Nahost Frieden Israel Palästina

Von Wolf Achim Wiegand

Dieser Text ist in ähnlicher Form erschienen bei FORUM – Das Wochenmagazin

Tränen der Freude, Schatten der Angst


Hamburg/Kairo/Jerusalem (waw) – Alle reden vom Frieden. Ich nicht. Zwar flossen kürzlich in Israel die Tränen der Freude. Zwanzig überle­bende Geiseln waren nach endlosen zwei Jahren arabi­scher Kerkerhaft zurück­ge­kehrt. Doch gleich­zeitig wächst bei Beobachtern eine große Sorge: Trotz Kriegsruhe bleibt der Nahe Osten einer der gefähr­lichsten Brenn­punkte der Welt.

Ein immer wiederkehrendes Muster


Die Geschichte des “paläs­ti­nen­si­schen Wider­standes” zeigt, dass der Ende eines Waffen­ganges immer der Anfang eines neuen Konfliktes gewesen ist. Wenn Gewehre, Bomben und Raketen schweigen, formiert sich Terror in der Regel neu. Zerfällt eine Gewalt­or­ga­ni­sation, entsteht in ihren Trümmern eine andere. Kleinste Risse bei den Terror­banden genügen, um daraus neue Mordmi­lizen wachsen zu lassen. Diese Zyklen prägen die Region seit Jahrzehnten.

Oren Liebermann, der CNN-Büroleiter in Jerusalem, hat eindringlich beleuchtet, wie das aktuelle Trump’sche Waffen­still­stands­ab­kommen bereits nach kurzer Zeit in eine Art „neue Norma­lität“ trans­for­miert werden dürfte. Dann werden Kampf­hand­lungen, Drohungen und Macht­spiele weiterhin den Alltag prägen. Der Waffen­still­stand – so Liebermann, sei “weniger eine Lösung als eine übergangs­weise Stabi­li­sierung” – begleitet von hohen Risiken. 

Die Hamas wird Hamas bleiben: Sie wird stärker werden und weiterhin Anschläge verüben. Wer glaubt, dass sie sich geändert hat, versteht weder die Bewegung noch die Natur der Region. – Analyse von Yoav Limor, Militär- und Vertei­di­gungs­analyst für die Zeitung Israel Hayom

Grausame Taktik

Das Einbe­ziehen unschul­diger Zivilisten als Geiseln hat dabei Methode. Einen Wende­punkt markiert die Entführung eines israe­li­schen El-Al-Flugzeuges von 1968 durch drei Mitglieder der Volks­front für die Befreiung Paläs­tinas (PFLP). Es war der erste Luftfahrt­an­griff aus politi­schen Gründen und der letzte einer israe­li­schen Maschine (Foto unten).

Die Entführer zwangen den Piloten auf dem Weg von Rom nach Athen zur Landung in Algier. Dort hielten sie alle 38 Passa­giere und zehn Besat­zungs­mit­glieder als Geiseln fest. Die Verhand­lungen dauerten über 40 Tage. Sowohl die Entführer als auch die Geiseln kamen frei, Israel musste 16 Häftlinge entlassen.

Die Tat war ein Wandel in der Taktik paläs­ti­nen­si­scher Gruppen. Sie nahmen fortan kommer­zielle Flugge­sell­schaften und Zivilisten ins Visier. So übten sie Druck auf Regie­rungen aus.

Auch die aktuelle Waffenruhe zwischen Hamas und Israel garan­tiert keinen Frieden. Sie markiert höchstens eine Pause. Experten warnen: Radikale werden die geschwächte Hamas bald als „zu schwach“ brand­marken. Sie sammeln sich im Unter­grund, warten auf den Moment, um erneut zuzuschlagen – gegen Israel, jüdische Gemeinden und den Westen.

Zersplitterung als Strategie


Arabisch-islamis­ti­scher Terro­rismus war schon immer zersplittert. Kleinste Konflikte lassen Bewegungen zerbrechen und neue, oft radikalere Gruppen entstehen. Die Trennung zwischen Al-Qaida und dem IS zeigt, wie eine Abspaltung eine ganze Epoche prägen kann. Aus inner­is­la­mi­schen Macht­kämpfen entstand ein Terror­staat, der Millionen Menschen ins Verderben riss. Der IS agierte radikaler, kompro­miss­loser, brutaler.

Ähnliches lässt sich im paläs­ti­nen­si­schen Kontext beobachten. Der Islamische Dschihad (PIJ) entstand, weil junge Islamisten die Muslim­bru­der­schaft als zu zögerlich empfanden. Sie zogen sich aus politi­schen Struk­turen zurück, setzten auf bewaff­neten Kampf. Selbst­mord­at­tentate, Raketen auf Israel, Angriffe auf Zivilisten – der PIJ zeigt, wie aus politi­schem Dissens ideolo­gi­scher Extre­mismus wird.

Die Bedingungen für neue Gewalt


Radikale Abspal­tungen entstehen meist, wenn drei Faktoren zusam­men­treffen: eine Führung, die an Glaub­wür­digkeit verliert; eine Basis, die Verrat wittert; ein Umfeld, das Chaos bietet. Diese Bedin­gungen sind heute in Gaza, in sozialen Medien und in der Lähmung vieler arabi­scher Regie­rungen sichtbar.

Analysen zeigen: Lokale Komman­deure oder religiöse Hardliner könnten versuchen, sich von der Hamas-Führung zu lösen. Israel kann kleine Zellen zerschlagen, doch ideolo­gische Mutationen lassen sich nicht mit Bomben stoppen. Stabi­lität erfordert regionale Sicher­heits­ar­chi­tek­turen, die den Transfer von Kämpfern und Waffen verhindern. Doch eine geschlossene arabische Front existiert nicht. Der Riss zwischen Israel und Teilen der arabi­schen Welt vertieft sich – und schafft Nährboden für jene, die sich als Avant­garde des „wahren Wider­stands“ sehen.

Nahost Frieden Israel Palästina

Drei Szenarien für die Zukunft

Fünf Jahre nach dem Wien-Anschlag ist der Täter vor allem eines: ein Vorbild für neue Gefährder. Der Atten­täter von Wien tötete vier Menschen, verletzte 23 weitere und wurde darauf selbst von einem Polizisten tödlich getroffen. In der “neuen” Generation der Jihadisten lebt er weiter.Der Standard, Österreich

1. Kleine Abspal­tungen, begrenzte Gefahr
Abspal­tungen bleiben marginal, werden schnell neutra­li­siert. Terror verliert operative Schlag­kraft, bleibt ideolo­gisch präsent – ein Glimmen ohne Feuer.

2. Dezen­trale Netzwerke, schwer fassbar
Viele kleine, autonome Zellen entstehen. Sie brauchen keine Befehle aus Gaza. Bilder von Zerstörung und Opfer­mythen reichen, um junge Menschen zu radika­li­sieren. Prävention muss an Narra­tiven ansetzen, nicht nur an Sicherheitsmaßnahmen.

3. Radikaler Wieder­auf­stieg, globale Gefahr
Aus den Resten besiegter Gruppen entsteht eine neue, radikalere Bewegung. Sie lebt vom Märty­rertum, sucht Sinn statt Terri­torium. Ein „Islami­scher Wider­stand 2.0“ könnte aus der Hamas hervor­gehen. Der Konflikt würde inter­na­tional. Europa, die USA und jüdische Gemeinden gerieten stärker ins Visier.

Warum Militär allein nicht reicht


Selbst ein militä­ri­scher Sieg über die Hamas garan­tiert keinen Frieden. Die Idee religiös legiti­mierter, antiwest­licher Gewalt überdauert Struk­turen. Sie lebt in Foren, Gefäng­nissen, Moscheen, Schul­bü­chern und Köpfen, die Gewalt als Ehre verstehen. Solange kein Gegen­entwurf entsteht, der jungen Menschen ein Selbstbild jenseits des Opfer­mythos bietet, bleibt die Gefahr bestehen. Neue Gruppen könnten andere Namen tragen, doch das Ziel bleibt dasselbe: Israel angreifen, den Westen bestrafen.

Fazit: Frieden braucht Perspektiven


Dieje­nigen, die Palästina befreien und Israel „vom Fluss bis zum Meer“ auslö­schen wollen, werden dies auch weiterhin versuchen. Frieden wird erst möglich, wenn die arabisch-islamische Welt sich eine Zukunft ohne Feind­bilder zutraut. Militä­rische Siege allein genügen nicht. Sie können sogar den Samen für die nächste Generation des Hasses legen.

Terro­ris­mus­for­scher betonen: 

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