⇒ Inhalt dieses Blogs: Weltweite Missbrauchs­fälle stürzen den Vatikan in den Abgrund – Papst Franziskus kämpft auch ums eigene Überleben 

Papst Franziskus ist schwer unter Druck – wie soll er seine ramponierte Kirche wieder zum Strahlen bringen? 

Von Wolf Achim Wiegand 

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Vatikanstadt/Hamburg (waw) – “Habt keine Angst vor der Zärtlichkeit!” Das war das Motto des argen­ti­ni­schen Haupt­stadt­bi­schofs Jorge Mario Bergoglio, als er vor über fünf Jahren als erster gebür­tiger Nicht­eu­ropäer das höchste Amt der katho­li­schen Kirche antrat.

Heute muss Papst Franziskus alles andere sein, nur nicht zärtlich:

Nach den Affären um Kindes­miss­brauch ist der Pontifex als harter Hund gefragt – als Krisen­ma­nager. Der 81jährige hat den derzeit wohl undank­barsten Job auf dem Globus. Denn morali­scher Anspruch und Realität klaffen in seiner Kirche weit auseinander.

Die Missbrauchs­skandale sind das 9/11 der Kirche,” beklagt Kurien­erz­bi­schof Georg Gänswein. Er ist der Privat­se­kretär des emeri­tierten Papstes Benedikt XVI. und Präfekt des Päpst­lichen Hauses von Papst Franziskus. Bischöfe fordern grund­sätz­liche Verän­de­rungen der Kirche. In Kanada wird schon die Betei­ligung von Frauen an der Pries­ter­aus­bildung verlangt.

Aus Sicht der Krisen­kom­mu­ni­kation ist im Vatikan sehr Vieles versiebt worden. Nachrichten über sexuelle Verfeh­lungen vom einfachen Priester bis zum Kardinal erreichten die Kirchen­spitze schon vor Jahren. Doch einfluss­reiche Kreise haben die Schand­taten unter der Decke gehalten. Kritiker verdäch­tigen selbst Franziskus als Vertu­scher und haben dazu kompro­mit­tie­rende Dokumente vorgelegt. Im Dezember reichte ein Mitglied der päpst­lichen Kinder­schutz-Kommission entnervt den Rücktritt ein, weil es von oben gemobbt wurde.

Franziskus hat etliche Fehler begangen

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Tiefer kann das Image der Amtskirche kaum sinken. Teufli­scher wäre nur noch die Fahrt zur Hölle – ein beunru­hi­gendes Szenario für Theologen, gehört der Satan doch zum Kernbe­stand christ­lichen Glaubens. Papst Franziskus hat einmal einem Kind gegenüber den Teufel mit einem Drachen verglichen: “Auch wenn der getötet wird: Er hat einen langen Schwanz, und auch wenn er tot ist, schlägt der Schwanz noch hin und her.” Für den Katho­li­zismus dürften die Missbrauchs-Enthül­lungen noch jahre­lange Folgen haben.

Der Chefwür­den­träger selbst hat in der bishe­rigen Krisen­re­aktion etliche Fehler begangen. So fehlt bis heute eine überzeu­gende Symbol­handlung zur Übernahme politi­scher Verant­wortung. Ein verur­tei­lendes Wort hier, eine Absetzung kriminell gewor­dener Geist­licher dort und Unter­su­chungs­auf­träge ergeben noch keine nachhaltige Strategie gegen teuflische Taten. Es geht immerhin um krimi­nelle Verfeh­lungen angeblich gottes­gläu­biger Menschen, denen Schutz­be­fohlene wie Minis­tranten anver­traut worden sind.

Große Energie legt der Papst jetzt auf eine eilend einbe­rufene große Konferenz in Rom. Dazu müssen erstmals alle Leiter der Bischofs­kon­fe­renzen von rund um den Erdball in die Vatikan­stadt anreisen. Datum: erst im Februar 2019. Kritiker finden, es wäre besser gewesen, die Energie jetzt sehr deutlich auf die Opfer zu lenken – und nicht auf den Kreis, aus dem womöglich Täter kommen, denn viele in diesen Positionen dürften Teil des Problems sein, nicht die Lösung. Und wenn schon Konferenz, dann darfdürfe es dort nicht nur zu Gardi­nen­pre­digten kommen, sondern zu Taten. Wir wäre es etwa mit einer ergeb­nis­ori­en­tierte Diskussion über Risiken und Neben­wir­kungen des Zölibats?

Papst-Franziskus-Briefmarke Sao Tome1-4-mitRandEntsetzen auch in Deutschland

Die Krise trifft die katho­lische Kirche zur Unzeit. Sie ist sowieso schon unter Druck. Weltweit herrscht Relevanz­verlust für Religion im modernen Alltag. Das hat zu Gläubi­gen­schwund und Pries­ter­mangel geführt. Wird die Kirche – auch in Deutschland – nach der Welle von Sexskan­dalen nun noch stärker in den Strudel des Verfalls ihrer gepre­digten Worte und Werte hineingezogen?

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Der Passauer Bischof Stefan Oster, Jugend­bi­schof der Deutschen Bischofs­kon­ferenz, fordert in einem zwölf­mi­nü­tigen YouTube-Video Konsequenzen:

Wir brauchen eine radikale Form der Selbst­kritik im Blick auf die Insti­tution.” Empathisch sagt der Geist­liche, die Vorgänge seien “verheerend für die Kirche, für unsere Glaub­wür­digkeit, aber mehr noch natürlich für die Menschen, die durch Verant­wort­liche der Kirche großes Leid erlitten haben.” Die Vorsit­zende des Bundes der Deutschen Katho­li­schen Jugend (BDKJ / 660.000 Mitglieder), Lisi Maier, macht männliche “Karrie­renetz­werke” in der Kirche für fehlende Aufklärung verant­wortlich. Die Pries­ter­ver­feh­lungen sind dieser Tage zentrales Thema vieler Predigten – “diese Menschen sind zum Fluch geworden!

Wie tiefgreifend der Einfluss­verlust der Kirche selbst in einstigen Hochburgen ist, das lässt sich im tiefka­tho­lisch geprägten Irland besich­tigen. Franziskus war dort im August zu Gast, aber nicht unbedingt willkommen. Der Papst, der empfiehlt, Kinder mit homose­xu­ellen Neigungen zum Psych­iater zu schicken, traf in Dublin auf Leo Varadkar. Der ist irische Regie­rungschef – ein 39jähriger konser­va­tiver Politiker, der bekennend schwul ist und mit einem Chirurgen zusammenlebt.

Varadkar sagte anläßlich des Papst­be­suches konfron­tativ, er sei froh, dass die katho­lische Kirche nicht mehr so viel Einfluss in Irland habe. Denn so ist es in der Tat. Im Mai hat das irische Volk entgegen Kirchen­flehen mit sensa­tio­neller Zweidrit­tel­mehrheit das strenge Abtrei­bungs­verbot beschlossen. Zuvor stimmten die Iren für die gleich­ge­schlecht­liche Ehe. Die Republik am Atlantik war das erste Land, in dem massiver und syste­ma­ti­scher Kindes­miss­brauch durch Mönche, Priester und Nonnen aufflog – und Vertuschungsversuche.

Sekten und Freikirchen übernehmen

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Wie ein Menetekel an der Tempel­mauer versagte beim Papst-Besuch in Irland die sonst gut geölte PR-Maschi­nerie des Vatikans. Als Franziskus bei einer abend­lichen Famili­en­messe ausufernd und wenig volksnah predigte, fingen die zur Liveüber­tragung hinter ihm drapierten müden Kinder entweder an zu feixen oder zu gähnen. So schafft man kaum überzeu­gende Bilder für den Vatikan.

Selbst auf seinem früher unerschüt­terlich katho­lisch ausge­rich­teten Heimat­kon­tinent kämpft die Kirche des Franziskus seit Längerem einen Kampf gegen Heerscharen aus einem anderen Himmel. Ganz Südamerika ist inzwi­schen ein Tummel­platz für Sekten und Freikirchen. Mit “Halleluja”-Emotionen, ausdrucks­starken Predigern und impul­siven Gottes­diensten scharen Evange­likale immer mehr Folgsame um sich. Die gibt es in Scharen, weil sie das Seelenheil nicht mehr in der verfilzten Amtskirche finden. Auch in Afrika werden Freikirchen stärker und stärker.

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Zu Beginn seines Ponti­fikats war Franziskus noch ein gefei­erter Meister der Öffent­lich­keits­arbeit gewesen. Rituelle Fußwa­schungen an inhaf­tierten Krimi­nellen, Behin­derten und Frauen, ja, sogar Muslimen kamen als demütige Handlungen der Liebe über. Das picco­lo­k­leine Dienstauto, mit dem der Papst anstatt in der Staats­ka­rosse, in den USA vorfuhr, vermit­telte Beschei­denheit. Jetzt scheint Franziskus das Glück der medialen “Selig­spre­chung” verlassen zu haben.

Wohl jahrzehntelang wirksamer Schaden entstanden

Dem Vatikan fehlt eine sichtbar nachhaltige Strategie zur Wieder­her­stellung der Glaub­wür­digkeit. Man wünschte sich beispiels­weise eine sofortige weltweite Aufar­beitung durch unabhängige Unter­sucher. Und: wo bleibt eine schnelle und spürbar großzügige Opfer­ent­schä­digung? Weiterhin geschlossen sind zudem kirch­liche Geheim­ar­chive trotz bekannt­ge­wor­dener Vertu­schungen, auch in Deutschland.

Vermutlich wird das Thema Missbrauch die Kirchen­agenda über den Tod des 81jährigen argen­ti­ni­schen Papstes hinaus beherr­schen. Es geht ja nicht um Einzel­fälle, sondern um ein Massen­phä­nomen. Allein im US-Bundes­staat Pennsyl­vania sind über 1.000 Pädophi­lie­opfer identi­fi­ziert worden. In Deutschland hätten sich mindestens 1.670 Kleriker von 1946 bis 2014 an Schutz­be­foh­lenen vergangen, heißt es in einem geleakten Bericht, “und der Missbrauch dauert offenbar noch an”.

So, wie jetzt, hat sich der argen­ti­nische Haupt­stadt­bi­schof Jorge Mario Bergoglio den Verlauf seiner Amtszeit als 266. Bischof von Rom, Oberhaupt der römisch-katho­li­schen Kirche und Souverän des Vatikan­staats wohl nicht vorge­stellt. Nun muss er öffentlich erwartete strenge Bestra­fungen gegen die hohen christ­lichen Güter Vergebung und Barmher­zigkeit abwägen. „Zärtlichkeit”, die der amtie­rende Papst ins Amt bringen wollte, ist beim Thema Kindes­miss­brauch kein Mittel der Wahl mehr für den Mann in Petri Nachfolge.

Müsste der Papst zurücktreten?

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Im weltlichen Leben könnte man anraten, einen reini­genden Rücktritt zu erwägen. Ein vatika­ni­scher Ex-Diplomat hat das bereits geraten. Ein Pontifex kann das durchaus, wie man seit 2013 weiß.

Aber Franziskus wird sich wohl auf seine alten Tage weiter mit irdischem Problem­ma­nagement mühen müssen und – wie es in Matthäus 13,49 heißt – “die Bösen aus der Mitte der Gerechten aussondern”. Franziskus drückte es in einer Predigt einmal so aus: Das Reich Gottes wächst wie der Weizen, umgeben nicht von schönen Dingen, sondern umgeben von Unkraut.”


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