kurz-KaiserAustria-DIEPRESSEWährend Macron (Vorbild: Justin Trudeau, 45, Premier­mi­nister in Kanada) inzwi­schen wirkt, als sei er immer schon Präsident gewesen, läuft sich der jüngste „junge Wilde“ Europas noch warm: Sebastian Kurz, 31, Wien. Bisherige Berufe: Außen­mi­nister, Vizekanzler, ÖVP-Vorsit­zender. Nun in Kürze Bundes­kanzler. Und das alles mit abgebro­chenem Jurastudium.

Der konser­vative junge Mann mit dem Habitus eines Vollprofis ist ein Gewin­nertyp. Dem „straighten Sebastian“, der seit Schüler­zeiten mit einer Wirtschafts­päd­agogin liiert ist, ist bei der Wahl am 15. Oktober 2017 ein politi­sches Buben­stück gelungen. Schon fragen sich manche, ob Kurz nun das zweite Wiener Genie nach Wolfgang Amadeus Mozart ist, der als 30jähriger die Oper „Figaros Hochzeit“ uraufführte…

Seinen mit der Wahl abgesto­ßenen bishe­rigen Chef Christian Kern (SPÖ) hat Kurz nun der Lüge gestraft. Der sozial­de­mo­kra­tische Bundes­kanzler – bei seinem Abgang mit 51 Jahren ein „Oldie“ – hatte Kurz einmal wegen dessen knall­harter Flücht­lings­po­litik einen “populis­ti­schen Vollholler” genannt (Wiene­risch für in etwa “totaler Blödmann”). Doch das kann einen europäi­schen „jungen Wilden“ nicht erschrecken. Sebastian Kurz hat jeden­falls bewiesen, dass er etwas reißen kann. Nun hat er die Chance, sehr lange zu regieren. Und wenn “Wunder­wuzzi” – so nennen ihn Anhänger – einmal abtritt, wird er wohl immer noch nicht im Renten­alter sein!


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