Europa Nahost Libanon: Die Europäische Union stellt weitere 100 Millionen Euro für den Libanon bereit. Ziel ist die Unter­stützung der libane­si­schen Streit­kräfte und langfristige Stabi­li­sierung. Doch Kritiker bezweifeln, ob Europas Strategie angesichts der politi­schen Lage und des Einflusses der Hisbollah Erfolg haben kann.Analyse.

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

Europa Nahost Libanon

Von Wolf Achim Wiegand (Bilder: KI)

Hamburg/Brüssel (waw) – 100 Millionen Euro – in Brüssel ist das inzwi­schen fast Kleingeld. Denn die Europäische Union bewegt Milli­arden – für Klima­po­litik, die Ukraine, Digita­li­sierung oder indus­trielle Trans­for­mation. Doch manchmal werfen vergleichs­weise kleine Summen die größeren Fragen auf.

So wie die 100 Millionen, die jetzt auf Berschluss des Europäi­schen Rates für den Libanon einge­setzt werden. Es geht darum, die libane­si­schen Streit­kräfte mit einem Hilfs­paket zu unter­stützen. Offiziell handelt es sich um „nicht-tödliche militä­rische Unter­stützung“: also keine Raketen, keine Panzer, keine Munition. Statt­dessen: Grenz­si­cherung, Aufklä­rungs­technik, Überwa­chungs­drohnen. Dazu Ausbildung der Lebanese Armed Forces (LAF), maritime Kontrolle, medizi­nische Infra­struktur und Systeme zur Abwehr von Drohnenangriffen.

Damit versucht die Europäische Union erneut, den Libanon zu stabi­li­sieren – und abermals stellt sich die Frage, ob europäische Ambitionen mit den politi­schen Reali­täten des Landes vereinbar sind.

Illustration of Beirut skyline at dusk with skyscrapers, waterfront promenade, and ships in the sea

Der Vorschlag des Europäi­schen Auswär­tigen Dienstes unter Leitung der EU-Außen­be­auf­tragten Kaja Kallas für die dreijährige zivil-militä­rische Ausbil­dungs- und Beratungs­mission folgt einem bekannten Muster. Brüssel bietet mehr Ausbildung, mehr finan­zielle Unter­stützung, mehr insti­tu­tio­nellen Aufbau. Und genau darin könnte das zentrale Problem liegen.

Denn die geplante Mission entsteht nicht im politi­schen Vakuum. Sie reiht sich in eine lange Serie europäi­scher Initia­tiven ein.

Keine völlig neue Strategie

Bereits 2024 stellte die EU unter Kommis­si­ons­prä­si­dentin Ursula von der Leyen ein Hilfs­paket in Milli­ar­denhöhe bereit. Es sollte vor allem Migration begrenzen und den Grenz­schutz stärken. Und erst kürzlich folgte über die Europäische Friedens­fa­zi­lität ein weiteres Unter­stüt­zungs­pro­gramm für die libane­si­schen Streit­kräfte. Seit 2022 wurden Maßnahmen im Umfang von insgesamt rund 182 Millionen Euro beschlossen.

Die jetzt geplante weitere Mission ist somit weniger ein Neubeginn als die Fortsetzung einer bekannten Strategie: Die EU versucht, staat­liche Struk­turen zu stärken, um langfristig Stabi­lität zu erzeugen. Die Frage ist jedoch, ob der Staat, den Europa stärken möchte, überhaupt handlungs­fähig genug ist.

Der Libanon leidet seit Jahren unter einer tiefgrei­fenden politi­schen und wirtschaft­lichen Krise. Das politische System ist gelähmt, staat­liche Insti­tu­tionen arbeiten nur einge­schränkt, und die Wirtschafts­krise hat große Teile der Bevöl­kerung in Armut gedrängt.

Die Kompetenzgrenzen der EU

Silhouette of armed militant with weapon and Lebanese flag over Beirut skyline at sunset

Gleich­zeitig existiert mit der Hisbollah ein Akteur, der in vielen Bereichen stärker erscheint als staat­liche Struk­turen selbst. Die vom Iran unter­stützte Miliz verfügt über erheb­liche militä­rische Fähig­keiten und besitzt zugleich tiefen politi­schen Einfluss im Land.

Genau hier stößt die europäische Strategie an ihre Grenzen. Offiziell soll die Mission die Fähig­keiten der libane­si­schen Armee verbessern und langfristig das staat­liche Gewalt­mo­nopol stärken. Doch dieses Ziel setzt voraus, dass die libane­sische Armee eines Tages in der Lage wäre, gegenüber nicht­staat­lichen Akteuren wie der Hisbollah eigen­ständig Autorität durch­zu­setzen. Gegen­wärtig erscheint dies jedoch eher wie ein politi­scher Wunsch als ein realis­ti­sches Szenario.

Hinzu kommt eine unbequeme Frage nach der Glaub­wür­digkeit Europas selbst: 

Kann die EU anderen Staaten bei Sicher­heits- und Grenz­fragen als strate­gi­scher Ratgeber dienen, wenn sie gleich­zeitig mit ungelösten Problemen an den eigenen Außen­grenzen kämpft? Seit Jahren ringt Europa um eine gemeinsame Migra­tions- und Grenz­po­litik. Der Streit über illegale Migration und die Kontrolle der Außen­grenzen gehört zu den größten politi­schen Konflikt­feldern innerhalb der Union. 

Kritiker fragen daher, ob Europa überhaupt die Autorität besitzt, anderen Staaten Konzepte zur Stabi­li­sierung und Grenz­si­cherung zu vermitteln, solange es seine eigenen Probleme nur begrenzt lösen kann.

Europas geringer Einfluss in Nahost

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Darüber hinaus stellt sich die Frage nach dem tatsäch­lichen geopo­li­ti­schen Gewicht der EU im Nahen Osten. 

Zwar ist Europa wirtschaftlich ein bedeu­tender Akteur und stellt umfang­reiche Hilfs­zah­lungen bereit. Doch bei den entschei­denden politi­schen und militä­ri­schen Entwick­lungen der vergan­genen Jahre dominierten meist andere Kräfte: die USA, regionale Mächte wie Iran, Saudi-Arabien und die Türkei sowie zunehmend Russland. 

Europa tritt häufig eher als Geldgeber denn als strate­gi­scher Macht­faktor auf. Aus Sicht von Kritikern wirkt die geplante Mission daher wie ein weiterer Versuch, politi­schen Einfluss zu beanspruchen, der faktisch nur begrenzt vorhanden ist.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die Bedro­hungslage im Libanon unter­scheidet sich funda­mental von klassi­schen europäi­schen Sicher­heits­her­aus­for­de­rungen. Die Hisbollah ist keine gewöhn­liche bewaffnete Gruppe und kein Gegner nach dem Muster tradi­tio­neller militä­ri­scher Konflikte. 

Die Terro­risten als bewaff­neter Arm kombi­nieren militä­rische Struk­turen mit politi­scher Macht, Geheim­dienst­netz­werken und Methoden, die von asymme­tri­scher Kriegs­führung bis hin zu Terror, Einschüch­terung und komplexen Unter­grund­struk­turen reichen. Gegner dieser Art operieren nicht nach den Regeln klassi­scher staat­licher Konfrontationen.

Testfall europäischer Außenpolitik?

Daraus ergibt sich noch eine unange­nehme Frage: Welche prakti­schen Erfah­rungen kann Europa tatsächlich vermitteln? Europäische Staaten verfügen ohne Zweifel über umfang­reiche Erfah­rungen in Polizei­arbeit, Terro­ris­mus­abwehr und Sicher­heits­ko­ope­ration. Doch die Heraus­for­derung im Libanon bewegt sich in einer anderen Größenordnung. 

In dem Land der Zersplit­terung entlang religiöser Linien agieren Akteure, die bereit sind, nahezu jedes Mittel einzu­setzen – von Selbst­mord­an­schlägen über Entfüh­rungen bis hin zu gezielten Einschüch­te­rungs- und Gewalt­struk­turen. Sind Europas Erfah­rungen ausrei­chend, um einem Partner­staat im Umgang mit einem derart komplexen Gegner glaub­würdige Strategien zu vermitteln?

Die Zweifel reichen dabei weit über den Libanon hinaus.

Fragmented Lebanon map with looming shadow figures

Afgha­nistan und Mali gelten vielen Beobachtern als warnende Beispiele dafür, wie erheb­liche inter­na­tionale Inves­ti­tionen am Ende auf fragile staat­liche Struk­turen trafen, die sich als wenig belastbar erwiesen. Die Sorge lautet nun, dass sich dieselbe Logik wieder­holen könnte: Ressourcen fließen, Struk­turen werden aufgebaut, doch grund­le­gende politische Macht­ver­hält­nisse bleiben unangetastet.

Damit berührt die Debatte eine grund­sätz­liche Frage europäi­scher Außen­po­litik: Geht es primär um die Stabi­li­sierung fragiler Staaten – oder vor allem um die Stabi­li­sierung Europas selbst? Fürchtet Brüssel etwa neue Migran­ten­ströme, falls der failed state Libanon nicht wieder auf die Beine kommt?

Die geplante Libanon-Mission könnte zu einem Testfall werden, ob Europa aus früheren Erfah­rungen gelernt hat. Insti­tu­tionen lassen sich finan­zieren, ausbilden und beraten. Politische Legiti­mität und staat­liche Souve­rä­nität hingegen lassen sich nicht einfach importieren.


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