Europa Brandmauer Konservative: Erstmals haben die Christdemokraten im Europaparlament eine Gesetzesänderung mit ausschließlicher Hilfe der Rechtsaußen-Fraktionen durchgesetzt. War das wirklich klug? – Dazu meine Analyse.
Europa Brandmauer Konservative
Von Wolf Achim Wiegand (Fotos: KI)
Hamburg/Brüssel (waw) – Es ist kaum ein Jahr her, dass Europas politische Koordinaten verrutscht sind – und doch wirkt es, als sei seit den Europawahlen 2024 ein ganzes Zeitalter vergangen. Mit 27 Prozent der Sitze wurden damals rechtspopulistische und radikal rechte Kräfte im Europäischen Parlament so stark wie nie. In 17 der 27 EU-Staaten beeinflussen sie bereits aktiv Regierungsarbeit, Koalitionen oder politische Agenda. Die Fakten sind eindeutig: Die radikale Rechte ist in Europa nicht länger Randphänomen, sondern Gestaltungsmacht.
Doch eine zweite Entwicklung wiegt mindestens so schwer – und sie betrifft jene Akteure, die sich traditionell als Bollwerk gegen Extremismus verstanden haben. Die politische Mitte in Gestalt konservativer Parteien wie der christdemokratischen Europäischen Volkspartei (EVP), bewegen sich Richtung Rechtsaußen. Migration, Zivilgesellschaft, Klima: Positionen verschieben sich schrittweise – nicht aus Überzeugung, sondern aus Opportunismus. Weil man Wähler zurückholen will. Weil man Beinfreiheit bei Sachfragen braucht. Weil man glaubt, das sei Realpolitik.
In der zweiten Novemberwoche 2025 wurde es dann amtlich: Die Christdemokraten stimmten mit den Rechtsaußenfraktionen für eine Abschwächung des Lieferkettengesetzes. Begründung: Die Entbürokratisierung für kleine und mittlere Unternehmen beim Nachweis ihrer Produktherkünfte sei zu wichtig. Die sonst verbündeten Fraktionen Sozialdemokraten und Liberale sowie Grüne hätten sich dem verweigert.
Aber ist es klug, mit denen zu kooperieren, die einem letztlich ans Leder wollen?

Der strategische Irrtum der Mitte
Es wirkt verlockend: Wer mit den Hardlinern gemeinsame Sache macht, kann einzelne Projekte durchsetzen. Das mag in der Migrationspolitik gelten, vielleicht auch in Detaildebatten der Klimagesetzgebung. Doch diese kurzfristigen Siege haben einen langfristigen Preis. Jeder inhaltliche Schritt nach rechts legitimiert jene Kräfte, die das politische Zentrum nicht ergänzen, sondern ersetzen wollen. Kooperation erzeugt Normalisierung – und Normalisierung ist der Treibstoff, den Europas radikale Rechte am dringendsten braucht.
Die Zahlen zeigen es: Würde man die Fraktionen der nationalkonservativen EKR, der rechtsextremen Patrioten für Europa und Teile der nicht gebundenen MEPs zusammenfassen, ergäbe sich eine Kraft, die stärker wäre als jede etablierte Gruppe. Diese Parteien eint nicht viel – außer dem Willen, die EU grundlegend umzubauen. Manche wollen sie schwächen, andere entkernen, einige sogar abschaffen. Aber sie alle hadern mit der Gewaltenteilung, verachten die Zivilgesellschaft und betrachten Minderheitenrechte als politisches Ärgernis.
Das ist kein Partner, das ist ein Risiko.
Der Klimastreit als Warnsignal
Kein Politikfeld zeigt das Dilemma deutlicher als die Klimapolitik. Dieser Bereich hat sich längst zum Schauplatz einer europäisch orchestrierten „Greenlash“ entwickelt. Das bedeutet eine Gegenreaktion auf grüne Politik und Umweltschutzmaßnahmen. Die radikale Rechte nutzt die mit Abwehrmaßnahmen verbundene soziale Verunsicherung geschickt aus. Der Klimaschutz wird zur Bedrohung erklärt. Er gilt als angebliche Zumutung für Agrarier, Arbeiter und Autofahrer.
Und während die neuen rechten Gruppen im Parlament uneinig und wenig diszipliniert sind, reicht ihre schiere Masse aus. Sie schaffen es, Debatten zu verschieben und Gesetzgebung zu verwässern. Der Fehler der konservativen Mitte: Sie glaubt, sich an diese Kräfte taktisch annähern zu können, ohne selbst Schaden zu nehmen. Doch wer beim Green Deal, bei Bürgerrechten oder Migrantenfragen nach rechts rückt, stärkt nicht die eigenen Argumente. Stattdessen stärkt man die Deutungshoheit derer, die den demokratischen Grundkonsens infrage stellen.
Brandmauern brennen nicht – sie bröckeln

Dennoch: Die vielbeschworene „Brandmauer“ existiert nur noch rhetorisch. Europäische Konservative haben Angst vor Wählerverlust. Sie wünschen sich parlamentarische Beweglichkeit. Sie flirten mit Parteien, die Demokratie instrumentalisieren, aber nicht respektieren. Was als pragmatische Kooperation verkauft wird, ist in Wahrheit der Beginn einer politischen Verschiebung. Die Beteiligten selbst können deren Ende nicht kontrollieren.
Wer glaubt, man könne mit Kräften der radikalen Rechten punktuell arbeiten, um „Sachfragen durchzudrücken“, verkennt ein fundamentales Prinzip der Macht: Extremisten kooperieren nur so lange, wie sie davon profitieren – und nur, um den Kooperationspartner später zu ersetzen.
Europa steht vor einer Wegentscheidung
Europas Konservative müssen sich eine wichtige Frage stellen. Es ist keine taktische Frage, sondern eine existenzielle. Will man politische Lösungen durchsetzen oder politische Systeme erhalten? Will man kurzfristige Mehrheiten – oder langfristige Stabilität? Und kann man auf Dauer glaubwürdig gegen Radikalität argumentieren, wenn man sie gleichzeitig im Maschinenraum der europäischen Politik mitarbeiten lässt?
Europa hat in den vergangenen Jahrzehnten gelernt, wie mühsam demokratische Institutionen aufgebaut werden. Es hat auch gelernt, wie schnell sie ausgehöhlt werden können. Wer heute mit jenen kooperiert, die die Axt an den Stamm der liberalen Demokratie legen, wird sich morgen fragen müssen, warum der Baum fällt.
Die Brandmauer ist nicht gefallen – sie wird gerade eingerissen. Und es sind nicht die Radikalen, die die ersten Steine herausbrechen. Es sind die Konservativen, die ihnen dabei ungewollt helfen.
Europa Brandmauer Konservative
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