📌 Europa Frank­reich Deutschland stehen im Zentrum einer neuen Spannung: Hinter demons­tra­tiver Einigkeit wächst die Distanz zwischen Bundes­kanzler Friedrich Merz und Präsident Emmanuel Macron – mit Folgen für Schul­den­po­litik, Vertei­digung und Europas Rolle in einer zunehmend rauen Weltordnung. – Dazu meine Analyse.

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

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Europa Klima Schifffahrt

Europa Frank­reich Deutschland

Von Wolf Achim Wiegand (Bilder: KI)

Hamburg/Berlin/Paris (waw) – Äußerlich scheint ja alles zum Besten bestellt. An drei aufein­an­der­fol­genden Tagen haben sich Friedrich Merz und Emmanuel Macron vorige Woche persönlich getroffen. Am 11. Februar 2026 bei einem EU-Indus­trie­treffen in Antwerpen, am 12. Februar bei einer Klausur auf Schloss Alden Biesen (Belgien) und dann am 13. Februar zur Münchner Sicher­heits­kon­ferenz (MSC). Zugleich beraten Deutschland und Frank­reich erstmalig über eine gemeinsame europäische Nuklearrüstung.

Aber obwohl der Bundes­kanzler und der Staats­prä­sident gemeinsam vor die Presse traten, knirscht es zwischen ihnen – nicht offen feind­selig, aber spürbar frostig. Ausge­rechnet in mitten eines geopo­li­ti­schen Sturms wirkt das deutsch-franzö­sische Tandem fahrig – als träte es mit unter­schied­licher Kraft in die Pedale. Dabei steht Europa unter Druck wie lange nicht:

Wladimir Putin führt Krieg gegen die Ukraine und Europas Stabi­lität, Donald Trump wütet im Weißen Haus und vergrätzt die Europäer, Xi Jinping spannt seine ökono­mi­schen Muskeln und schleift in Europa leise das Handels­ge­baren – alle testen die Geduld der EU- und NATO-Verbün­deten. Und dann ein Zwist der größten westlichen Nationen Europas?

Trump und Putin schlagen auf Europa ein

Es ist kein Zufall, dass viele Beobachter von einer „neuen Dishar­monie“ sprechen. Die Medien­plattform Pioneer zitierte jüngst aus dem Umfeld des Kanzlers, bei einem schwachen franzö­si­schen Präsi­denten müsse man „dreimal die Trikolore grüßen“. Das ist mehr als eine flapsige Bemerkung. Es ist Ausdruck eines Misstrauens, das sich in den vergan­genen Monaten aufgebaut hat – gespeist aus unter­schied­lichen wirtschafts­po­li­ti­schen Philo­so­phien, diver­gie­renden Strategien gegenüber Washington und Moskau sowie innen­po­li­ti­schen Zwängen auf beiden Seiten.

Kredit gegen Wettbewerbsfähigkeit

Macron denkt europäisch – und fiska­lisch expansiv. Ob Pandemie, Ukrai­ne­krieg oder Klima­trans­for­mation: Seine Antwort heißt gemeinsame Schul­den­auf­nahme. Der franzö­sische Präsident wirbt seit Jahren für eine dauer­hafte europäische Verschul­dungs­ka­pa­zität, eine Art fiska­li­sches Rückgrat der Union. Für ihn ist der Kapital­markt kein Risiko, sondern ein Hebel.

Für zukunfts­ori­en­tierte Ausgaben müssen wir eine gemeinsame Verschul­dungs­ka­pa­zität schaffen … durch Eurobonds für Vertei­digung, grüne Techno­logien, künst­liche Intel­ligenz und Quanten­com­puter. – Emmanuel Macron

Merz dagegen kommt aus einer anderen Denkschule. Er ist kein Dogma­tiker mehr – auch Deutschland hat seine Schul­den­bremse flexibel inter­pre­tiert. Doch auf europäi­scher Ebene pocht er auf eine andere Reihen­folge: erst Struk­tur­re­formen, dann Kredit. Erst weniger Regulierung, mehr Angebots­ori­en­tierung, dann gemein­sames Geld. Studien von Indus­trie­ver­bänden sprechen von einer wachsenden Flut europäi­scher Rechtsakte; für Berlin ist das kein Detail, sondern ein Standortproblem.

Hinter dieser Differenz steckt mehr als Ökonomie. Macron regiert in einem politisch zersplit­terten Frank­reich, in dem Sparpro­gramme regel­mäßig zu Regie­rungs­krisen führen. Schulden sind für ihn auch ein Mittel, politische Handlungs­fä­higkeit zu demons­trieren. Merz wiederum führt eine CDU, die sich im Schatten der AfD behaupten muss. Eurobonds sind im konser­va­tiven Lager toxisch. Wer hier zu großzügig agiert, verliert seine Basis.

Viele europäische Nachbarn machen es deutlich besser. Auf vielen Politik­feldern, die uns in Deutschland noch Sorgen machen, haben sich andere Länder längst als erfolg­reiche Problem­löser gezeigt. – Jan Schnel­lenbach, Ökonom

Amerika: Rhetorik versus Realpolitik

Noch deutlicher wird der Gegensatz im Umgang mit den USA. Macron hat die NATO einst als „hirntot“ bezeichnet und warnt vor europäi­scher Vasal­len­treue. Seine Rhetorik gegenüber Trump ist scharf – auch, weil sie innen­po­li­tisch verfängt. Frank­reich liebt die Pose strate­gi­scher Autonomie. Merz scheint indessen eher die Charme-Offensive der Italie­nerin Giorgia Meloni zu bevorzugen.

Wie schwierig Macron bei pragma­ti­scher Koope­ration ist wird am Beispiel des einstigen EU-Mitgliedes Großbri­tannien deutlich. Die EU-Staaten hatten voriges Jahr die gemeinsame Initiative EDIP vereinbart – das European Defence Industry Programme. Es dient zur Stärkung der europäi­schen Vertei­di­gungs­in­dustrie und soll nach dem Willen von Merz das Verei­nigte König­reich einschließen. Doch Macron wehrt sich vehement dagegen, Aufträge an britische Firmen auszu­weiten – um die eigene Industrie zu schützen.

Deutschland kann auf den Markt der USA nicht verzichten - trotz Differenzen

Freihandel oder „Buy European“

Merz kann sich die Posen Macrons nicht leisten. Deutschland ist Export­nation, die USA sind Schlüs­sel­markt. Angesichts neuer Zollrunden und protek­tio­nis­ti­scher Töne aus Washington setzt der Bundes­kanzler auf Nüchternheit. Keine öffent­liche Eskalation, sondern stille Diplo­matie. Die Faust mag geballt sein, doch sie bleibt in der Tasche. Das ist weniger heroisch, aber mögli­cher­weise wirkungsvoller.

In der Handels­po­litik kulmi­niert der Dissens. Macron plädiert für „Buy European“, für indus­trie­po­li­ti­schen Schutz­schirm und strate­gische Abschottung. Frank­reich denkt tradi­tionell staat­licher, dirigistischer. 

Deutschland dagegen lebt vom offenen Markt. Wer Autos, Maschinen und Chemie­pro­dukte global verkauft, kann sich protek­tio­nis­tische Experi­mente kaum leisten. Für Berlin ist Freihandel kein Ideal, sondern Existenzbedingung.

Putin und die Frage der Rolle

Auch gegenüber Moskau gehen die Akzente ausein­ander. Macron setzt auf Gesprächs­an­gebote, auf diplo­ma­tische Kanäle – selbst wenn unklar bleibt, was genau verhandelt werden soll. Er will Europa als eigen­stän­digen Akteur ins Spiel bringen.

Merz definiert Führung anders. Als die USA ihre Militär­hilfen für die Ukraine reduzierten, erhöhte Deutschland seine Unter­stützung deutlich. Für ihn ist Glaub­wür­digkeit weniger eine Frage der Worte als der Mittel. Wer Sicherheit verspricht, muss liefern. Das ist nüchtern, vielleicht wenig visionär – aber strate­gisch konsistent.

Es ist notwendig, diese Europäische Union in eine Europäische Vertei­di­gungs­union zu trans­for­mieren … Wir stehen vor inter­na­tio­nalen Heraus­for­de­rungen, die wir gemeinsam als Europäer – mit der Fähigkeit zur Selbst­ver­tei­digung – bewäl­tigen müssen. – Friedrich Merz

Vom Pathos zur Pragmatik

Das deutsch-französische Tandem gerät aus dem Tritt

Man erinnert sich an andere Zeiten: an die symbo­lische Geste von Helmut Kohl und François Mitterrand in Verdun, an das stille Einver­nehmen zwischen Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing. Damals wuchs Integration aus persön­lichem Vertrauen. Heute dominiert Zweck­ge­mein­schaft statt Männerfreundschaft.

Das bedeutet nicht, dass die deutsch-franzö­sische Achse zerbricht. Sie ist insti­tu­tionell zu tief verankert, ökono­misch zu eng verflochten, histo­risch zu aufge­laden. Aber sie eiert. Aus Pathos ist Pragmatik geworden, aus Vision Verwaltung.

Vielleicht liegt darin sogar eine Chance. Europa braucht nämlich keine Fotomotive, sondern Funkti­ons­fä­higkeit. Doch dafür müssten der Bundes­kanzler und der Staats­prä­sident mehr tun, als höflich neben­ein­ander zu stehen. Merz und Macron müssten entscheiden, ob sie Rivalen im selben Haus bleiben wollen – oder die Ko-Archi­tekten eines neuen europäi­schen Projekts.

Europa Frank­reich Deutschland 

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