EUROPA: Die Top-Ten-Themen der Woche

Von WOLF ACHIM WIEGAND 🇪🇺

Was hat Europa vergangene Woche an- und umgetrieben? 

Nach dem FDP-Vorstoß um die Zulassung klima­neu­traler Synthe­tik­kraft­stoffe (E‑Fuels) könnte Berlins Haltung in der EU-Schul­den­frage erneut dazu führen, dass Deutschland als Buhmann darge­stellt wird. Denn Bundes­fi­nanz­mi­nister Christian Lindner (FDP) will den Versuch der EU-Kommission stoppen, den 27 Mitglieds­staaten mehr Flexi­bi­lität beim Abbau von Verbind­lich­keiten zu gewähren. Die Grünen heim in Berlin und mehrere EU-Regie­rungen, darunter die von Frank­reichs Macron, teilen Lindners Einwände nicht. Streit vorprogrammiert. 

Aber auch die EU selbst eckt an. So kommt die Forderung ihres Außen­be­auf­tragten Josep Borrell, die Marinen der einzelnen Nationen sollten vor Taiwan Wache fahren, nicht in jeder Haupt­stadt gut an. Mehr Gemein­sam­keiten im Staaten­verbund gibt es hingegen bei Neuerungen auf dem Gasmarkt und bei Absichts­er­klä­rungen, die Nordsee zu einem der größten Energie­ge­win­nungs­zentren der Welt auszu­bauen. Aller­dings: Man hört die Beden­ken­träger aus der Umwelt- und Klima­schutz­szene bereits trapsen…

DAS ALLES UND NOCH VIEL MEHR ⤵️

Politik Foto Europa Ursula von der Leyen

Streit um EU-Schuldenregeln: 

Nur Minuten nach Veröf­fent­li­chung des Kommis­si­ons­vor­schlages zur Reform der EU-Schul­den­regeln hat Finanz­mi­nister Christian Lindner (FDP) Bedenken angemeldet. Die Brüsseler Ideen seien unzurei­chend, ließ Lindner verlauten. Er verlange „deutliche Anpas­sungen, um zu wirklich verläss­lichen, trans­pa­renten und verbind­lichen Regeln zu kommen.“ 

Der Liberale will unter anderem sicher­stellen, dass Länder wie Italien und Griechenland ihre Schulden weiterhin stetig abbauen. Bislang gilt die Regel, rote Zahlen mit einer Geschwin­digkeit von 1/20 pro Jahr auf maximal 60 Prozent des BIP zurück­führen – andern­falls drohen Sanktionen. Die nun in Brüssel angestrebten ausge­ge­benen Ziele würden das flexibler handhaben. faz.net 

„Die Bürge­rinnen und Bürger erwarten stabile Staatsfinanzen“

Christian Lindner (FDP), Bundesfinanzminister

EU-Navys ab nach Taiwan? 

EU-Chefdi­plomat Josep Borrell befür­wortet Patrouillen europäi­scher Seestreit­kräfte in der umstrit­tenen Straße von Taiwan entlang der chine­si­schen Küste. Die vom kommu­nis­ti­schen China beanspruchte demokra­tische Insel­re­publik “betrifft uns wirtschaftlich, kommer­ziell und techno­lo­gisch”, sagte Borrell im franzö­si­schen Sonntags­ma­gazin Journal Du Dimanche. Er konterte damit Frank­reichs Präsident Emmanuel Macron, der eine automa­tische EU-Reaktion für Taiwan in Frage stellt. Die Meeres­region, über die gut die Hälfte des weltweiten Seever­kehrs läuft, war kürzlich Ziel chine­si­scher Manöver zur Simulation gezielter Angriffe und Blockaden. lejdd.fr

Anti-Korruptionsreformen stocken:

EU-Ombudsfrau Emily O’Reilly ist unzufrieden mit der Umsetzung angekün­digter Trans­pa­renz­re­formen im Europäi­schen Parlament. Dessen Präsi­dentin Roberta Metsola werde von Abgeord­neten und Fraktionen „bedrängt“, ihre eigenen 14 Reform­vor­schläge zu verwässern, sagte die Irin. So solle die Karenzzeit für Lobby­arbeit ehema­liger Parla­men­tarier von ursprünglich geplanten zwei Jahren auf sechs Monate verkürzt werden. Striktere Maßnahmen gegen mögliche Korruption sind seit „Katargate“ vom Dezember im Gespräch. Seitdem ermittelt die Justiz wegen Abgeord­ne­ten­be­stechung. tagesspiegel.de

Unterschätzte Hybrid-Gefahren:

Die EU und die NATO tun nicht genug, um hybride russische Bedro­hungen zur Desta­bi­li­sierung der Gesell­schaft besser abzuwehren. Das stellt ein Strate­gie­papier der proeu­ro­päi­schen Brüsseler Denkfabrik Centre for European Reform (CER) fest. Darin wird empfohlen, dass die europäi­schen Länder der Inves­tition in ihren Schutz vor Störungen oberste Priorität einräumen, insbe­sondere für lebens­wichtige Energie- und Kommu­ni­ka­ti­ons­in­fra­struk­turen. Ziel müsse es sein, die Wider­stands­fä­higkeit bis auf die lokale Ebene inklusive Privat­sektor und Zivil­ge­sell­schaft zu stärken. Als „verdächtige Vorfälle“ zählt CER die Unter­bre­chung des Bahnver­kehrs in Deutschland, die Sabotage von Kommu­ni­ka­ti­ons­kabeln in Frank­reich und GPS-Störungen in Finnland auf. cer.eu

Wirtschaft Foto Europa Ursula von der Leyen

Quantensprung im EU-Gasmarkt:

Seit dieser Woche können europäische Unter­nehmen auf der neuen EU-Plattform „Aggre­gateEU“ gemeinsam Gas einkaufen. Die Bündelung der Markt­macht solle dabei helfen, mit inter­na­tio­nalen Liefe­ranten bessere Preise auszu­handeln, erläutert EU-Energie­kom­missar Maroš Šefčovič. Außerdem hoffe die Kommission auf diese Weise die europäi­schen Gasspeicher so befüllen zu können, dass die Menschen in den 27 Mitglieds­ländern sicher durch den nächsten Winter kommen. Inter­es­sierte Unter­nehmen müssen sich bis zum 2. Mai eintragen, danach werden die benötigten Mengen aggre­giert und auf dem Weltmarkt ausge­schrieben. germany.representation.ec.europa.eu audiovisual.ec.europa.eu (Erklär­video)

Rückenwind für Offshore:

Massive Inves­ti­tionen sollen die europäi­schen Windener­gie­pro­jekte auf See beschleu­nigen. Das haben neun Länder mit insgesamt über als 175.000 Kilometern Küste beim „Nordsee-Gipfel“ festgelegt. Mit dabei: Bundes­kanzler Olaf Scholz, Frank­reichs Präsident Emmanuel Macron und EU-Kommis­si­ons­prä­si­dentin Ursula von der Leyen. 

Anlass des Treffens war der stockende Bau von Windkraft­werken in der Nordsee, im Atlantik sowie in der Irischen und Kelti­schen See. Großbri­tannien und die Nieder­lande kündigten den Bau eines gigan­ti­schen Untersee-Strom­ver­bund­netzes namens „Lion Link“ an. Mit Norwegen entsteht eine „Grüne Allianz“ für Klima, Umwelt und Energie. Belgien wird die weltweit erste künst­liche Energie­insel errichten. Über allem schwebt die Sorge vor russi­scher Spionage und Sabotage. 

wiwo.de (Hinter­grund) twitter.com (TV-Bericht) twitter.com (Sabotage) offshore-energy.biz (U‑Strom)

white windmill under gray cloudy sky

Sauber fliegen: 

Das Europa­par­lament und der Rat der EU-Regie­rungs­chefs haben nach Monaten inten­siver Arbeit eine vorläufige Einigung zur Dekar­bo­ni­sierung des Luftfahrt­sektors erzielt. Danach wird es weltweit erstmals verbind­liche Vorgaben für die Verwendung grüner Treib­stoffe in Flugzeugen geben. Damit soll ein Markt für umwelt­freund­liche Benzine in Gang gebracht und die CO2-Bilanz des Luftfahrt­sektors verringert werden. Die “ReFuelEU Aviation“-Initiative ist Teil des vor Kurzem beschlos­senen “Fit for 55”-Klimapakets, das die EU bis zum Jahr 2050 klima­neutral machen soll. consilium.europa.eu

EU und China – wer löst den Knoten?

Von 中国新闻网, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=107344862

Als erster Minister aus Peking seit der Corona-Pandemie hat der für Handel zuständige Ressortchef Wang Wentao bei der EU in Brüssel Station gemacht. Dabei beklagte EU-Handels­kom­missar Valdis Dombrovskis “Zweifel und negative Anreize für europäische Inves­toren”. Grund seien Chinas “markt­ver­zer­rende Politik und zuneh­mende Politi­sierung des Geschäfts­um­felds”. Unter­dessen wollen die 27 EU-Außen­mi­nister im Mai ein Strate­gie­papier zu China aktua­li­sieren und im Juni soll der EU-Gipfel auf höchster EU-Ebene das weitere Vorgehen beschließen. Frank­reich, Deutschland und die EU-Insti­tu­tionen müssen bis dahin Diffe­renzen beilegen. politico.eu

Gewinner im Rüstungswettlauf ist…

Die weltweit höchste Steige­rungsrate von 13 Prozent bei den Militär­aus­gaben hat im vergan­genen Jahr Europa erreicht. Das meldet Stock­holmer Friedens­for­schungs­in­stitut SIPRI. Das Plus erklärt sich aus dem russi­schen Angriffs­krieg gegen die Ukraine. Die Militär­aus­gaben der Ukraine selbst stiegen um 640 Prozent auf 44,0 Milli­arden US-Dollar. Das sind 34 Prozent vom BIP und der höchste Wert, den SIPRI je in einem Jahr gemessen hat. Die Top 5 der Militär­aus­gaben belegen die USA, China, Russland, Indien und Saudi-Arabien. esut.de

Zitat Foto Europa Ursula von der Leyen

„Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusam­men­fassung. Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solida­rität der Tat schaffen.“

Robert Schumann, Außen­mi­nister von Frank­reich, am 9. Mai 1959
Gesellschaft Foto Europa Ursula von der Leyen

Ex-Rebell nun Scheichbegöscher:

Der italie­nische Ex-Außen­mi­nister Luigi Di Maio darf sich künftig Sonder­be­auf­tragter der EU für die Golfregion nennen. Der 36jährige soll als EU-Lobbyist gute Stimmung bei finanz­starken und energie­reichen Scheichs machen. Di Maio gehörte einst zur Protest­be­wegung Fünf-Sterne-Partei und gilt als schil­lernde Figur. Frühere Gefolgs­leute werfen ihm Karrie­rismus vor, denn er wechselte mehrmals seinen politi­schen Stand­punkt. Die Berufung durch den EU-Außen­be­auf­tragten Josep Borrell bedarf noch einer Mehrheit unter den EU-Regie­rungen. tagesspiegel.de

🐮

Klimaschonzeit für Kühe? 

Was für Autos, Flugzeuge und Schiffe gelten soll, soll für Rindvieh nicht gelten. Klingt schräg, ist aber bitter­ernst. Der Agrar­aus­schuss des EU-Parla­ments ist jeden­falls dagegen, Kühe und anderes Getier in die EU-Pläne zur Emissi­ons­senkung einzu­be­ziehen. Bislang sollte die überar­beitete Richt­linie über Indus­trie­emis­sionen (IED) auch Tierhal­tungs­be­triebe erfassen. Doch die Gesetz­geber sehen darin eine zu “große adminis­trative und wirtschaft­liche Belastung für Landwirte, die Hühner, Schweine und Rinder züchten”. Umwelt­gruppen und Aktivisten prangern das als „landwirt­schaft­lichen Exzep­tio­na­lismus“ an. 


Entdecke mehr von http://www.european.expert

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E‑Mail zu erhalten.