⇒ Inhalt dieser Recherche: China kauft sich ein Weltreich zusammen – auf Kosten der Betroffenen… 

Letzte Meldungen: China, wichtiger Geldgeber kleiner Insel­staaten, will jetzt seine Kredite zurück +++ Chinas Seiden­straße stößt in Südasien auf Wider­stand +++ Milliardär Li Shufu, der bereits das schwe­dische Volvo Cars besitzt, steigt als Großak­tionär bei Daimler AG ein +++ BMW will den bisher nur in Europa gebauten Mini künftig auch in China herstellen und partnert mit Autobauer Great Wall +++ Conti­nental gründet Gemein­schafts­firma für 48-Volt-Batte­rie­technik +++ US Congress considering aggressive law to combat Chinese efforts to obtain technology via acqui­sition +++ Ist Techno­lo­gie­lie­ferant Huawei verlän­gerter Arm der Geheim­dienste aus China in Europa? +++ Angeblich spiona­ge­fähige China-Handys in US-Stütz­punkten verkauft 
Großre­cherche von Wolf Achim Wiegand (aktua­li­siert: 30. Juni 2018)
Hamburg (waw) – Donald Trump hat tatsächlich ernst gemacht: noch vor den Maßnahmen gegen den Rest der Welt verhängte er hohe Straf­zölle gegen Billig­im­porte aus dem Reich der Mitte. Damit zog er die aus seiner Weltsicht richtige Konse­quenz aus dem Handels­ver­halten der Volks­re­publik. Trump packte China in seinem Statement in eine üble Reihe – die USA stünden “…Schurken­staaten, terro­ris­ti­schen Gruppen und Rivalen wie China und Russland” gegenüber. Peking reagierte prompt, nannte Trumps Worte „alarmierend und provo­zierend.”
Tatsache ist: China nervt nicht nur die USA, sondern auch die Europäische Union. “China klopft nicht nur an Europas Tür. Es befindet sich längst dahinter,” stellt eine Studie zweier renom­mierter Institute fest. Die Lobby­po­litik Pekings in Brüssel sei massiv. Die Kommu­nis­tische Partei Chinas als eigent­licher Macht­haber wirke auf politische und wirtschaft­liche EU-Führungs­kräfte ein, um ihr autoritär orien­tiertes Politik­modell zu bewerben, sagen das Global Public Policy Institute (GPPi) und das Mercator Institute for China Studies (MERICS).
Auch Berlin ist nun auf china­kri­ti­schem Kurs: die Bundes­re­gierung mahnt bei der Europäi­schen Union (EU) schärfere Gesetze gegen Inves­toren aus China an. Denn Peking kauft sich derzeit munter ein Weltreich zusammen – und wendet dabei in einem weitgehend freien Handels­umfeld unfaire Mittel an: staatlich geför­dertes Dumping, mangelnde Chancen­gleichheit für auslän­dische Firmen, dazu der Zwang zur Bildung von Gemein­schafts­un­ter­nehmen und zur Überlassung von techno­lo­gi­schem Know-how. China-Denunziantenwebsite-mit-Präsident
China mit Präsident Xi Jinping (64) ist zu einem Schreck­ge­spenst des Welthandels geworden. So auch in Europa, wo zu Jahres­beginn die Nachricht einschlug, der europäische Flugzeug­bauer Airbus wolle China an der Produktion des weltgrößten Flugzeuges A380 betei­ligen. Das sei doch gut, meinten die Einen – Europas stolzer Luftfahrt­konzern bekomme eine Chance, seinen kaum noch nachge­fragten Riesen­vogel wieder flott zu kriegen. Andere warnten vor Abhän­gig­keiten und Know-how-Abzug. Viel Aufregung um einen Deal, der bis heute nicht bestätigt ist.
Das Gerücht um Airbus hat aber eines erreicht, eine Neuauflage der Diskussion “China als Handels­partner?” Ein Thema, das manche in der EU nur mit der Kneif­zange anfassen, seit das lange positiv besetzte Image Chinas als Business­freund mit ungeahnten Möglich­keiten perdu ist. Es sind die Chinesen selbst, die Misstrauen säen: durch eine aggressive Wirtschafts­expansion, die mit harten Bandagen so gut wie ausschließlich nach den Bedin­gungen Pekings abläuft.

China will Warenweltmacht werden – erstmal

Der Dreh- und Angel­punkt der Aufstiegs­stra­tegie unter dem allmäch­tigen Präsi­denten Xi Jinping (64) ist das Projekt „One Belt, One Road (kurz OBOR; zu Deutsch: „Ein Band, eine Straße“, 一帶一路 / 一带一路). Dieser staatlich voran­ge­triebene Bau einer „Neuen Seiden­straße“ ist die Vision eines gigan­ti­schen inter­kon­ti­nen­talen Infra­struktur-Netzes. Darüber sollen chine­sische Waren und Inves­ti­tionen von Asien über Afrika bis nach Europa fließen.
OBOR ging ursprünglich von China über Zentral­asien und Russland nach Europa bzw. über Iran/Kaukasus nach Europa (Landroute) und die Meeres­route über Afrika. Mittler­weile schliesst das Projekt über 40 Länder auf drei Konti­nenten ein, und mutierte daher zum Riesen­projekt “The Belt and Road Initiative” (BRI).China-Seidenstraße-offiziell-xinhua
Vorbild ist die histo­rische 6.400 km lange Verbindung von Karawa­nen­straßen, die einst von Ostasien über Zentral­asien bis zum Mittelmeer reichten. Darauf kam unter anderem Seide in den Westen. China will die alte kaufmän­nische Bedeutung wieder­her­stellen. “Wir stehen vor einer großen Zukunft und der Wieder­geburt der großen, chine­si­schen Nation,” erklärte Xi pathe­tisch beim 19. KP-Parteitag im Oktober 2017. Nach neusten Plänen soll sich die neue Seiden­straße sogar bis in die Arktis erstrecken.

China-Seidenstraße-ökonomischeDaten

Ökono­mische Daten der Belt Road Initiative

Lange ist das chine­sische Neuzeit-Engagement in Europa begrüßt worden. Alle Augen richteten sich verklärt auf China. Verständlich, denn es locken Anbin­dungen zur mit 1,4 Milli­arden Einwohnern größten Volks­wirt­schaft der Welt.

Experten rechnen vor: China habe bisher schon über 50 Milli­arden US-Dollar dafür ausgeben, weitere 1.000 Milli­arden US$ stünden zum Abruf bereit. Zum Vergleich: Für den Marshall-Plan habe der US-Kongress 1948 bis 1952 alles in allem 13 Milli­arden US$ genehmigt, nach heutigem Wert sind das etwa 121 Milli­arden US$. Solche Summen locken.
Bei einem Gipfel­treffen zur Neuen Seiden­straße im Mai 2017 in Peking haben 68 Länder mit China bilaterale Koope­ra­ti­ons­ab­kommen unter­zeichnet. Dennoch war die Pekinger Geldein­sam­melshow aus europäi­scher Sicht enttäu­schend. Zentrale EU-Wünsche stießen bei den Gastgebern auf taube Ohren. Ob besserer Markt­zugang für EU-Firmen in China, der Abbau chine­si­scher Subven­tionen an die heimische Wirtschaft oder die Dumping­preise beim Stahl – Kritik an Wettbe­werbs­ver­zer­rungen ließen Xi und sein Team links liegen. “Das hat uns gefehlt,” bilan­zierte Bundes­wirt­schafts­mi­nis­terin Brigitte Zypries (SPD).Anders Fogh Rasmussen, NATO Secretary General

In Europa sind die Träume über märchen­hafte Geschäfte inzwi­schen einer Ernüch­terung gewichen. Ja, zum Teil hat sich offene Gegner­schaft gegen die Expansion aus Peking breit­ge­macht: China inves­tiert in Europas Spaltung,“ warnte der ehemalige NATO-General­se­kretär Anders Fogh Rasmussen in der ZEIT. Und weiter:

Die EU sollte nicht schlaf­wan­delnd in diese Spaltung hinein­taumeln und erst dann reagieren, wenn es bereits zu spät ist, weil ein Großteil der Infra­struktur Mittel- und Osteu­ropas von China abhängig geworden ist.“

Auch bei der überpar­tei­lichen Denkfabrik European Council on Foreign Relations (ECFR) heißt es: China picke sich in seinen Bezie­hungen mit der Europäi­schen Union nur “Rosinen” heraus, “fokus­siert sich an seinen Inter­essen und setzt sich über EU-Verhal­tens­normen hinweg.Weiter: “Brüssel muss diese Entwick­lungen genau im Auge behalten.” Die EU-Kommission listet die Probleme auf:

  • mangelnde Trans­parenz in der Industriepolitik,
  • indirekte protek­tio­nis­tische Maßnahmen gegen auslän­dische Unternehmen,
  • erheb­liche Regie­rungs­ein­griffe in die Wirtschaft zu Gunsten chine­si­scher Staatsfirmen,
  • ungleicher Zugang zu Subven­tionen und günstigen Krediten,
  • Verlet­zungen des Rechts auf geistiges Eigentum.

Häfen als Stützpunkte für merkantile Schlachten

Die Auswir­kungen der chine­si­schen Gigan­to­manie können enorm sein, etwa auf Schiff­fahrt und Logistik. Darauf macht Ton van den Bosch aufmerksam, der bei den inter­na­tio­nalen Londoner Hafen­rechts­experten Ince & Co den Bereich Global Ports & Maritime Infra­structure leitet. So sei der Einfluss der chine­si­schen Seiden­straßen-Initiative auf die Schiff­fahrt bereits riesig. Schät­zungs­weise 20 Mrd. $ habe China allein in den vergan­genen zwölf Monaten in Häfen und Terminals investiert.

Wir können bereits sehen, dass sich makro­öko­no­mische Effekte manifes­tieren”, so van den Bosch laut Marit­im­ma­gazin HANSA. Eine Folge sei die Konso­li­dierung der Besitz­ver­hält­nisse: bis 2020 würden die volks­eigene Reederei COSCO und der Schang­haier Großbe­treiber China Shipping zusammen gemessen an Kapazität der größte Termi­nal­be­treiber der Welt werden – “eine drama­tische Neuge­wichtung im globalen Handel.”

Beobachter fragen sich: Will China mit seinen gigan­ti­schen Inves­ti­tionen mehr, als nur Zugang zu unseren Märkten – will es womöglich politische Entschei­dungen in der EU so beein­flussen, dass die Volks­re­publik immer der Gewinner wird?

Griechenland-Piräus-Hafen-offiziell

Auffällig ist: bei Inves­ti­tionen säbeln sich chine­sische Geldgeber vor allem strate­gische Filet­stücke heraus, die sich in die Vordring­stra­tegie ihrer Regierung fügen. Als die zum Schul­den­abbau verpflichtete Regierung des griechi­schen Links­po­li­tikers Alexis Tsipras 2016 die Mehrheit am Hafen Piräus (Foto rechts) an die staatlich kontrol­lierte Reederei Cosco losschlug, hieß das für China die wertvolle Kontrolle eines strate­gisch hochwich­tigen Tiefwas­ser­hafens, den Contai­ner­schiffe aller Größen anlaufen können. 

Peking zahlte zunächst 280,5 Millionen Euro für 51 Prozent der Anteile. Nach fünf Jahren werden weitere 88 Millionen Euro für weitere 16 Prozent Anteile fällig. Momentan sieht das nach einem glänzenden Geschäft aus, denn der chine­sische Hafen Piräus weist einen enormen Gewinn­sprung aus.
Letztlich wird Piräus den Haupt­brü­ckenkopf für chine­sische Exporte nach Süd‑, Ost- und Mittel­europa bilden,“ schildert Athens Botschafter in Peking. Nicht nur das? 

Pikan­ter­weise blockierte Griechenland im UN-Menschen­rechtsrat kurz nach dem Piräus-Verkauf eine geplante EU-Erklärung zu Menschen­rechten in China – Zufall? “Chine­sische Inves­ti­tionen schaffen politische Abhän­gig­keiten,” ärgerte sich der Vorsit­zende der China-Delegation im Europäi­schen Parlament, Jo Leinen.

China shoppt bis zum Anschlag

Insgesamt schlossen Inves­toren aus China im ersten Halbjahr 2017 in Europa 117 Übernahmen, Betei­li­gungen und Fusionen ab. Gesamtwert: 26,3 Milli­arden Euro. “Vor allem der Maschi­nenbau ist im Visier der asiati­schen Konkurrenz,” bilan­ziert das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). “Besonders beliebt waren Unter­nehmen in Deutschland und Großbri­tannien.”

VOLVO-Trucks_QuelleVOLVO
Volvo: chine­sisch

Und die Einkaufstour geht weiter. Nachdem sich der chine­sische Geely-Konzern schon vor einiger Zeit den schwe­di­schen Pkw-Hersteller Volvo einver­leibt hatte, packte er nun dessen milli­ar­den­schwere frühere Lkw-Sparte Volvo Trucks dazu – inklusive derer Laster­marken Renault, Mack und Nissan. Nun ist die einstige Vorzei­ge­firma Schwedens zu 100 Prozent chinesisch.

Yi Sun, China-Expertin der Wirtschafts­prü­fungs­ge­sell­schaft Ernst & Young: “Chine­sische Unter­nehmen wollen durch Übernahmen in Europa Zugang zu den westlichen Märkten und zu konkur­renz­fä­higen Hochtech­no­logien erhalten.
Weitere chine­sische Inves­ti­tionen in 2017, bei denen europäi­sches Know-how nach Fernost geflossen ist, waren u.a.:

  • Die Übernahme des Bosch-Bereiches “Starter und Genera­toren” im Werk Hildesheim durch das Konsortium ZMJ (Zhengzhou Coal Mining Machinery Group),
  • der Kauf der bis dahin briti­schen Logistik- und Vertei­lungs­firma Logicor an den Staats­fonds China Investment Corpo­ration und
  • die Betei­ligung der Hongkonger Investment-Gruppe Phoenix Green am Schweizer Uhren­her­steller Ernest Borel.

Hafen-Hamburg-Schiffe-Terminal

Im Hamburger Hafen möchten chine­sische Inves­toren ein vollau­to­ma­ti­sches Abfer­ti­gungs­ter­minal bauen. Es wäre der ideale Endpunkt für eine komplett chine­sisch kontrol­lierte Wertschöp­fungs­kette via Neuer Seiden­straße: chine­sische Produ­zenten stellen Waren für Europa her, die auf chine­si­schen Schiffen trans­por­tiert und im Herzen Europas von chine­si­schen Logis­tikern ab- und umgeladen werden – ein in Hamburg umstrit­tenes Projekt.Drei-Meere-Initiative-Three_Seas_Initiative_Wikipedia

Fehlt nur noch, dass die Chinesen auf ihren Abfer­ti­gungs­an­lagen mitge­brachtes Personal unter deutschem Tariflohn beschäf­tigen,” unkt ein Abgeord­neter der Hambur­gi­schen Bürger­schaft. Eine Vision, die nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, hat China doch mit der “Drei-Meere-Initiative” (BABS Initiative) auch die für den Hamburger Hafen wichtige Ostsee im Blick. 

Das von Polen und Kroatien aufge­legte geopo­li­tische Projekt BABS soll die Ostsee mit Adria und Schwarzem Meer verbinden – eine Art Puffer für zwölf ehemalige Ostblock-Staaten zwischen dem militä­risch bedroh­lichen Russland und dem wirtschaftlich mächtigen Deutschland. Das sei eine gute Ergänzung zur “Neuen Seiden­straße”, verkündete ein hoher chine­si­scher Vertreter unlängst freimütig.

Vormarsch verletzt regionale Interessen

Während China in Europa auf Filet­stücke abzielt, kauft sich China entlang der eigent­lichen “Neuen Seiden­straße” auf dem Wege nach Europa gerne in solchen Regionen ein, die wegen Krieges, Korruption oder klammen Geldes instabil sind. Deren oft autori­tären bis dikta­to­ri­schen Regie­rungen brauchen Bahnen, Straßen, Häfen und andere presti­ge­trächtige Infra­struk­tur­maß­nahmen, um sich stabi­li­sieren und an der Macht halten zu können. 
Derlei ökono­mische Entwicklung wäre per se nicht verwerflich, würde die chine­sische Regierung sich nicht gleich­zeitig Hinter­türen öffnen, um außen­po­li­tische Macht zu erkaufen. Macht für ein Land, in dem syste­ma­tisch die Menschen­rechte verletzt werden. “China ähnelt Nordkorea immer mehr,” sagt Akio Takahara (59), Professor für Zeitge­nös­sische Politik Chinas an der Univer­sität Tokio.Pakistan-Gwadar-CIA_WFB_Map-mitPfeil

Für Pakistan etwa, das an Extre­misten und beißender Armut leidet, stampft die Volks­re­publik in Gwadar am Indischen Ozean bis 2022 den größten Fracht­hafen Südasiens aus dem Boden. Mindestens 57 Milli­arden Dollar soll das an Krediten, Subven­tionen und Inves­ti­tionen kosten. Bislang war die Wüsten­klein­stadt trotz seines Hafens ein abgele­genes Nest ohne nennens­werte Inlands­ver­bin­dungen. Nun kommen eine Freihan­delszone, Fabri­ka­ti­ons­an­lagen und ein inter­na­tio­naler Flughafen.

Warum ist China so begehrlich auf den Ausbau Gwadars? Nun, der Hafen liegt am Ein- und Ausgang der Golfregion. Von dort kommt ein Löwen­anteil der globalen Öllie­fe­rungen. China schlägt somit beim Hafen­ausbau zwei Fliegen mit einer Klappe: von Gwadar aus will es einer­seits die Energie­adern der Welt kontrol­lieren und zugleich über neue Landwege seine zentral­asia­ti­schen Westpro­vinzen mit Erdöl und anderen Rohstoffen arabi­scher und afrika­ni­scher Herkunft versorgen.Gilgit-Baltistan_in_Pakistan_(de-facto_+_Glacier)_(disputed_hatched)_(claims_hatched).svg

Im Norden Pakistans, in der Himalaja-Region Gilgit-Baltistan (Schraf­fierung, Grafik), stößt die nach dort vorsto­ßende Neue Seiden­straße auf offene Ablehnung. Aktivisten befürchten Landraub und soziale Probleme in dem Dreilän­dereck Pakistan-Afgha­nistan-China. Die Regierung in Islamabad dagegen verspricht mit dem “Chine­sisch-Pakista­ni­schen Wirtschafts-Korridor” (CPEC) spürbaren wirtschaft­lichen Aufschwung. Doch die Aussicht auf 70.000 LKWs jährlich und Erdrutsch­ge­fahren durch Eisen­bahn­tunnel macht den Einwohnern Angst.

Nebengeschäft: ein Kriegshafen?

In letzter Zeit sind die Aussichten, dass China sich durch­setzt, gestiegen. Grund ist Donald J. Trump. Aus Zorn darüber, dass Pakistan angeblich keine wirksamen Maßnahmen gegen die Taliban im Nachbarland Afgha­nistan ergreift, will der US-Präsident dem Land am Hindu­kusch alle Hilfen streichen. Das spielt Peking in die Hände, das sich als Retter in der Not anbot und flugs ankün­digte, den Handel mit Pakistan künftig ganz in der chine­si­schen Währung Renminbi Yuan abwickeln zu wollen. Wo ein Vakuum entsteht, da ist China schon da…
Pakistan indes lockt die Aussicht als künftiger Player in der Golfregion. Die Regierung in Islamabad hat China angeboten, in Jiwani, nahe vom Handels­hafen Gwadar, einen gemein­samen Marine- und Luftwaf­fen­stütz­punkt zu errichten. Der wäre eine neue Bastion Chinas und Pakistans gegen den gemein­samen Rivalen Indien, den ohnehin schon ärgert, dass Myanmar der chine­sische Hafen­standort am Golf von Bengalen geworden ist.

Bahnstrecke_Addis_Abeba–Dschibuti

Aller­dings scheint China die hinge­reichte Hand Pakistans derzeit noch nicht annehmen zu wollen. Es konzen­triert sich zunächst auf seine erste Auslands­basis überhaupt in Dschibuti, einem Brückenkopf zur Golfregion, den sich China eine halbe Milliarde US$ kosten ließ (Grafik rechts). 

Angeblich erwägt China die staubige Wüsten­gegend, an dessen Ufern Haie brüten, zum Touris­ten­pa­radies umzumodeln. Das Nest wurde bereits mit neuen Fracht­schiffkais, Einkaufs­ga­lerien sowie Straßen und Flugplatz bedacht – und mit einer elektri­schen Eisenbahn in die äthio­pische Haupt­stadt Addis Ababa. Das von seinen Anrainern geschnittene Golf-Scheichtum Katar ist für die Ambitionen Chinas ein weiteres Schlüs­selland.
Letztlich inves­tiert China mit der Waffe Wirtschaft rücksichtslos in politi­schen Einfluss und ringt an die Einfluss­zonen aufstre­bender Mächte vor. Dem weltgel­tungs­süch­tigen Russland kann es zum Beispiel nicht recht sein, dass China in früheren Sowjet­re­pu­bliken wie Kasachstan und Kirgistan aktiv ist.

Günstige Kredite als abhängig machende “Droge”

Geschickt bindet China seine Inves­ti­ti­ons­partner mit Einfluss­klauseln, verlangt etwa als Faust­pfand den Zugang zu Verkehrs­ver­bin­dungen oder Abbau­rechte für Rohstoffe. “Gläubiger-Imperia­lismus” nennt das der indische Strategie-Professor Brahma Chellaney von der Robert Bosch Academy in Berlin. Während Europa einst Kanonen­boote genutzt habe, um Staaten seinen Willen aufzu­zwingen, bediene sich die Volks­re­publik der “Schuld­knecht­schaft”.
Als Beispiel nennt Challeney Sri Lanka. Die Insel­re­publik im Schnitt­punkt Europas, Asiens, Afrikas und Nahosts habe ihre Schulden im Hafen Hambantota wegen mangelnden Umsatzes nicht mehr abzahlen können. Daraufhin habe Sri Lanka im Dezember 2017 Hambantota für 99 Jahre an China abgetreten -

“…höchste Effek­ti­vität chine­si­scher Schul­den­fallen-Diplo­matie: wer sich in Peking verschuldet, der riskiert den Verlust an Natur­schätzen und Souve­rä­nität.” (Brahma Challeney)

Chellaney weiter: “Wie das von den Briten nach China expor­tierte Opium machen heutzutage die chine­si­schen Niedrig­zinsen süchtig.” Schon wird speku­liert, ob dem aus dem Boden gestampften Hafen Gwadar etwas Ähnliches wie Hambantota wider­fahren wird. China setzt schon jetzt heftigste Daumen­schrauben an: Pakistan wurde einem Bericht der South China Morning Post zufolge mehrere Autobahn- und ein Staudamm­projekt gestrichen.

Unter­dessen will China im Hafen Gwadar für die nächsten 40 Jahre 91% der Einnahmen abschöpfen, den Pakistanern bleiben magere neun Prozent – “damit hat Pakistan die Kontrolle über den Hafen verloren.” Eine Situation ähnlich wie im Port of Darwin, Australien, dem “Tor nach Asien”. Dort ergat­terte eine chine­sische Firma 2015 für 99 Jahre die Pacht über die Tiefsee­was­serkais – ironi­scher­weise sind dort über 1.000 US Marines stationiert.
In Kenia, Afrika, scheint sich das Spiel zu wieder­holen: die Regierung in Nairobi hat sich mit der china­fi­nan­zierten neuen Bahnstrecke von Mombasa nach Nairobi womöglich übernommen – kommt nun der ebenfalls notlei­dende Seehafen Mombasa in chine­sische Hände? So, wie der 7,2 Milli­arden US$ teure geplante Tiefwas­ser­hafen Kaukphyu, Myanmar, wo chine­sische Inves­toren wohl 70 Prozent Betei­ligung erhalten werden. Kritiker sagen, China lege es mit seiner großzü­gigen Kredit­po­litik auf genau solche Szenarien an, was Peking bestreitet.

Ob die EU es will oder nicht – China akquiriert in Europa

Der Inves­ti­ti­ons­feldzug ist nun an den Peripherien des europäi­schen Kernlandes angelangt, etwa in Georgien, dem Transitland zwischen Kaukasus und Schwarzem Meer im Schnitt­punkt von Inter­essen aus Asien, Russland und Westeuropa. Und es liegt so dicht vor der Europäi­schen Union, dass Brüssel die Antennen hochfahren lässt.

China-Premier_Li_Keqiang_by_Sebastian_DerungsChina ist indes mitten in die EU vorge­drungen. Ende vergan­genen Jahres traf sich Minis­ter­prä­sident Li Keqiangin mit Regie­rungs­chefs aus 16 ost‑, mittel- und südost­eu­ro­päi­schen Staaten (fünf davon sind keine EU-Mitglieder). Ort der Konferenz: ausge­rechnet Budapest, der Haupt­stadt von EU-Mitglied Ungarn, dessen gastge­bender Minis­ter­prä­sident Viktor Orbán in Brüssel als Arche­typus des EU-Abweich­lertums gilt.

Über drei Milli­arden Dollar sagte Peking an der Donau für Infra­struk­tur­pro­jekte auf dem Balkan und im EU-Osten zu. Darunter für die EU-Mitglieder Ungarn, Polen und Rumänien. Ähnliches plant China mit Mittelmeer-Anrainern innerhalb und außerhalb der Europäi­schen Union. Der European Council on Foreign Relations (ECFR), eine Denkfabrik für europäische Außen­po­litik: “Es gibt keinen Zweifel daran, dass das 16+1‑Format eine Art Konkurrenz zu EU-gespeisten Fonds und Projekten ist.”

“Auf Chinas Vision einer neuen Seiden­straße hat Europa keine ausrei­chende Antwort. Weil es zu sehr mit sich beschäftigt ist. Und nicht weiß, wo sein Einfluss enden soll.” Michael Thumann in DIE ZEIT

In führenden EU-Kreisen wird China verdächtigt, sich gezielt mitten im EU-Kernland “Spalt­pilze” zu besorgen, die es braucht, um Einfluss auf europäische Politik zu nehmen. “China prakti­ziert bei seinen Bezie­hungen zu Europa ‘Rosinen­pi­ckerei’, die sich allein an seinen Inter­essen ausrichtet und oft EU-Normen ignoriert,” beobachtet ECFR. Um die Osteu­ropäer wieder einzu­fangen, hat die EU-Kommission Anfang Februar 2018 eine neue Strategie für den angren­zenden Westbalkan beschlossen, die mit einer EU-Beitritts­per­spektive garniert ist. 

In Sorge um die Zunahme weiteren chine­si­schen Einflusses hatte die EU-Kommission schon zuvor eine strengere Prüfung staatlich geför­derter Firmen­käufe aus China einge­führt. “Wir müssen einen fairen Wettbewerb gewähr­leisten”, sagte EU-Kommissar Jyrki Katainen bei Vorlage einer zur Jahres­wende gültig gewor­denen Verordnung. Sie soll dabei helfen, dass sich EU-Staaten besser gegen billige Import­güter behaupten können, etwa durch die Verhängung höherer Zölle im Falle von Preis­un­ter­bie­tungen durch subven­tio­nierte Staats­un­ter­nehmen. Die Reaktion aus China fällt natur­gemäß harsch aus:

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die EU mit Konzepten in den Handel mit China einmischt,giftet Xinhua, die staat­liche Nachrich­ten­agentur der Volks­re­publik, und droht: “China behält sich seine von der Welthan­dels­or­ga­ni­sation (WTO) garan­tierten Rechte vor und wird die nötigen Maßnahmen zum Schutz seiner legitimen Rechte ergreifen.”

China öffnet Märkte – nur nicht die eigenen

Ein soeben publi­zierter 465-seitiger neuer Länder­report der EU-Kommission malt dielöschen

fernöst­liche Volks­re­publik in wenig freund­lichen Farben. China sei eine “sozia­lis­tische Planwirt­schaft”, maßgeblich gesteuert von Staat und Kommu­nis­ti­scher Partei, die “bedeutsame Markt­ver­zer­rungen” erzeuge. Daran habe sich trotz einiger Libera­li­sie­rungen seit 1978 nichts geändert – dem Jahr, als sich die Volks­re­publik der Außenwelt öffnete.

Im Gegenteil, die Reformen haben die Hand des Staates gestärkt, indem sie seinen Einfluss auf die Wirtschaft zielge­rich­teter und effizi­enter gemacht haben,” so der EU-Bericht.

China-Made-in

Während China also liberale Handels­regeln in Europa ausnutzt und gezielte Inves­ti­tionen in wichtige europäische Unter­nehmen und die Infra­struktur tätigt, verbieten die Gesetze aus Peking den Firmen aus der EU Gleiches in der Volks­re­publik zu tun.

Dadurch wird der Wettbewerb verzerrt,so das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). “Die Politik sollte auf die Öffnung des chine­si­schen Marktes hinwirken, um solche Ungleich­ge­wichte zu vermeiden.

Warnung auch von Prof. Gabriel Felbermayr, Leiter des Münchner ifo-Zentrums für Außen­wirt­schaft, der die Proble­matik als EU-Thema sieht: “Wir müssen uns gegen diesen strate­gisch aufge­stellten Spieler China, der Wirtschaft und Staat immer zusammen denkt, auch gemeinsam aufstellen.”
Firmen­käufe durch chine­sische Inves­toren stoßen zunehmend auf Gegenwind. Allein in Deutschland wurde 2017 eine Rekord­summe für Firmen­über­nahmen und Firmen­be­tei­li­gungen in Deutschland ausge­geben, meldet dpa unter Berufung auf eine Unter­su­chung der Beratungs­ge­sell­schaft EY. Dabei flossen knapp 11,2 Milli­arden Euro in 54 Firmen­käufe oder Betei­li­gungen. “China kauft den Mittel­stand – Schluss mit ‘Made in Germany’?” fragt eine Dokumen­tation des Bayeri­schen Fernsehens.
Bislang konzen­trierten sich die Reaktionen Europas weitgehend auf Abwehr­maß­nahmen, um “Chinas Kaufrausch” zu bremsen: 

  • Die deutsche Bundes­re­gierung beschloss vor wenigen Monaten – aufge­schreckt durch den Verkauf des Roboter­her­stellers Kuka und der versuchten Übernahme des Elektro­tech­nik­kon­zerns Aixtron – neue Vetorechte des Bundes­wirt­schafts­mi­nis­te­riums beim Verkauf deutscher Firmen an nicht-europäische Erwerber.
  • Die Europäische Union folgte kurz vor Weihnachten 2017 mit neuen Regeln gegen unver­hält­nis­mäßig billige Importe aus China – zum Ärger Pekings, dessen staat­liche Nachrich­ten­agentur XINHUA von einem “Eingriff in Regeln der Welthan­dels­or­ga­ni­sation” sprach.

Kein Handel auf Einbahnstraßen

Rasmussen: “Verstärkte Regel­me­cha­nismen für auslän­dische Inves­ti­tionen sind nicht der Versuch, den Markt zu verzerren, sondern das regel­ba­sierte offene Handels­system vor Missbrauch zu schützen.” OK, derlei europäi­scher Protek­tio­nismus light mag kurzfristig helfen. Er ist aber letzt­endlich keine echte Lösung gegen eine planmäßig organi­sierte Staats­wirt­schaft, die skrupellos und in Weltmaß­stäben vorgeht.

Australien-Kevin-Rudd-ExPremier-2017_2013
Kevin Rudd

China muss klarge­macht werden, dass es sich für die Volks­re­publik letztlich nicht auszahlen wird, Handel auf Einsei­tigkeit zu betreiben. Globa­li­sierung setzt Kräfte der Freiheit frei, die sich auf Dauer nicht regle­men­tieren lassen. Schon rund zehn Millionen Chinesen sind seit 1978 ins Ausland abgewandert – mit Folgen, analy­siert der ehemalige Premier­mi­nister von Australien (2007 – 2013), Kevin Rudd, im Economist: “Peking ist besorgt, dass diese im Gastland demokra­tische Gepflo­gen­heiten verin­ner­lichen und damit China infizieren könnten.

Australien-China-Skandal-_Quelle-NYTChina kauft auch Köpfe

Rudd, dessen Land mehrere China-Affären mit monetärer Einfluss­nahme auf Politik, Bildungs­ein­rich­tungen und Medien­un­ter­nehmen hinter sich hat (so flossen chine­sische Spenden an austra­lische Parla­ments­ab­ge­ordnete), warnt eindringlich, dass Peking zur Erlangung seiner Ziele nicht vor propa­gan­dis­ti­schen Mitteln zurückschreckt:

“China ist zwar nicht darauf aus, fremde Länder zu erobern, aber viele Leute befürchten, dass es versucht, sich in auslän­di­schen Köpfe einzunisten.”

  • Großbri­tannien, Kanada und Neuseeland schlagen ähnlichen Alarm.
  • Norwegen wurde 2010 der gesamte Lachs­export nach China gestrichen, weil sich die Macht­haber für die Verleihung des Friedens­no­bel­preises an den mittler­weile in Haft gestor­benen Schrift­steller, System­kri­tiker und Menschen­rechtler Liu Xiaobo rächen wollten.
  • In Australien zog ein Verlag ein china­kri­ti­sches Buch aus Angst vor Repres­salien aus China zurück.
  • Der Staat­rundfunk China Radio Inter­na­tional (CRI) betreibt im Westen direkte Medien­ein­fluss­nahme durch Kontrolle von mindestens 33 Radio­sta­tionen in 14 Ländern, wie Reuters berichtet. So sei das inzwi­schen verstummte Radio WCRW in Washington, dessen chinafreund­lichen Beiträge auf Capitol Hill und im Weißen Haus hörbar waren, Teil eines weltweiten Radio­netzes, das seine wahren Mehrheits­ge­sell­schafter verschleiere. Die Sender­kette reiche von Finnland über Nepal bis nach Australien.

LinkedIn-Logo-Logo-Black-128px-R

Deutschland bleibt von chine­si­scher Einfluss­nahme nicht verschont, berichtet DIE ZEIT: “Chine­sische Geheim­dienste sind laut Verfas­sungs­schutz verstärkt in sozialen Netzen aktiv, um Spione anzuwerben. Die Kontakt­auf­nahme erfolgt vor allem über LinkedIn.” In diesem webba­sierten sozialen Netzwerk zur Pflege bestehender Geschäfts­kon­takte und zum Knüpfen neuer geschäft­licher Verbin­dungen erscheint übrigens auch dieser Blog, den Sie gerade lesen: http://www.european.expert. China weist alles zurück. Nochmals Rudd:

Der ultimative Preis für China sind voraus­ei­lende Kotaus derer, die es gar nicht angesprochen hat, die aber dennoch um Finan­zie­rungen, Zutritt oder Einfluss fürchten… Die Wirtschafts­kraft ist so groß, dass das Business oft nach Chinas Pfeife tanzt, obwohl es nicht darum gebeten worden ist.”

Unrechtsbewusstsein? Fehlanzeige – der Geschichte wegen…

China-Political Bureau of CPC Central Committee
Die diskret-aufdring­liche Vorge­hens­weise der chine­si­schen Handels­po­litik spiegelt die innere Verfassung der Volks­re­publik wieder – und ihre Geschichte. Das Modell der westlichen Demokratie ist in dem Land nie gelebt worden. In seiner fast 5.000 Jahre dokumen­tierten Geschichte regierten 396 Kaiser aus 83 Dynastien, bevor am 1. Oktober 1949 die Volks­re­publik China ausge­rufen wurde. Seitdem hat ein wechselnd brutaler Kommu­nismus das Sagen. Die KP bestimmt, was richtig und was falsch ist – auch, ob ihr höchstes Ziel, den Kommu­nismus zu reali­sieren, mit der enormen Schere zwischen wenigen Super­reichen und vielen Armblei­benden vereinbar ist.

China-Denunziantenseite
Die harte Hand der KPC ist in China überall spürbar. So betreibt die Volks­be­frei­ungs­armee im Kampf gegen „fabri­zierte Infor­ma­tionen“ seit der Jahres­wende eine Website für Denun­zi­anten. Bürger können angeb­liche Falsch­nach­richten über die KP und die Volks­be­frei­ungs­armee melden sowie ihre Urheber benennen, berichtet die Staats­presse aus Peking. Ziel: “Ein sauberer und leuch­tender militä­ri­scher Cyberspace.”

Internet als Überwachungsnetz

Das Ausmaß und die Fantasie, wie die Macht­haber das Internet zur Kontrolle der Menschen instru­men­ta­li­sieren, ist erschre­ckend. Das Land wird immer mehr zum perfekten Überwa­chungs­staat und ist überzogen von einem riesigen Netzwerk digitaler Ausspäh­tools. “Das hat weltweite Auswir­kungen auf unsere Demokratien,” stellt die außen­po­li­tische Zeitschrift The Atlantic fest.

China-Brille-Polizei-Polzisten-gesichtserkennung
Chine­sische Polizisten tragen nach offizi­ellen Angaben seit Neuestem gesichts­er­ken­nende Brillen (Foto), um unbot­mäßige Bürger diskret erkennen zu können – das geht innerhalb von 100 Milli­se­kunden. Vermutlich wird diese Tech-Innovation ein weltweiter Export­schlager werden. Wird solch chine­sische Überwa­chungs­technik also auch bei uns Einzug halten – und nicht nur in autoritär regierten Staaten?

Laut inter­na­tio­nalen Rankings liegt die Volks­re­publik in Sachen Infor­ma­ti­ons­freiheit weltweit vor Syrien und Nordkorea ganz weit hinten. Bei der Inter­net­kne­belung liegt China sogar das dritte Mal hinter­ein­ander ganz vorne, gefolgt von Syrien und Äthiopien. Als kriminell gilt in Peking schon, wer „Gerüchte verbreitet“ – ein Vergehen, dessen viele kritische Geister beschuldigt wurden, seit Xi in 2012 die Macht übernommen hat.

Xi ist mittler­weile der mächtigste chine­sische Herrscher seit Mao Zedong. Eine Verfas­sungs­än­derung wird ihm nun das Recht geben, lebenslang zu regieren – der Anfang einer neuen Dynastie nach dem Muster der jahrtau­sen­de­alten Kaiser­herr­schaften? Längst ist Xi der alleinige Herrscher über alle Sicher­heits­kräfte. Unter seiner Ägide wurden eine Serie neuer Gesetze und Regulie­rungen einge­führt, die das Abschalten ganzer Inter­net­dienste ermöglicht.

Was in Hollywood noch als Science-Fiction gilt, ist in China zum Teil bereits Gegenwart: Kontroll­zentren, in denen Daten zusam­men­laufen, Kameras, die Gesichter und Kennzeichen hochauf­gelöst heran­zoomen; Software, die Identi­täten und Routen ausspuckt,berichtet das Techno­logie-Magazin Wired. Peking allein habe mehr als zwei Millionen Überwa­chungs­ka­meras. Die Botschaft des Regimes sei klar: „Wir wissen, wo du bist und welches Auto du benutzt hast, um von einem Ort zum anderen zu kommen.

Neustes Instrument zur Überwa­chung der Chinesen á la Big Brother aus George Orwells Roman “1984” ist ein gigan­ti­sches Punkte­system, das jeden Bürger automa­tisch umfassend bewertet. “Die Noten entscheiden, ob jemand einen Job bekommt oder mit dem Flugzeug reisen darf. Die Benotung errechnen die Behörden mit einem weltweit beispiel­losen Sozial­kre­dit­system, das die kommu­nis­tische Führung bis 2020 in ganz China einführen will. Es trennt zwischen guten und schlechten Bürgern…” 

Dieser Unter­drü­ckungs­ap­parat funktio­niert bestens. Über dem Recht steht stets die Kommu­nis­tische Partei. Tausende Menschen werden jährlich unter Verletzung funda­men­taler Grund­rechte verhaftet, einge­sperrt, misshandelt, gefoltert, verur­teilt, hinge­richtet. Nach Ansicht der EU hat sich die Lage unter Xi “deutlich” weiter verschlechtert. Das Motto scheint zu sein: “Freiheit ist ein Luxus, den sich nicht jedermann leisten kann,” das Zitat stammt von Kommu­nis­mu­s­er­finder Karl Marx (1818 – 1883).

Hinter den Abschot­tungs­ver­suchen nach außen steckt die Befürchtung, der Aufstieg der Führung in Peking zur Schalt­zen­trale einer neuen Weltsu­per­macht könne durch innere Wider­stände behindert werden. So leidet das Land unter massiven Überpro­duk­tionen etwa bei Stahl und Zement. Die kann es nicht abbauen, ohne massive Arbeits­lo­sigkeit und damit ein riesiges Unzufrie­den­heits­po­tenzial zu schaffen. Lieber überschwemmt die Führung die Welt mit Produkten zu Billigstpreisen. 

Plan Xis ist es, China bis 2050 zur techno­lo­gi­schen Führungs­macht der Indus­trie­staaten umzuformen. Die dabei einge­setzte Mixtur aus rücksichts­losem Raubtier­ka­pi­ta­lismus und bürokra­ti­scher Planwirt­schaft ist aber extrem explosiv.

Offiziell definiert sich die Volks­re­publik auch weiterhin als Arbeiter- und Bauern­staat,“ schildert Felix Lee vom Redak­ti­ons­Netzwerk Deutschland (RND). „Zugleich zählt Peking die meisten Milli­ardäre der Welt mit mehr Super­reichen als London oder New York.“

CHINA-Offizielles Porträt Mao Zedongs am Tor des Himmlischen FriedensDer gegen­wärtige Macht­haber Xi vereint nach Einschätzung von Rudd so viel Macht, wie keiner seit Staats­gründer Mao Zedong (Foto: offizi­elles Porträt am Tor des Himmli­schen Friedens, Peking).

Xi wird länger am Drücker bleiben, als jeder andere heutzutage bedeutsame Führer, inklusive Wladimir Putin… Wenn China innerhalb eines Jahrzehnts zur weltgrößten Wirtschaft heran­wächst, wird das globale System erstmals seit (dem 1714 in Großbri­tannien auf den Thron gesetzten hanno­ver­schen Kurfürsten) Georg I. von einem nicht Englisch sprechenden, nicht westlichen und undemo­kra­ti­schen Staat geführt werden… Das konzep­tio­nelle Fundament des Westens – jüdisch-christ­liche Werte und aufklä­re­rische Prinzipien in Wissen­schaft, bei Freiheit und bei den Weltmen­schen­rechten – wird auf der Strecke bleiben. Wer Anderes glaubt, der übersieht vorsätzlich die enormen Verän­de­rungen, die vor sich gehen.” (Rudd)

Europa muss aktiv werden, eigene Interessen definieren

Napoleons AusspruchChina ist ein schla­fender Gigant, lasst es besser schlafen, denn wenn es erwacht, wird es die Welt umdrehen” ist von gestern. Der Gigant ist zum Drachen mutiert und er bewegt sich bereits. Wie oben beschrieben führen längst tausende Kilometer lange Fracht­bahn­linien bis nach Europa, hunderte Kilometer lange Zugsysteme rollen in Afrika, weitere Verbin­dungen sind in Asien im Bau – es ist das größte und ehrgei­zigste Infra­struk­tur­projekt, das je angegangen worden ist. “China gräbt die Welt um,bilan­ziert das Wirtschafts­ma­gazin Capital.

Wir müssen uns gegen diesen strate­gisch aufge­stellten Spieler China, der Wirtschaft und Staat immer zusammen denkt, auch gemeinsam aufstellen. China ist weiter auf der Überholspur, sie wachsen dreimal so schnell, wie Europa das tut. Es sind 1,4 Milli­arden Konsu­menten dort. Und gegen diese geballte Macht müssen wir uns schon auch organi­sa­to­risch aufstellen.” so Prof. Gabriel Felbermayr, Leiter des Münchner ifo-Zentrums für Außenwirtschaft

Um Europas Position als letzte große Bastion des freien und offenen Handels zu stärken, muss unser Motto lauten, dass der Handel fair bleiben muss, damit der Handel frei bleibt,” rät Rasmussen.

China strebt jetzt mit Macht auf die Weltbühne und hat seine Jahrzehnte lang geübte politische und ökono­mische Zurück­haltung aufge­geben. Wie ist die Antwort darauf? Abschottung und die Augen verschließen? Das darf nicht die Antwort sein. Die Antwort muss sein die Wieder­her­stellung der Handlungs­fä­higkeit Europas und das aktive Eintreten für weltweiten Freihandel”, findet FDP-Vorsit­zender Christian Lindner.

Was also ist zu tun?

Europa muss Chinas geopo­li­ti­schen Ambitionen eine eigene Initiative entge­gen­setzen oder selbst Geld und Ressourcen in die ‘Neue Seiden­straße’ inves­tieren,

empfiehlt SPIEGEL-Korre­spondent Bernhard Zand. Tatsächlich muss die Europäische Union in viel stärkerem Maße als bisher eine eigene Marsch­route zur Durch­setzung ihrer geostra­te­gi­schen Inter­essen verfolgen. Und die fangen an der gegen­über­lie­genden Küste des Mittel­meeres an, also an der südlichen EU-Außen­grenze. Zand:

Den Anfang könnte die EU in Nordafrika machen, ihrer unmit­tel­baren Nachbar­schaft, von wor jährlich tausende von Flücht­lingen und Migranten nach Europa aufbrechen.”

Macron-Afrika1-20180202

In der Tat: anstatt China vor der europäi­schen Haustür auf dem angeblich “dunklen” Kontinent weiter freies Spiel zu gewähren, muss Afrika ein bevor­zugter Partner Europas werden. Entwick­lungs­mi­nister Gerd Müller (CSU) fordert gar, in der Afrika­po­litik künftig mit China zusam­men­zu­ar­beiten. Aber das ist umstritten.

“Zynischster jemals von der Menschheit erdachter Merkantilismus”

China_Geld

Dabei wird die Europäische Union den ganzen afrika­ni­schen Kontinent ins Blickfeld nehmen müssen und nicht nur jene, aus denen Flücht­linge nach Europa sickern. Die bisherige EU-Afrika­stra­tegie reicht dabei nicht aus (EU-Projekte derzeit), um die 54 Nationen nach vorne zu bringen, in denen im Jahre 2050 etwa 2,5 Milli­arden Menschen leben werden – also fünfmal mehr, als in der heutigen EU.

Aller­dings: China, im Selbst­ver­ständnis noch immer weltgrößtes Entwick­lungsland, wird von manchen afrika­ni­schen Politikern geschätzt. Stellt es doch,—anders als Europäer, Ameri­kaner, Weltbank oder Inter­na­tio­naler Währungsfonds—keine Ansprüche an Demokra­tie­ent­wicklung oder Geschäfts­trans­parenz. Anderer­seits wird manch afrika­ni­scher Regierung doch klar, dass China den Kontinent nur ausplündert, ohne die Afrikaner nachhaltig am Gewinn zu betei­ligen oder Arbeits­plätze zu schaffen. Hier sollte Europa ansetzen und dem Kontinent ein echter Partner werden, der nicht nur Rohstoffe abschleppt oder Elektro­schrott, überflüs­siges Hähnchen­fleisch oder Altkleidung entsorgt.

“Wir Europäer sollten damit aufhören, unsere langfris­tigen Inter­essen gegen die zynischste Form des jemals von der Menschheit erdachten Merkan­ti­lismus zu vertei­digen und zu befördern, denn davon hängt nicht nur unser wirtschaft­liches Überleben ab, sondern genauso unsere politische Zukunft,” warnt Jean-Dominique Giuliani, Präsident der Robert Schuman Stiftung, eines der weltweit renom­mier­testen Forschungs­zentren für die Europäische Union und ihre Politik. Bei manchen Unter­nehmen, etwa bei Linde Hydraulics in Aschaf­fenburg, herrscht Katzen­jammer über die einge­stie­genen China-Investoren.

Das Thema ist in Brüssel so wichtig geworden, dass die Kommission gemeinsam mit Auswär­tigen Dienst der EU als eine ihrer diesjäh­rigen Haupt­in­itia­tiven an einer Strategie zur Euro-Asiati­schen Vernetzung arbeitet, die im Sommer fertig sein soll. Die EU-Regie­rungs­chefs werden dann in der Runde des Europäi­schen Rates politisch zu entscheiden haben, welche Ziele, Inter­essen und Prinzipien sie gegenüber China künftig verfolgen wollen. 
Die Berliner China­in­stitute GPPi und MERICS raten zu Eile und Entschlos­senheit: “Mehr Gewicht auf die gemeinsame Kraft der EU-Mitglieds­staaten legen, mehr unabhängige China-Expertise aufbauen, Alter­na­tiven zu chine­si­schen Invest­ments schaffen.” Darüber hinaus: chine­sische Invest­ments besser überwachen und die Sicher­heits­systeme stärken, inklusive Cyber­si­cherheit und Gegenspionage.
China indes streckt seine Fühler immer weiter aus. Nun sogar bis in die Gewässer der Arktis. In der abgeschie­denen ressour­cen­reichen Region will die Volks­re­publik eine “polare Seiden­straße” errichten. In einem vor wenigen Tagen veröf­fent­lichten Weißbuch heißt es unver­blümt, China verfolge in der Arktis “eigene Inter­essen” – etwa beim Rohstoff­abbau, in der Fischerei und beim Tourismus. Es scheint tatsächlich so, als wolle die Volks­re­publik China die ganze Welt aufkaufen… China-Schiffe-Hafen-Schifffahrt-Schiff


Entdecke mehr von http://www.european.expert

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E‑Mail zu erhalten.