⇒ Topic dieses Blogs: Die wahlbe­dingte Schwäche der briti­schen Premier­mi­nis­terin Theresa May lässt ihre Hinter­männer im Kabinett erstarken. Noch bevor die Konser­vative eine neue Regierung geschmiedet hat, ist schon einer als Nachfolger im Gespräch: Boris Johnson, der politische Paradies­vogel des Verei­nigten Königreiches.

London (waw) – Das Schlachtfest der briti­schen Wähler hat promi­nente Konser­vative das Amt gekostet. Zu den Opfern gehören immerhin acht Mitglieder des briti­schen Kabinetts. Zu den Überle­benden zählen Schatz­kanzler Philip Hammond (61) und Brexit-Minister David Davis (68). Die sind jetzt die starken Männer hinter Theresa May (60). Und sie sind die konser­vative Reserve, falls die resolute und doch angeschlagene May mit ihrer Minder­heits­re­gierung stolpern sollte.

Doch heimlich, still und leise lauert noch jemand darauf, die konser­vative Premier­mi­nis­terin zu beerben: Boris Johnson, der Paradies­vogel der briti­schen Politik. May hatte ihn, einen der Lautsprecher der Anti-EU-Kampagne, voriges Jahr als Außen­mi­nister einge­bunden. Damit schien der quirlige Ex-Bürger­meister von London ruhig gestellt zu sein. Doch das könnte sich jetzt ändern.

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Die Hausherrin von 10 Downing Street ist nach dem selbst­ver­schul­deten Verlust der absoluten Mehrheit von der Eisernen zur Bleiernen Lady geworden. Ihr politi­scher Bewegungsraum ist klein, während das Aufmarsch­gebiet für mögliche Königs­mörder nun größer ist. Das weiß auch Johnson, ein Mann scharfer Zunge, die schon als Student trainierte, als er zum Präsi­denten des renom­mierten Debat­tier­zirkels Oxford Union aufstieg.

“Egozen­tri­scher, aufge­bla­sener Idiot”

Der 53jährige Urenkel von Ali Kemal, dem letzten und gelynchten Innen­mi­nisters des Osmani­schen Reiches sowie weitläu­figen Verwandten von Queen Elizabeth II., ist für jede Überra­schung gut. Sein bishe­riges Leben ist von Skandalen gepflastert. So wurde Johnson als Vizeprä­sident der hochan­ge­se­henen Univer­sität Oxford entlassen, weil er ein Zitat seines Paten­onkels, des Histo­rikers Colin Lucas, verfälscht hatte. Da war er aber noch kein natio­naler Promi.

Der breiteren Öffent­lichkeit bekannt wurde Johnson Ende der 1990er Jahre durch Fernseh­rollen. Er blieb zugleich Journalist beim konser­va­tiven Spectator und leistete sich auch dort 2004 einen Skandal mit einem Leitar­tikel. Überliefert ist das Zitat eines live-Anrufers während einer BBC-Sendung, der Johnson mit den Worten beschimpfte: „Sie sind ein egozen­tri­scher, aufge­bla­sener Idiot – verschwinden Sie aus der Öffent­lichkeit!

Das meinen bis heute viele in der briti­schen Politik. Doch es nützt nichts. Wie ein Gummiball hüpft der vierfache Vater nach jedem Aufprall nur noch höher. Im Mai 2008 wurde er zum Bürger­meister von London gewählt, der mit 13,6 Millionen Menschen größten Metro­pol­region der EU und einem Jahresetat von rund drei Milli­arden Euro.

Der ewig Unterschätzte

Während der Brexit-Kampagne war der Mann mit dem Marken­zeichen orange­graue Wuschel­frisur (aber anders als Trump) der schärfste Anti-EU-Agitator neben dem hasserfüllten UKIP-Mann Nigel Farage. Die EU ziele auf einen Super­staat, sagt er damals: „Napoleon, Hitler, verschiedene Leute haben das versucht, und es endet immer tragisch.

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Den Königin­mörder will Boris Johnson nach außen hin nicht abgeben

Besser so einen Mann in das diplo­ma­tische Korps einbinden, als ihn sich zum Feind machen, dachte sich Mrs. May, als sie das Enfant terrible, das sich auch um ihren heutigen Job beworben hatte, zum Außen­mi­nister machte – und zugleich zum Chef des legen­dären briti­schen Geheim­diensts MI‑6.

Verbale Ausrut­scher leistete er sich freilich auch da. So warb Johnson ausge­rechnet in einem Sikh-Tempel für mehr Whisky-Importe nach Indien, obwohl die Religion jeden Alkohol verbietet. Beim Antritts­besuch in Berlin erklärte Johnson fröhlich: „Ich bin nicht ein Berliner.“ Und beim Joggen im New Yorker Central Park zeigte sich der Außen­mi­nister Ihrer Majestät in einem extrem mutigen Outfit, das einer Unterhose glich…

Dieser bisweilen lächerlich wirkende und ewig unter­schätzte Mann ist es, den May jetzt im Auge haben muss. Keiner verfolgt seine Ziele so ruchlos und unbekümmert, wie Boris Johnson. Niemand verließ die traurige Wahlparty der Konser­va­tiven in der Nacht zum vorigen Freitag so rasch, wie er – zum Strip­pen­ziehen? Am Morgen danach schrieb die konser­vative Zeitung „The Telegraph“ jeden­falls: “Johnson steht auf der Liste möglicher Nachfolger ganz oben.” Let’s have a cup of tea and wait and see…

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Von möglichen Nachfol­ge­kan­di­daten ist Boris Johnson der populärste

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