Frank­reich Palästina Israel: Macron hat Deutschland düpiert. Seine überra­schend angekün­digte Anerkennung eines Staates Palästina bringt Berlin in Bedrängnis. Die Regierung Merz muss mit Druck und Unver­ständnis für ihre Politik des Israel­schutzes rechnen… Ich analy­siere das und habe eine Meinung.

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg (waw) – Eben noch hatte Emmanuel Macron im Kanzleramt zu Berlin beim Abend­essen heimelig mit Friedrich Merz zusammen diniert – Freund­schaft! Doch schon am nächsten Tag zurück in Paris zückte er heimtü­ckisch das Messer – Konfron­tation! Mit seiner Entscheidung, den nicht existenten Staat Palästina anzuer­kennen, hat der franzö­sische Präsident sein großes Nachbarland Deutschland düpiert. Und fast schon isoliert. Denn die Bundes­re­gierung kann und wird den Alleingang des Mannes aus dem Elysee-Palast nicht flankieren.

“Sehr erfreut, dich, lieber @EmmanuelMacron , herzlich willkommen zu heißen.”

Häme aus Washington, Nachdenken in Berlin

In einem huldvoll formu­lierten Brief an Mahmud Abbas formu­lierte Macron, er habe „die Ehre“ zu bestä­tigen, dass Frank­reich „Palästina vollständig als Staat anerkennen wird“. Dem greisen, umstrit­tenen und macht­losen Präsi­denten der paläs­ti­nen­si­schen Autono­mie­be­hörde wird die Schmei­chelei gefallen haben. Der Mann, dessen Einfluss kaum über sein Haupt­städtchen Ramallah hinaus­reicht, kann sich am Lebensende einen Erfolgs­punkt ins Lebenswerk schreiben.

Während aus Berlin erstmal lange nichts zu dem Pariser Coup verlautete, reagierten die USA sofort. Eine „rücksichtslose Entscheidung“ nannte US-Außen­mi­nister Marco Rubio den ersten israel­un­freund­lichen Schritt eines G7-Staates. Sie sei ein Schlag ins Gesicht der israe­li­schen Massaker-Opfer. Macrons Kollege Donald Trump ließ verlauten, was Macron sage, „ist unwichtig, es ändert nichts.”

Erst Stunden nach dem US-Punch gegen den in Washington belächelten Macron rüttelte sich das Kanzleramt zurecht. Die Bundes­re­gierung bleibt bei ihrem Nahost-Kurs. Sie plane nicht, „kurzfristig“ einen paläs­ti­nen­si­schen Staat anzuer­kennen, sagte Regie­rungs­sprecher Stefan Kornelius.

Die Anerkennung ist laut Bundes­re­gierung nur denkbar „als einen der abschlie­ßenden Schritte“ auf dem Weg zur Zwei-Staaten-Lösung. Das ist eine Klatsche für Macron. Aber sie offenbart auch eine illuso­rische Position aus der diplo­ma­tisch-rheto­ri­schen Motten­kiste, die Besserung am Sankt-Nimmer­leinstag verspricht. Keine der Konflikt­par­teien will die Zweistaat­lichkeit – Israel wünscht kein sanktio­niertes Terrornest vor der Tür und Hamas will Alles oder Nichts („from the river to the sea“).

Die Sicherheit Israels ist Teil der deutschen Staats­räson. – Angela Merkel, 2008

Tatsächlich hat Macron bewusst in eine tiefe deutsche Wunde gestochen. Er weiß genau: Ein demokra­ti­sches Deutschland wird niemals Israels Existenz aufs Spiel setzen. Auch achtzig Jahre nach dem Ende des juden­mor­denden Nazi-Regimes bleibt das eine rote Linie für Berlin.

Eine Wunde, die nie heilt

Nun gibt es viele Kräfte in Europa, die den über die Genera­tionen vererbten deutschen Schwur für den Schutz Israels nicht mehr verstehen können – oder wollen. So wird immer wieder behauptet, die deutsche Holocaust-Last werde für israe­lische Inter­essen missbraucht, um Kritiker zum Schweigen zu bringen. Oder: An der Seite Israels zu stehen, bedeute letztlich jegliches Handeln der jewei­ligen Regierung in Jerusalem gutzu­heißen. Das scheint dem aktuellen Bundes­kanzler aber fern zu liegen.

Ich will die israe­lische Regierung jetzt wirklich mit großem Nachdruck auffordern, die massiven militä­ri­schen Inter­ven­tionen zu stoppen, einen Waffen­still­stand zu ermög­lichen und vor allem die humanitäre Hilfe für die Bevöl­kerung dort zu ermög­lichen. – Friedrich Merz (CDU), Bundeskanzler

Angemerkt sei, dass sich leider auch in Deutschland die Geister verirren. Mit seinem ungefragt einge­wor­fenen Begriff „Zwangs­so­li­da­rität“ goss Außen­mi­nister Johann Wadephul gehörig Öl ins antiis­rae­lische Argumen­ta­ti­ons­feuer. Der ehemalige SPD-Frakti­onschef Rolf Mützenich irritierte mit dem Wort „Selbst­ge­fan­gen­schaft“. „Mit solchen Begriffen erscheint die histo­rische Verant­wortung Deutsch­lands als lästige Pflicht,“ kriti­siert WELT-Autor Frederik Schindler.

Nun stellt Macrons Palästina-Faible die Deutschen weiter in eine übelwollend definierte “Verwei­ge­rungs-Ecke”. Bereits drei EU-Staaten (Irland, Spanien, Slowenien) haben den virtu­ellen Staat Palästina anerkannt. Schweden und Zypern haben das inexis­tente Palästina bereits vor ihrem EU-Beitritt anerkannt. Auch die ehema­ligen Ostblock­staaten Tsche­chien, Ungarn, Polen, Slowakei, Rumänien und Bulgarien taten dies. Malta, Litauen und Belgien stehen auf der Liste jener Staaten, die eine Anerkennung erwägen. Wird es um Deutschland einsam?

Macrons Motive: Milliarden, Muslime, Machtspiele

Was hat Macron bloß dazu getrieben, einen Keil in den hoffnungsvoll gestar­teten Neuanfang der deutsch-franzö­si­schen Freund­schaft zu treiben? Es sind wohl drei innen­po­li­tische Faktoren:

  1. Milli­ar­den­in­ter­essen bei arabi­schen Inves­toren: Der Emir von Katar hat ein Abkommen über Inves­ti­tionen in Höhe von 10 Milli­arden € angekündigt. Diese Inves­ti­tionen fließen in franzö­sische Kernbranchen. Dazu gehören Energie‑, Halbleiter‑ und Raumfahrt. Aus den Verei­nigten Arabi­schen Emiraten (VAE) sollen Inves­ti­tionen in Höhe von insgesamt 109 Milli­arden € fließen. Ein Fonds aus Abu Dhabi stellt bis zu 50 Milli­arden € für einen 1‑Gigawatt‑Datenzentrumscampus in Frank­reich bereit. Zusätzlich kündigt der kanadische Asset-Manager Brook­field zusätzlich 20 Milli­arden € an – in Koope­ration mit einem Emirati‑Fonds für KI‑Investitionen. Viel warmer Regen für das im Grunde bankrotte Frankreich.
  • Angst vor den selbst gezüch­teten Islamisten im Land: Die Muslim­bru­der­schaft („Frères musulmans“), zu der die Hamas-Terro­risten aus Gaza gehören, agiert in Frank­reich breit. Sie operiert über moschee­ba­sierte Netzwerke, NGOs, Schulen, Sport- und Sozial­vereine. Ihre meist sozial und vom Staat abgehängten Mitglieder haben sich innerhalb von vier Jahren auf mindestens 100 000 verdoppelt. In abgekap­selten Banlieues leiten sie religiöse Unter­weisung, soziale Dienste, Bildungs­an­gebote und Kultur. Seit 2015 besteht Gefahr durch mögliche Terror­ak­ti­vi­täten. Im Alltag beein­flussen sie Kleidungs­vor­schriften oder Religiöses im Schul­wesen. Angestrebt wird schlei­chende Infil­tration von Insti­tu­tionen – „entryism“.

Zwischen Extremismus und Machterhalt

“Der musli­mische Bevöl­ke­rungs­anteil Frank­reichs ist der höchste in Europa, über sechs Prozent. Gleich­zeitig hat Frank­reich die größte jüdische Gemeinde Europas – aber nur 0,6 Prozent. Ein Jude gegen zehn Moslems – damit ist auch klar, worauf man Rücksicht nimmt, wenn man Politiker ist.”FOCUS-online-Chefkor­re­spondent Ulrich Reitz

  • Druck von den starken Rechts- und Links­po­pu­listen: Beide Gruppen halten das Land mit seiner Minder­heits­re­gierung im Schach. Sie können Parla­ments­mehr­heiten blockieren. Während die Rechte sowieso als tenden­ziell antise­mi­tisch gilt, zeichnen sich die Links­ra­di­kalen als extreme Israel­kri­tiker aus. Beiden gilt der liberale Staatschef als zu weich und versöhnlich. Nun hofft Macron offenbar, beiden Seiten (oder der einen?) einen Knochen als politi­schen Appetit­happen hinwerfen zu können (den Muslimen ein bisschen mehr).

Außerdem glaubt Macron wohl, er könne sich aus der Koloni­alzeit stammende Verbin­dungen im Nahen Osten warmhalten, etwa im tradi­tionell zur Einfluss­sphäre gehörenden Libanon. Auch im islamis­tisch regierten Syrien möchte er dies – den Macht­haber und Ex-Topter­ro­risten Ahmed al-Scharaa empfing er wie einen gewöhn­lichen Staatsgast fröhlich herzend vor den Stufen seines Amtssitzes. Macron träumt davon, zumindest in Nahost die „Grande Nation“ wieder­zu­be­leben – Terror hin, Terror her.

Deutschlands Spagat – außenpolitisch und innenpolitisch

Eine Anerkennung zu diesem Zeitpunkt stärkt nicht die Kräfte des Friedens, sondern jene des Terrors. – Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israe­li­schen Gesell­schaft (DIG)

Insgesamt zwingt Macron seinen deutschen Buddy Merz auf sehr unfreund­liche Art zu einem Spagat. Einen Spagat, den ausge­rechnet ein bisweilen überfordert wirkender Außen­mi­nister Johann Wadephul ausführen muss, der bis 2024 jahrelang im Beirat der Deutsch-Paläs­ti­nen­si­schen Gesell­schaft saß. Kann der die Balance finden zwischen Rücksicht auf die antiis­rae­lisch angefachte inter­na­tionale Stimmung und deutscher Staatsräson?

Merz versteht sich als außen­po­li­ti­scher Kanzler. Er wird versuchen, die Kritik an ehernen deutschen Prinzipien abzuwehren. Dies tut er, indem er sich verstärkt für ein Ende des Leidens in Gaza einsetzt. Auch seinem Druck ist zu verdanken, dass Israel jetzt wieder Luftab­würfe von Lebens­mitteln über Gaza genehmigt.

Doch Frank­reich hat eine Sicherung umgelegt, der die ideolo­gische Schieß­be­reit­schaft der „Palästina-Solida­ri­täts­be­wegung“ verstärken wird. Sie ist links­extre­mis­tisch durch­setzt, organi­siert und islamis­tisch ausge­nutzt. Ihre unerträglich grellen und lauten Aktionen – von den Behörden genehmigt – dürften dank Macron zunehmen. Und wer weiß, was die Rädels­führer noch so planen.

Und in der leidge­prüften Region vor Ort? Auch dort ist Macrons Geschenk an die Hamas-Terro­risten zu nichts Nutze. Es wird nur zur weiteren Verhärtung der Hamas-Taktie­rerei in den noch laufenden Waffen­still­stands­ver­hand­lungen und um die Freigabe der noch 50 Geiseln führen, die seit 660 Tagen in Tunnel­kerkern festge­halten werden. Die Folgen: Der Krieg – den die Terro­risten durch das Massaker an israe­li­schen Zivilisten ausgelöst haben – wird verlängert. Der Missbrauch der Geiseln setzt sich fort. Die arabische Bevöl­kerung in Gaza leidet immer mehr.

Macrons Palästina-Flirt ist: unseriös, falsch und schä(n)dlich!

Frank­reich Palästina Israel

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