📌 Europa Iran Ukraine Golf: Die Ukraine kämpft mit voller Wucht gegen Russland – und entsendet doch Luftab­wehr­sol­daten zum Golf. Was dahin­ter­steckt, wie Israel und Araber-Staaten reagieren … – Dazu meine Analyse.

Europa im Blickpunkt
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Europa Iran Ukraine Golf

Von Wolf Achim Wiegand (Bilder: KI)

Hamburg/Kyjiw/Dubai (waw) – Viele rieben sich verwundert die Augen, als Großbri­tan­niens Premier Keir Starmer dieser Tage in London ankün­digte, das Verei­nigte König­reich werde nach Absprache mit Kyjiw ukrai­nische Luftab­wehr­sol­daten in die Golfregion schicken. Ein Land im aufrei­benden Abwehr­krieg gegen Russland – und es schickt selbst Personal in eine andere Krisenregion?

Der erste Reflex war: Das kann doch nicht sein. Der zweite: Vielleicht sagt genau das mehr über die neue geopo­li­tische Rolle der Ukraine aus als jede Sonntagsrede. Tatsache ist:

Seit dem russi­schen Großan­griff 2022 hat sich die einstige Sowjet­re­publik vom gebeu­telten Bittsteller zum sicher­heits­po­li­ti­schen Akteur entwi­ckelt. Ihre Flugabwehr gilt inzwi­schen als eine der kampf­erprob­testen der Welt. Systeme westlicher Bauart – vom deutschen IRIS‑T bis zu US-ameri­ka­ni­schen Patriot-Batterien – werden dort unter realen Gefechts­be­din­gungen eingesetzt.

Wer lernt, täglich Hyper­schall­ra­keten und iranische Shahed-Drohnen abzufangen, sammelt ein Wissen, das auch in anderen Konflikt­zonen gefragt ist. Dass nun ausge­rechnet Staaten am Persi­schen Golf und Mitglieder von Arabische Liga Interesse zeigen, ist kein Zufall.

Denn die Bedro­hungs­analyse verbindet die Schau­plätze. Russland bezieht Drohnen aus dem Iran. Israel sieht sich seit Jahren mit irani­scher Aufrüstung und regio­nalen Stell­ver­tre­ter­kon­flikten konfron­tiert. Golfstaaten fürchten iranische Raketen und Drohnen aus dem Jemen oder aus Teheran selbst. Die Techno­logie, die über Kyjiw kreist und den Kälte­terror bringt, ist Teil desselben sicher­heits­po­li­ti­schen Puzzles, das auch in Tel Aviv oder Riad disku­tiert wird.

UK-Premier Keir Starmer entsendet ukrai­nische Experten für Luftabwehr zum Golf (ab 4:02)

Die überraschende Mission an den Golf

Die Ukraine hat in dieser Gemengelage eine besondere Stellung. Vielleicht spielt dabei auch eine Rolle, das ihr Präsident, Wolodymyr Selenskyj, jüdischen Glaubens ist. Seine Biografie – russisch­sprachig aufge­wachsen im Osten, jüdische Familie, Großvater Rotarmist im Zweiten Weltkrieg – wider­spricht gleich mehrfach der Kreml-Propa­ganda, die den Angriffs­krieg als „Entna­zi­fi­zierung“ verkaufen wollte. Selenskyj selbst reagierte darauf früh mit beißender Ironie: 

Wie kann ich ein Nazi sein? – Das fragte der Mann an der Spitze der Ukraine 2022 im Gespräch mit inter­na­tio­nalen Medien

Das war ein Satz, der um die Welt ging.

Für Israel ist die Ukraine auch wegen des jüdisch geprägten Staats­ober­hauptes mehr als nur ein weiterer osteu­ro­päi­scher Staat im Krieg. Die Bezie­hungen zwischen Kyjiw und Jerusalem sind jedoch kompli­ziert. Israel verur­teilte die russische Invasion, hielt sich aber lange mit Waffen­lie­fe­rungen zurück – aus Rücksicht auf eigene Sicher­heits­in­ter­essen in Syrien. Dort ist Russland militä­risch präsent. 

Gleich­zeitig lieferte Israel dem bedrängten Land humanitäre Hilfe und Schutz­systeme, etwa Frühwarn­tech­no­logie gegen Raketen­be­schuss. Offizielle Stellen rund um Premier­mi­nister Benjamin Netanjahu betonten dabei wiederholt, man stehe „an der Seite der Ukraine“, müsse aber „Israels Sicher­heits­in­ter­essen wahren“ – eine Formel, die viel Spielraum lässt.

Orthodox Jewish men praying and dancing in an ancient stone courtyard with Hebrew signage.
Orthodoxe jüdische Männer nehmen an einer tradi­tio­nellen religiösen Versammlung teil.

Uman und Rosch Haschana: Religiöse Brücken

Während die Diplo­matie und Präsident Wolodymyr Selenskyj politisch abwägen, lebt auf gesell­schaft­licher Ebene der Ukraine eine jahrhun­der­tealte Verbindung zum Judentum weiter. In der zentral gelegenen Stadt Uman versammeln sich jedes Jahr zu Rosch Haschana – dem jüdischen Jahres­beginn – Zehntau­sende chassi­dische Juden am abgesperrten Grab von Rabbi Nachman von Bratslav (1772–1810). Der ist eine der großen Gestalten der chassi­di­schen Geschichte. Die Überlie­ferung ist in Legenden, Erzäh­lungen und Merksätzen lebendig.

Selbst im Krieg kamen – mit Sonder­ge­neh­mi­gungen und unter Sicher­heits­auf­lagen – jedes Jahr Pilger aus Israel, den USA und Europa nach Uman. Das ukrai­nische Innen­mi­nis­terium sprach 2023 von rund 30.000 Besuchern. 

In einem Land, das täglich Raketen­alarm erlebt, ist dieses Fest an dem Friedhof aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhun­derts ein irritie­rendes Zeichen von Norma­lität – und von tiefer histo­ri­scher Verwo­benheit. Mehr als 1000 Grabsteine gibt es an der Wallfahrts­stätte – der älteste stammt aus dem Jahr 1766 und der jüngste von 2016.

Indes bemüht sich Kyjiw intensiv um gute Bezie­hungen zu arabi­schen Staaten. Die Arabische Liga sah Präsident Selenskyj bei ihrem Gipfel in Dschidda zugeschaltet. Dabei warb er die Scheichs, Präsi­denten und Macht­haber um Unterstützung. 

Für viele arabische Regie­rungen ist der Krieg in Europa kein zentrales Thema – sie verfolgen eigene strate­gische Inter­essen zwischen Washington, Moskau und Peking. Doch die Ukraine wirbt um Inves­ti­tionen, Getrei­de­ab­kommen, Gefan­ge­nen­aus­tausch – und um politische Symbolik.

Ich bin hier, um die Welt zu vereinen. - Das sagte Selenskyj den Arabern laut offizi­eller Mitschrift.

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Warum die Ukraine Sicherheit exportieren kann

Die Entsendung ukrai­ni­scher Luftab­wehr­sol­daten an den Golf, unter­stützt von Großbri­tannien, passt in dieses Bild. Militä­risch wäre ein solches Engagement vermutlich begrenzt: Ausbilder, Berater, vielleicht rotie­rende Kontin­gente – keine Front­ver­legung ganzer Einheiten. Aber in Abstimmung mit westlichen Partnern können Kräfte temporär einge­setzt werden, ohne die eigene Vertei­di­gungs­fä­higkeit substan­ziell zu schwächen. Die Ukraine hat zwar seit 2022 eine massive Mobili­sierung erlebt; zugleich aber sind bestimmte Spezia­listen nicht dauerhaft an der Front, sondern in Schulungs- oder System­in­te­gra­ti­ons­rollen tätig. 

Politisch sendet das Signal eine inter­es­sante Botschaft: Die Ukraine ist nicht nur Empfänger von Sicherheit, sondern Produzent davon. Sie expor­tiert Expertise. Sie wird Teil regio­naler Sicher­heits­ar­chi­tek­turen, die sich gegen iranische Drohnen oder Raketen richten – also gegen jene Techno­logie, die auch russische Angriffe ermöglicht. 

Für Golfstaaten ist diese Haltung pragma­tisch. Für Kyjiw und Wolodymyr Selenskyj ist es strate­gisch: Wer Sicherheit liefert, schafft Bindung.

Und Israel? Dort beobachtet man genau, wie sich die Ukraine in dieser Achse positio­niert. Die Annäherung arabi­scher Staaten an Israel seit den Abraham-Abkommen hat die Region verändert. Wenn nun ein europäi­sches Kriegsland militä­rische Expertise an Golfstaaten liefert, entsteht eine neue sicher­heits­po­li­tische Vernetzung – indirekt auch im Interesse Israels, das sich seit Jahren gegen die Ausbreitung irani­scher Drohnen­tech­no­logie stemmt.

Die Ukraine als geopolitischer Knotenpunkt

Zugleich bleibt die Ukraine sensibel für die arabische Perspektive auf den Nahost­kon­flikt. Kyjiw hat nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 Israel klar unter­stützt und das Recht auf Selbst­ver­tei­digung betont. Doch es vermeidet allzu scharfe Töne gegenüber arabi­schen Staaten, die es als Partner gewinnen will. Diplo­matie im Krieg ist ein Balan­ceakt – zwischen morali­scher Klarheit und strate­gi­scher Nüchternheit.

Montage of landmarks for Kyiv, Jerusalem, and Riyadh labeled Geopolitical Montage.
Ziehen Kyjiw, Jerusalem und Riad bald an einem Strang?

Am Ende ist die scheinbar paradoxe Meldung über ukrai­nische Soldaten am Golf weniger ein Wider­spruch als ein Symptom. Die Ukraine ist längst nicht mehr nur Schlachtfeld, sondern Knoten­punkt globaler Inter­essen. Zwischen Kyjiw, Jerusalem und Riad verlaufen unsichtbare Linien: histo­rische, religiöse, militä­rische. Ein jüdischer Präsident in einem mehrheitlich orthodox-christ­lichen Land führt einen Krieg gegen Russland, während in Uman chassi­dische Pilger beten und ukrai­nische Offiziere womöglich bald am Golf Raketen­abwehr erklären.

Der Krieg hat die Ukraine in der Amtszeit von Wolodymyr Selenskyj gezwungen, über sich hinaus­zu­wachsen. Die Politik hat gelernt mutig zu sein – mutiger, als es in diesen Krisen­jahren je ein EU-Politiker gewesen ist. Die Wirkung europäi­scher Hilfe an die Ukraine auf den Aggressor Russland ist ein düsteres Kapitel – und die Reaktion auf die versuchte Elimi­nierung des weltweit bedroh­lichen Mullah-Regimes eret auch keine Ruhmesblätter.

Vielleicht ist genau das die eigent­liche Geschichte: Ein Land, das um seine Existenz kämpft, entdeckt gleich­zeitig seine außen­po­li­tische Handlungs­fä­higkeit. Und während über Kyjiw wieder Sirenen heulen, denkt man dort längst nicht mehr nur an die eigene Front – sondern an eine Welt, in der Sicherheit zur Währung geworden ist.

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