⇒ Inhalt dieses Blogs: Ein Online-Museum erinnert die Russen an die Jahre vor der Schwelle zur Demokratie

Von Wolf Achim Wiegand

St. Petersburg/Moskau/Hamburg (waw) – Mit einer musical­ähn­lichen Multi­media-Aufführung ist am 19. Februar an der Staat­lichen Univer­sität von St. Petersburg das “Museum der Geburt der Demokratie” eröffnet worden. Das Besondere: Diese Ausstellung ist nur im Internet zu besich­tigen. Die außer­ge­wöhn­liche Zusam­men­stellung von Ton‑, Bild- und Schrift­do­ku­menten aus den russi­schen Schick­sals­jahren 1989 ‑1991 ist ein modern gestal­tetes virtu­elles Museum, das man scrollend durch­streifen kann.

Russland-Umwälzungs-TVDie Exponate sind Materialien, die jene Jahre rekapi­tu­lieren, in denen die Sowjet­bürger “ihr Land und seine Rolle in der Welt auf eine neue Weise zu betrachten lernten,” wie die Macher sagen. Es war die Zeit, als die Union der sozia­lis­ti­schen Sowjet­re­pu­bliken (UdSSR) unter dem mittler­weile 86jährigen Staats- und Parteichef Michail Gorbat­schow zusam­men­brach und das Schlagwort von der Trans­parenz (Glasnost) das kommu­nis­tisch einbe­to­nierte Riesen­reich zum Flirren brachte. An der Spitze der politi­schen russland-gorbatschowFührung tauchten neue Köpfe auf. Es kam zum Macht­kampf zwischen “Gorbi” und dem Moskauer Bürger­meister Boris Jelzin. Freie Wahlen wurden angesetzt. Die Menschen spürten erstmals einen Hauch tatsäch­licher Volksherrschaft.

russland-sygar1
Michail Sygar, Foto: Yegor Slizyak für “Medusa”

Es war wie ein Hollywood-Film – wir wachten auf und konnten nicht verstehen, wo wir waren,beschreibt der Journalist und Schrift­steller Michail Sygar diese kurze Ära der Umbrüche. Der 37jährige ehemalige Kriegs­kor­re­spondent ist der inhalt­liche Kopf des “Museums der Geburt der Demokratie”, ein Teil seines Projektes “freie Geschichte”. Um das einzu­schätzen muss man wissen, dass Sygar einst Vize-Chefre­dakteur der russi­schen Ausgabe von Newsweek war und bis 2015 Doschd leitete, den regie­rungs­kri­ti­schen unabhän­gigen TV-Sender in Russland, der auf Kreml-Druck heute nur online mit einem Abonne­ment­system arbeiten kann. Sygar ist außerdem Autor des BestsellersEndspiel – die Metamor­phosen des Wladimir Putin”.

Dass dieses ehrgeizige, spannend und zugleich ästhe­tisch gemachte Projekt kurz vor der russi­schen Präsi­dent­schaftwahl mit Dauer­herr­scher Wladimir Putin (65) als mutmaß­lichem Sieger freige­schaltet wurde, das ist kein Zufall. Ist doch der Finanzier des digitalen Museums die wohlha­bende Anatoli-Sobtschak-Stiftung, mit der die sozial­de­mo­kra­tisch orien­tierte Ex-Politi­kerin Lyudmila Narusova das Vermächtnis ihres 62jährig gestor­benen Ehemanns hochhält. Sobtschak war der mit 76% erste demokra­tisch gewählte Bürger­meister von St.Petersburg und gilt als Mentor Putins und des Minis­ter­prä­si­denten Dmitri Medwedew.

Russland-Xenia-mit-Mutter4Die Tochter der Sobtschaks, Xenija Sobtschak (36, Foto links), macht derzeit unermüd­lichen Wahlkampf gegen Putin. Sie tritt von St. Petersburg bis Sibirien an als unabhängige Opposi­ti­ons­kan­di­datin mit westlich-liberalem Touch. Mit einem Sieg rechnet sie selbst nicht, positio­niert sich aber nach eigenen Worten für eine neue Reform­be­wegung. Diese soll sich für die Zeit nach Putins letzter Amtszeit 2014 in Stellung bringen, so der Plan.

Russland-Boris-JelzinDass Xenija an der Seite ihrer Mutter am 17. Todestag ihres Vaters zur Projekt­er­öffnung ins Theater gekommen war und eine Ansprache hielt, war ein Statement. Und zwar eines bürger­licher Kreise im Lande, die Russland zu einer westlichen Demokratie umformen und damit an den Westen anschließen möchten. Das hätte schon in den Jahren 1989 – 1991 gelingen können, eine Ära, die den Aufge­klärten in der russi­schen Élite wie eine goldene Epoche erscheinen muss – alles schien damals möglich zu sein, doch Vieles ist dann im Verlauf von Unsicher­heiten, Ränke­spielen und sich überschla­gender Ereig­nisse im zerfal­lenden Ostblock zerronnen.

Russland-Trolls-TrolleHeute haben Oligarchen die Russische Föderation im Griff und Putin ist ihr Vollstrecker, sagen Russland-Kenner. Das “Museum der Geburt der Demokratie” erinnert daran, dass es auch anders hätte kommen können. Die Wensite ist insofern weit mehr, als nur ein Archi­vieren und Konser­vieren von Erinne­rungen in Bits und Bytes.

Die ungewöhn­liche, manchmal ironische Schau ist eine Mahnung. Sie soll sagen: Russland, lass’ Dir im entschei­denden Augen­blick nicht wieder eine histo­rische Chance durch die Lappen gehen! Und die könnte laut Sygar bald kommen: “Es scheint mir, dass das Wichtigste hier in Russland ist, was nach den Wahlen passieren wird… sechs Jahre Wahrheit liegen dann vor uns.

russland-xenia-Rede-Uni-Oxford5-ICH-KÄMPFE-FÜR-EIN-EUROPÄISCHES-RUSSLANDAb 19. März, dem Tag nach der Präsi­dent­schaftswahl mit Putin als Sieger, beginnt die Vorphase der Nach-Putin-Epoche. Da der Kreml-Herrscher qua Verfassung nicht nochmals antreten kann, werden die Karten in Moskau in den nächsten Jahren neu gemischt werden. Vielleicht spielt Xenija Sobtschak dabei eine Rolle.

Ich träume von einer Zeit, in der unser Staat recht­mäßig ist,” hatte ihr Vater 1991 vor seinem Erdrut­sch­wahlsieg als St. Peters­burger Bürger­meister ausge­rufen – “und ein Rechts­staat ist einer, der es nicht zulässt, einem Einzelnen auf Kosten eines Anderen Rechte und Privi­legien zu gewähren.” Wird Sobtschaks Tochter die Wende einleiten und neue Jahre des Umbruchs auslösen, wie sie das “Museum der Geburt der Demokratie” zeigt?

russland-Sobtschak-Anatoli


Entdecke mehr von http://www.european.expert

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E‑Mail zu erhalten.