Nicht zufällig hat die Gesellschaft für deutsche Sprache “Krisenmodus” zum Wort des Jahres 2023 gewählt. 2024 kann es noch schlimmer kommen. Die Herausforderungen werden größer und komplizierter. Werden wir in zwölf Monaten “Kriegsmodus” zum Wort des Jahres wählen? Informiere Dich schon heute…
Hamburg (waw) – “Im großen Ganzen war das ein Schreckensjahr voller Kriege und Katastrophen,” meint Judith Wittwer, die Chefredakteurin der Süddeutschen. Sie hat recht. Das belegen schon wenige Beispiele:
Die Ukrainer kämpften einen zermürbenden Abwehrkampf gegen die Angreifer aus dem imperialistisch regierten Russland. In Nahost drohte sich nach dem Brutalangriff der Hamas-Terroristen auf Israel ein Flächenbrand auszubreiten. Beim Europa-Nachbarn Afrika ergriffen verschiedentlich Putschisten die Macht. Und unsere Handelsketten waren wegen des Konfliktes China/USA in Gefahr zu zerreißen.
Aus meiner Sicht wird auch das Jahr 2024 kein gemütliches Jahr werden. Das lässt sich jetzt schon sagen. Folgt man den Analysen politischer Experten, erwarten uns erneut massive Krisen, blutige Kriege und internationale Spannungen. Rund 300 Millionen Menschen werden auf humanitäre Hilfe angewiesen sein.
Top Ten der Krisengebiete 2024:

- 01 Sudan
- 02 Nahost (Palästina)
- 03 Südsudan
- 04 Burkina Faso (Russland schickt Botschafter nach Burkina Faso – zum ersten Mal seit 30 Jahren)
- 05 Myanmar (Rebellenoffensive in Myanmar: Wie reagiert die EU? Hintergrund)
- 06 Mali (Was nach dem Abzug der Bundeswehr bleibt, Bericht)
- 07 Somalia (UN-Sicherheitsrat hebt Waffenembargo gegen Somalia auf, Bericht)
- 08 Niger (Nach Weihnachts-Massaker an Christen in Nigeria: Konsequenzen gefordert. Bericht)
- 09 Äthiopien (Äthiopien: Tigray kämpft mit extremer Hungersnot. Bericht)
- 10 Demokratische Republik Kongo (Das Land ist ein Schlachtfeld für mehr als 120 Gruppen, die um Land und Ressourcen kämpfen, Video)
Die Welt schaut 2024 weiter auf Israel/Palästina
Jetzt, zum Jahresbeginn, steht die Region um Israel ganz vorne im Fokus der Aufmerksamkeit für Krisenherde. Gaza gilt als der gefährlichste Ort weltweit. Nach dem an Grausamkeit kaum überbietbaren Überfall der Terrororganisation Hamas auf den Süden Israels am 7. Oktober hatte das angegriffene Land eine erbarmungslose Selbstverteidigungsaktion gestartet, bei der auch Krankenhäuser und weitere Infrastruktur zerstört werden.
“Die Luftangriffe und Kämpfe im Gazastreifen haben unmittelbare und verheerende Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung, die mit dem Anhalten der Feindseligkeiten bis mindestens Anfang 2024 weiter zunehmen werden.”
International Rescue Committee (IRC)

Die Folgen des Gaza-Krieges werden die Weltöffentlichkeit das ganze Jahr hindurch begleiten. Das geht aus Zahlen der Kriegsopferhilfsorganisation International Rescue Committee (IRC) hervor, die 1933 auf Anregung von Albert Einstein in New York gegründet worden ist. Nach ihren Schätzungen werden im Jahr 2024 etwa 80 % der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen sein, Tendenz steigend. Die Abhängigkeit der Menschen, deren Regierung (Hamas) keinerlei Wirtschaftsentwicklung vorangetrieben hat, von den Hilfslieferungen internationaler humanitärer Organisationen und einzelner ausländischer Staaten – auch von Israel – sowie vom Schmuggel wird sich verstärken.
Die Seelen sind verwundet
Selbst bei einer Einstellung der Kämpfe – die Menschen im Gazastreifen werden noch lange darum ringen müssen, sich zu erholen und ihr Leben wieder aufzubauen. Rund 60 % der Wohnungen sollen beschädigt oder zerstört sein; Rückkehr unmöglich. Kinder werden Jahre der Bildung verlieren, da Schulen beschädigt und Lehrkräfte fehlen. Dazu wird eine nachhaltige psychologische Betreuung erforderlich sein, um das enorme Ausmaß an psychischem Stress und Trauma zu bewältigen.
Auch die israelische Gesellschaft wird die Folgen spüren, da hunderttausende eingezogene Zivilisten an Arbeitsstellen fehlen und die mörderischen Taten der Hamas-Terrorgruppe am 7. Oktober 2023 tiefe Wunden in die Seelen und neue Gräben in die ohnehin zerstrittene politische Landschaft gerissen haben. Es wird eine Diskussion über den Umgang mit Palästinensern beginnen (müssen).

Nebenschauplatz Rotes Meer
Parallel zu Gaza läuft der Schattenkrieg zwischen Iran und Israel weiter. Er begann im Roten Meer an den Küsten des Jemen. Dort attackieren armeegleich aufgestellte islamistische Houthi-Rebellen vor der Küste des Jemen vorbeifahrende Handelsschiffe mit Raketen und Drohnen. Angeblich richten sich die gezielten Attacken gegen Reedereien, die israelische Geschäftsverbindungen haben oder deren Frachter israelische Häfen anlaufen und verlassen. Ziel der mittelrweile häufigen Angriffe ist es, das dicht befahrene Seegebiet entlang von Öl- und Gasrouten südlich des wichtigen Suezkanals zu einer Frontlinie im Konflikt zwischen Israel und Hamas zu machen.
Drei typische Kriegs- und Krisenfakten laut IRC
- FAKT 1: Bewaffnete Konflikte und Klimawandel treffen zunehmend an denselben Orten und zur selben Zeit aufeinander.
- FAKT 2: Schwache staatliche Kapazitäten und zerrüttete Legitimität schaffen Raum für nichtstaatliche bewaffnete Gruppen, um Einfluss zu gewinnen, neue Konflikte auszulösen, alte zu verschärfen und Not, Vertreibung und Ernährungsunsicherheit zu verstärken.
- FAKT 3: Regionale und globale Mächte intervenieren, um Konflikte voranzutreiben und zu verschärfen, anstatt sie zu beruhigen.

Die Rolle des Iran bleibt 2024 schwierig
Es ist offensichtlich, dass die zum Teil hochprofessionell ausgeführten Angriffe – etwa die Entführung eines Autotransporters mit Hilfe via Hubschrauber abgesetzter Terroristen – nur mit iranischen Beteiligung möglich sind. Sollte das weitergehen, wird eine von den USA koordinierte internationale Marineoperation zum Schutz der Schifffahrt immer wahrscheinlicher. Bislang hat die Regierung von direkten Vergeltungsmaßnahmen abgesehen, um zarte Waffenstillstandsverhandlungen zwischen den saudischen Streitkräften und den jemenitischen Aufständischen nicht zu gefährden.
Vergessen und verrottet: Der Sudan
Aber ganz oben auf der jährlichen IRC-Emergency-Watchlist mit 20 notleidenden Ländern – wo zehn Prozent der Weltbevölkerung leben und auf die rund 86 Prozent des weltweiten humanitären Bedarfs entfallen – steht der Sudan. Dort sind 2023 Kämpfe zwischen rivalisierenden Armeeeinheiten ausgebrochen, die sich von der Hauptstadt Khartum aus ins ganze Land verbreitet haben. Die Armee unter De-facto-Präsident Abdel Fattah al-Burhan steht gegen die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) des entlassenen Vizepräsidenten Mohammed Hamdan Daglo.

Das Problem: Die EU hat keinen Plan, was sie tun wird, falls in Washington alles umkrempelt wird. Vieles ist unter Trump möglich. Ende der NATO? Abkehr von der EU? Stopp der Ukraine-Unterstützung?
Derzeit benötigen im Sudan etwa 25 Millionen Menschen humanitäre Hilfe, bilanziert das IRC. Sechs Millionen Menschen seien aus ihren Häusern vertrieben worden. Damit steht der Sudan am Rande des Zusammenbruchs, während der internationalisierte Bürgerkrieg seit einem Dreivierteljahr eskaliert – mit verheerenden Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung. Der UN-Sicherheitsrat hat seine 2016 dort begonnene politische Mission beendet.
“Die großflächige urbane Kriegsführung im Sudan, die Gefahr, dass sich die Kämpfe auf andere Regionen ausbreiten und eine geringe internationale Aufmerksamkeit können dazu führen, dass sich die Lage 2024 noch dramatisch verschlechtert”
International Rescue Committee (IRC), New York
Südsudan – die Welt schaut weg

Auch das christliche geprägte Nachbarland Südsudan leidet nach IRC-Angaben weiterhin massiv unter den Auswirkungen des Konflikts im moslemischen Norden – und: am Klimawandel. Der Krieg drohe, die zerbrechliche Wirtschaft des bitterarmen Landes weiter zu destabilisieren. Im Dezember sind die ersten Wahlen des erst 2011 unabhängig gewordenen Landes angesetzt, das den Wahlspruch „Gerechtigkeit, Freiheit, Wohlstand“ trägt. Schon jetzt gehen Beobachter von damit zusammenhängender politischer Gewalt aus. Zudem erwarten Hilfsorganisationen erneut Überschwemmungen, ausgelöst durch das Extremwetterphänomen El Niño.
2024: Afrika bleibt ein Krisenkontinent
Erstmals stehen acht afrikanische Nationen auf der der Top-10-Watchlist. Ein Grund: Heute gibt es in Afrika fast mehr als doppelt so viele bewaffnete Gruppen wie 2010. In fast der Hälfte der Staaten kam es in den vergangenen fünf Jahren zu verfassungswidrigen Machtwechseln: Burkina Faso, Tschad, Mali, Niger und Sudan. Gründe: Große Unzufriedenheit der Bevölkerung mit ineffektiver Regierungsführung – daher die heimische Unterstützung für neue Militärregierungen. Sanktionen des Westens können das nicht verhindern: So haben die Europäische Union, Frankreich und die USA der Regierung in Niger nach dem Staatsstreich vom Juli 2023 mindestens 1 Milliarde Dollar an Hilfsgeldern entzogen – was die Menschen wurmt und weiter gegen den Westen aufbringt.
Der Westen – oder die weltweite Völkergemeinschaft, die man darunter versteht – wird sich auch 2024 eher verteidigen müssen, als dass er aufeinander zu driften wird. Die internationalen Institutionen werden wenig Kraft für Kompromisse haben. So sind die Vereinten Nationen (UN) planlos in die bisherigen Krisen gerutscht und gespalten wie selten. Das offenbarte sich bei den Reaktionen auf die Eskalation im Nahen Osten.

Die UN sind zerstritten
Unversöhnlich stehen sich weiterhin in der UN-Vollversammlung arabische Länder und Staaten des globalen Südens auf der einen und die freien Demokratien rund um die USA gegenüber. Der UN-Sicherheitsrat ist zudem durch das überholte Vetosystem gelähmt – wie im Kalten Krieg werden mal die Russen und mal die US-Amerikaner blockieren. Und so werden die UN es nicht schaffen, die Konflikte etwa im Sudan, in Mali, im Nahen Osten oder irgendeine andere Krise zu lösen.
In eine tiefe Vertrauenskrise könnte sich auch die Europäische Union (EU) hineinbewegen. Der Staatenverbund aus 27 Staaten dürfte sich 2024 schwer tun, der Ukraine effektiv gegen die Aggression des russischen Diktators Wladmir Putin entgegenzutreten. Der wird sich bei der Präsidentenwahl die angebliche Unterstützung seines Volkes abholen – das keine echte Auswahl an Kandidaten hat – und die Ukraine wird womöglich in Teilen “einlenken” müssen, was die Machtgelüste des Kremls nicht bremsen, sondern beschleunigen wird. Das wiederum wird ein Test dafür, ob wir in der EU militärisch doch noch an einem Strang ziehen und die Ukraine angemessener unterstützen können.

Sorge um USA – und: um Europa…
Größte Sorgen macht mir unser transatlantischer Partner USA. Warnungen, was bei einem erneuten Sieg des erratisch-autoritären Donald Trump passieren dürfte, gibt es genug. Diktatur? Anarchie? Zerfall?
Wir aber sind ein Chor ohne Dirigenten. Mit 27 unterschiedlichen Stimmen. So disharmonisch möchte uns niemand in der Welt zuhören. Europa droht weiterer Bedeutungsverlust.
Der Europawahlkampf böte den Parteien die Chance zum Schreiben einer neuen gut vernehmbaren EU-Partitur. Ich fürchte aber, bis zum Abstimmungstermin am 9. Juni wird sie kein Komponist arrangieren.
Lassen wir die Ukraine hängen?
Für die leidgeprüfte Ukraine könnte der Überlebenskampf gegen den mit aller Brutalität agierenden Nachbarn RuSSland eine neue dramatisch Stufe erreichen. Zum Jahreswechsel ist die Gegenoffensive im Schlamm und Schnee der Frontlinie steckengeblieben. Erhoffte großflächige Geländegewinne sind ausgeblieben. Man verharrt in einem munitionsintensiven Stellungskrieg während Kreml-Diktator Wladimir Putin die Getreidekammer der Welt flächendeckend mit Raketen und Drohnen bombardiert.
Die Ausrüstung mit Waffensystemen aus NATO-Staaten – und selbst aus Australien und Südkorea – hat nicht ausgereicht, obwohl die Angreifer demoralisiert sind.

“Die Russen können ihre Angriffe trotz ihrer Verluste fortsetzen. Geht das in den Winterwochen weiter, wird Kiew alle Eroberungen des Sommers wieder verlieren… Es müsste jetzt über neue Lieferungen an Kampfpanzern, Schützenpanzern und Artillerie diskutiert werden. Wenn das nicht geschieht, bleiben die ukrainischen Truppen in der Defensive… Die Gefahr liegt allerdings darin, dass der Westen – mal wieder – zu spät und zu wenig liefert. ”
Gernot Kramper, Stern.de
Abnutzungsschlachten wie diese kann die Ukraine so nicht gewinnen. Russland hat auf Kriegswirtschaft umgestellt, wird 2024 Rüstungsnachschub aus Nordkorea bekommen und hat genügend Geld, um das zu finanzieren, weil die westlichen Sanktionen nicht scharf genug sind. Die Kassen der Ukraine dagegen sind leer und der Westen ächzt selbst an Finanzproblemen. Die US-Regierung ist zugleich wegen Destruktion der Republikaner weitgehend gelähmt.
Der Ausgang der US-Wahl im Herbst wird nicht nur über das Wohl und Wehe der NATO-Vormacht entscheiden, sondern auch über das eines Landes, das vor 107 Jahren in die UdSSR gezwungen wurde und nun nach Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft strebt. Es ist zu befürchten, dass wir – allen voran die deutsche Bundesregierung unter Olaf Scholz – weiterhin zu viele lasche Worte und zu wenig militärische Unterstützung an Kiew leiten. Das setzt unsere eigene Sicherheit aufs Spiel, insbesondere die der EU.
Grund zum Pessimismus?
Überhaupt steht die Europäische Union am Scheideweg. Mit und nach der Europawahl wird sich zeigen, ob die EU auch im Inneren in der Lage ist, alte Verkrustungen abzuwerfen und neue Pfade zu beschreiten. Es kann nicht sein, dass ein einziger Staat mit seinem Veto allen 26 Partnern seinen Willen aufzwingen kann, wie Ungarn es bei der Ukraine-Hilfe macht. Es kann nicht sein, dass zentrale Fragen wie die Migrationspolitik fast ein ganzes Jahrzehnt bis zur Einigkeit benötigen.
Und es kann nicht sein, dass existenznotwendige Projekte, wie die Sicherung kritischer Rohstoffe, nur im Schneckentempo voranschreiten. Immer noch verarbeitet China 50 % des weltweiten Lithiums, 56 % des Nickels, 80 % des Galliums, 60 % des Germaniums und 69 % des Kobalts. Damit bleibt Europa anfällig für Engpässe und sehr anfällig für wirtschaftliche und geopolitische Schocks. Wir benötigen aber die Stärkung der eigenen Rohstoffverarbeitungskapazitäten und den Aufbau weltweiter strategischer Partnerschaften mit rohstoffreichen Ländern.

Die Welt braucht 2024 eine neue Sichtweise.
“Das Zusammenspiel von Klima‑, Konflikt- und Wirtschaftskrise erfordert einen neuen Ansatz. Deshalb heben wir neue Maßnahmen in Bereichen wie Klimaanpassung, soziale Sicherheitsnetze und die Stärkung der Rolle der Frau hervor, ohne dabei die umfassendere Konfliktpolitik zu vergessen. Die Debatte über diese Ideen ist dringend notwendig, und echte Antworten sind noch dringender.”
David Miliband, Präsident und CEO des IRC
Der Ausblick auf 2024 fällt eher sorgenvoll aus. Das Jahr könnte die Welt, “so verrückt sie uns heute bereits erscheinen mag, in einen Zustand umfänglicher Unordnung führen. Kritische Konflikte und wichtige Wahlen werden es entscheidend prägen…”
“… wir dürfen auf das Beste hoffen, sollten aber auf das Schlimmste vorbereitet sein.”
Prof. Dr. Henning Vöpel, Vorstand der Stiftung Ordnungspolitik und Direktor des Centrums für Europäische Politik (cep). Ex-Geschäftsführer des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI).
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