Politik Diskurs Querfront

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

Politik Diskurs Querfront

Von Wolf Achim Wiegand

Moin, liebe Mitmen­schen in Europa,

Etwas ist aus dem Gleich­ge­wicht geraten. Politische Haltungen verändern sich, ganze Lager sortieren sich neu. Oft geschieht dies entlang überra­schender, ja verstö­render Linien. Die politi­schen Koordi­naten, über Jahrzehnte eingeübt, geraten ins Wanken. Links war links. Rechts war rechts. Progressiv war gut. Konser­vativ war vorsichtig. 

Doch diese Zuord­nungen greifen nicht mehr. Was wir heute erleben, ist die Auflösung tradi­tio­neller Allianzen – und die Entstehung neuer, oft wider­sprüch­licher Verbindungen.

Die tektonische Verschiebung politischer Lager

Diese Entwicklung lässt sich quer durch das geopo­li­tische Koordi­na­ten­system beobachten. Bestes Beispiel: Der aktuelle israelisch/iranische Konflikt. Da solida­ri­sieren sich linke säkulare Intel­lek­tuelle mit den islamo­fa­schis­tisch ausge­rich­teten und missio­na­risch-religiösen Mullahs im Iran. Norma­ler­weise bekämpfen Linke jede Form religiösen Patri­ar­chats. Angeblich handeln diese Iranver­steher aus antiko­lo­nialer oder antiim­pe­ria­lis­ti­scher Überzeugung. 

Die Linke hat ihre moralische Klarheit verloren, wenn sie mit den Mullahs marschiert. — Shadi Hamid, US-Politologe (Brookings Insti­tution), 2023

Auf der anderen Seite fällt ebenfalls eine Brand­mauer. Europäische Rechts­ra­dikale mit Nähe zu Antise­miten entdecken plötzlich ihre Sympathie für die israe­lische Regierung. Und umgekehrt ebenso: Europas Rechts­extreme sind neue Verbündete für Parteien in Israel – “kein Ausrut­scher”, sagen Beobachter .

Die Regie­rungs­partei Likud von Netanjahu sucht angesichts der Kritik an dessen Politik in den besetzten paläs­ti­nen­si­schen Gebieten neue politische Allianzen in Europa. – Histo­ri­kerin und ehemalige Arabien-Korre­spon­dentin Andrea Nüsse im Tages­spiegel

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Der neue Minimal­konsens in der politi­schen Allian­zen­bildung lautet: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Das gilt auch dann, wenn der neue Partner noch so unver­einbar mit den eigenen Werten ist.

Die neue Querfront der Bequemlichkeit

Dass die Trenn­linien zwischen links und rechts verschwimmen ist überall in Europa und Nordamerika zu beobachten. Statt über Werte zu debat­tieren, sortieren sich politische Milieus zunehmend entlang affek­tiver Frontlinien: 

  • Wer ist gegen „den Westen“? 
  • Wer ist gegen „die Globalisten“? 
  • Wer tritt auf gegen „die da oben“?

Die Antwort reicht oft, um eine neue Allianz zu stiften – unabhängig davon, ob sich das Gegenüber für Presse­freiheit, Frauen­rechte oder Minder­hei­ten­schutz einsetzt.

Die neue Querfront ist keine bewusste Strategie, wie einst in der Weimarer Republik, sondern ein kultu­relles Reflex­bündnis. In der Empörung über Gaza oder Ukraine, NATO oder Migration spielt oft nicht die moralische Haltung die Haupt­rolle. Statt­dessen ist die emotionale Zugehö­rigkeit entscheidend. 

Wenn Rechts­extreme Israel verehren, geht es ihnen nicht um Juden, sondern um Zäune und Waffen.“ — Carolin Emcke, Philo­sophin und Publi­zistin, 2021

Der AfD-Wähler, der Israel als „Vertei­diger des Abend­lands“ stili­siert, teilt das Schlagwort „Wehrhaf­tigkeit“ mit der israe­li­schen Rechten – ohne dabei die histo­rische Last des eigenen Milieus zu reflek­tieren. “Die AfD-Fraktion steht fest an der Seite Israels”, behauptet AfD-Außen­po­li­tiker Alexander Wolf MdB. Er begründet diese angeb­liche Haltung seiner gesichert rechts­extre­mis­ti­schen Partei unter anderem mit dem Argument, das Mitein­ander mit Israel sei “im Interesse des eigenen (deutschen) Landes). Schließlich gebe es eine “fruchtbare deutsche Zusam­men­arbeit mit der israe­li­schen High-Tech- und Rüstungsindustrie.”

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Antiim­pe­ria­lismus kann nicht bedeuten, Dikta­turen zu vertei­digen, nur weil sie gegen Amerika sind.—Ralf Fücks, deutscher Publizist, 2022

Gleich­zeitig applau­dieren westliche Linke den islamis­ti­schen Revolu­ti­ons­garden. Und das schon deshalb, weil die hochge­rüs­teten Wächter des Mullah-Regimes Israel oder die USA kriti­sieren. Dabei schauen sie nicht hin, dass dieselben Garden Frauen unter­drücken, Homose­xuelle verfolgen und Künstler mundtot machen. Das moralische Gedächtnis wird geopfert zugunsten einer kurzfris­tigen Identi­fi­kation mit dem Wider­stand, koste es, was es wolle.

Polarisierung ersetzt Prinzipientreue

Dabei wäre die politische Aufgabe unserer Zeit nicht weniger komplex als früher – aber sie wird oberfläch­licher verhandelt. Menschen­rechte, Plura­lismus, demokra­tische Teilhabe: Diese Werte brauchen klare Vertei­diger. Doch wer in diesen Tagen Klarheit wagt, gerät schnell unter General­ver­dacht – als „Zentrist“, „Bothsider“, „Systemling“. Der Raum dazwi­schen schrumpft, die Bereit­schaft zur Diffe­ren­zierung wird als Schwäche gelesen.

Vom Narrativ zur moralischen Beliebigkeit

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Was verloren geht, ist nicht nur die Kohärenz politi­scher Lager, sondern die moralische Verbind­lichkeit ihrer Argumente. Die Linke fordert Menschen­rechte nur noch selektiv ein (was sie selbst bestreiten wird). Bei ukrai­ni­schen Flücht­lingen fordert sie sie ein. Bei irani­schen Frauen hingegen eher nicht. Das ist keine Haltung, sondern Belie­bigkeit. Und wenn die Rechte sich auf „jüdisch-christ­liche Werte“ beruft, um autoritäre Abschot­tungs­po­litik zu legiti­mieren, dann ist das nicht konser­vativ, sondern zynisch.

Narrative haben Prinzipien abgelöst. Politik wird nicht mehr durch Programme und Argumente geprägt, sondern durch Identi­täten und Geschichten. Die einen erzählen von der „Vertei­digung der Zivili­sation“, die anderen vom „Wider­stand gegen Kolonia­lismus“. Beide verein­facht, beide mit morali­scher Überheb­lichkeit vorge­tragen. Und beide zunehmend bereit, mit Kräften zu koope­rieren, die sie gestern noch zu Recht bekämpft hätten.

Wir leben in einer Ära der morali­schen Belie­bigkeit. Identität ersetzt Haltung.—Nora Bossong, Schrift­stel­lerin, 2022

Auch Europas Mitte steht unter Druck

Diese Entwicklung bleibt nicht auf ideolo­gische Ränder beschränkt. Auch die politische Mitte Europas ist betroffen. Liberale Kräfte geraten unter Druck, weil sie nicht laut genug sind – nicht wütend genug, nicht radikal genug. Die Kompro­miss­suche wird zur Zumutung, Diffe­ren­zierung zur Schwäche. Dabei wären gerade in der europäi­schen Demokratie Kräfte gefragt, die Ambiva­lenzen aushalten, Spannungen benennen und nicht jede politische Ausein­an­der­setzung in einen Kultur­kampf verwandeln.

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Wenn das politische Koordi­na­ten­system weiter zerfällt, droht ein gefähr­liches Vakuum. Die Entfremdung vom demokra­ti­schen Prozess wächst. Das liegt nicht daran, dass Menschen sich nicht mehr für Politik inter­es­sieren. Vielmehr erhalten sie den Eindruck, dass moralische Integrität nur noch ein takti­sches Manöver sei. Zwischen Morali­sierung und Zynismus bleibt oft nur die Resignation.

Zeit für einen neuen politischen Kompass

Was wir bräuchten, ist kein nostal­gi­scher Rückgriff auf alte Lager, sondern ein neuer, belast­barer Kompass – jenseits ideolo­gi­scher Loyali­täten. Es braucht die Rückbe­sinnung auf univer­selle Prinzipien: 

Rechts­staat­lichkeit, Menschen­würde, Gewalt­ver­zicht, demokra­tische Teilhabe.

Wer diese verteidigt, sollte sich nicht recht­fer­tigen müssen – sondern Rückenwind bekommen.

Es heißt, die Mitte sei langweilig. Doch in einer Zeit, in der extreme Kräfte Allianzen über Abgründe hinweg schmieden, ist die Mitte womöglich der mutigste Ort. Nicht, weil sie neutral wäre – sondern weil sie bereit ist, Prinzipien über Zugehö­rigkeit zu stellen.

Am Ende entscheidet sich Europas Zukunft nicht an den lauten Rändern. Es ist vielmehr entscheidend, ob es eine kritische Masse in der Mitte gibt. Diese muss bereit sein, in schwie­rigen Zeiten für Klarheit, Komple­xität und Aufrich­tigkeit einzustehen.


Eine Kolumne von Wolf Achim Wiegand, freier Journalist mit EU-Spezialisierung

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