Friedrich Merz im Ausland: Friedrich Merz präsentiert Deutschland selbstbewusst auf der internationalen Bühne. Das kam im Ausland anfangs gut an. Doch in manchen Ländern ist das Wohlwollen gekippt. Der Führungsstil des Bundeskanzlers erzeugt Reibung, die innenpolitische Lage führt zu Fragezeichen. – Spurensuche.

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen
Das Imageproblem des Bundeskanzlers
Von Wolf Achim Wiegand (Bilder: KI)
Dieser aktualisierte Artikel ist in FORUM – Das Wochenmagazin erschienen
Friedrich Merz im Ausland
Berlin (waw) – Friedrich Merz wollte Deutschland wieder “zurück an die Spitze” bringen. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch. Deutschland sollte führen statt moderieren, Machtfaktor statt Zaungast sein. Mit diesem Anspruch trat der neue Bundeskanzler an – und das Ausland hörte genau hin.
Anderthalb Jahre später zeigt sich ein erstaunliches Bild: International wirkt Merz teilweise größer als im eigenen Land. Er sucht die großen Bühnen, mischt sich in internationale Konflikte ein und spricht Klartext. Gleichzeitig wächst in europäischen Hauptstädten die Aufmerksamkeit für seine innenpolitische Schwäche. Ausgerechnet der Kanzler, der Deutschland wieder Gewicht in der Welt verschafft hat, ächzt im eigenen Land unter innerem Druck.
Der Publizist Gabor Steingart hat diesen Widerspruch zugespitzt: Wenn es in Berlin schlecht laufe, bleibe Merz die Außenpolitik als „Zufluchtsort“. Für den früheren Manager gelte ein Business-Spruch:
If you have trouble, travel.
Seine glücklichsten Stunden erlebe der Kanzler demnach „im Regierungsflieger und direkt nach der Landung“ im Ausland, meint Steingart.
Tatsächlich konnte Merz zunächst international punkten. Sein Anspruch, Europa müsse angesichts eines zunehmend unberechenbaren Amerika eigenständiger werden, wurde aufmerksam registriert. Zugleich hielt er den direkten Draht nach Washington offen – ein Balanceakt zwischen transatlantischer Nähe und europäischer Eigenständigkeit.
Merz und Trump: Nähe mit Grenzen
Das Verhältnis zu Donald Trump wurde zum außenpolitischen Markenzeichen. Im März 2026 bezeichnete Trump Merz als „Freund“, sprach von einer „great affinity“ zwischen beiden Ländern und bescheinigte ihm, er mache „a really great job“.

Doch die demonstrative Nähe hatte Grenzen. Als Merz die amerikanische Iran-Politik kritisierte, reagierte das Weiße Haus scharf. Auch seine Äußerung, er würde seinen Kindern wegen des gesellschaftlichen Klimas keinen Aufenthalt in den USA empfehlen, sorgte in Washington für Irritationen.
In Europa tritt Merz ähnlich selbstbewusst auf. Bei der Unterstützung der Ukraine ging er weit voran: In einem Gastbeitrag für die „Financial Times“ schlug er einen nahezu 140 Milliarden Euro schweren Kredit vor, der durch eingefrorene russische Vermögenswerte abgesichert werden sollte. Europa müsse seine eigene Agenda setzen, argumentierte Merz. Der Vorschlag stieß in Kyjiw zunächst auf Vorbehalte – Selenskyj wurde mit dem Wort “unfair” zitiert. Später hieß es beschwichtigend, die Ukraine habe Probleme mit der Wortwahl
Europa: Führungsanspruch mit Reibung
Doch genau hier zeigt sich die andere Seite seines Führungsstils. Was in Berlin als Entschlossenheit erscheint, kann bei Partnern wie ein deutscher Alleingang wirken. Merz setzt Themen mitunter, bevor eine gemeinsame europäische Linie gefunden ist. Das bringt Bewegung – erzeugt aber Reibung. Gerade beim Umgang mit den russischen Vermögenswerten zeigte sich, wie schwierig es ist, aus einem deutschen Vorstoß eine europäische Entscheidung zu machen.
Dennoch fand die neue deutsche Linie Zustimmung. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni unterstützte Merz’ Forderung nach einer stärkeren europäischen Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit. In Warschau erhielt er Anerkennung für seine Haltung gegenüber russischen Energielieferungen und eine engere sicherheitspolitische Zusammenarbeit. Auch Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez suchte die enge Abstimmung mit Berlin. Deutschland wurde damit zunehmend als aktiver Mitspieler wahrgenommen.
Doch das Bild hat Risse. Was manche Partner als pragmatische Realpolitik verstehen, erscheint anderen als riskantes Vorpreschen. Besonders dort, wo deutsche Interessen mit europäischen Abstimmungsprozessen kollidieren, zeigt sich die alte Regel: Wer führen will, braucht Partner – nicht nur Positionen.
Selbst das vielbeschworene deutsch-französische Verhältnis ist komplizierter als das Bild einer neuen Führungsachse. Zwischen Merz und Emmanuel Macron gibt es unterschiedliche Vorstellungen etwa bei Schulden, Energie, Handel und Europas strategischer Ausrichtung. Beim Verteidigungsprojekt FCAS führten industrielle Differenzen sogar zum Bruch der bisherigen Projektstruktur. Neue Vereinbarungen über Verteidigungs- und Rüstungskooperation zeigen allerdings: Berlin und Paris arbeiten weiter zusammen. Das Führungsduo hat dennoch Kratzer.
Und dann kam Sachsen-Anhalt, später kamen noch Berlin und Mecklenburg-Vorpommern…
Regionalwahlen verändern Blick auf Merz
Der Wahlsieg der AfD in Magdeburg mit 43,8 Prozent und der Absturz der CDU auf 17,2 Prozent veränderten den internationalen Blick auf Deutschland. Aus einer Landtagswahl wurde im Ausland ein Test für die politische Stabilität der Bundesrepublik. Plötzlich richtete sich die Aufmerksamkeit weniger auf Merz’ große außenpolitische Auftritte als auf seine Machtbasis zu Hause.
Aktuelle internationale Berichte stellen genau diese Verbindung her: Merz steht innenpolitisch unter Druck, während weitere Landtagswahlen die Frage nach seiner politischen Handlungsfähigkeit verschärfen. Die Weltnachrichtenagentur Reuters (London) berichtet von zunehmenden Zweifeln innerhalb der CDU an seiner Führungsposition:
Die Erosion der deutschen politischen Mitte offenbart Merz’ schwindenden Machtgriff. – Reuters am 21. September 2026
Damit verschiebt sich die Perspektive. Merz ist im Ausland nicht mehr nur der Regierungschef, der Europa stärken und Deutschland international gewichtiger machen will. Er ist zugleich zum Gradmesser für die politische Stabilität Deutschlands geworden.
Hinzu kommen persönliche Auftritte, die das Bild des selbstbewussten, bisweilen scharfkantigen Kanzlers verstärken. Nach seinem Besuch der Weltklimakonferenz COP30 im brasilianischen Belém berichtete Merz, die mitgereisten Journalisten seien „alle froh“ gewesen, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Beléms Bürgermeister Igor Normando nannte die Äußerung „unglücklich, arrogant und voreingenommen“, auch Präsident Luiz Inácio Lula da Silva reagierte kritisch.
Der Belém-Eklat zeigt die Gefahr dieses Auftretens: Selbstbewusstsein kann als Stärke wirken – oder als Überheblichkeit gelesen werden.
Genau darin liegt das doppelte Gesicht des Friedrich Merz:
Die eine Seite ist der Außenkanzler: selbstbewusst gegenüber Washington, engagiert in Europa, näher an Warschau, im Gespräch mit Paris und London – mit dem Anspruch, Deutschland wieder zum politischen Schwergewicht zu machen.
Die andere Seite ist der Kanzler unter Druck: eine CDU, die in Sachsen-Anhalt dramatisch verlor, eine Koalition, deren Handlungsfähigkeit im Ausland kritisch beobachtet wird, und ein Regierungschef, dessen politische Zukunft inzwischen nicht mehr nur Berlin interessiert.
Deutschlands Partner erwarten von der größten Volkswirtschaft Europas wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, politische Stabilität und internationale Berechenbarkeit. Doch internationale Führung beginnt damit, zu Hause Mehrheiten zu organisieren und draußen Partner mitzunehmen. Je größer der Führungsanspruch, desto genauer schaut die Welt auf das Fundament darunter.
Quellen: Reuters, Financial Times, Bundesregierung, ZDF/dpa sowie weitere internationale Berichte und Originalaussagen. Die im Text genannten politischen Entwicklungen beziehen sich auf den Stand 26. September 2026.
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Friedrich Merz im Ausland
Friedrich Merz im Ausland
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