Der diesjährige Eurovision Song Contest (ESC) in Basel hat eine bittere Note. Er ist überschattet von israel­be­zo­genem Judenhass. Ehemalige ESC-Teilnehmer fordern den Ausschluss von Teilneh­merin Yuval Raphael. Der Protest gegen die junge Israelin ist das Echo einer breiten Antise­mi­tis­mus­welle in der Welt der Popmusik. – Ein Bericht zu Eurovision ESC2025 Antise­mi­tismus Popmusik

Glitzer, Gesang & große Gesten – eine Bühne im Ausnahmezustand

Von Wolf Achim Wiegand

Eurovision ESC2025 Antise­mi­tismus Popmusik

Basel / Hamburg (waw) – Es geht um mehr als Ohrwürmer und schrille Outfits, wenn am Samstag­abend, 17. Mai 2025 um 20:15 Uhr, die Bühnen­schein­werfer den größten Musik­wett­bewerb der Welt mit buntem Licht fluten. Jedem der 26 Acts geht es um die Ehre einer Platzierung möglichst weit vorne im Ranking. Heimlicher Traum aller – auch der Geschwister Abor & Tynna für Deutschland – ist der Sieg beim Eurovision Song Contest (ESC). Das öffnet Wege zur Starkarriere.

Yuval Raphael aus Israel muss neben dem Lampen­fieber und einer perfekten Bühnenshow noch eine ganz andere Heraus­for­derung vor Juroren und Publikum bestehen. 

Beim Zwischen­ent­scheid am Donnerstag ging der Hass los – Die Schweiz konnte keine Fairness bieten! 

Die 24-jährige Israelin singt einen Song gegen den Hass. Doch genau der schlägt ihr entgegen. Von allen Seiten prasseln Forde­rungen auf sie herein, wegen des Gazakrieges von der Bildfläche zu verschwinden.

Ein Festival der Freude wird zur Todesfalle

Die fiesen Feind­se­lig­keiten beim ESC treffen mit Raphael ausge­rechnet auf eine Überle­bende des israe­li­schen Supernova Sukkot Gathering. Das Open-Air-Psytrance-Festival findet ein Mal jährlich statt – in der Negev-Wüste nur fünf Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Paläs­ti­nen­sische Terro­risten hatten den fröhlichen Tanz mehrerer tausend junger Leute am 7. Oktober 2023 mit einem wahren Blutrausch beendet. 

Bei dem planmäßig vorbe­rei­teten Massaker – das Raphael mittendrin mit ansehen musste – starben 378 Menschen. Weitere 44 Personen verschleppten die schwer­be­waff­neten Überfall­kom­mandos vom Festi­val­ge­lände weg als Geiseln in den Gazastreifen. Raphael überlebte die rausch­artige Todes­orgie nur, weil sie sich unter Leichen versteckte und stundenlang tot stellte. Noch heute packt sie schübeweise Horror.

Auf das Massaker folgte Israels Vergel­tungs- und Geisel­be­frei­ungs­krieg gegen Gaza. Der wird nun beim ESC gegen Raphael ins Feld geführt. Als einzige Final-Quali­fi­kantin muss sie damit rechnen, dass pro-paläs­ti­nen­sische Gruppen versuchen werden, ihren Auftritt in der St. Jakobshalle zu Basel zur Hölle zu machen.

Eine Stimme gegen den Hass

Was genau wartet auf die junge Frau vor vermutlich 160 Millionen Fernseh­zu­schauern rund um die Welt? Buhrufe. Proteste. Feind­se­ligkeit. Jeden­falls dann, wenn es bei ihrem Auftritt so kommt, wie bei ihrer Vorgän­gerin Eden Golan 2024 in Malmö. Die wurde gnadenlos ausgepfiffen. 

Die schwe­dische Regie konnte die Buhrufe für das TV-Signal in gemüt­liche Wohnstuben rund um den Erdball ausfiltern – doch in der Halle hörte es sich ganz anders an. Golan sang gegen eine unfaire Geräusch­ku­lisse an – und hielt durch.

Die massiven Dauer-Buhrufe des ESC2024-Publikums filterte die TV-Regie aus

Eurovision ESC2025 Antise­mi­tismus Popmusik

Das anti-israe­lische Drama nahm seinen Lauf im Backstage­be­reich. Dort schlug der 20-jährigen Israelin kollek­tiver Frost entgegen. Einige Mitbe­werber verwei­gerten den Handschlag, sprachen mit ihr kein Wort, behan­delten sie wie Luft. Überliefert ist: 

  • Bambie Thug (Irland) bekannte, sie und ihr Team hätten geweint, als sie von Israels Quali­fi­kation erfuhren.
  • Marina Satti (Griechenland) zeigte bei einer Presse­kon­ferenz demons­trativ Desin­teresse, indem sie gähnte, als Eden Golan sprach. 
  • Joost Klein (Nieder­lande) – später disqua­li­fi­ziert – machte bei Presse­kon­fe­renzen provo­kante Zwischenrufe.

Selbst vor Golans Hotel: Erschre­ckende Szenen der Unduld­samkeit. Dazu gehörten Dauer­pro­teste von Menschen­mengen, in der Hoffnung, den Schlaf Golans zu stören (ging aber daneben). Und doch: Die unbeugsame Israelin ergat­terte Wettbe­werbs­platz fünf (von 25) – dies werteten Beobachter als ein Abstim­mungs­zeichen der Publikumssolidarität.

“Ein neuer Tag wird anbrechen”

Jetzt also Auftritt Yuval Raphael – wissend, dass der Sturm zurück­kommt. Der Titel ihres Songs ist passend: „New Day Will Rise“ (Ein neuer Tag wird anbrechen – klicke ganz unten). Raphael sagt:

Ich weiß, dass einige Leute mich dort nicht haben wollen. Aber genau deshalb muss ich gehen. Ich möchte auf dieser Bühne stehen, in die israe­lische Flagge gehüllt, und sicher­stellen, dass die Welt unsere Geschichte hört. – Yuval Raphael zur Zeitung Israel Hayom.

Raphael bringt das Nerven­kostüm mit. Nach der Schule war die Tochter arabi­scher Juden als Soldatin an Kontroll­punkten bei Jerusalem statio­niert. Und sie hat Schlimmes mitge­macht. Als die Terro­risten am 7. Oktober 2023 tanzende junge Leute ermor­deten, folterten und entführten stellte sie sich zwischen Leichen liegend tot – so überlebte Raphael.

Heute, nur zwei Jahre nach Beginn der autodi­dak­ti­schen Musik­kar­riere, singt Raphael für die Welt. In ihrer Heimat ist die junge Frau aus Ra’anana, einem wohlha­benden Vorort Tel Avivs, ein Lebens­ymbol. Aber andere wollen sie von Hass zerfressen als Todfeind brand­marken.

Wegen einer Halsab­schneide-Geste in Richtung der israe­li­schen Kandi­datin hat der israe­lische Rundfunk KAN in Basel Anzeige gegen einen Pro-Terro­risten erstattet

Basel im Ausnahmezustand

Die Stadt Basel hat nicht nur wegen der Israelin, aber auch wegen ihr, die Alarm­stufe Rot ausge­rufen. Polizei und Militär patrouil­lieren. Es herrscht Drohnen­verbot. Der israe­lische Geheim­dienst ist vor Ort aktiv.

Der nationale Sicher­heitsrat in Jerusalem hat wegen möglicher Gewalt von ESC-Reisen abgeraten. Vom Zeigen jüdischer oder israe­li­scher Symbole solle abgesehen werden, ebenso von Hinweisen in sozialen Medien auf Aufent­haltsorte. Eine App verbreitet aktuelle Warnungen.

Raphaels Sicher­heitsteam kalku­liert das “Einsamer-Wolf-Szenario” ein, einen zum Selbstmord entschlos­senen Spreng­stoff­täter. Sogar Flugab­wehr­systeme stehen bereit.

Seit Wochen laufen Störak­tionen gegen die Israel-Delegation. Vor dem Basler Kunst­museum versuchten Aktivisten ein „Israel raus“-Banner zu hissen. Auf einem anderen Banner am Eingang zur Arena, in der der Wettbewerb statt­finden soll, stand: „Basel, vereint für Palästina“ – anstelle des offizi­ellen ESC-Logos prangte „Genozid“ (siehe oben).

Wir dürfen nicht naiv sein. Auslän­dische Gruppen werden den ESC wohl zur Stimmungs­mache nutzen. Umso wichtiger ist es, auch an den Grenzen genau hinzu­schauen, um das Gewalt­po­tenzial zu reduzieren. – Jonathan Kreutner (46), General­se­kretär des Dachver­bandes der Schweizer Jüdinnen und Juden (SIG), zu Sonntags­Blick.

In Finnland unter­schrieben 10.000 Menschen eine Petition gegen Israels Teilnahme. Die TV-Sender von Spanien, Slowenien und Island haben versucht, die israe­lische Rundfunk­station KAN aus dem Pop-Event rauszu­kegeln. Sie schei­terten an der klaren Haltung der Europäi­schen Rundfunk­union (EBU) als Ausrichter:

Der ESC ist unpoli­tisch. Jeder EBU-Sender darf teilnehmen. - EBU

Dennoch: Die Versuche, die Sängerin aus dem vierfachen ESC-Gewin­nerland Israel loszu­werden, laufen erbar­mungslos weiter. 70 unbedeu­tende, aber ehemalige Eurovision-Musiker von hinteren Plätzen fordern per Brief, dass Raphael zum Schweigen gebracht wird. Sie inter­es­siert nicht, dass immer noch 59 israe­lische Geiseln in Gaza festge­halten werden. Sie fordern auch keinen Frieden. Es geht nur darum, ein unlieb­sames Symbol auszuschalten.

Popmusik als Bühne für Hetze?

Die ESC-Debatte ist nur die Spitze eines viel größeren Eisbergs. Die Popkultur erlebt derzeit eine Antise­mi­tismus-Welle, wie sie die Szene so noch nicht gesehen hat. Drastischstes Beispiel: die nordirische Rap-Band Kneecap, gefeiert für linke Rebellion – und nun im Visier briti­scher Anti-Terror-Ermittler. Beim Coachella-Festival 2025 in den USA ließen sie „Fuck Israel, Free Palestine“ auf die Bühne proji­zieren und behaup­teten, Israel begehe Völkermord.

Mit dem Skandal­auf­tritt stachen Kneecap in ein politi­sches Hornis­sennest. Denn sie rappten auch Sätze wie: „Nur ein toter Konser­va­tiver ist ein guter Konser­va­tiver“ oder „Töte Deinen Wahlkreis­ab­ge­ord­neten“. Trotz der Ungeheu­er­lich­keiten: Bands wie die Brit Popper Pulp, die schot­ti­schen Rocker Primal Scream oder Pop-Urgesteine wie Paul Weller – sie alle haben sich hinter Kneecap gestellt.

Nur wenige Künstler bliesen Gegenwind. Dazu gehört die Ehefrau des Weltstars Ozzy Osbourne, Sharon. Die Musik­ma­na­gerin und Modera­torin forderte US-Präsident Donald Trump auf, persönlich die ameri­ka­ni­schen Arbeitsvisa für Kneecap einzu­ziehen. Gigs der Nordiren in Köln, Berlin und Hamburg – abgesagt. Festivals wie Hurricane? Gekippt.

Móglaí Bap und Mo Chara von Kneecap / Foto: RollingStone

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Doppelmoral und Sprachlosigkeit

Das Antise­mi­tismus- und Antiisrael-Problem in der Popszene ist nicht neu. Schon 2018 sorgten Kollegah & Farid Bang mit Auschwitz-Zeilen bei der Echo-Preis-Verleihung für Empörung – Marius Müller-Western­hagen gab daraufhin seinen Preis zurück – danach wurde die wichtigste deutsche Poptrophäe abgeschafft. Xavier Naidoo propa­giert jüdische Verschwörungsmythen. 

US-Rapper Macklemore nennt Israel einen Apart­heid­staat – und darf im Juli trotz Inter­ven­tionen beim Deich­brand-Festival im Landkreis Cuxhaven auftreten. Kanye West lobt Hitler.

Auch die albanisch-stämmige Welterfolgs-Hitma­schine Dua Lipa spricht von „Völkermord“ in Gaza – bringt den Mord an den israe­li­schen Festi­valfans und anderen Israelis nicht über die Lippen. Die musli­misch erzogene Musikerin mit dem dicken Bankkonto sagt, sie sei bereit, für ihre Haltung „Gegen­re­ak­tionen“ in Kauf zu nehmen: 

Pop-Sensation Dua Lipa: „Es ist mir egal, ob ich belästigt, auf eine schwarze Liste gesetzt oder mir Arbeits­mög­lich­keiten verweigert werden… Die Sache ist größer als ich“.

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Und es gibt sie doch: die Mutigen

Und es gibt sie doch: die Mutigen. Auch in Deutschland. So hat die Antilopen Gang mit der antise­mi­ti­schen Linken abgerechnet. Ihr Song „Oktober in Europa“ spießt u. a. Greta Thunberg auf. Die hat sich von der bewun­derten Klima-Ikone zur Pro-Paläs­ti­na­pro­pa­gan­distin gewandelt:

Überra­schung: Auch Greta hasst Juden. – Liedzeile der Antilopen Gang, die schockt und rüttelt.

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Zu den wenigen Stimmen, die israel­be­zo­genen Antise­mi­tismus geißeln, gehören der israe­lisch-deutsche Rapper Salomo, die Hamburger Band Tocotronic oder die Initiative Artists Against Antise­mitism. Sie schwimmen jedoch gegen den Strom.

Bono gegen den Pop-Mainstream

Wer aus der woken Meinungs­linie israel­be­zo­genen Antise­mi­tismus’ ausschert kann Ärger bekommen – selbst wenn man U2-Frontmann Bono ist. Der berühmte Ire hat sich mit der Partei­nahme gegen die Hamas-Terro­risten den Vorwurf „widerlich“ einfangen. So bezeichnet ihn Roger Waters. Der war einst die große Nummer der 1965 gegrün­deten stilbil­denden Bombast-Rockband Pink Floyd. Waters ist seit Jahren offen faschis­tisch als Dauer­pro­vo­kateur unterwegs, wird oft mit Aufritts­verbot belegt. 

Ins ähnliche Horn stößt Bonos Landsfrau, die irische Jazz‑, Blues- und Folk-Bardin Mary Coughlan. Bono „profi­tiert von Israels Wirtschaft“, behauptet die linke Palästinabewunderin.

Trotzdem: Irlands Superstar Bono bleibt standhaft. Schon im Oktober 2023, kurz nach dem Terror­an­griff der Hamas auf das israe­lische Supernova-Musik­fes­tival (364 Tote, 40 als Geiseln Verschleppte) widmete er den U2-Welthit „Pride (In the Name of Love)“ den Opfern. Bei einem Konzert änderte Bono den Text:

Frühmorgens, am 7. Oktober, geht die Sonne am Wüsten­himmel auf / Sterne Davids, sie haben dir das Leben genommen, aber deinen Stolz konnten sie dir nicht nehmen.

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Popkultur unter Beschuss

Popmusik steht für Freiheit. Freiheit – das, was islamis­tische Terro­risten Anders­gläu­bigen wie Juden und Christen nicht zubil­ligen wollen. Fröhliche Lebenslust wie bei Popkon­zerten sind ihnen zuwider und anschlag­würdig:

  • 2015, Bataclan (Paris): Terror­an­schlag beim Konzert der US-Rockband Eagles of Death Metal, 90 Tote.
  • 2017, Manchester (England): Selbst­mord­an­schlag nach dem Popkonzert von Ariana Grande, 22 Tote (viele Kinder und Jugendliche).
  • 2024, Wien (Öster­reich): Weltstar Taylor Swift sagt kurzfristig drei Konzerte wegen islamis­ti­scher Terror­gefahr ab. Zwei Teenager wollten mit einem Dynamitauto möglichst viele Besucher töten.

Bands wie Kneecap, die sich mit empathie­losen Parolen am Leid der Nova-Opfer vorbei insze­nieren, trampeln auf den Seelen von Opfern. Die Veran­stalter des furchtbar heimge­suchten Festivals sagen: 

Kneecap verletzt zutiefst unsere trauernde Gemeinschaft. 

Worte, die berühren und sitzen. 

ESC im Schatten des Hasses?

Nun also der Eurovision Song Contest. Er wird wieder mit Glanz, Glitter und Gloria glänzen. Raphael möchte eigenen Worten zufolge mit ihrem Song „New Day Will Rise“ eine Botschaft der Hoffnung, Liebe und Einheit vermitteln. Ihr Lied solle Mut machen, anderen Hoffnung zu geben und fürein­ander da zu sein – trotz trauma­ti­scher Erfahrungen.

Stefan Hensel, Antise­mi­tis­mus­be­auf­tragter in Hamburg, auf X

Aber hinter der sicherlich perfekten Show in der schwei­ze­ri­schen Stadt am Rhein unweit der Grenzen zu Frank­reich und Deutschland verbirgt sich ein Drama. Man wird es auf dem Zuschau­ersofa nicht bemerken. Und Yuval Raphael wird bestimmt profes­sionell singen, als sei alles normal – für ihr Land, für ihre Geschichte, für ihre Würde. Eurovi­si­ons­di­rektor Martin Green hofft:

Dennoch – die Frage ist: 

Wird der diesjährige ESC-Wettbewerb ein unbeschwertes Kultur­fes­tival der Liebe sein? Oder wird er grelles Licht auf dunkle Ecken der Popmu­sik­szene lenken? Wir werden schauen und sehen.

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