Daphne Caruana Galizia

⇒ Inhalt dieses Blogs: Der Deutsche Journa­listen-Verband hatte anlässlich des ersten Todes­tages von Daphne Caruana Galizia zu einer Schwei­ge­minute am 16. Oktober um 12 Uhr aufge­rufen. An diesem Tag vor einem Jahr war die malte­sische Journa­listin Opfer eines Bomben­at­tentats geworden. Inzwi­schen leben Bericht­erstatter auch in anderen EU-Ländern mehr und mehr in Gefahr.

Todesgefahr für Journalisten – EU immer gefährlicher

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg / Brüssel (waw) - Früher glaubte man, das nur aus dikta­to­ri­schen Staaten oder aus Russlandzu kennen: missliebige Journa­listen werden einfach ausge­schaltet. Genick­schuss. Tod im Fahrstuhl. Autounfall.

Nun hat die tödliche Einschüch­terung von Presse­leuten auch unsere Breiten­grade erreicht. Drei Journa­lis­ten­morde in einem halben Jahr. Auf Gebiet der Europäi­schen Union. Bislang war das undenkbar.

Slowakei-Jan Kuciak

Drei Tote in weniger als einem Jahr sind zu beklagen. Auf Malta wurde die Enthül­lungs­jour­na­listin Daphne Caruana Galizia (52) mit ihrem Auto in die Luft gesprengt – Hinter­männer: angeblich unauf­findbar. In der Slowakei starb Ján Kuciak (27, rechts) in seiner Wohnung durch Schüsse in Brust und Kopf. Seine unbetei­ligte junge Verlobte fand gleich­falls den Tod – Mörder gefunden, Auftrag­geber unbekannt.

Und nun Bulgarien: Viktoria Marinowa (30) starb durch Schläge auf den Kopf und Ersticken. Auch wenn es inzwi­schen scheint, dass die 30jährige aus sexuellen Gründen ihr Leben lassen musste – die Verun­si­cherung bei den Medien in Bulgarien ist nach dem Mord groß. Denn die Medien der Balkan­re­publik sind weitgehend im Besitz politisch inter­es­sierter Unter­nehmer. Gängelung und Selbst­zensur ist in Redak­ti­ons­stuben weit verbreitet. Bulgarien trägt auf der Presse­frei­heits-Skala von Reporter ohne Grenzen (RoG) unter den EU-Staaten die rote Laterne und liegt weltweit auf Platz 111.

Um Journa­listen in Europa zum Schweigen zu bringen, braucht es natürlich nicht immer Brachi­al­gewalt. Es gibt andere abgestufte Methoden. So, wie massive Verbal­an­griffe durch Politiker: Anfein­dungen, Beschimp­fungen, juris­tische Schritte.

  • In Italien müssen laut RoG zehn Journa­listen, die auf Mafia-Themen spezia­li­siert sind, rund um die Uhr von der Polizei geschützt werden. Enthül­lungs­re­por­terin Marilú Mastro­gio­vanni aus Puglia bekomme Morddrohungen.
  • In Ungarn beschul­digte Regie­rungschef Viktor Orbán den US-Mäzen George Soros, unabhängige Medien zum Zwecke zu fördern, sein Land “in Misskredit” zu bringen.
  • Präsident Milos Zeman, Slowakei, führte neben Russland-Macht­haber Wladimir Putin stehend eine Kalasch­nikow-Nachbildung mit der Gravur “Journa­listen” vor.
  • Der damalige Premier­mi­nister Robert Fico, Slowakei, nannte Bericht­erstatter des Zeitge­schehens “schmutzige antislo­wa­kische Prosti­tu­ierte” .

Äußerungen wie diese heizen die gesell­schaft­liche Atmosphäre gegen Medien auf. RoG listet ähnliche Vorgänge in Öster­reich, Spanien und Frank­reich auf. Auch Deutschland ist nicht immun. Der von extrem Rechten skandierte Rufe “Lügen­presse” ist in breiten Kreisen salon­fähig geworden – befeuert vom unseligen Trump’schen Kampf­be­griff FakeNews. Der Chemnitzer Polizei­skandal um einen Pegida-Demons­tranten mit Deutschland-Hut aus ihren eigenen Reihen hat weiteres Porzellan zerschlagen.

Presse Medien Karikatur

Die perma­nente Dauer­be­schallung wirkt. Viele Menschen glauben tatsächlich an eine große mediale Verschwörung. “Glaubt jemand allen Ernstes, eine Zeitung, die sich auf dem freien Markt der Waren und Ideen behaupten will, könnte sich erlauben, ständig Lügen­ge­schichten zu drucken?” fragt der deutsch-ameri­ka­nische US-Kultur­kor­re­spondent der Welt und Buchautor Hannes Stein. Antwort: ja.

Der ganze Berufs­stand steht unter Flunker­ge­neral­ver­dacht. Die Hemmschwelle, die Presse­freiheit als ein ehernes Gebot der Demokratie zu negieren, ist in der europäi­schen Öffent­lichkeit stark gestiegen. Pöbeleien, tätliche Angriffe oder zugesperrte Locations sind selbst für Lokal­jour­na­listen nicht fremd. Hier in Deutschland erheben ausge­rechnet dieje­nigen am lautesten den Vorwurf von “Gleich­schaltung”, die den Bundestag schon mal dazu anstiften wollten, journa­lis­tische Texte wie im Stile staat­licher Zensur zu missbil­ligen – die Krakeeler verwechseln schlechte Nachrichten über sich mit den Überbringern schlechter Nachrichten.

An sich ist die Pest der Presse­prü­gelei nicht neu – das gabs immer. Schon Napoleon soll gesagt haben: “Ich fürchte drei Zeitungen mehr als tausend Bajonette.” Bismarck sah in Journa­listen krieche­rische Gestalten, weshalb er einen Repti­li­en­fonds anlegte, mit dem willfährige Schrei­ber­linge heimlich Presse­kam­pagnen lostraten, die 1870 zur Auslösung des deutsch-franzö­si­schen Krieges führten. “Der Presse­ein­fluss auf die Masse ist der weitaus stärkste und eindring­lichste, da er nicht vorüber­gehend sondern fortge­setzt zur Anwendung kommt,” wusste Adolf Hitler 1925 in Mein Kampf.

Aber: Heute müssen wir in Europa aufpassen, dass “die Medien” nicht wieder als Büttel der Mächtigen missbraucht werden. So, wie auch in Polen. Journa­listen haben dort in einer Atmosphäre der Gleich­schaltung kaum noch die Möglichkeit, frei und unbefangen über regie­rungs­kri­tische Themen zu berichten.

Die ungehinderte Arbeit von Medien ist unverzichtbare Grundvoraussetzung für Demokratie, Freiheit und Rechtstaatlichkeit. Sie muss besonders gehütet werden. Und sie muss verteidigt werden. Bei uns. In der Europäischen Union. Weltweit.

  • Verbrechen gegen die und Behin­de­rungen der Presse­freiheit in der EU müssen von den EU-Insti­tu­tionen und den natio­nalen Behörden unabhängig und zügig aufge­klärt und geahndet werden. 
  • Nationale Gesetze, die Medien behindern, müssen aufge­hoben werden. 
  • Verbale Schmutz­kam­pagnen, die die Legiti­mität von Medien in Frage stellen, sind zu unterbinden.

Hinter­grund zum Thema: Todes­ur­sache Journalist

Fotoquellen: Daphne Caruana Galizia +++ Ján Kuciak +++ Karikatur


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