Popstars Israel Gaza: Der Nahost­kon­flikt hat sich in die Popmusik gefressen. Boy George stellt sich demons­trativ an die Seite Israels – und erlebt dafür Gegenwind, beruf­liche Konse­quenzen und heftige Angriffe. Auf der anderen Seite stehen Künstler wie Macklemore, Dua Lipa und Roger Waters. Ein Blick auf einen Kultur­kampf, der längst weit über Musik hinausgeht.Bericht.

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

„Free Palestine“ gegen „I stand with the Jews“

Von Wolf Achim Wiegand (Bilder: KI)

Popstars Israel Gaza

Hamburg (waw) – Es ist ein Streit, der eigentlich gar nicht in eine Konzert­halle gehört. Kein Gitar­rensolo, kein glitzerndes Bühnen­kostüm, keine Zugabe. Und doch ist er inzwi­schen mitten im Popge­schäft angekommen: Es geht um Israel, Gaza, Hamas, Palästina, Antisemitismus.

Musiker werden plötzlich zu politi­schen Botschaftern, Konzerta­renen zu Demons­tra­ti­ons­plätzen und Millionen Fans zu einem Publikum, das nicht mehr nur Musik hören soll, sondern offenbar Stellung beziehen muss.

Im Zentrum der jüngsten Eskalation steht ausge­rechnet ein Mann, von dem man einen solchen Kultur­kampf vielleicht am wenigsten erwartet hätte: Boy George. Der schil­lernde ehemalige Culture-Club-Sänger hat mit „We Will Dance Again“ einen kulti­schen Song veröf­fent­licht, der sich ausdrücklich auf das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 und die israe­lische Reaktion darauf bezieht. Der entschei­dende Satz ist eine Kampfansage:

You say genocide / I say war.

Und am Ende wird seine persön­liche Position unmissverständlich:

I stand with the Jews.

So etwas ist in der heutigen Popwelt keine folgenlose Meinung.

Boy George sagt selbst, sein Lied sei nach einem Besuch der Ausstellung über das Massaker beim Nova-Musik­fes­tival und Begeg­nungen mit Betrof­fenen entstanden. Er wolle nicht schweigen, nur weil die politische Position unbequem sei. Das „We Will Dance Again“ im Titel spielt auf den Satz an, der nach dem Massaker von jungen Israelis zum Symbol für Lebens­willen geworden ist.

Attacke!

Doch kaum war der Song veröf­fent­licht, begann der Gegen­an­griff. Kritiker bezeich­neten das Stück als „pro-genozidale“ und anti-paläs­ti­nen­sische Propa­ganda. Der Musiker Martyn Ware, Mitbe­gründer von The Human League, attackierte George besonders scharf. In sozialen Netzwerken wurde der Sänger beschimpft, auch aus Teilen der LGBTQ-Szene, in der er jahrzehn­telang als Ikone gegolten hatte. 

Aus einem persön­lichen Statement war damit binnen kurzer Zeit ein Kultur­kampf geworden. Der brodelt aller­dings – eher unbeachtet – schon seit Jahren – nun die Eruption.

Für Boy George wurde es jetzt nicht nur politisch, sondern auch beruflich teuer. Sein Song verschwand von Bandcamp, einem Online-Musik­dienst, die insbe­sondere unabhängige Künstler promoted. Die Plattform erklärte aller­dings, der Grund sei ihre Regel gegen KI-generierte Musik – und nicht die politische Botschaft. George wiederum vermutete politi­schen Druck und griff Bandcamp öffentlich scharf an.

Noch härter traf den in Irland geborenen Londoner ein Konflikt im eigenen beruf­lichen Umfeld. George erklärte, er habe sich von Tony Pontius getrennt, der sein Label BGP geführt hatte. Pontius habe die Veröf­fent­li­chung des Liedes abgelehnt. George veröf­fent­lichte seine Version der Geschichte selbst: Er habe die Entscheidung akzep­tiert und sich von seinem langjäh­rigen Partner getrennt. Seine Begründung war bemer­kenswert knapp: Wer wegen seiner Solida­rität mit Juden gehe, müsse eben gehen.

Die Bühne als Kampfplatz 

Boy George sollte im Londoner „Jesus Christ Superstar“ den König Herodes spielen. Nach der Veröf­fent­li­chung seines Israel-Songs zog er sich aus der Produktion zurück. Sein Manager erklärte, George stehe zu seinen Überzeu­gungen; die Entscheidung solle jedoch verhindern, dass der politische Streit die Produktion überlagere. Die Rolle wurde neu besetzt. Damit war aus einem Popsong eine Karrie­re­frage geworden.

Und genau hier wird die Geschichte inter­essant. Denn während Boy George den Preis für seine Position sichtbar bezahlt, zeigt sich auf der anderen Seite des Popge­schäfts eine ganz andere Dynamik.

Anfang September 2026 trat der US-ameri­ka­ni­scher Rapper Macklemore im Vorpro­gramm des weltbe­kannten briti­schen Singer-Songwriters und Gitar­risten Ed Sheeran im New Yorker MetLife Stadium auf. Vor Zehntau­senden Menschen rief er „Free Palestine“, trug eine Kufiya und zeigte auf den Stadi­on­bild­schirmen Bilder aus Gaza. Er spielte zudem seinen Protestsong „Hind’s Hall“, der aus den propa­läs­ti­nen­si­schen Studen­ten­pro­testen hervor­ge­gangen war.

Macklemores Auftritte blieben aller­dings nicht unwider­sprochen. Der Israeli-American Council – die größte gemein­nützige Organi­sation jüdischer Ameri­kaner – forderte in einer Petition, Macklemore von den noch ausste­henden Terminen der “Loop”-Tour auszu­schließen

Arabische Schützenhilfe

Obwohl Macklemore erklärte, seine Kritik an Israel sei nicht gegen jüdische Menschen gerichtet, warf der arabisch-israe­lische Aktivist Yoseph Haddad dem Rapper öffentlich Heuchelei vor. Er erinnerte daran, dass Macklemore einen geplanten Auftritt in Dubai wegen der Rolle der Verei­nigten Arabi­schen Emirate in der humani­tären Krise im Sudan abgesagt hatte, während er Israel auf der Sheeran-Tour wegen „Genozid“, „Apartheid“ und „Besatzung“ angriff.

Du redest von Besatzung, Macklemore? Deine Heuchelei ist unfassbar. Yosef Haddad.

Der Einwand ist bemer­kenswert, weil Haddad selbst arabi­scher Israeli ist. Seine Kritik kommt somit nicht aus einer klassi­schen israe­li­schen Regierungsperspektive.

Innerhalb der Musik­branche fiel die Reaktion auf Macklemores politische Auftritte unter­schiedlich aus. Große Überra­schung: Plötzlich meldete sich P!nk zu Wort – aller­dings nicht mit einem eigenen politi­schen Manifest. Die beken­nende Jüdin teilte einen Beitrag von StopAn­ti­se­mitism weiter, der Macklemores Auftritt scharf kriti­sierte. Damit war die Popfront endgültig sichtbar.

Boy George ging indessen noch weiter. Er griff Macklemore und indirekt auch Sheeran direkt an. Die Parole „Free Palestine“, schrieb er sinngemäß, erzeuge den Eindruck morali­schen Mutes, ohne viel politi­sches Wissen zu verlangen. Sheeran habe „keine Wirbel­säule“, so seine drastische Formu­lierung. Damit wurde aus unter­schied­lichen politi­schen Positionen ein offener Schlag­ab­tausch unter Kollegen.

Rechtsausleger Roger Waters

Realität ist: Es gibt eine ganze Generation von Künstlern, die den Krieg vor allem aus der Perspektive des paläs­ti­nen­si­schen Leids betrachten. Dua Lipa („Levitating“) gehört zu den promi­nen­testen Stimmen dieser Richtung. Die aus dem Kosovo stammende Muslimin mit albani­scher Staats­bür­ger­schaft hat bereits lange vor dem aktuellen Streit die israe­lische Politik scharf kriti­siert. 2024 hatte Dua Lipa einen Beitrag verbreitet, in dem sie Israels Vorgehen in Gaza als „Israeli genocide“ bezeichnete. Ihre Haltung ist klar pro-palästinensisch.

Noch radikaler ist Roger Waters. Der Pink-Floyd-Mitbe­gründer betreibt seit Jahren eine Kampagne gegen Israel und unter­stützt den Boykott des Landes. Er hat Israel wiederholt mit Apartheid und sogar mit Nazi-Deutschland verglichen. Gerade diese Gleich­setzung ist einer der Gründe, weshalb jüdische Organi­sa­tionen und Antise­mi­tis­mus­for­scher ihm seit Jahren Antise­mi­tismus vorwerfen. Waters selbst weist den Vorwurf zurück und erklärt, seine Kritik richte sich gegen den israe­li­schen Staat und nicht gegen Juden.

Roger Waters benutzt histo­rische Nazi-Vergleiche gegen Israel. Damit verschiebt sich die Debatte von der Kritik an konkreter Regie­rungs­po­litik in eine Sprache, die für viele Juden nicht mehr politische Ausein­an­der­setzung, sondern histo­rische Dämoni­sierung bedeutet.

Was treibt einen englischen Weltstar?

Und dann ist da Ed Sheeran. Gerade bei ihm zeigt sich, wie schnell die Wirklichkeit im Netz verzerrt werden kann. Sheeran selbst hat sich bislang nicht in derselben Weise wie Macklemore oder Dua Lipa als pro-paläs­ti­nen­si­scher Aktivist positio­niert. Sein aktuelles Problem ist, dass Macklemore im September 2026 auf seiner Tour im Vorpro­gramm auftritt und seine politische Botschaft von dessen Bühne aus verbreitet. Sheeran hat darauf zunächst öffentlich nicht reagiert. Sein Schweigen wird nun selbst zur politi­schen Aussage.

Damit liegen die Fronten offen zutage:

  • Boy George sagt, der Terror des 7. Oktober dürfe nicht relati­viert werden – jüdische Menschen verdienen Solidarität.
  • Macklemore ruft „Free Palestine“.
  • Dua Lipa spricht von einem israe­li­schen „Genozid“.
  • Roger Waters zieht histo­rische Paral­lelen zum Nationalsozialismus.
  • P!nk signa­li­siert, dass für sie die Grenze bei derar­tigen Aussagen erreicht ist.

Boy George antwortet darauf – wie oben schon erwähnt – mit einem klaren Satz, der inzwi­schen fast wie ein persön­liches Motto klingt:

I stand with the Jews.

Damit ist die Popwelt an einem bemer­kens­werten Punkt angekommen. Früher konnte ein Künstler für Frieden singen und damit ziemlich gefahrlos Applaus bekommen. Heute reicht ein politi­scher Satz, um Auftritte, Geschäfts­be­zie­hungen und Fanbin­dungen zu gefährden. Besonders auffällig ist dabei die unter­schied­liche Risikoverteilung:

Pro Israel kann Eiszeit bedeuten

Wer sich auf der großen Bühne für Palästina ausspricht, kann mit erheb­licher Unter­stützung aus der inter­na­tio­nalen Kultur­szene rechnen – ein großes Publikum und zahlreiche promi­nente Mitstreiter. Wer dagegen öffentlich sagt, dass der Terror des 7. Oktober 2023 nicht relati­viert werden dürfe, dass jüdische Menschen Solida­rität verdienen und Israel nicht zum allei­nigen Schul­digen des Nahost­kon­flikts gemacht werden dürfe, begibt sich in Teilen der Kultur­szene auf dünnes Eis.

Boy George hat dieses Eis betreten. Er hat dafür seinen Song, beruf­liche Konflikte, eine abgesagte Bühnen­rolle und massive persön­liche Angriffe bekommen. Eine Pointe dieses Popkriegs liegt in der Frage: Darf ein Künstler gegen den Mainstream stehen, ohne dass daraus ein Karrie­re­problem wird?

Boy George hat darauf seine Antwort gegeben. Er hat sich entschieden, lieber einen beruf­lichen Preis zu zahlen, als seine Solida­rität mit jüdischen Menschen zurück­zu­nehmen. Und so schließt sich der Kreis: Der Mann, der mit „Karma Chameleon“ einst vom Spiel mit wechselnden Farben sang, weigert sich heute, seine politische Farbe zu wechseln.

Der Popkrieg um Israel und Gaza ist mehr als ein Streit über Musik: Er ist ein Test dafür, ob Solida­rität mit Israel und Juden in der inter­na­tio­nalen Unter­hal­tungs­branche noch öffentlich ausge­sprochen werden kann – ohne dass daraus sofort ein Karrie­re­problem wird.


Quellen zum Anklicken:


Popstars Israel Gaza

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