⇒ Topic des Blogs: Irland könnte das größte Opfer des EU-Austrittes von Großbri­tannien werden. Die beiden Insel­staaten sind eng mitein­ander verflochten. Eine gesicherte EU-Außen­grenze käme einer erneuten Teilung zwischen der unabhän­gigen Republik und dem briti­schen Nordirland gleich…

Dublin (waw) – Der größte Verlierer des briti­schen EU-Austritts steht im Grunde schon fest: Irland. Denn die grüne Republik ist mehr als jede andere Nation mit dem benach­barten König­reich verwoben. Zugleich sind beide in einer kompli­zierten histo­ri­schen – und oftmals blutigen – Vergan­genheit verhaftet, die sich erst in jüngsten Jahren zum Besseren gewendet hat. Die Lösung Großbri­tanniens von der Europäi­schen Union, der Irland viel zu verdanken hat, droht das alles wieder zu zerreißen.

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Enda Kenny, Premier­mi­nister Irland

Er habe Angst, dass der Brexit unkal­ku­lier­baren Schaden über seine Insel bringen und „alte Geschichten von Teilung, Isolation und Streit“ wieder­be­leben könne, hatte Irlands liberal­kon­ser­va­tiver Regie­rungschef Enda Kenny schon vor dem briti­schen Referendum festge­stellt. Eine aktuelle Studie des Economic and Social Research Institute (Esri) in Dublin gibt ihm nun recht: Irland werde sich bei einem „harten“ Brexit, also einem UK-Ausstieg aus dem EU-Binnen­markt, auf Einnah­me­ver­luste von 3,8% des Brutto­in­land­pro­dukts (BIP) einstellen müssen. Immerhin umfassen die wöchent­lichen Trans­ak­tionen zwischen den Nachbar­inseln rund 1.5 Mrd. Euro (£1.35bn).

Noch expor­tiert Irland die meisten Waren in das UK einschrän­kungslos. Auch umgekehrt gibt es keinerlei Reibungen. So beliefern Impor­teure und Großver­teiler die irische Republik mit ihren 4,6 Mio. Konsu­menten umstandslos über britische Geschäfts- und Logis­tik­zentren. Nach dem Brexit wäre Irland wohl gezwungen, die Waren separat und direkt einzu­führen. Das bedeutet: anders­ge­artete Zolltarife, ungleiche technische Standards und unter­schied­liche Beipackzettel.

Brand­be­schleu­niger und ParamilitärsIrland-Landkarte-freivonwikipedia

Alles das kostet. Unter die Räder käme auch der inner­i­rische Verkehr von Menschen und Gütern über die Nord-Süd-Grenze. Sie ist erst seit EU-Zeiten offen und für Menschen und Wirtschaft seit Jahren quasi nicht mehr spürbar.

Nun fragen viele: wird die grüne Insel nach dem Brexit wieder durch eine Grenze zerteilt, die als EU-Außen­grenze scharf gesichert werden müsste? Können dadurch begraben geglaubte histo­rische Feind­se­lig­keiten aufflammen? Man rekapi­tu­liere: Erst vor gut zwanzig Jahren beendete das sogenannte “Karfrei­tags­ab­kommen” den nordiri­schen Bürger­krieg zwischen den Religi­ons­ge­mein­schaften, der über 3.000 Tote forderte. Und es gibt sie immer noch, parami­li­tä­rische Grüppchen auf jeder Seite, die auf alte Hasspa­rolen anspringen könnten.

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Gerry Adams, Sinn Féin

Die einzige Partei, die sowohl im Norden als auch im Süden Irlands wirkt, macht schon mal mobil. Es ist die linke Sinn Féin (Gälisch: „Wir selbst“), die aus den blutigen Unruhen hervor­ge­gangen ist als Speer­spitze der nordiri­schen Katho­li­ken­min­derheit. Partei­prä­sident Gerry Adams (68), ein nach allge­meiner Auffassung einst führendes Mitglied der antibri­ti­schen Terror­gruppe IRA (was er bestreitet), fordert gebets­müh­len­artigSinnFein-Poster ein Referendum über die Wieder­ver­ei­nigung Irlands, das die Briten in den 1920er Jahren zum Schutz der monar­chie­treuen Protes­tanten im Norden ausein­an­der­ge­rissen hatten. Doch das ist eine kühne Idee, spricht sich doch in Umfragen nur ein Fünftel der nordiri­schen Bevöl­kerung für den Anschluss an den Süden aus. Eine Unabhän­gig­keits­kam­pagne könnte wie ein Brand­be­schleu­niger wirken.

Regio­nal­au­to­nomie auf Pump

Sinn Féin sitzt im Dubliner Parlament und ist in Belfast die zweit­stärkste Kraft. Besonders fest verankert ist die Partei in den Grenz­re­gionen zwischen Republik und briti­scher Provinz. Letztere hatte beim Referendum mit 55,8% gegen den Brexit gestimmt, denn auch in Nordirland hat man viel zu verlieren. Schließlich hat der oberste Insel­zipfel wie wenige andere europäische Regionen kräftig von der EU profi­tiert: Unter­nehmen inves­tierten, der Tourismus kam in Schwung, soziale Randzonen sind befriedet. Aller­dings ist der Haushalt der Provinz­re­gierung hochde­fi­zitär, muss zu einem Drittel von London subven­tio­niert werden.

IRLAND-NORDIRLAND-Democratic_Unionist_Party_Logo.svgDass nun die größte Partei Nordir­lands, die rechts­kon­ser­vative Democratic Unionist Party (DUP), in London mitmischt, um der Tory-Minder­heits­re­gierung von Premier­mi­nis­terin Theresa May die Steig­bügel zu halten, ist eher besorg­nis­er­regend für Irland. Die DUP ist prinzi­piell brexit­freundlich, spricht aber nur für die Mehrheit der nordiri­schen Protes­tanten. Sollte im zerbrech­lichen nordiri­schen Friedens­zu­stand auch nur der Hauch eines Eindrucks aufkommen, dass May die Unionisten bevorzugt, könnte das die Lunte am Pulverfass sein. Die in der Provinz fast gleich starken DUP und Sinn Féin sind sich spinne­feind und wachen bis zur gegen­sei­tigen Lähmung eifer­süchtig darüber, dass London ihre Regio­nal­au­to­nomie nicht antastet.

Stopp vorm Schlagbaum?

Trotz aller Unter­schiede: die offene Schengen-Grenze hat sich für alle Iren als Win-win-Irland-BorderprotestSituation erwiesen. Den katho­li­schen Republi­kanern gibt sie den Eindruck eines zumindest gefühlt verei­nigten Irlands. Zugleich gibt sie den protes­tan­ti­schen Unionisten dennoch die Gewissheit einer weiter­be­stehenden Trennlinie.

Genau dieses viel mit Emotionen verbundene fragile Gleich­ge­wicht ist nun in Gefahr, zumal London nach Ansicht von Beobachtern keinerlei Anstalten zu machen scheint, dem irischen Brexit-Sonder­problem gegenüber besondere Obacht oder Empathie entgegenzubringen.

John Bruton, einstiger Premier­mi­nister der Republik Irland, stellt indes schon mal die Schuld­frage fest: “Es ist wichtig zu betonen, dass der Brexit eine britische Initiative ist, für deren Folgen das Verei­nigte König­reich verant­wortlich ist, denn schließlich wurde ihm der Brexit nicht aufge­zwungen.

Die EU27 hat auch schon vorge­sorgt: ausdrücklich räumt sie Nordirland das Recht ein, bei einer Wieder­ver­ei­nigung der Insel automa­tisch in den Schoß des Staaten­ver­bundes einge­gliedert zu werden nach Präze­denzfall DDR. Doch bis die beiden Irlands zusam­men­kommen, kann es dauern. Bange konsta­tiert Dan Mulhall (62), Botschafter Irlands im UK: „Ich sorge mich um die Folgen des Brexit auf die britisch-irischen Bezie­hungen sowie auf die irischen Nord-Süd-Bindungen und auf Europa selbst.

Schnell weg in die Republik!

Ironi­scher­weise gibt es inzwi­schen eine „Flucht­be­wegung“ aus dem Verei­nigten König­reich in die Republik Irland: die Zahl der Anträge von Briten auf Gewährung der irischen Staats­bür­ger­schaft – bislang eher selten – ist tausendfach gestiegen.

Eines der bemer­kens­wer­testen Einbür­ge­rungs­ge­suche kam von Sir Ivor Roberts (70). Der ist nicht irgend­jemand, sondern Präsident des inter­na­tional hochge­ach­teten Trinity College der Univer­sität von Oxford und einstiger Botschafter Ihrer Majestät Queen Elizabeth II. in Irland. Begründung des Briten, nun Ire werden zu wollen: “Ich habe ein Haus in Italien und keine Lust, mich jedes Mal an der Passkon­trolle am Flughafen Rom in die Schlange stellen zu müssen.

Dem einfachen Iren ohne Luxus­problem droht nun genau das zu passieren – Schlan­ge­stehen am Schlagbaum im eigenen Land.

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