Europa Israel Paläs­ti­nenser: Persön­liche Erinnerung an den 5. September 1972. Paläs­ti­nen­sische Terro­risten ermorden Teilnehmer aus Israel bei den Olympi­schen Spielen in München. Und ich reiste genau an dem Tag als junger Mann nach Tel Aviv… Der Tag hat mich fürs Leben geprägt.

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Europa Israel Palästinenser

Von Wolf Achim Wiegand

Moin, liebe Mitmen­schen in Europa,

es war am 5. September 1972, als das Grauen von München begann und die Unschuld der Bundes­re­publik endete. Elf der 14 israe­li­schen Teilnehmer an den 20. Olympi­schen Spielen wurden ermordet, darunter fünf Athleten. Die Täter waren paläs­ti­nen­sische Terro­risten. Sie brachten jüdischen Gästen den Tod – auf deutschem Boden. In einem Land, das sich nach Nazi-Diktatur, Holocaust und Wieder­aufbau gerade erst mühsam zurück in die Völker­ge­mein­schaft gearbeitet hatte – Olympia in München galt dafür als ein Symbol.

Genau an diesem Tag flog ich, noch Schüler, für ein Praktikum nach Israel. Ein halbes Jahr verbrachte ich dort in einem Kibbuz und bereiste das Land von den Golan­höhen bis in den Sinai. Ich war voller Neugier. Und erlebte ein Land, das immer wieder von Angst und Trauer geprägt ist. Gleich­zeitig birgt es unglaub­liche Lebens­en­ergie und Diver­sität. Das spürte ich später bei jedem meiner weiteren Besuche erneut.

Mein Ankunftstag in Israel, der 5. September 1972, hat mein Leben und mein Denken für immer gezeichnet. Ich erinnere es noch genau: Der Busfahrer drehte das Radio auf vollste Lautstärke, als wir zu meinem Zielort Pardes Hanna fuhren. So konnten die Passa­giere die Life-Repor­tagen aus München hören. Und mittendrin – ich, der junge deutsche Rucksack­rei­sende, hinein­ge­schmissen in jüdische Realität.

Mein Aufenthalt in Israel war eine prägende Zeit. Sie ließ mich nie mehr los. 

Unver­gessen: Als junger Mann kam ich aus dem Land der Holocaust-Täter. Eine israe­lische Klein­bau­ern­fa­milie nahm mich überaus herzlich auf. Wie einen Sohn. Dabei hatte sich Mutter Rosi noch weniger als drei Jahrzehnte zuvor als Jüdin in München verstecken müssen. Mit Tochter Margalit – gerade beim zweijäh­rigen Wehrdienst – war ich schnell befreundet. Wir sahen uns noch jahrelang auch in Europa wieder. Margalit ist früh gestorben.

Mutter Weissmann
Mit Margalit am Toten Meer
Margalit, 2 Jahre Wehrdienst

Und dann auch noch das: Die Vollver­sammlung des Kibbuz Metzer stimmte meiner Aufnahme als “volunteer” zu.

Ich war der erste zugelassene Deutsche in der 250-köpfigen Gemein­schaft jüdischer Einwan­derer aus Südamerika – eine Ehre! Das Dorf grenzte an das seit 1967 israe­lisch besetzte West-Jordanien. Die “green line” war nur 500 Meter vom Speisesaal entfernt. Tagsüber schuftete ich mit arabi­schen Arbeitern “von drüben” friedlich Seite an Seite in Bananen­plan­tagen und auf Baumwollfeldern. 

Ich erlebte eine Zeit des Respekts. Es war auch eine Zeit der Fried­fer­tigkeit. Ich besuchte sogar den benach­barten arabi­schen Ort Baqa al-Gharbiyye. Dort ließ man mich gastfreundlich das Minarett besteigen.

Doch der von Extre­misten seit 1948 geschürte arabische Terror hörte im Unter­grund nie auf. Jahre später, im November 2002, während der Zweiten Intifada, drang ein paläs­ti­nen­si­scher Terrorist in den Kibbuz Metzer ein. Er ermordete fünf Menschen, darunter eine Mutter und ihre beiden Söhne.

Fünfzig Jahre später frage ich mich: Haben wir in Deutschland, in Europa, in der Welt irgendetwas gelernt? Meine bittere Antwort: nein.

Heute, nach mehr als fünf Jahrzehnten, bleibt ein trauriger Befund. Wir weisen Terro­rismus und seine Unter­stützer nicht entschieden zurück. Israel ist dazu gezwungen, dies allein zu tun. Wir dagegen leisten wir uns den Luxus einer Haltung der Beschwich­tigung. Man nennt sie höflich „Appeasement“– in Wahrheit aber ist es Feigheit vor dem Feind.

Es gab in Deutschland nur ein einziges Mal ein anderes Signal: Unter Bundes­kanzler Helmut Schmidt, in den Jahren des RAF-Terrors. Damals wagte die Bundes­re­publik Härte. Die Befreiung der 86 Geiseln auf dem Flughafen Mogadischu 1977 aus der von paläs­ti­nen­si­schen Terro­risten entführten Lufthansa-Maschine “Landshut” war ein histo­ri­scher Moment. Der Vorgang war trotz glück­lichen Ausgangs bitter, weil er auch hätte fehlschlagen können. 

(Übrigens schon damals linker Antisemitismus: bei einer weiteren Flugzeugentführung ein Jahre zuvor nach Entebbe selektierten die beteiligten Deutschen Brigitte Kuhlmann und Wilfried Böse vermeintlich jüdische Passagiere und ließen die anderen frei - ein israelisches Kommando befreite später nahezu alle Geiseln und tötete die Terroristen)

Ebenso bitter war wenige Wochen vor der Landshut-Entführung die Konse­quenz der damaligen SPD/FDP-Bundes­re­gierung unter Schmidt gewesen, Hanns-Martin Schleyer nicht durch Nachgeben auf terro­ris­tische Erpressung zu retten.

Ich war damals als junger Journalist am 19. Oktober 1977 in Mühlhausen, Elsass, vor Ort. Dort war die Leiche des mit Kopfschüssen hinge­rich­teten Arbeit­ge­ber­prä­si­denten – der um sein Leben gefleht hatte – gefunden worden. Sie steckte im Kofferraum eines an der Rue Charles Peguy geparkten deutschen Autos. 

Es war ein Moment des Schreckens – aber auch ein Beweis dafür, dass Rechtsstaat und Demokratie nicht verhandelbar waren.

H.M. Schleyer
Entschlos­senheit
Mühlhausen, Elsass: Schleyer tot im Pkw
Schleyer-Beerdigung: Schmidts schwere Last

Und heute?

Der Wille zum klaren Nein gegenüber brutalen Gewalt­ver­bre­chern scheint erloschen zu sein. Man sucht Dialoge, wo es keine gibt. Man schließt diplo­ma­tische Kreise, wo Blutver­gießen statt­findet. Und man belohnt dieje­nigen mit Versprechen bis hin zu Staats­grün­dungen, die nur ein Ziel haben: Schrecken und Tod zu verbreiten – gegen das gesamte „Abendland“.

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