Andy Burnham Großbri­tannien: Andy Burnham will das Verei­nigte König­reich verändern: weniger Macht für London, mehr Staat beim Wohnungsbau und eine pragma­tische Annäherung an Europa. Doch aus seinem Manchester-Modell muss nun ein funktio­nie­rendes König­reich werden.Bericht.

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

Linke Rezepte zur Rettung des Königreiches

Von Wolf Achim Wiegand (Bilder: KI)

Andy Burnham Großbritannien

Revolutionär aus Manchester

Burnham will Britannien retten

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg / London (waw) – Manchester war einst die Haupt­stadt der indus­tri­ellen Revolution. Hier entstanden Fabriken, Eisen­bahnen und eine neue Wirtschafts­ordnung, die Großbri­tannien zur Weltmacht machte. Friedrich Engels, der die Stadt aus nächster Nähe erlebte, nannte sie angesichts des Elends der Arbeiter eine „Hölle auf Erden“.

Nun könnte ausge­rechnet Manchester erneut zum Ausgangs­punkt eines politi­schen Experi­ments werden.

Sein Protagonist heißt Andy Burnham. Der frühere Bürger­meister von Greater Manchester ist seit Juli briti­scher Premier­mi­nister – und hat sich vorge­nommen, das Land grund­legend umzubauen: weniger Macht für London, mehr für die Regionen; mehr Staat beim Wohnungsbau; mehr soziale Entlastung und eine pragma­tische Annäherung an Europa.

Die große Frage lautet: Kann das funktionieren?

Vom „König des Nordens“ nach Downing Street

Burnham wurde am 20. Juli 2026 Premier­mi­nister, nachdem er sich zuvor in einem Macht­kampf an die Spitze der Labour Party gesetzt und Keir Starmer abgelöst hatte. Sein politi­sches Kapital ist seine Herkunft aus dem Norden. Fast ein Jahrzehnt lang regierte er die Drei-Millionen-Einwohner-Region mit der Stadt Manchester und machte sie zum Muster­bei­spiel für Dezen­tra­li­sierung. Busverkehr wurde wieder unter öffent­liche Kontrolle gebracht, Inves­ti­tionen in Infra­struktur und Wohnungsbau wurden angeschoben.

Jetzt will Burnham aus diesem Manchester-Modell ein briti­sches Modell machen.

Seine Botschaft ist einfach: London soll Macht abgeben. Minis­terien sollen stärker außerhalb der Haupt­stadt arbeiten, Regionen und Kommunen mehr Kompe­tenzen erhalten. Der Premier hat dafür sogar ein „No10 North“-Amt in Manchester einge­richtet und angekündigt, politische Entschei­dungen stärker aus den Regionen heraus zu treffen.

Das ist weit mehr als eine Verwal­tungs­reform. Burnham stellt damit die zentra­lis­tisch angelegte tradi­tio­nelle Macht­ver­teilung infrage.

Wohnungen statt Versprechen

Am sicht­barsten wird sein Kurs beim Wohnungsbau.

Großbri­tannien steckt seit Jahren in einer schweren Wohnungs­krise. Sozial­woh­nungen fehlen, Mieten und Immobi­li­en­preise sind hoch, Kommunen kämpfen mit steigenden Kosten für die Unter­bringung Wohnungs­loser. Burnhams Antwort: Der Staat soll wieder selbst bauen.

Seine Regierung hat ein milli­ar­den­schweres Wohnungs­bau­pro­gramm aufgelegt. Zehntau­sende Wohnungen sollen zunächst entstehen, ein großer Teil davon zu Sozial­mieten. Langfristig geht es um mehrere Hundert­tausend neue Wohnungen.

Damit holt Burnham eine Aufgabe zurück in den öffent­lichen Bereich, die Großbri­tannien über Jahrzehnte zunehmend privaten Unter­nehmen und Wohnungs­bau­ge­sell­schaften überlassen hatte. Doch genau hier beginnt das Risiko.

Geld allein baut noch kein Haus.

Es fehlen Fachkräfte, Bauland und Planungs­ka­pa­zi­täten. Geneh­mi­gungen dauern. Viele Kommunen haben nach Jahrzehnten zurück­ge­fah­rener Bautä­tigkeit weder das Personal noch die Erfahrung, um in großem Stil selbst Wohnungen zu planen und zu errichten.

Burnham muss deshalb aus politi­schen Versprechen ziemlich schnell Beton werden lassen.

Der Staat soll wieder liefern

Der Start des neuen Hausherrn an der 10 Downing Street ist trotzdem bemer­kenswert. Burnham hat die Obergrenze für viele Busti­ckets von zwei Pfund wieder einge­führt, Strom­kosten entlastet und weitere Maßnahmen gegen die Lebens­hal­tungs­kosten angekündigt. Gleich­zeitig will er Unter­nehmen und Regionen stärker fördern.

Das kommt an. Der neue Premier­mi­nister gilt als volksnah, direkt und weniger techno­kra­tisch als sein Vorgänger. Damit verschafft er seiner Labour Party Luft im Kampf gegen die populis­tische Reform UK von Nigel Farage und gegen die konser­vative Kemi Badenoch, The Leader of His Majesty’s Most Loyal Opposition.

Doch Burnham hat ein Problem: Seine Politik kostet Geld.

Großbri­tannien muss gleich­zeitig in Wohnungsbau, Infra­struktur, soziale Dienste und Vertei­digung inves­tieren. Die Staats­fi­nanzen sind angespannt. Der entschei­dende Test wird deshalb nicht die Popula­rität seiner ersten Maßnahmen sein, sondern die Frage, ob daraus dauerhaft finan­zierbare Politik entsteht.

Die Revolution gegen London

Burnhams eigent­liches Lieblings­projekt bleibt die Dezen­tra­li­sierung. Verkehr, Energie, Wasser, Wohnungsbau und regionale Wirtschafts­po­litik sollen stärker vor Ort gesteuert werden. Bürger­meister und Kommunen sollen mehr Geld und Entschei­dungs­macht erhalten.

Das klingt zunächst technisch. Tatsächlich steckt dahinter eine politische Kampf­ansage an die Westminster, den Londoner Stadt­bezirk und Sitz zahlreicher histo­ri­scher, politi­scher und kultu­reller Insti­tu­tionen. Denn Burnham glaubt, dass viele Probleme Großbri­tan­niens gerade deshalb so hartnäckig sind, weil zu viel Macht in London konzen­triert ist. Regionen, die jahrzehn­telang wirtschaftlich zurück­ge­blieben sind, sollen selbst über ihre Zukunft entscheiden können.

Der „König des Nordens“ will also sein Erfolgs­modell expor­tieren. Ob das funktio­niert, ist offen. Kritiker warnen, dass mehr regionale Zustän­dig­keiten nicht automa­tisch mehr Wachstum bedeuten. Wohlha­bende Regionen könnten sogar stärker profi­tieren als struk­tur­schwache Gebiete.

Burnham muss deshalb beweisen, dass Dezen­tra­li­sierung mehr ist als ein politi­sches Symbol.

Europa: Brexit bleibt, die Distanz schrumpft

Auch gegenüber Europa setzt der neue Premier andere Akzente.

Eine Rückkehr Großbri­tan­niens in die EU steht nicht auf der Tages­ordnung. Der Brexit wird nicht rückgängig gemacht. Doch Burnham hält die wirtschaft­liche Trennung vom Kontinent für proble­ma­tisch und setzt auf pragma­tische Annäherung an das andere Ufer des Ärmel­kanals. Weniger Handels­hemm­nisse, engere indus­trielle Zusam­men­arbeit sowie mehr Koope­ration bei Sicherheit und Migration sollen die Bezie­hungen zu Brüssel verbessern.

Das ist politisch geschickt: Europa ja – Brexit-Debatte nein. Für die EU könnte Großbri­tannien damit Schritt für Schritt wieder zu einem engeren Partner werden, ohne dass Burnham die innen­po­li­tisch explosive Schei­dungs­frage erneut aufreißen muss.

Ukraine: klare Kante

Außen­po­li­tisch zeigt sich Burnham weniger vorsichtig. Seine erste Auslands­reise als Premier­mi­nister führte ihn nach Kyjiw. Dort sicherte er Präsident Wolodymyr Selenskyj die britische Unter­stützung zu.

Großbri­tannien will die Ukraine zudem beim Ausbau eigener Produk­ti­ons­ka­pa­zi­täten für weitrei­chende SCALP/Storm-Shadow-Marsch­flug­körper unter­stützen. Russland reagierte auf diese Ankün­digung mit scharfen Drohungen gegen Großbritannien.

Burnhams Botschaft ist klar: Der Brexit bedeutet keine britische Abkehr von Europas Sicherheit. Im Gegenteil. London will militä­risch und politisch eine zentrale Rolle auf dem Kontinent behalten.

Israel: Miliband verschärft den Kurs

Die härteste außen­po­li­tische Bewäh­rungs­probe zeichnet sich aller­dings im Nahen Osten ab.

Burnhams Außen­mi­nister Ed Miliband hat den briti­schen Kurs gegenüber Israel deutlich verschärft. London hat den Handel mit Waren aus israe­li­schen Siedlungen im Westjor­danland verboten (überwiegend Datteln, Wein und Kräuter) und weitere Maßnahmen gegen Akteure verhängt, die an Siedlungs­pro­jekten beteiligt sind. Bestehende Beschrän­kungen für bestimmte Waffen­lie­fe­rungen wurden ausgeweitet.

Miliband begründet den Kurs mit dem Schutz der im Westen vielfach angestrebten Zwei-Staaten-Lösung und dem Vorwurf, die israe­lische Siedlungs­po­litik zerstöre deren Grundlage. In einer Rede vor dem Unterhaus betonte der britische Außen­mi­nister zugleich seine persön­liche Verbindung zu Israel und erinnerte an seine jüdische Familiengeschichte.

Israel reagierte scharf: Das britische General­kon­sulat in Ost-Jerusalem wird geschlossen, mehrere britische Politiker dürfen nicht mehr einreisen. Auch die Vertreter des Verei­nigten König­reiches im Gaza Support Center (IGSC) mussten ausreisen und können nicht mehr humanitäre Hilfe und Waffen­ruhen koordi­nieren. Zudem beendete Israel die britische Betei­ligung an der Ausbildung paläs­ti­nen­si­scher Sicherheitskräfte.

Damit haben sich die britisch-israe­li­schen Bezie­hungen auf den tiefsten Stand seit Jahrzehnten verschlechtert. Und das, obwohl Großbri­tannien als einstige UN-Mandats­macht es war, die entscheidend zur Gründung des jüdischen Staates 1947 beigetragen hat. Und es droht weiteres Ungemach für London: Da in Israel Ende Oktober Wahlen anstehen, wirft die Führung in Jerusalem offene Einmi­schung in den Wahlkampf. Wobei Israels Rechts­po­pu­listen erstarkt erscheinen – für sie ist das Vorgehen von Milliband ein gefun­denes Fressen und gutes Argument für das Anprangern von Antizio­nismus und Antisemitismus.

Burnham stellt sich dennoch demons­trativ hinter seinen Außen­mi­nister. Großbri­tannien müsse gegen Ungerech­tigkeit aufstehen und an der Zwei-Staaten-Lösung festhalten, erklärte der Premier. Zugleich stiftete er mindestens elf andere Staaten – darunter zehn aus der EU (ohne Deutschland) und Kanada – dazu an, es den Briten gleichzutun. 

Damit ist Israel für Burnham zum ersten großen außen­po­li­ti­schen Stresstest geworden. Denn die neue Regierung muss mehrere Inter­essen gleich­zeitig austa­rieren: die Unter­stützung der Ukraine, die Bezie­hungen zu den USA, die Sicherheit Israels, die britisch-jüdische Gemein­schaft und die Erwar­tungen des musli­mi­schen Teils der Labour-Wählerschaft.

Burnham kann dabei kaum gewinnen, ohne irgendwo politi­schen Preis zu zahlen.

Manchester oder Märchen?

In dieser Frage hier liegt die Bewäh­rungs­probe des neuen Premier­mi­nisters. Burnham verspricht einen anderen Staat: weniger Macht in London, mehr Verant­wortung vor Ort; mehr öffent­lichen Wohnungsbau statt allei­niger Abhän­gigkeit vom Markt; mehr soziale Entlastung; eine pragma­ti­schere Beziehung zu Europa und eine selbst­be­wusste Rolle in der europäi­schen Sicherheitspolitik.

Die Richtung ist klar. Aber Großbri­tannien hat nicht unbegrenzt Geld, Personal oder politische Geduld. Die verei­nigten Länder England, Schottland, Wales und Nordirland weisen eine im histo­ri­schen Vergleich sehr hohe Staats­ver­schuldung auf. Zum ersten Mal seit den frühen 1960er-Jahren übersteigt sie wieder die Marke von 100 Prozent der jährlichen Wirtschafts­leistung. Ein wesent­licher Grund: das schwache reale Wirtschaftswachstum.

Burnham ist der siebte britische Premier­mi­nister seit 2016. Das allein zeigt, wie schnell politische Hoffnungen in diesem Land inzwi­schen verschleißen. 

Sein Vorteil ist Manchester: Dort hat er bereits bewiesen, dass er aus politi­schen Ideen konkrete Projekte machen kann.

Sein Problem ist Großbri­tannien: Ein ganzes König­reich ist kein Großraum Manchester.

Jetzt müssen die Bagger rollen, die Wohnungen entstehen, die Regionen wachsen und die Staats­fi­nanzen halten. Gelingt das, könnte der Mann aus der einstigen „Hölle auf Erden“ – wie Friedrich Engels den Manchester-Kapita­lismus geißelte – tatsächlich eine neue politische Revolution auslösen. Scheitert er daran, bleibt von der großen Revolution womöglich nur ein hübsches politi­sches Märchen.

Burnhams entschei­dender Gegner sitzt nicht in London, nicht in Brüssel und nicht in Jerusalem. Sondern in der Realität.


Andy Burnham Großbritannien

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