Spanien Sicher­heits­risiko Europa

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg / Madrid (waw) – Europa steht unter Druck. Seit Russlands Angriff auf die Ukraine ist Sicherheit keine Selbst­ver­ständ­lichkeit mehr. Irans aggressive Außen­po­litik und instabile Nachbar­schaften im Nahen Osten und Nordafrika tragen ebenfalls zu Erschüt­te­rungen bei. Gerade jetzt müssten die NATO-Staaten ihre Verpflich­tungen ernst nehmen.

Doch ein einst verläss­licher Staat schert aus: Spanien. Dabei ist es am Tor zu Mittelmeer und Atlantik gelegen strate­gisch so wichtig wie kaum eine andere westeu­ro­päische NATO-Nation. Aber die Links­ko­alition des Sozia­listen Pedro Sánchez zeigt keine Bereit­schaft zur Stärkung der Bündnis­si­cherheit. Statt Stabi­lität zu schaffen, droht der Premier­mi­nister Madrid zum Risiko zu machen.

Unterfinanziert und unterrüstet

Madrid rangiert seit Jahren am unteren Ende der NATO-Ranglisten. Panzer, Flugzeuge, Schiffe – zu wenig, zu alt, zu schwach. Laut NATO-Daten betrugen Spaniens Vertei­di­gungs­aus­gaben im Jahr 2024 lediglich 1,24 % des Brutto­in­lands­pro­dukts (BIP) – der niedrigste Anteil unter allen 32 NATO-Mitgliedstaaten.

Zugleich hatte die Regierung dieser Tage Kraft und Mittel, ein Kriegs­schiff zum Schutz der sog. Global Sumud Flottille im Mittelmeer abzustellen. Die rund 50 zivilen Boote wollen provo­kativ eine wegen Waffen­schmuggels verhängte israe­lische Seeblo­ckade durch­brechen. Das Kriegs­schiff Rettungs­ope­ra­tionen durch­führen, falls es bei der bewusst erwar­teten Konfron­tation mit Israel zu Problemen kommt.

Grenzen, die keine sind

Deutlich wird Spaniens Schwäche an seinen Grenzen, die überwiegend EU-Außen­grenzen sind. Dabei sind besonders Ceuta und Melilla, die spani­schen Enklaven in Nordafrika, Brenn­punkte unkon­trol­lierter Migration. Bilder von Tausenden, die Zäune überwinden oder die Meerenge von Gibraltar überqueren, sind längst Symbol einer EU ohne festen Schutz. 

Trotz hoher Zäune und Sicher­heits­vor­keh­rungen gelingt es Migranten immer wieder, die spani­schen Barrieren zu überwinden. Erst im August 2025 versuchten etwa 100 Migranten, darunter auch Kinder, von Marokko nach Ceuta zu schwimmen – wo bei nur 27 verfüg­baren Plätzen derzeit 528 unbegleitete Minder­jährige hausen. 

Foto: Euronews

Den bisher grössten Andrang gab es am 17. Mai 2021, als rund 8.000 Migranten durchs Meer nach Ceuta schwammen oder am Strand entlang­liefen und über den Grenzzaun kletterten. - swissinfo.ch

Spaniens Reaktion: Koope­ra­ti­ons­ver­suche mit Marokko bei Rückfüh­rungen und Grenz­kon­trollen sowie politische und wirtschaft­liche Zugeständ­nisse. Kritiker bemängeln: Spanien delegiere die Verant­wortung für den Schutz von Migranten an Marokko, ohne eigene Verpflich­tungen vollständig zu erfüllen. Wer durch­kommt, kann weitgehend passieren – über Spanien geht es für diese illegal Einge­reisten oft weiter nach Norden. Die Last tragen Frank­reich, Deutschland und andere Staaten.

Die spanisch-marok­ka­nische Landgrenze in Melilla – eine rechts­freie Zone. - European Center for Consti­tu­tional and Human Rights (ECCHR)

Dabei ist Grenz­schutz ein Kern europäi­scher Sicherheit. Über offene Routen gelangen auch Extre­misten und Krimi­nelle nach Europa. Spanien nimmt das Risiko quasi billigend in Kauf.

Israel-Boykott schwächt Spanien

Zur militä­ri­schen Schwäche kommt ein ideolo­gi­sches Problem. Spaniens linke Regierung zeigt Nachsicht gegenüber islamis­ti­schen Strömungen. Offene Koope­ration gibt es natürlich nicht. Doch der indirekte Einfluss ist in zahlreichen gesell­schaft­lichen Bereichen spürbar. Organi­sa­tionen, die religiös oder kulturell auftreten, finden in Spanien ein Umfeld, das noch weniger streng kontrol­liert als anderswo in der EU.

Nur vor diesem Hinter­grund ist ein Paradoxon von Sánchez zu erklären. Kürzlich kündigte er aus Protest gegen das Vorgehen Israels in Gaza einen Rüstungs­vertrag mit Jerusalem über 700 Millionen Euro. Es ging um PULS-Raketen­werfer und Spike-Raketen. Die sind modern, hochpräzise, relativ mobil und kosten­ef­fi­zient. Spaniens unter­legene Artil­lerie braucht so etwas, da sie sowohl Artil­le­rie­schläge als auch Panzer­schutz ermög­lichen. Auch moderne Schuss­waffen für Polizisten fielen dem Feder­strich zum Opfer.

Israel hat nach dem Sánchez-Storno erklärt, dass es die Lieferung an Marokko verkaufe. Also ausge­rechnet an das arabische Land, mit dem Spanien ein spannungs­ge­la­denes Verhältnis hat. Marokko – nur 14 km von Gibraltar entfernt – beansprucht die spani­schen Exklaven Ceuta und Melilla. Es zählt auch die umstrit­tenen Gebiete der Westsahara zu sich. Dazu ist das König­reich ein schwer durch­schau­barer Player bei Migra­ti­ons­be­we­gungen in Richtung Spanien.

FunFact: Spanien ist das EU-Land, das von Februar bis Mai 2025 die meisten Waffen und Munition aus Israel impor­tiert hat. Das zeigen Daten des spani­schen Handels­mi­nis­te­riums. Allein im Mai dieses Jahres entfielen 78 % der von der EU impor­tierten israe­li­schen Waffen und Munition auf Spanien.

Christlicher Judenhass

Sprechen wir auch davon: Weitver­brei­teter Antise­mi­tismus. Spanien gehört zu den Ländern mit besonders starken Vorur­teilen gegen Juden in der Bevöl­kerung. Das hat eine Studie der Bundes­zen­trale für politische Bildung (bpb) festge­stellt. Das sitzt tief und hat eine lange Tradition.

Besonders die Linke und die Presse äußern sich antise­mi­tisch. Kritik gibt es dafür nicht. - Frank­furter Allge­meine Zeitung

Kurzer Diskurs:

Der spanische Antise­mi­tismus wurzelt in der Inqui­sition ab 1478. Damals wurden zum Chris­tentum konver­tierte Juden (Conversos) verdächtigt, heimlich am Judentum festzu­halten – letztlich ging es der Monarchie um Machtsicherung.

Bild: aus Jüdische Allgemeine

Mit dem Alhambra-Edikt von 1492 beschlag­nahmten Krone und Kirche das Vermögen ungetaufter Juden. Sie vertrieben alle nach Nordafrika, ins Osmanische Reich und nach Latein­amerika. Der Antise­mi­tismus prägte Spanien bis in die Franco-Diktatur hinein. Erst 1992 erklärte König Juan Carlos I. das Edikt endgültig für aufgehoben.

Heute relati­vieren vor allem Links­po­pu­listen das Existenz­recht Israels. Viele Nachkommen der einst aus Spanien Vertrie­benen flohen im 20. Jahrhundert aus Nordafrika nach Israel – erneut vor Verfolgung, diesmal durch islamisch geprägte Staaten. Von einst 900.000 Juden in arabi­schen Ländern leben dort nur noch wenige Tausend. Dennoch fordern spanische Linke Boykotte, kriti­sieren Israels Vertei­di­gungs­po­litik und verharm­losen Gruppen wie die Hamas.

Arabische Investitionen mit Erpressungspotenzial

Proble­ma­tisch für Spanien sind Inves­ti­tionen aus der arabi­schen Welt. Allein Katar inves­tiert rund fünf Mrd. Euro in Spaniens strate­gische Bereiche wie Nachhal­tigkeit, Digita­li­sierung und Energie­infra­struktur – dazu Tourismus, KI und Banken. Auch Saudi-Arabien und die Emirate sind präsent.

Vom Klub Unión Deportiva “El Almería” (Besitzer: SMC Group unter dem Saudi Mohammed Al-Khereiji) bis zu Atlético de Madrids Allianz mit Al Ain FC (Verei­nigte Arabische Emirate): arabi­sches Geld prägt den Fußball. Der Supercopa wird in Saudi-Arabien ausge­tragen, La Liga von der Arab Bank gesponsert. Auch Kultur profi­tiert durch Ausstel­lungen und Festivals.

Das Netz aus Inves­ti­tionen, Medien­be­tei­li­gungen und politi­schen Annähe­rungen wirkt wie die Tentakel einer Krake – schwer zu fassen, aber weitrei­chend und wirksam. - Jacques Abramowicz, inter­na­tio­naler Finanzexperte

Historische Ironie

Dabei kennt Spanien die Gefahr des Islamismus aus eigener Erfahrung. Am 11. März 2004 verübten islamis­tische Terro­risten in Madrid die schwersten Anschläge in der Geschichte Europas. In vier Zügen explo­dierten zehn Spreng­sätze, drei weitere wurden recht­zeitig entschärft. Damit tötete das Terror-Netzwerk „al-Kaida“ 191 Menschen. Europa war schockiert.

Doch aus dieser Erfahrung entstand keine dauer­hafte Strategie. Statt entschlos­sener Sicher­heits­po­litik dominieren bis heute Verdrängen und Verharm­losen. Das stellt eine Studie des European Journal of Crimi­nology aus dem Jahr 2023 fest: 

Der Autor findet keine eindeutige Antwort auf die Frage, ob das Land seit 2004 sicherer geworden ist. … Dies deutet darauf hin, dass trotz aller Bemühungen das Ausmaß der Radika­li­sierung von Muslimen nicht abnimmt, was eine Gefahr für die Sicherheit des Landes darstellt. Der Grund dafür ist die illegale Einwan­derung aus Marokko, Algerien und anderen musli­mi­schen Ländern. Für die Araber ist Spanien ein einzig­ar­tiges Land in Europa, da es in ihren Köpfen das mytho­lo­gi­sierte Al-Andalus, dar al-islam (das Land des Islam) ihrer Vorfahren.

Histo­risch ist das wider­sprüchlich. Das Land definierte sich in der „Recon­quista“ seine Identität im Kampf gegen islamische Herrschaften. Heute öffnet es politi­schen und kultu­rellen Raum für Strömungen, die Europas Ordnung infrage stellen.

Europas Achillesferse

Spanien ist nicht irgendein Mitglieds­staat. Es ist die viert­größte Volks­wirt­schaft der Eurozone. Ein Pfeiler der EU-Südflanke. Ein Garant für Seewege zwischen Atlantik und Mittelmeer – zumindest theoretisch.

In der Praxis agiert Madrid als sicher­heits­po­li­ti­scher Tritt­brett­fahrer. Unter­fi­nan­ziert, ungeschützt, ideolo­gisch schwankend.

Spanien wird so zur Achil­les­ferse Europas. Gegner wie Russland, desta­bi­li­sie­rende Kräfte wie Iran oder Terror­netz­werke in Nordafrika suchen die Schwach­punkte. Spanien könnte einer werden.

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Opposition unter Druck

Die konser­vative Opposition der Partei Popular (PP) kriti­siert diesen Kurs seit Jahren. Sie wirft Premier Sánchez vor, Spanien militä­risch zu schwächen und politisch zu isolieren. Als Sánchez kürzlich den Eindruck erweckte, er bedauere, keine Nukle­ar­streit­kraft zu haben, um Israel zu stoppen, meldete sich der Führer der rechts­extremem Partei Vox:

Sie hätten gerne Atomwaffen (Herr Sánchez). Aber nicht, um Spanien zu vertei­digen. Sondern um die Hamas zu vertei­digen.Santiago Abascal, Vox-Partei­vor­sit­zender

In Sachen Antise­mi­tismus entwi­ckelte sich nun zu spekta­ku­lärer Wider­stand. Anlass war die Final­runde der Radrund­fahrt “La Vuelta” in der spani­schen Haupt­stadt. Die musste abgebrochen werden – Palästina-Unter­stützer hatten Absperr­gitter auf die Strecke geworfen, um Israel-Sportler zu behindern. Selbst die Sieger­ehrung wurde gestrichen, worauf die Fahrer selbst eine für sich impro­vi­sierten – mit Folgen:

Die konser­vative Präsi­dentin der Regio­nal­re­gierung der Autonomen Gemein­schaft Madrid, Isabel Díaz Ayuso, (Foto ) reagierte scharf. Die 47-jährige verlieh dem Gewinner, dem Dänen Jonas Vinge­gaard, demons­trativ die Inter­na­tionale Medaille der Stadt. Ein Trost­pflaster, weil die Fahrer selbst eine Art privater Sieger­ehrung impro­vi­sieren mussten, wie Ayuso sagte.

Weder Vinge­gaard noch Spanien verdienen es, dass das Bild ihres Triumphs auf ein Podium aus Kühlboxen auf dem Parkplatz eines Hotels reduziert wird! - Isabel Díaz Ayuso redete sich im Madrider Regio­nal­par­lament in Rage.

Spaniens bester Radfahr­sportler Juan Ayuso (Radprofi bei UAE Team Emirates, nicht verwandt mit der Politi­kerin) ist die anti-israe­lische Protest­welle in Spanien ebenfalls leid:

Es gibt viele Sport­arten, in denen israe­lische Teams antreten, und es scheint, dass nur die Vuelta (von den Protesten) betroffen ist. Ich unter­stütze jeden Protest, aber wenn sie auf die Fahrstrecke gehen, verliere ich meinen Respekt.

Inzwi­schen hat die Stadt­re­gierung von Madrid an den Schulen paläs­ti­nen­sische Flaggen und jegliche Unter­stützung für Gaza verboten. Der inter­na­tionale Spitzen­fuß­ballklub Real Madrid geht ebenfalls gegen paläs­ti­nen­sische Symbole vor. Er verbannt sie aus seinem Bernabéu-Stadion und ließ dort alle Aufkleber entfernen. 

Logisch, dass die rechts­po­pu­lis­tische Vox-Partei das Thema Sicherheit aufgreift und ausnutzt. Umfragen zeigen: Viele Spanier sind unzufrieden. Ein konser­vativ-rechter Block könnte eine Kurskor­rektur erzwingen.

Europa muss reagieren

Die Frage ist indessen nicht mehr, ob Spanien ein Risiko darstellt. Die Frage ist: Wie lange kann Europa sich das leisten?

NATO und EU müssen klarer auftreten. Wer die Vorteile gemein­samer Vertei­digung will, muss auch Verant­wortung tragen. Wer Solida­rität fordert, darf nicht Grenzen öffnen und Extre­misten dulden.

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