⇒ Inhalt dieses Blogs: Die Partei der Liberal­de­mo­kraten in Großbri­tannien soll zur Graswur­zel­be­wegung umgebaut werden – kann das klappen?

Britische Liberale vor radikaler Wandlung: Einerseits APO-Bewegung, andererseits etablierte Partei – “A Movement for Moderates!”

Von Wolf Achim Wiegand

Großbritannien-Liberale-Vince Cable mit MegaphonHamburg/London (waw) - Im erstarrten politi­schen System von Großbri­tannien könnte sich eine folgen­schwere Wendung ergeben. Dann nämlich, wenn die seit Jahrzehnten wegen des Mehrheits­wahl­systems meist einfluss­losen Liberal­de­mo­kraten ihre Partei in eine “Bewegung” umwandeln. Das hat jeden­falls hofft der Vorsit­zende und Unter­haus­ab­ge­ordnete Sir Vince Cable (Foto), ein rüstiger 75jähriger, der von 2010 bis 2015 als Transport- und Innova­ti­ons­mi­nister im Kabinett des konser­va­tiven Premiers David Cameron gedient hat. Sein Ziel: “Millionen Menschen ohne politische Vertretung eine Stimme zu geben, liberale Werte gegen Extre­misten zu vertei­digen und den Brexit zu stoppen.

Mit seinem Vorstoß, den Cable sich im Grundsatz sich schon im Frühjahr beim natio­nalen Parteitag absegnen ließ und am kommenden Wochenende beim Herbst­par­teitag in Brighton umsetzen dürfte, orien­tieren sich die “LibDems” an erfolg­reichen Vorbildern:

Aller­dings will es Cable umgekehrt machen: die Partei wandelt sich zur Bewegung – ob das klappen kann?

Frust über Parteien erfordert Neudenken 

Die Motivation, die tradi­ti­ons­reichen LibDems, deren Wurzeln bis ins Jahr 1859 zurück­reichen, umzukrempeln, speist sich in der Führung der Liberal­De­mo­crats aus erheb­licher Frustration unter Mitgliedern, Anhängern und Wählern. Denn das unreprä­sen­tative Mehrheits­wahl­system macht es der Partei fast unmöglich, signi­fi­kanten politi­schen Einfluss auszuüben. Der letzte liberale Premier­mi­nister hieß David Lloyd George und der amtierte 1916 – 1922. Bei der seitdem für sie erfolg­reichsten Wahl kamen die LibDems 2010 mit 23% auf 57 von 650 Sitzen und konnten eine Koalition mit den Konser­va­tiven erzwingen. Zwei Wahlen weiter ist die Zahl der liberalen Unter­haus­ab­ge­ord­neten bei 7,4% auf unbedeu­tende zwölf Mandate geschmolzen.
Großbritannien-Liberale LiberalDemocrats-BewegungAusge­rechnet die Straße lässt die Liberal­de­mo­kraten nun Morgenluft wittern. Und der Grund ist der Brexit. Seit der knappen Volks­ent­scheidung für den Austritt aus der Europäi­schen Union (EU) sind landesweit immer wieder Zehntau­sende unterwegs, um gegen den Schnitt mit Europa demons­trieren, in London kommen auch schon mal 100 000 Teilnehmer. Immer mehr Menschen dämmert es nämlich, dass die Abtrennung von der größten Freihan­delszone der Welt keine so gute Idee gewesen ist.

Der Brexit als Anlass für den Wechsel

Die Liberal­de­mo­kraten sind die einzige größere Partei, die sich vollen Herzens zur EU bekennt und die eine zweite Abstimmung fordert. Dieses Allein­stel­lungs­merkmal könnte ein liberales Revival triggern, kalku­liert Cable. Der Brexit hat bei den briti­schen Platz­hirsch­par­teien, den regie­renden Konser­va­tiven (Tories) und der opposi­tio­nellen Sozia­listen (Labour), eine Stärkung ihrer radikalen Flügel bewirkt. Premier­mi­nis­terin Theresa May führt einen wilden Haufen mit vielen natio­na­lis­ti­schen EU-Hassern und einigen sanften Europa-Sympa­thi­santen. Bei Labour wirbt der Basis­so­zialist Jeremy Corbyn für Kurs Brexit, während regionale Gliede­rungen eine zweite Abstimmung fordern.

In Großbri­tannien seien die inner­par­tei­lichen Flügel zu “Parteien in den Parteien” geworden”, stellt Anand Menon fest, ein Professor für Europa­po­litik am Londoner Kings College. Das führe zu Verdros­senheit. Die politische Mitte, der sich laut Umfragen 70% der Briten zurechnen, habe vor lauter Extremen kaum Platz. Laut Umfrage können sich 40% der Briten vorstellen, eine Anti-Brexit-Partei der Mitte zu wählen. Einfluss­verlust beklagen Mitte-Wähler auch auf anderen zentralen Politik­feldern, etwa Soziales und Gesundheit sowie Verkehr und Städtebau.

Großbritannien-Liberale LiberalDemocrats-Bewegung werdenGenau da wollen die Liberal­de­mo­kraten ansetzen. “Erfolg­reiche Parteien sind weltweit dieje­nigen, die Bewegungen bewirkt oder einbe­zogen haben,” heißt es in Cables Beratungs­vorlage für den nächsten Parteitag. Die Partei soll eine Art parla­men­ta­ri­scher Trans­mis­si­ons­riemen für Kampagnen werden. Dabei setzt Cable unter anderem auf digitale Druck­mittel außer­par­la­men­ta­ri­scher Gruppen, etwa Online-Petitionen oder “Email-Bomben” an Politiker, ergänzt durch herkömm­liche Offline-Aktionen wie kommunale Kandi­da­turen, öffent­liche Veran­stal­tungen und Flyer­ak­tionen mit persön­lichen Haustürbesuchen.

Stimmrecht für Nichtmitglieder bei Vorstandswahlen

Neben neuen Organi­sa­ti­ons­formen will Cable eine Menta­li­täts­än­derung bewirken – die Liberal­De­mo­kraten sollen sich zugleich als APO wie als Partei verstehen. “Die Bewegung braucht wahrhaftige und ehrliche Anführer; um das zu erreichen, muss die Bewegung einen Einfluss auf die Zukunft der Partei haben.” Deshalb solle ein Arm für einge­schriebene Unter­stützer (supporter) aufgebaut werden, die – obwohl keine Vollmit­glieder – den Partei­vor­sit­zenden basis­de­mo­kra­tisch mitwählen können. “Wir wollen eine politische und soziale Bewegung gründen, die Menschen dazu ermutigt, Macht für das eigene Leben und für die Gemein­schaft in allen gesell­schaft­lichen Bereichen zu erringen und einzu­setzen.”

Franks komma SimonHinter diesen Überle­gungen steht wohl auch eine nicht unbegründete Überle­bens­angst der Liberal­de­mo­kraten. Seit Längerem schon wabern Gerüchte durch London, der einstige Invest­ment­banker Simon Franks (Foto rechts), Gründer des Online-Filmver­leih­im­pe­riums LOVEFiLM und einstiger Labour-Sponsor, plane mit weiteren spendablen Geldgebern und einer Summe von 55 Millionen Euro den Aufbau einer Mitte-Links-Partei. “Das ist nichts als ein Big-Budget-Film ohne Star,” schreibt zwar die Journa­listin Jane Merrick in der Online-Zeitung i.

“A movement for the moderates” – Eine Bewegung der Gemäßigten

Die Gerüchte, jemand könne den Liberal­de­mo­kraten die Show stehlen, halten sich dennoch. Das aktuelle Aktions­pro­gramm geht darauf ein:

“Wir sollten offen mit denen zusam­men­ar­beiten, die unsere Werte teilen… Dieje­nigen, die für eine neue Kraft plädieren, werden wir dadurch überzeugen, dass es bereits eine starke Bewegung für weltoffene und proeu­ro­päische Politik gibt, der sie beitreten können – die Liberal­de­mo­kraten. Was wir einbringen ist eine fortschritt­liche erneuerte Kraft der Mitte, die ihren Fuß bereits im Mehrheits­wahl­recht hat sowie über eine landes­weite Organi­sation und 100.000 Mitglieder als Grund­stein unseres Wahlkampfs verfügt.” (zum Vergleich: die FDP hat im deutlich größeren Deutschland 63.000 Mitglieder)

Die nächsten ordnungs­ge­mäßen Wahlen werden in Großbri­tannien 2022 statt­finden. Wenige rechnen in der briti­schen Haupt­stadt damit, dass die von rechten nordiri­schen Hardlinern ausge­haltene fragile Tory-Regierung bis dahin existieren wird. Der Brexit wäre dann wohl vollzogen (oder nicht?).

Dennoch bleibt es natürlich ein hehres Ziel, so, wie Cable und seine Mitstreiter, eine Bewegung für “ein freies, faires und offenes Land” und “a movement for the moderates” anzukurbeln. Wann das Früchte tragen wird? Darüber macht sich der Parteichef der Liberal­de­mo­kraten keine Illusionen: “Kein Zweifel, es kann Jahre dauern.

Cable selbst wird die Früchte jeden­falls nicht mehr ernten können, so sie denn wachsen: der eher zurück­hal­tende elder statesman hat diese Woche bekannt­ge­geben, dass er spätestens 2019 abtreten möchte. Damit haben die Liberal­de­mo­kraten nicht nur die Chance, sich komplett neu zu erfinden, sondern auch das fehlende frische Gesicht zu finden. Eine Menge Heraus­for­de­rungen für die LibDems…

Großbritannien-Liberale LiberalDemocrats-Abstimmung Parteitag


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