⇒ Inhalt dieses Blogs: Der Weltkli­marat IPCC hat dieser Tage in einem politi­schen Weckruf an die Weltöf­fent­lichkeit appel­liert, schnell und umfassend gegen den Klima­wandel vorzu­gehen. Die globale Erwärmung auf 1,5 Grad erfordere “rasche, weitrei­chende und beispiellose Verän­de­rungen in sämtlichen Bereichen der Gesell­schaft.” +++ Das Thema Klima­wandel ist indessen auch beim Militär angekommen. Streit­kräfte stehen durch Dürre, Stürme oder Überschwem­mungen vor neuen Herausforderungen… 

Der Klima­wandel, ein Fall fürs Militär 

von Wolf Achim Wiegand, Text auch in The European

Großbritannien - Armee Navy Arktis Klima Uboot durch Eis

Hamburg (waw) – Als der britische Vertei­di­gungs­mi­nister Gavin Williamson kürzlich den Befehl erteilte, Spezi­al­truppen Ihrer Majestät Elizabeth II. künftig gemeinsam mit Truppen aus Norwegen in regel­mäßige Kaltwet­ter­ma­növer zu schicken, sah das zunächst wie ein normaler Einsatz­befehl aus. Der Westen dulde in arkti­schen Gebieten – “in unserem Hinterhof” – keine Bedro­hungen aus Russland, sagte der konser­vative Politiker und gelernte Sozial­wis­sen­schaftler. Die verstärkte russische U‑Bootpräsenz an und unter der Eisdecke müsse beant­wortet werden, ebenso die Reakti­vierung zahlreicher Stütz­punkte aus der Sowjetzeit.

Schaut man genauer hin, dann wird klar, dass NATO-Mitglied Großbri­tannien auf einen ganz neuen Feind reagiert: den Klima­wandel. Die Mobili­sierung Londons wäre ohne Erder­wärmung, die zu Schmelzen in Arktis­re­gionen führt, so nicht denkbar. “Die von altem, dickeren Eis bedeckte Fläche nimmt weiter ab,” heißt es in einem Bericht der US-Klima­be­hörde NOAA 2017. Eine Wetter­ent­wicklung, die neue Seewege freilegt, die bislang durch “ewiges” Eis unpas­sierbar waren. Der dänische Contai­ner­frachter Venta Maersk hat kürzlich schon mal zur Probe als erstes Handels­schiff der Welt die Nordroute bewältigt, beladen mit russi­schem Fisch und südko­rea­ni­scher Elektronik.

Es locken aber ganz andere Ladungen. Moskau hat das schon vor Jahren erkannt. Es geht um den Zugang zu lukra­tiven Boden­schätzen: Erdöl, Gas und Mineralien. Diesen schlum­mernden Reichtum will sich der Kreml sichern und meldet Ansprüche an. Auch der Westen will Einfluss auf künftige Abbau­ge­biete und Abtrans­port­routen haben.

Auch anderswo auf dem Erdball treibt Strategen die Frage um, ob geogra­fische Verän­de­rungen zur See und an Land sowie mehr extreme Wetter­phä­nomene neue militä­rische Lageein­schät­zungen erfordern. Ergeben sich bislang unbekannte Bedro­hungen? Wird es eine Zunahme an Kriegen und Migra­ti­ons­be­we­gungen geben? Wie wird die Welt aussehen, in der Soldaten kämpfen sollen?

NATO erwartet militärische Spannungen

Anders Fogh Rasmussen, NATO Secretary General
NATO

Die NATO hat den Klima­wandel erstmals 2009 als Sicher­heits­be­drohung anerkannt. Der damalige General­se­kretär des westlichen Militär­bünd­nisses, Anders Fogh Rasmussen (Foto links), warnte vor zuneh­menden Auswir­kungen des Klima­wandels auf die Anfor­de­rungen an Streit­kräfte. Vor dem Hinter­grund von Putins Arktis­po­litik sagte er, auf der nördlichen Polkappe könne es “verstärkte Nervo­sität inklusive militä­ri­scher Spannungen” geben. Szenarien eines möglichen HighTech-Krieges zwischen Russland und NATO-Truppen kursieren bereits.

Bei der Bundeswehr steht das Thema Klima­wandel seit 2012 auf dem Plan. In seiner Studie Umwelt­di­men­sionen von Sicherheit warnt das Planungsamt der deutschen Streit­kräfte vor erheb­lichen sicher­heits­po­li­ti­schen Risiken, sollte sich der Klima­wandel mit Dürren, Fluten und Stürmen ungebremst entfalten. Das könne “desta­bi­li­sierend auf die sich trans­for­mie­renden Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas wirken”, hieß es damals noch unbeein­flusst von der heutigen Krise um massenhaft flüch­tende Menschen aus Afrika.

Für Europa liegen die klima­ge­fähr­deten Gebiete vor der Haustür. Unser südlicher Nachbar Afrika verzeichnet in den vergan­genen 25 Jahren eine Verdop­pelung der Anzahl wetter­be­dingter Katastrophen wie Überschwem­mungen und Dürren. Millionen Menschen haben den Wunsch, ihr Leben anderswo neu zu gestalten. Vertei­lungs­kon­flikte sind damit program­miert, inklusive Radika­li­sierung und Waffen­gewalt bis hin zum Militäreinsatz.

Südamerika trainiert Soldaten für KlimawandelPeru-Militär-Logo

So drängend ist das Thema Klima­wandel und Militär inzwi­schen, dass die Führungs­aka­demie der Bundeswehr in Hamburg kürzlich eine inter­na­tionale Tagung zum Thema durch­führte. Haupt­re­fe­renten waren Militärs aus Argen­tinien, Brasilien, Chile und Peru. Die Streit­kräfte am Südzipfel des ameri­ka­ni­schen Doppel­kon­ti­nents beschäf­tigen sich als Betroffene seit Längerem konkret mit der Erder­wärmung. Sie sind eng in den Katastro­phen­schutz einge­bunden und behandeln den Klima­wandel in der Offiziersausbildung.

Aus Peru wurde berichtet, zwei Drittel aller Katastrophen in dem südame­ri­ka­ni­schen Land seien Folge von Klima­er­eig­nissen. Im Anden-Gebirge peinigen Erdbeben die Menschen, aber auch Schlamm­la­winen, die nach heftigem Regen ungezählte Existenzen wegreißen und unter sich begraben. Vor der Küste wirkt El Niño, das Phänomen verän­derter Strömungen im äquato­rialen Pazifik, das regel­mäßig Algen absterben lässt, die perua­nische Ancho­vis­fi­scherei zum Still­stand bringt und die Nahrungs­kette für Raubfische, Wasser­vögel und Meeres­säuger unterbricht.

Die perua­ni­schen Streit­kräfte sind eng invol­viert von der Katastro­phen­vor­hersage bis hin zur Besei­tigung der Schäden,” schil­derte Oberst Victor Arturo Miranda Alfaro. Der argen­ti­nische Vertei­di­gungs­staats­se­kretär Hugo Patricio Pierri forderte, das Thema Klima nicht nur in seinem Lande als “Bedrohung” einzu­kal­ku­lieren. Der Volks­wirt­schaftler Prof. Dr. Stefan Bayer, Ökologie-Dozent der Bundeswehr, forderte sogar “eine Anpassung” an die Folgen des Klima­wandels, weil der bereits so weit fortge­schritten sei, dass präventive Schutz­maß­nahmen an Bedeutung verlören. “Wir brauchen hier eine neue Heran­ge­hens­weise, ein neues Denken in der Sicher­heits­po­litik.

Dass der Klima­wandel das Militär selbst bedrohen kann, ist auf der pazifi­schen US-Insel Guam zu besich­tigen, der neben Diego Garcia wichtigsten ameri­ka­ni­schen Militär­basis im Pazifik. Das Eiland ist existen­ziell bedroht, weil abgestorbene Korallen den natür­lichen Schutz gegen immer öfter auftre­tende Taifun-Sturm­fluten beein­trächtigt, was wiederum zur Küsten­erosion führt. Zusätzlich führt der anstei­gende Meeres­spiegel zur Versalzung von Frisch­wasser für die 160.000 Einwohner.

Rolle von Streitkräften muss neu gedacht werden

USA-Armee-U.S. Army Photo

Die US Army stellt sich ganz praktisch die Frage, wie lange sie auf Guam Raketen­abwehr, B‑52-Bomber und atomare U‑Boote als Abschre­ckung gegenüber China und Aktions­basis für Nahost-Einsätze statio­nieren kann. Und nicht nur dort pfuscht der Klima­wandel der größten Streit­macht der Welt ins Handwerk. Deshalb hat die US Navy eine Unter­su­chung über die zehn vom Wetter meist­be­drohten US-Stütz­punkte weltweit in Auftrag gegeben – während ihr Oberbe­fehls­haber, US-Präsident Donald Trump, die Erder­wärmung herunterspielt.

Zur Absicherung ihrer Stütz­punkte müssen Militärs sich um die Sicherung des Landes und des Wassers kümmern, mit dem sie leben,” sagt der demokra­tische Politiker Robert A. Underwood, einst Guam-Abgeord­neter im US-Repräsentantenhaus.

Unter­dessen sichert Russland schon mal seine terri­to­rialen Ansprüche an der nördlichen Polkappe ab. “In diesen Gebieten gibt es eine entwi­ckelte Infra­struktur, darunter Öl- und Gasför­der­an­lagen, Pipelines, das Bilibino-AKW und die mit ihm verbun­denen Hochspan­nungs­lei­tungen,” bilan­zieren Wissen­schaftler des Katastro­phen­zentrum Antis­tihija. Das Auftauen des Dauer­f­rost­bodens (Perma­frost) gefährde diese Anlagen.

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Nagurskoye

Präsident Wladimir Putin hat nun den bislang kleinen Stütz­punkt Nagurskoye (Foto) auf Aleksandra Land, der westlichsten Insel im rauen Archipel Franz-Josef-Land, vergrößert. Und in Tiksi, 4.300 km östlich von Moskau, steht ein Raketen­system, das ungebetene Gäste in 300 Kilometern Entfernung mit Abwehr­ra­keten vom Typ Panzir abfangen und zerstören kann. Auch MiG-31-Kampfjets lauern in diesem nördlichsten Gebiet Eurasiens.

Es scheint also, dass die Folgen des Klima­wandels die tradi­tio­nellen Grenzen zwischen innerer und äußerer Sicherheit immer mehr aufweichen. Die Folgen der Rolle für Streit­kräfte muss daher neu disku­tiert werden – sind sie die “gesell­schaft­liche Versi­cherung gegen den drohenden Klima­wandel,” wie Bayer es formulierte?

Klima-Erde-Natur-Umwelt-Treibhausgase1Am besten wäre es, Militärs bräuchten sich gar nicht mehr mit dem Klima­wandel zu beschäf­tigen. Das gelänge wohl nur, wenn die Menschheit gemeinsam aktiv handelte, um Biodi­ver­sität, Boden­qua­lität und lokale Ernäh­rungs­si­cherheit nachhaltig zu sichern.

Allzu lange warten sollte man damit nicht, warnt ja der jüngste Bericht des Weltkli­ma­rates IPCC und fordert:

Schnelle, weitrei­chende und beispiellose Änderungen in allen gesell­schaft­lichen Bereichen.

Das ist ein Thema der Politik, nicht des Militärs. Aber: wie lange noch?


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