Zeitum­stellung in Europa: Eine Stunde geschenkt, ein halbes Jahr später zurück­ge­geben: Die Zeitum­stellung bleibt Europas ungelöste Alltags­frage. Obwohl Parlament und Kommission die Abschaffung voran­bringen wollen, blockiert die fehlende Einigung der Mitglied­staaten. Was haben Gesundheit, Energie­ver­brauch und europäische Zusam­men­arbeit damit zu tun? – Hinter­grund.

Crowd waving European Union flags outside the European Parliament

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

Zeitum­stellung in Europa

Sommerzeit, Winterzeit, Stillstandszeit: Europas ewiger Uhrenstreit

von Wolf Achim Wiegand

Hamburg/Brüssel (waw) – Europa dreht an der Uhr. Und dreht sich im Kreis. Am letzten Sonntag diesen Monats (25. Oktober 2026) ist es wieder so weit: In der Nacht werden die Uhren um drei Uhr auf zwei Uhr zurück­ge­stellt. Eine Stunde geschenkt!

Langschläfer jubeln, Nacht­schwärmer bekommen Nachschlag, und wer am Sonntag­morgen auf die Bahnhofsuhr schaut, darf sich ausnahms­weise einmal fragen, ob die eigene Uhr falsch geht oder die der Bahn. Doch die Freude über die geschenkte Stunde ist von begrenzter Haltbarkeit. Im Frühjahr kassiert Europa das „60-Minuten-Geschenk“ wieder ein.

Tick tack, vor und zurück – die europäische Uhr tickt, aber die Politik kommt nicht vom Fleck. Dabei sollte längst Schluss sein mit dem saiso­nalen Uhrenslalom.

Im September 2018 schlug die Europäische Kommission vor, die halbjähr­liche Zeitum­stellung abzuschaffen. Das Europäische Parlament stimmte im März 2019 dafür, den Wechsel ab 2021 zu beenden. 410 Abgeordnete votierten dafür, 192 dagegen, 51 enthielten sich.

Karikatur im Europäischen Parlament mit Texten: „Europäisches Parlament, März 2019: Das Ende der Zeitumstellung!“, „Im September 2018 Vorschlag der Europäischen Kommission: Abschaffung der Zeitumstellung! Wir stimmen ab!“, „Ja: 410“, „Nein: 192“, „Enthalt: 51“ und „Endlich! Kein Wechsel mehr ab 2021!“

Das sah nach einem politi­schen Aufbruch aus. Die Bürger hatten schließlich ihren Unmut deutlich gemacht: In einer EU-weiten Online­be­fragung sprachen sich rund 84 Prozent der Teilnehmer für das Ende der Umstellung aus. Aller­dings betei­ligten sich nur etwa 4,6 Millionen Menschen – eine eindrucks­volle Zahl, aber keine reprä­sen­tative Abstimmung der gesamten europäi­schen Bevölkerung.

Und heute? Ist die Zeitum­stellung noch immer da. Denn der Beschluss des Parla­ments war noch kein endgül­tiges EU-Gesetz. Die Mitglied­staaten müssen im Rat ebenfalls zustimmen. Dort aber fehlt bis heute eine gemeinsame Position.

Die Zeit ist gekommen, die saiso­nalen Zeitum­stel­lungen endlich zu beenden. - Verkehrs­kom­missar Apostolos Tzitzi­kostas am 23. Oktober 2025 im Europäi­schen Parlament

Doch der Rat der Europäi­schen Union stellt nüchtern fest:

In dieser Angele­genheit wurde keine endgültige Entscheidung getroffen und ein Zeitplan für eine solche Entscheidung wurde noch nicht festgelegt. - So klingt politi­sches Dahin­halten in Verwaltungssprache.

Welche Zeit soll bleiben?

Die Kommission wollte den Mitglied­staaten die Wahl überlassen, ob sie dauerhaft bei der Sommerzeit oder der mittel­eu­ro­päi­schen Normalzeit bleiben. Das klingt nach natio­naler Freiheit. Sie ist aber für Europas Verkehrs­planer und die Wirtschaft ein Horror. Denn:

Wenn Nachbar­länder unter­schied­liche Wege einschlagen, drohen neue Zeitgrenzen, kompli­ziertere Fahrpläne und zusätz­liche Abstim­mungs­pro­bleme. Ein Binnen­markt, in dem Waren, Menschen und Züge möglichst reibungslos über Grenzen rollen sollen, braucht schließlich mehr als guten Willen und eine funktio­nie­rende Bahnhofsuhr.

Die Regie­rungs­chefs im EU-Rat haben deshalb bislang keine gemeinsame Linie gefunden. Und die Kommission – zuständig für die Umsetzung – wartet weiter auf einen Konsens der Damen und Herren. Und wartet. Und wartet. Im Januar 2026 teilte die Kommission auf eine parla­men­ta­rische Anfrage mit, dass bislang kein Mitglied­staat seine künftige Präferenz für eine dauer­hafte Sommer- oder Normalzeit formell mitge­teilt habe.

Eine neue Studie soll nun zusätz­liche Entschei­dungs­grund­lagen liefern. Ihr Ergebnis wird bis Ende dieses Jahres erwartet. Die Uhr läuft also weiter – während die Politik erst einmal die Zeit vermisst.

Mehr Abendsonne oder gesünderer Schlaf?

Comictexte: „Der Streit ist nicht bloß eine Marotte von Bürokraten.“ „Er berührt den Menschen!“ „Er berührt den Alltag von Millionen Menschen!“ „Die Sommerzeit verspricht längere helle Abende. Das freut Biergärten, Ausflügler und Sportler, die nach Feierabend noch eine Runde drehen wollen.“ „BIERGARTEN AM NECKAR“ „SOMMERZEIT“ „LÄNGERE ABENDE“ „SPORT“ „Wer dagegen früh zur Arbeit oder zur Schule muss, erlebt den Frühling zunächst als eine Stunde weniger Schlaf.“ „TRIIIING!“ „GÄHN!“ „FRÜHLING“ „Und im Winter ist es morgens ohnehin dunkel genug, um den Wecker für eine Zumutung zu halten.“ „ZUMUTUNG“ „WINTER“

Was sagt die Wissen­schaft? Nicht alles ist so eindeutig, wie es die Stamm­tisch­de­batte vermuten lässt.

Die Deutsche Gesell­schaft für Schlaf­for­schung und Schlaf­me­dizin veröf­fent­lichte 2025 eine Auswertung von 149 epide­mio­lo­gi­schen Studien aus 36 Ländern. Der Arbeits­me­di­ziner Thomas C. Erren von der Univer­sität zu Köln fasste die Befunde so zusammen:

In der Gesamt­schau sind die Einzel- und Gesamt­ef­fekte der Zeitum­stel­lungen auf Gesundheit und Krankheit nicht ausrei­chend verstanden.

Die Studien deuteten unter anderem darauf hin, dass die Umstellung auf Sommerzeit das Risiko tödlicher Verkehrs­un­fälle erhöhen könne. Der Wechsel im Herbst wiederum sei mit längerer Schlaf­dauer und Rückgängen bei bestimmten Unfall- und Sterb­lich­keits­zahlen verbunden.

Die Chrono­bio­login Eva Winnebeck von der Univer­sität Surrey sieht vor allem die dauer­hafte Sommerzeit kritisch:

„Dieser natür­liche, saisonale Vorteil wird durch die Umstellung auf die (künst­liche) Sommerzeit wieder weggenommen“.

Das sagte die Expertin mit Blick auf die jahres­zeitlich verän­derten Licht­ver­hält­nisse. Ihre Schlussfolgerung:

Die Abschaffung der Sommerzeit könnte eine einfache, gesell­schaft­liche Maßnahme sein, um für viele einen besseren und gesün­deren Schlaf zu ermöglichen.

Das ist ein gewich­tiges Argument für die Normalzeit. Es bedeutet aber nicht, dass jede gesund­heit­liche Folge der Zeitum­stellung abschließend geklärt wäre. Wer die Wissen­schaft ernst nimmt, sollte weder jede Müdigkeit zur medizi­ni­schen Katastrophe erklären noch die biolo­gi­schen Auswir­kungen mit einem Schul­ter­zucken abtun.

Energie sparen – ein alter Hut

Die ursprüng­liche Idee hinter der Sommerzeit war vor allem prakti­scher Natur: Tages­licht besser nutzen, künst­liche Beleuchtung sparen. Schon im Ersten Weltkrieg wurden die Uhren in Deutschland umgestellt; in den 1970er-Jahren griffen viele Länder die Praxis erneut auf.

Doch moderne Haushalte und Unter­nehmen verbrauchen Energie nicht mehr nach denselben Mustern wie vor fünfzig Jahren. Einspa­rungen bei der Beleuchtung können durch zusätz­lichen Heiz- oder Kühlbedarf teilweise aufge­zehrt werden.

Die EU-Kommission verweist deshalb auf Hinweise, dass die gesamten Energie­ein­spa­rungen heute begrenzt sind. Der große Energiespar-Coup ist die Zeitum­stellung also offenbar nicht.

Dafür ist der Aufwand beträchtlich: Fahrpläne, inter­na­tionale Konfe­renzen, IT-Systeme, Arbeits­ab­läufe und persön­liche Termine müssen den Wechsel berück­sich­tigen. Computer erledigen das meist automa­tisch. Menschen dagegen müssen sich mitunter erst wieder daran erinnern, warum der Sonntags­brunch plötzlich eine Stunde früher oder später stattfindet.

Bürger genervt, Politik zählt weiter Stunden

Wie groß der politische Frust ist, zeigte sich im Europäi­schen Parlament bei der vorigen Zeitum­stellung. Im Oktober 2025 beklagte der Abgeordnete Siegbert Frank Droese in der Plenar­de­batte, die EU rede seit Jahren über die Abschaffung, ohne voran­zu­kommen. Seine zugespitzte Frage lautete:

Ernsthaft?

Das war keine sachliche Bestands­auf­nahme, sondern eine politische Anklage. Doch der Kern des Ärgers ist nachvoll­ziehbar: Das Parlament hat sich positio­niert, die Kommission hat einen Vorschlag vorgelegt, und trotzdem bleibt die Änderung aus.

Europa braucht nicht mehr Zeit, sondern Entschei­dungen. – Johan Danielsson, schwe­di­scher EU-Abgeord­neter am 25. Oktober 2025

Der Still­stand hat aller­dings einen Grund, der über mangelnden politi­schen Ehrgeiz hinausgeht. Welche Variante besser passt, hängt auch von der geogra­fi­schen Lage ab:

Portugal und Irland liegen in einer anderen Standard­zeitzone als Deutschland; Länder im Osten der EU erleben Sonnen­aufgang und Sonnen­un­tergang zu anderen Uhrzeiten. Was für einen Strand­abend in Spanien attraktiv ist, kann für einen Schulweg im Baltikum ganz anders aussehen.

Eine europäische Lösung muss deshalb nicht nur den Wunsch nach Ruhe vor der Uhr berück­sich­tigen, sondern auch die Folgen für Nachbar­staaten, Verkehr, Wirtschaft und Gesundheit. Das macht die Entscheidung kompli­ziert. Es erklärt aber nicht, warum sie seit Jahren vertagt wird.

Die Zeit läuft… 

Am Ende geht es um mehr als sechzig Minuten. Es geht um die Frage, ob die EU eine überschaubare Alltags­re­gelung tatsächlich refor­mieren kann, wenn sich die Mitglied­staaten auf einen gemein­samen Weg verstän­digen müssen.

Die Zeitum­stellung ist kein Beweis dafür, dass Europa grund­sätzlich handlungs­un­fähig wäre. Aber sie ist ein anschau­liches Beispiel dafür, wie ein politi­scher Impuls im insti­tu­tio­nellen Getriebe stecken bleiben kann.

Vielleicht wird die neue Studie der Kommission bis Ende 2026 den Ländern helfen, ihre Diffe­renzen zu sortieren. Vielleicht folgt daraus eine Einigung. Vielleicht. Vielleicht. Vielleicht.

Einen verbind­lichen Termin für das Ende der Zeitum­stellung gibt es jeden­falls derzeit immer noch nicht. Deshalb heißt es auch dieser Tage wieder: Wecker kontrol­lieren, Uhren prüfen, eine Stunde länger schlafen. Und warten auf die schläf­rigen EU-Regie­rungen. Die Zeit drängt nicht – sie wird ja ohnehin umgestellt…


Wann wird 2026 in Europa die Uhr umgestellt?

Am Sonntag, 25. Oktober 2026, endet in den EU-Staaten mit saiso­naler Zeitum­stellung die Sommerzeit. Um 3 Uhr MESZ werden die Uhren auf 2 Uhr MEZ zurückgestellt.

QUELLEN:

Europäi­sches Parlament: Abschaffung der saiso­nalen Zeitum­stellung – zur Geset­zes­in­itiative und zum Stand des Verfahrens.

Rat der Europäi­schen Union: Chrono­logie der Zeitum­stellung – zum ausste­henden Konsens der Mitgliedstaaten.

Europäi­sches Parlament: Plenar­de­batte vom Oktober 2025 – für die dort dokumen­tierten Wortbeiträge.

Deutsche Gesell­schaft für Schlaf­for­schung und Schlaf­me­dizin – für fachliche Infor­ma­tionen zu Schlaf und Chronobiologie.

Zeitum­stellung in Europa

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