Die EU und Asien rücken enger zusammen. Zumindest in der Wirtschaft. Soeben hat Brüssel den Staaten­verband ASEAN zum strate­gi­schen Partner erklärt. Was steckt hinter der Verein­barung von insgesamt 37 Ländern? 

Von Wolf Achim Wiegand

Brüssel (waw) – Weitgehend unbemerkt von der breiten Öffent­lichkeit hat sich etwas getan, was enorme Auswir­kungen auf uns Europäer haben dürfte. Die Europäische Union (EU) hat mit dem Verband Südost­asia­ti­scher Nationen (ASEAN) vereinbart, ihre Bezie­hungen künftig in den Status einer “strate­gi­schen Partner­schaft” zu erheben. So etwas gibt es in Asien bisher nur mit China und Indien. Nun sind die 27 europäi­schen Staaten auf einen Schlag gleich mit zehn weiteren aufstre­benden Nationen verbandelt.

EU ASEAN

ASEAN (Association of Southeast Asian Nations): Brunei, Indonesien, Kambo­dscha, Laos, Malaysia, Myanmar, Philip­pinen, Singapur, Thailand, Vietnam.

Was heißt das genau?

Als enge Wirtschafts­partner stehen wir gemeinsam für sichere und offene Handelswege sowie für den freien und fairen Güter­aus­tausch,” sagte der deutsche Außen­mi­nister Heiko Maas nach der Beschluss­fassung per Video­kon­ferenz. “Gemeinsam reprä­sen­tieren wir über eine Milliarde Menschen und fast 25 Prozent der Weltwirt­schaft.

Bedeutsam ist der Zeitpunkt dieser Verein­barung. Sie kam nach fast einem Viertel­jahr­hundert dauernder Gespräche und nur zwei Wochen nachdem die zehn EU-freund­lichen ASEAN-Länder zusammen mit China, Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland den weltgrößten Freihan­dels­block gegründet hatten. Sein Name: Regional Compre­hensive Economic Partnership (RCEP). Dieser Block umfasst nahezu ein Drittel der Weltbe­völ­kerung und erwirt­schaftet ungefähr 30 Prozent des globalen Bruttosozialproduktes.

Erstes Projekt gestartet

Während von europäi­scher Seite wenig mitge­teilt wurde, wie die strate­gische Partner­schaft der 37 Länder ausge­staltet werden soll, berichten asiatische Medien von ersten Schritten. So sei in Zusam­men­arbeit mit der EU eine online geschaltete Management-Plattform namens ACTS geschaffen worden, die ASEAN-interne Handels­hemm­nisse besei­tigen und den freien Waren­verkehr fördern solle. Das System erlaube die elektro­nische Verar­beitung von Zollerklä­rungen und die Waren­nach­ver­folgung von der Produktion bis zum Zielort. 

Das werde sich bereits beim Bewegen medizi­ni­scher Güter im Kampf gegen die Corona­pan­demie positiv auswirken, heißt es auch ASEAN-Kreisen. Koen Doens, EU-General­di­rektor für Inter­na­tionale Zusam­men­arbeit, wird mit den Worten zitiert: ACTS sei ein “bemer­kens­werter Erfolg.” Er dokumen­tiere die starke, dynamische und langan­dau­ernde Partner­schaft zwischen ASEAN und der EU. 

Neben solchen prakti­schen Mitteln spielt bei der EU aber auch der Wille eine Rolle, nicht zwischen die Fronten der Ausein­an­der­set­zungen zwischen China und den USA zu geraten. Zwar sieht man sich in Brüssel als “Werte­partner” Washingtons zumal unter dem künftigen Präsi­denten Joe Biden und die Volks­re­publik ist von der EU längst zum “System­ri­valen” ausge­rufen worden. Dennoch möchte Europa eigene inter­na­tionale Schritte ohne den trans­at­lan­ti­schen Verbün­deten gehen und sich Wirtschafts­op­tionen in Asien offen­halten. Auch die ASEAN-Mitglieder sind daran inter­es­siert, nicht ganz der Vormacht Chinas ausge­liefert zu sein.

Nicht nur eitel Sonnenschein

woman walking among palms in rainforest

Natürlich gibt es zwischen EU und ASEAN auch spürbare Knack­punkte. Diverse der neuen Partner sind weit weg vom Demokra­tie­ver­ständnis der Europäer, etwa in der Beurteilung von Menschen­rechts­fragen. Ebenso gibt es Diffe­renzen in Umwelt­fragen. Dazu gehört der massen­hafte Monokultur-Anbau von Palmöl für Biodiesel, den europäische Natur- und Klima­schützer – aber auch einhei­mische NGOs – seit Jahren anprangern. Offenbar glaubt man in Brüssel, dass gemein­samer Handel erstmal wichtiger ist, als solcher Streit. Immerhin ist eine Arbeits­gruppe ins Leben gerufen worden, die sich mit der Palmöl­frage beschäf­tigen soll.

Das Thema einer Zusam­men­arbeit zwischen EU und ASEAN ist jeden­falls noch ausbau­fähig. Beobachter glauben, dass Frank­reich als Nachfolger der deutschen EU-Ratsprä­si­dent­schaft eine Indo-Pazifik-Strategie auf den Weg bringen wird. Die dürfte darauf abzielen, das inter­na­tionale Überge­wicht Chinas durch mehr Gewicht bei der Koope­ration mit wirtschaftlich nach oben strebenden Ländern auszu­ba­lan­cieren. Asien ist jeden­falls noch stärker als bisher im Fokus Brüssels – und das ist auch gut so. Denn Europa muss in die Puschen kommen, will es nicht zum inter­na­tio­nalen Pantof­fel­helden verkommen. 



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