Berlin Linke Metro­polen: Immer mehr inter­na­tionale Städte experi­men­tieren mit linken Rezepten gegen explo­die­rende Mieten, soziale Spaltung und Klima­krise. Nun könnte Berlin unter Elif Eralp Teil dieses Städte-Netzwerks werden. Doch kann die neue Stadt-Linke auch liefern? – Spurensuche.

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

Schaffen linke Rezepte wirklich mehr Wohnraum?

Von Wolf Achim Wiegand (Bilder: KI)

Berlin Linke Metropolen

Berlin (waw) – Die deutsche Haupt­stadt hat gewählt – und plötzlich könnte Berlin Teil eines politi­schen Experi­ments werden, das anderswo bereits durch­ge­führt wird. Dann nämlich, wenn eine rot-rot-grüne Koalition unter Elif Eralp mit der 25-Prozent-Partei „Die Linke“ zustan­de­kommt. Die Spitzen­kan­di­datin der Partei Die Linke – Nachfol­gerin der DDR-Einheits­partei SED – will Regie­rende Bürger­meis­terin werden.

Schon jetzt – wo noch kein Koali­ti­ons­ge­spräch statt­ge­funden hat – richtet sich der Blick über die Spree hinaus. Denn Eralp hat einen politi­schen Verwandten, an dem sie sich ausdrücklich orien­tiert: New Yorks Bürger­meister Zohran Mamdani (34).

Der Erfolg eines demokra­ti­schen Sozia­listen in New York, dem Herzland des Kapita­lismus, ist ein großer Erfolg. Wir haben viele Ideen ausge­tauscht. – Das sagte Eralp bereits vor der Berliner Wahl.

Mamdanis Wahlkampf­stratege persönlich war im Frühjahr nach Berlin gekommen, um Die Linke zu beraten. Dabei kristal­li­sierte sich heraus: Es gibt ein Thema, das in ganz Europa brennt: Wohnungs­mangel. Somit bekommt eine Frage plötzlich weltstäd­tische Dimension: Was passiert, wenn die großen Metro­polen linker werden als die Staaten, in denen sie liegen?

Der in Uganda geborene Mitbe­gründer der lokalen Hochschul­gruppe Students for Justice in Palestine hat die Antwort selbst­be­wusst formu­liert. Bei seiner Amtsein­führung am 1. Januar erklärte er:

“Ich wurde als demokra­ti­scher Sozialist gewählt und werde als demokra­ti­scher Sozialist regieren.” - Zohran Mamdani

New York macht den Anfang

Der erste große Test für Mamdani ist die Wohnungs­frage. Für rund eine Million mietpreis­ge­bundene Berliner Wohnungen wurde ein Mietstopp durch­ge­setzt. Gleich­zeitig inves­tiert New York Milli­arden in bezahl­baren Wohnraum.

Doch der Kurs ist umstritten. Vermieter haben gegen den Mietstopp geklagt. Ob die Kombi­nation aus Regulierung, öffent­lichem Wohnungsbau und höheren Abgaben dauerhaft funktio­niert, ist deshalb noch keineswegs entschieden.

Mamdani weiß selbst, dass er unter Beobachtung steht und sagt: „Sie wollen wissen, ob die Linke regieren kann.“ Genau darum geht es inzwi­schen nicht mehr nur in New York.

Comicplakat: Zohrani Mamdani verspricht günstigeren Wohnraum, öffentlichen Nahverkehr, Kinderbetreuung und soziale Gerechtigkeit.

Seattle macht aus Sozialismus Alltagspolitik

An der US-Westküste regiert seit Januar Katie Wilson, 44. Sie bezeichnet sich selbst als demokra­tische Sozia­listin. Ihr politi­scher Ansatz ist weniger spekta­kulär als Mamdanis, aber ähnlich stark auf die alltäg­lichen Kosten des Lebens konzentriert.

Wilson spricht über bezahlbare Wohnungen, Kinder­be­treuung, öffent­lichen Verkehr und soziale Infrastruktur.

Ich möchte in einer Stadt leben, die die Dinge ehrt, die man tut, wenn man kein Geld verdient. – Katie Wilson in der Antrittsrede.

Das Credo der langjäh­rigen Aktivistin verschie­dener NGOs ohne abgeschlos­senes Studium lautet: Eine Stadt solle auch das Leben jenseits der Erwerbs­arbeit ermög­lichen. Inter­essant wird es nun dort, wo die Ideologie auf die Realität trifft.

Auch bei den Mietne­ben­kosten greift ihre Regierung ein. Im September unter­zeichnete Wilson ein Gesetz gegen sogenannte „junk fees“ – zusätz­liche Gebühren für Verwaltung, Haustiere oder Pakete. Diese seien “eine ständige Quelle unnötigen Stresses für Mieter in ganz Seattle.“

Das ist vielleicht die inter­es­san­teste Entwicklung der neuen Stadt-Linken: Sie muss nicht nur umver­teilen. Sie muss gleich­zeitig etwas tun, also bauen. Vor diesem Problem wird auch Eralp stehen. Ihre geplante Verstaat­li­chung von Wohnraum schafft kein einziges Zimmer mehr, sondern ändert nur das Besitzverhältnis.

Paris: Der Markt bekommt Grenzen

Comic text: Paris is governed by Emmanuel Grégoire; goal: 30,000 social and 30,000 affordable homes.

In Europa klingt das alles weniger revolu­tionär. Aber auch hier verschiebt sich etwas.

Beim Wohnen muss man schnell und kraftvoll handeln. - Emmanuel Grégoire

Noch deutlicher wurde Grégoire wenige Tage vor dem Urban20-Gipfel in New York. Der Sozialist erklärte bei dem Weltbür­ger­meis­ter­treffen, Großstädte seien Opfer eines Paradoxons: Man tue alles, um Städte attraktiv zu machen. Gleich­zeitig führe der freie Markt zu enormem Druck auf den Wohnungsmarkt.

„Wir sind Opfer eines Paradoxons“, sagte Grégoire. „Wir haben nur zwei Möglich­keiten, darauf zu reagieren: speku­lative Effekte zu begrenzen“ – also Speku­lation begrenzen – „und Arbeit an der Wohnungsversorgung.“

Das ist der rote Faden, der sich durch viele dieser Städte zieht: Der Wohnungs­markt soll nicht abgeschafft werden. Aber er soll politisch gezähmt werden.

Barcelona will die Stadt zurückholen

Collboni – der noch nie außerhalb der Verwal­tungs- und Politik­blase gearbeitet hat – beschreibt das Problem inzwi­schen als gesell­schaft­liche Grundfrage:

Das Recht, in unseren Städten zu leben, steht auf dem Spiel. - Jaume Collboni

Illustration reads “We must expand the mayors for housing alliance WORLDWIDE!” and “Urban20: Cities leading on housing,” with speaker Jaime Collboni at the U20 Summit.

Der 57-jährige Politiker der Partit dels Socia­listes de Catalunya will daraus mehr machen als eine spanische oder europäische Initiative. Beim Urban20-Gipfel schlug Collboni vor, das europäische Bündnis „Bürger­meister für Wohnungs­wesen“ auf die ganze Welt auszu­dehnen. Seine Begründung: Die Wohnungsnot sei längst ein globales Problem. Speku­la­ti­ons­fonds und touris­tische Vermie­tungs­platt­formen verschärften es.

Damit sind wir beim entschei­denden Punkt.

Aus Bürgermeistern wird eine politische Kraft

Diese Städte reden inzwi­schen nicht mehr nur mitein­ander. Sie versuchen, gemeinsam Druck auf nationale Regie­rungen und inter­na­tionale Insti­tu­tionen auszuüben. Das jüngste Beispiel heißt Urban20. Die betei­ligten Städte reprä­sen­tieren mehr als 500 Millionen Menschen und mehr als ein Drittel der globalen Wirtschaftsleistung.

Mamdani formu­lierte den Anspruch:

Städte brauchen die Macht und die Mittel, um für ihre Bürger zu liefern.

Inter­essant: Im Urban20 sitzen auch Bürger­meister, die politisch keineswegs links sind. Das Bündnis ist breiter. Doch viele Forde­rungen stammen aus dem Werkzeug­kasten der politi­schen Linken: mehr öffent­licher Wohnungsbau, stärkere Mietre­gu­lierung, mehr soziale Infra­struktur, Klima­in­ves­ti­tionen und eine aktivere Rolle des Staates.

Die Städte entdecken dabei ein gemein­sames Interesse: Sie wollen nicht länger darauf warten, dass nationale Regie­rungen ihre Probleme lösen.

Amsterdam kämpft gegen das „große Geld“

GroenLinks housing campaign in Amsterdam with speech bubbles, signs, and crowd

Amsterdam liefert dafür ein europäi­sches Beispiel. Bürger­meis­terin Femke Halsema (60) gehört zu Groen­Links. Die politische Linie der einstigen natio­nalen Frakti­ons­vor­sit­zenden richtet sich stark gegen soziale Verdrängung und den Einfluss großer Kapitalinteressen.

Wenn wir als Stadt unsere jungen Menschen verlieren, gibt es keine Zukunft.

Auch in der nieder­län­di­schen Grach­ten­stadt lautet die Grundidee: Eine Metropole ist mehr als ein erfolg­reicher Wirtschafts­standort. Sie muss auch für die Menschen funktio­nieren, die sie am Laufen halten.

Kopenhagen: „Wir müssen die Macht zurückholen“

Noch klarer klingt es in Kopen­hagen. Dort steht mit Sisse Marie Welling eine Politi­kerin der Socia­listisk Folke­parti an der Spitze. Ihr Haupt­thema ist ebenfalls der Wohnungsmarkt:

Wir müssen sicher­stellen, dass nicht der Markt die Wohnungs­preise bestimmt, sondern die Stadt. – Sisse Marie Welling, Kopenhagen

Gleich­zeitig zeigt Kopen­hagen, dass linke Stadt­po­litik tatsächlich bauen bedeuten kann. Welling unter­stützt mehr Genos­sen­schafts­woh­nungen, mehr gemein­nüt­zigen Wohnungsbau und mehr Wohnungen unter­schied­licher Preis­klassen. Auch dort lautet die praktische Erkenntnis: Wer Mieten senken will, muss das Angebot erhöhen.

Mexiko-Stadt geht an die Verfassung

Historieta de Morena sobre vivienda digna, alquileres justos y cuidados públicos

Wir schirmen den gemein­samen Horizont ab. – Clara Brugada von Morena, Mexiko-City

Die Politi­kerin der Partei Movimiento Regeneración Nacional baut auch ein öffent­liches Pflege­system gesetzlich aus – ein Schritt zu mehr sozialer Gerech­tigkeit, sagt die Bürger­meis­terin der Megame­tropole mit bis zu 28 Millionen Einwohnern im Einzugs­gebiet (die genaue Zahl kennt keiner).

Erst Manhattan – und dann Berlin?

Mamdanis und Eralps fragwürdige Verbindung

Hier wird sichtbar, wie unter­schiedlich die inter­na­tionale Stadt-Linke sein kann:

Ein einheit­liches Rezept gibt es nicht. Aber ein gemein­samer Gegner zeichnet sich ab: die unbezahlbare Stadt.

Genau deshalb könnte Berlin im linken politi­schen Spektrum plötzlich wichtig werden.

Einen Pferdefuß steht im Wege

Die Linke muss beant­worten, wie sie mit dieser Enteig­nungs­frage umgehen will. – Ex-Bürger­meister Michael Müller, SPD

BERLIN WAHLKAMPF; ELIP ERALP: VERGESELLSCHAFTUNG JETZT! 220,000 WOHNUNGEN! WOHNEN IST MENSCHENRECHT; PRIVATUNTERNEHMEN, ÖFFENTLICHES EIGENTUM; REUTERS: Die Umsetzung ist umstritten. Bis zu 20 MILLIARDEN EURO Entschädigung – das klamme Berlin hat das Geld nicht!; DW ENTEIGNEN; GEGEN MIETHAI; GEGEN MIETHAI!

Genau hier entscheidet sich, ob Berlin tatsächlich in die inter­na­tionale Reihe passt. Denn ein Wahlkampf ist das eine. Regieren ist etwas anderes.

Mamdani hat in New York den Anspruch formu­liert, die Linke müsse beweisen, dass sie regieren könne. Seattle zeigt, dass auch eine demokra­tisch-sozia­lis­tische Bürger­meis­terin den Wohnungsbau beschleu­nigen muss. Barcelona reguliert Mieten und baut gleich­zeitig. Paris setzt auf Regulierung und massiven sozialen Wohnungsbau. Kopen­hagen will den Markt stärker kontrol­lieren, weiß aber ebenfalls, dass mehr Wohnungen gebraucht werden.

Die neue Stadt-Linke entdeckt überall eine unbequeme Wahrheit: Umver­teilung allein reicht nicht. Bauen ist besser. Nur: Das Geld dafür zu haben ist noch besser. Oder: man lässt eben doch Private handeln …


Berlin Linke Metropolen

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FAQ

Welche Metro­polen verfolgen derzeit eine dezidiert linke Stadtpolitik?

Zu den besonders deutlich links bezie­hungs­weise sozia­lis­tisch ausge­rich­teten Metro­polen zählen New York, Seattle, Paris, Barcelona, Amsterdam, Kopen­hagen und Mexiko-Stadt. Die politische Ausrichtung und die konkreten Maßnahmen unter­scheiden sich aller­dings erheblich.

Welche Rolle könnte Berlin unter Elif Eralp spielen?

Sollte eine Koalition unter Führung der Linken zustande kommen, könnte Berlin stärker in den inter­na­tio­nalen Austausch linker und progres­siver Metro­polen einge­bunden werden. Eralp hat sich bereits ausdrücklich auf Mamdani bezogen.

Warum ist die Wohnungs­po­litik der zentrale Konflikt?

Viele Metro­polen leiden unter stark gestie­genen Wohnkosten. Linke Stadt­re­gie­rungen versuchen deshalb, Mieten zu regulieren, sozialen Wohnungsbau auszu­bauen und speku­lative Nutzung einzu­schränken. Gleich­zeitig zeigt sich, dass Regulierung allein den Wohnungs­mangel nicht beseitigt.


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