Von Wolf Achim Wiegand

Heute aus #Myanmar 🇲🇲 #Großbri­tannien 🇬🇧 #Pakistan 🇵🇰 #Indien 🇮🇳 #Russland 🇷🇺

Hamburg (3. Mai 2020 / waw) – Die heraus­ra­gende Tagesnews heute ist für mich:

Corona macht Dunkles sichtbar

Es sind keine Jubel­schreie, die ich ausstoße. Und ich werde nicht naiv. Doch ich stelle fest, dass die Corona­krise neben viel Verschleierung auch frische Trans­parenz hervor­bringen kann. Beispiel:

Die Schein­werfer, die inter­na­tionale Organi­sa­tionen und Medien auf die Coronalage selbst in entle­genste Gebiete unseres Planeten werfen, verdrängen nebenbei manche Dunkelheit. Lesen Sie unten die Berichte über verfolgte Minder­heiten in Myanmar, wo selbst Mindest­stan­dards von Freiheits­rechten missachtet werden. Ganz besonders beein­dru­ckend finde ich die Reportage aus dem wichtigsten Corona­kran­kenhaus Russlands, während sich der Kreml bei dem Thema auffallend zurückhält. 

Es sind nur Streif­lichter. Dennoch: Corona wird den Blick auf Manches lenken, was derzeit verborgen ist. Voraus­setzung: wir sind bereit, den deutschen Corona-Tunnel­blick abzulegen und anderswo hinzuschauen! 

Myanmar: 🇲🇲 Kein Coronaschutz für Minderheiten – Flüchtlinge in Malaysia gefährdet

Die UN haben Friedens­no­bel­preis­trä­gerin Aung San Suu Kyi und ihre militä­risch dominierte Regierung davor gewarnt, im Windschatten der Corona­krise weitere Kriegs­ver­brechen zu begehen. Die zuständige UN-Bericht­erstat­terin Yanghee Lee äußert die Befürchtung, dass – “während die Welt mit Corona beschäftigt ist” – wieder gezielt gegen Minder­heiten vorge­gangen werden könne. 

Unter­dessen berichtet die britische Nachrich­ten­agentur Reuters aus Malaysia, dort greife die Polizei gezielt Flücht­linge der musli­mi­schen Minderheit des Rohingya-Volkes auf, die keine Papiere hätten, darunter Kleinkinder. 

Während die Regierung in Kuala Lumpur die Festnahmen damit begründet, die Einhaltung der Corona­regeln durch­zu­setzen, befürchten Menschen­rechtler genau die gegen­teilige Wirkung. Aus Angst vor Festnahmen könnten sich viele Flücht­linge verstecken und sich trotz Corona­in­fektion nicht zum Arzt begeben – somit steige das Anste­ckungs­risiko für alle.

Großbritannien: 🇬🇧 UK jetzt Hotspot in Europa

Großbri­tannien gehört jetzt zu den drei weltweit am schlimmsten vom Corona­virus betrof­fenen Länder der Welt. Was ist schief gelaufen?

Die konser­vative Regierung von Boris Johnson hat nach dem Eindruck von Beobachtern zu spät gehandelt. Lange hatte der Premier­mi­nister, der ironi­scher­weise selbst schwer an COVID-19 erkrankte, gezaudert. Erst verfolgte sie das Konzept der Herden­im­mu­nität, schwenkte dann aber um – zu spät? 

Pakistan: 🇵🇰 Kampf gegen Corona und Klimakrise zusammengedacht 

Einen inter­es­santen Weg gegen das Corona­virus hat Pakistan beschritten: die Regierung in Islamabad denkt Seuchen­plage und Klima­krise zusammen. Mit dem Lockdown vom 23. März 2020 bot sie joblos gewor­denen Arbeitern an, sich Geld durch Baumpflanzen zu verdienen.

Dazu muss man wissen, dass Pakistan seit Jahren unter extremen Wetter­lagen leidet. Es ist eines der weltweit am stärksten von Natur­ka­ta­strophen und Klima­wandel betrof­fenen Länder. Vor allem Dürre macht großen Teilen der 216 Millionen Einwohnern zu schaffen. Regie­rungschef Imran Khan hat daher ein ehrgei­ziges Fünf-Jahre Programm für Baumpflan­zungen aufgelegt.

Damit gibt Pakistan Menschen die Möglichkeit, gegen Bezahlung etwas gegen den Klima­wandel zu tun, anstatt nutzlos und ohne Geld zum Bettler zu werden. Zugleich profi­tieren der Staat und die Allge­meinheit. Der Lohn als “Dschungel-Arbeiter” entspricht zwar durch­schnittlich nur der Hälfte eines guten normalen Verdienstes. Aber er schützt vor dem totalen Absturz.

#Indien: 🇮🇳 Corona relativ wenig verbreitet – noch? 

Indien und seinen über 1,3 Milli­arden Einwohnern sind verhee­rende Todes­zahlen vorher­gesagt worden, als Präsident Premier­mi­nister Narendra Modi es am 24. März 2020 in einen harten Lockdown schickte. Außer, das viele Millionen Menschen von heute auf morgen kein Einkommen mehr besaßen, machten die engen überfüllten Slums große Sorgen, in denen Abstand halten und Hygie­ne­regeln schlicht nicht möglich sind. Es hieß: “Ein marodes Gesund­heits­system, viele Vorer­kran­kungen, 1,3 Milli­arden Menschen: in Indien könnte sich das Corona­virus verheerend auswirken.

Doch die Prognosen, es käme zu Millionen Corona­opfern, haben sich bislang nicht erfüllt. Am 1. Mai gab es offizi­ellen Angaben zufolge “nur” 31.360 Infek­ti­ons­fälle und 1.008 Tote (0,76 Tote pro Million). Zum Vergleich: Deutschland (rund 80 Millionen Einwohner) hatte zu dem Zeitpunkt 1.655.000 Infizierte und fast 7.000 Tote. 

Der bisherige Erfolg – der natürlich nicht von Dauer sein muss – könnte in der Schnel­ligkeit des angeord­neten Lockdowns liegen, so Experten. Er kam, als das Land erst 519 Corona­vi­rus­fälle hatte. Italien hat seine Maßnahmen erst einge­führt, als es 9.200 Infek­tionen erreicht und Großbri­tannien 6.700 Erkrankten. 

Russland: 🇷🇺 Reportage aus “Roter Zone” einer Infektionsklinik 

Nur wenige Menschen außerhalb der Russi­schen Föderation sprechen Russisch. Vielleicht liegt es neben der Zensur auch daran, dass man in Sachen Corona so wenig aus dem Reich des Wladimir Putin hört. Einen der eindrucks­vollsten Insider­be­richte publi­zierte dieser Tag die Nowaja Gaseta, eine dreimal wöchentlich erschei­nende Zeitung aus Moskau, die auch online publiziert. 

“Nackte Menschen, die mit Laken bedeckt sind, liegen auf ihren Kojen. Die Körper sind mit lila antisep­ti­schen Flecken befleckt – die unver­meid­lichen Wunden und Dekubitus sind getrocknet. Blutige Lappen auf den Lippen – wegen des gegebenen Mittels Heparin gerinnt das Blut nicht, das aus der Nase fließt. Ihre Rippen werden durch mecha­nische Belüftung mecha­nisch angehoben…”

Elena Kostyu­chenko und Yuri Kozyrev, Nowaja Gaseta

Die Reporter berichten eindrücklich und mit Fotos aus der „roten Zone“ des 52. Moskauer Klini­schen Kranken­hauses, das sich seit dem 29. Februar auf Patienten mit COVID-19 spezia­li­siert hat. Zum Repor­ta­ge­zeit­punkt lagen dort 547 Patienten mit bestä­tigtem Corona­virus, davon 108 auf der Inten­siv­station. Aus dem Bericht geht unter anderem hervor, dass die Klinik das Medikament Kevzara mit dem Wirkstoff Sarilumab einsetzt, das eigentlich zur Behandlung von Arthritis gedacht ist.

“Bei der Arbeit kann man nicht weinen, Weinen ist ein Misserfolg. Der einzige Ort, an dem Sie im 52. Krankenhaus weinen können, ist der Umklei­deraum zwischen den Schließ­fä­chern, auf denen Tierbilder aufge­klebt sind. Aber auch dort sah ich keine Tränen – nur hektische Arbeitskonzentration. 

Elena Kostyu­chenko und Yuri Kozyrev, Nowaja Gaseta
Der Beatmungs­beutel
Denis Petrovich Pavlov unter­sucht den Patienten
Foto: Yuri Kozyrev / Novaya Gazeta

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