⇒ Der Tenor dieses Blogs ist: ein franzö­si­scher Präsident Emmanuel Macron könnte über die Grenzen seines Landes hinaus neue Europa­be­geis­terung auslösen. Doch er wird nur Erfolg haben, wenn Deutschland mitzieht. Paris und Berlin könnten dann die Nothelfer für die sieche EU werden und zum Neustart nach Gesundung beitragen…

Von Wolf Achim Wiegand

Paris (waw) – Gehen wir mal davon aus, dass die rechts­extreme Marine Le Pen nicht als Präsi­dentin von Frank­reich in den Elysee Palast einzöge. Dann bliebe ein Atemstill­stand der Europäi­schen Union (EU) aus. Im Gegenteil: würde der 39jährige neue Politikstar Emmanuel Macron an die Spitze der künftig einzigen EU-Atommacht kommen, wäre das genau der Sauer­stoffstoß, den die schnapp­at­mende Union braucht.

Mit Macron bliebe das Herz Europas proeu­ro­päisch. Keine Chance mehr für Populisten. Wie wichtig das ist, wird klar, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass Frank­reich als das flächen­mäßig größte EU-Land fast ein Viertel der europäi­schen Wirtschafts­leistung erbringt (Großbri­tannien noch einge­rechnet). Frank­reich ist zweit­größter EU-Netto­zahler nach Deutschland.

Aller­dings: Frank­reich hat Riesen­pro­bleme. Die muss der optimis­tische junge Mann anpacken und packen. Das will er auch: enorme soziale Probleme in den abgehängten Banlieues, den Randzonen der Großstädte, eine unpro­duktive Wirtschaft, ein aus dem Ruder gelau­fenes Bildungs­system, eine abenteu­er­liche Verkrustung adminis­tra­tiver Struk­turen. Das wird ein Prési­dente Macron ohne Kampf nicht schaffen. „Ich bin bereit“, rief er am Sonntag­abend aus und es klang entschlossen.

Europa­po­li­tisch könnte Macron über sein Land hinaus die Projek­ti­ons­fläche für eine neue Europa­be­geis­terung werden. Seine zusam­men­ge­schmiedete Bewegung „En Marche“ (es ist keine Partei!) tragen zehntau­sende junge Leute. Es werden tausende neue Gesichter sein, die bei der Parla­mentswahl im Juni als Kandi­daten antreten werden, um in der Natio­nal­ver­sammlung eine regie­rungs­fähige Mehrheit zu bekommen. Wenn das klappt wird in Paris bald das neue junge Herz Europas pochen.

Deutschland wirkt neben diesem galli­schen Aufbruchs­geist beschaulich und betulich. Doch es wartet Arbeit auf Berlin. Es wird darauf ankommen, von vornherein mit einem Präsident Macron eng zusam­men­zu­ar­beiten. Das würde wohl auch so kommen. Der jugendlich auftre­tende Ex-Invest­ment­banker hat sich kürzlich im Kanzleramt schon mal mit Angela Merkel beschnuppert. Man soll sich gemocht haben, heißt es. Macron hat Erfahrung mit reiferen Frauen, denn Ehefrau Brigitte Trogneux ist seine einstige Latein­leh­rerin und 24 Jahre älter.

Könnte Macron uns europa­satten Deutschen den Willen wieder­geben, die EU zu mögen und fanta­sievoll voran­zu­bringen? Ja. Voraus­ge­setzt Berlin und Paris einigen sich auf mitein­ander korre­spon­die­rende Therapien für den Brüsseler Patienten.

Hier und da disku­tierte Ideen, etwa die Schaffung eines Europas der zwei Geschwin­dig­keiten, sollten zügig angefasst werden. Auch in der europäi­schen Außen- und Vertei­di­gungs­po­litik scheint ein deutsch-franzö­si­scher Gleich­schritt möglich. So könnte das Duo Merkel/Macron andere EU-Mitglieder mitziehen.

Kitzliger sind die Währungs­po­litik und soziale Angele­gen­heiten. Da würde Macron eher mit Martin Schulz (SPD) zurecht­kommen, als mit der Merkel. Seine Kritik an „unerträg­lichen“ Handels­bi­lanz­über­schüssen Deutsch­lands wurde in Berlin jeden­falls deutlich gehört. Es heißt, Finanz­mi­nister Wolfgang Schäuble (CDU) habe aufgestöhnt.

Dennoch: „Macron macht auch Deutschland Mut“. Das twitterte FDP-Chef Christian Lindner unmit­telbar nach ersten Sieges­mel­dungen aus Paris. Kann diese Welle an franzö­si­schem „bonne humeur“ – anderswo sagt man „Stimmung“ oder „Spirit“ – von der Seine nach Deutschland überschwappen? Warum nicht.

Mit der überpar­tei­lichen Bewegung „Puls of Europe“ hat sich bei uns bereits ein steter und fröhlicher Pro-Europa­protest etabliert. Menschen, die Sonntag für Sonntag um 14 Uhr mit blaugelben EU-Flaggen friedlich vor Rathäuser ziehen, dürften mehr als bereit sein, einem heran­brau­senden EU-Notarzt wie Macron eine Rettungs­gasse zu bilden. Gute Aussichten also, Europas lästige Schnapp­at­mungen erfolg­reich zu behandeln – wenn aus Macron der Monsieur Président wird.


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